Walter Benjamin

Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten.
Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht.

Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, Band I, Seite 1241.

12.09.14

Erinnerung an ein gescheitertes Attentat auf Franco

Spanien 1964: Das Franco-Regime verschärft seine Repressionen. Der Schotte Stuart Christie beschließt zu handeln – und reist nach Madrid, um sich an einem Bombenattentat auf den Diktator zu beteiligen. Erinnerungen an ein anarchistisches Abenteuer. aus:

21.08.14

Dolomitenkrieg

Dem Buch ist keine Einleitung des Autors vorangestellt. So liest man Uwe Nettelbecks Buch über den Dolomitenkrieg zunächst wie eine spannende Reportage, die chronologisch vom Ersten Weltkrieg im Allgemeinen und insbesondere vom Krieg in den Alpen berichtet. Schon bald befremden einen dann aber der Stil und der affirmative Tonfall: Obwohl das Leiden der Soldaten beschrieben wird, sind es doch meist Heldengeschichten, die hier erzählt werden. Man greift sich wortwörtlich an den Kopf, angesichts der sinnlosen Aktionen. Dieser Effekt wird durch die Art der Darstellung hervorgerufen, sie verdoppelt die Absurdität des Geschehens und führt sie so vor Augen. Nicht nur der Dolomitenkrieg war widersinnig, sondern auch die Art und Weise, wie er beschrieben wurde. Denn dass diese Sätze nicht aus dem Jahr 1976 stammen, wird beim Lesen zunehmend klarer. Nettelbeck hat hier ausschließlich Zitate aus der Kriegs- und Nachkriegszeit montiert. So ist das Buch nicht nur Geschichtsbuch sondern auf zweiter Ebene auch Kritik der Kriegsberichterstattung und der journalistischen Phrasen. Im Nachwort beschreibt dann Detlev Claussen, wie sich Nettelbeck die Methode bei Karl Kraus abgeschaut hat. Das Buch wurde 2014 wieder aufgelegt und enthält Fotografien.

18.08.14

Harun Farocki (1944-2014)

Die Worte des Vorsitzenden, Berlin 1969
Ein Interview zu seinem ersten Film, den man auf youtube ansehen kann, gab Farocki im Juli 2014 der Jungle-World.

06.08.14

Milena Jesenská

An Milena Jesenská, die nicht nur Briefpartnerin Franz Kafkas, sondern auch Widerstandskämpferin gegen das nationalsozialistische Deutschland und ­Kritikerin des Stalinismus war, erinnert Birgit Schmidt.

30.07.14

John Thelwall (1764-1834)


Die republikanische Attacke gemalt von James Gillray um 1795

Die Briten liebten ihren König, doch nach 1789 gab es auch auf der Insel Anhänger der Revolution. Ihr lautester Fürsprecher war – radikal, aber wohlgesittet – der zu Unrecht vergessene Demokrat John Thelwall. von Martin Herzog,

21.06.14

Filme


Die Passion der Jungfrau von Orléans, Regie: Carl Theodor Dreyer, 1928.
Ein Beispiel dafür, um wie viel radikaler und schöner als heute die Filmkunst der 20er Jahre war. Formale Strenge (Einheit von Zeit, Ort und Handlung; schwarzweiße und stumme Bilder; leere Räume) schärft den Blick für die inhaltliche Auseinandersetzung: der Glaube von Jeanne steht der (theologischen) Vernunft des Gerichts gegenüber. An der filmischen Gestaltung (geprägt durch halbnahe und nahe Einstellungen) kritisiert Michael Kienzl: „So oft er das menschliche Antlitz in seiner Bösartigkeit oder seinem Leiden in den Mittelpunkt rückt, so oft drängt er es auch an den Bildrand, als Bestandteil fast abstrakter Kompositionen. In den flachen, mit hohen Brennweiten aufgenommenen Bildern von Kameramann Rudolph Maté finden sich noch deutliche Spuren des Expressionismus: in den Mustern von Fenstergittern, extremen Unter- und Aufsichten, den schiefen Einstellungen oder dämonisch wirkenden Schatten. Die genaue räumliche Anordnung der Figuren bleibt dabei weitgehend ein Mysterium. Statt sich an Establishing Shots orientieren zu können, ist der Zuschauer in einem Wirrwarr sich widersprechender Blickachsen gefangen.“

Beltracchi – Die Kunst der Fälschung, Regie: Arne Birkenstock, 2014
Dieser Film war eine positive Überraschung. Er ist gut aufgebaut, unterhaltsam, lustig und wirft Fragen zu Kunst und Gesellschaft auf.

The Counselor, Regie: Ridley Scott, 2013
Der Film zeigt die Gewalt als farbenfrohes Spektakel, Leid wird zur läuternden Lebenserfahrung aufgeblasen. Ein (was gut ist) verstörender, aber überambitionierter und letztlich nihilistischer Film.

The Wolf of Wallstreet, Regie: Martin Scorsese, 2013
Es gibt hier sehr starke Szenen (DiCaprio als Jordan Beldort fährt unter Drogeneinfluss seinen Sportwagen nach Hause; Jordan Belfort lotet auf seiner Jacht bei einem Gespräch mit einem Kriminalpolizisten aus, ob er diesen bestechen kann) allerdings gibt es auch Redundanzen (z.B. wenn die zehnte wilde Party gezeigt wird).

The Hurt Locker, Regie: Kathryn Bigelow, 2008
Nicht nur extrem spannend, sondern durch den Blick auf die Männlichkeit der Soldaten auch psychologisch interessant. „Visuelle Poesie für die Eingeweide.“– A. O. Scott: The New York Times

Brigadistas, Regie: Daniel Burkholz, 2007
Dieser Dokumentarfilm über Veteranen des spanischen Bürgerkriegs ist leider schlecht gemacht. Statt die Geschichte in den Mittelpunkt zu rücken, stehen kitschige Festakte im Vordergrund. Die Interviewten kommen immer nur kurz zu Wort und sind auf Grund von Hintergrundgeräuschen schlecht zu verstehen. Schade.

13.06.14

Die Ausgewanderten

Vor rund vier Jahren stellte ich diesem Archiv ein Zitat Walter Benjamins voran. Nun stieß ich auf ein Buch, das vollständig im Sinne dieses Zitates geschrieben und gestaltet ist. W.G. Sebald versucht in "Die Ausgewanderten" (1992) das "Gedächtnis der Namenlosen zu ehren" und weiht ihnen eine "historische Konstruktion". Historische Konstruktion sind hier sowohl die Sprache, als auch die Handlung, in der Fiktion und Dokumentation nahtlos ineinander übergehen. Johann Wolfgang Goethes Satz über unserer Welt, die eine Glocke sei, die einen Riß habe und nicht mehr klinge, taucht erst gegen Ende der vierten und letzten Erzählungen auf, könnte aber auch als Thema ganz am Anfang des Buches stehen.

02.06.14

Bakunin zum 200. Geburtstag













Revolutionär, Schnorrer, Enthusiast: Vor 200 Jahren kam der große Anarchist Michail Bakunin zur Welt. Zeitlebens war er immer dort, wo es nach Revolte roch. von Gero von Randow

27.05.14

Uwe Johnson und W.G. Sebald

Über die nach England ausgewanderten Schriftsteller Uwe Johnson und W.G. Sebald erschienen jüngst zwei Essays, in beiden geht es darum, wie diese Autoren die deutsche Geschichte thematisierten.

Thoreau






































Der 2012 erschienene Comic über Henry David Thoreau von A. Dan und M. Le Roy verschafft einen ersten Eindruck von Thoreaus Leben und Werk. An die literarische und zeichnerische Qualität eines René Tardi (z.B. Putain de guerre! ) reichen die beiden Nachwuchskünstler noch nicht heran.


Filme

The Master, Regie: Paul Thomas Anderson, 2012
"Free winds and no tyranny for you. Freddie. Sailor of the seas. You pay no rent. Free to go where you please. Then go. Go to that landless latitude and good luck. For if you figure a way to live without serving a master, any master, then let the rest of us now, will you? For you´d be the first person in the history of the world." Lancaster Dodd (Philip Seymor Hoffman) zu Freddie Quell (Joaquin Phoenix) im letzten Gespräch zwischen beiden. Freddie geht dann.


Coco Chanel, Regie: Anne Fontaine, 2009
Coco kommt ins Billardzimmer
Étienne Balsan: Sieh an.
Coco: Ich gehe nach Paris.
Balsan: Was willst du dort tun?
Coco: Reich werden.
Balsan: Darf man fragen, mit welcher genialen Idee wir reich und berühmt werden?
Coco: Ich entwerfe Hüte.
Balsan: Exzellente Idee... Das geht hier genauso. Ich finanziere es dir.
Coco: Die paar Hüte für deine Freundinnen machen mich nicht reich.
Balsan: Du willst nicht im Ernst arbeiten. Das ergibt keinen Sinn. (zu Arthur Capel:) Was meinst du?
Capel: Ich finde sie hat Recht.
Balsan: Ihr Engländer, ihr lasst Frauen vielleicht schuften, aber wir hier haben uns einen Funken Galanterie bewahrt.

Coco Chanel & Igor Stravinsky, Regie: Jan Kounen, 2009
Dieser Film ist etwas ernster. Es kommen z.B. auch die Näherinnen der Firma Chanel zu Wort. Der Premiere von Le sacre de printemps (1913) wird erstaunlich viel Platz eingeräumt, dagegen wird weniger deutlich als im anderen Film, was das Neue an Coco Chanels Mode war. Ein richtiger Schluss scheint den Filmmachern nicht eingefallen zu sein.

Kommissar Süden und der Luftgitarrist, Regie: Dominik Graf, 2008
Dominik Graf ist bekanntermaßen der einzige deutsche Regisseur, der coole Krimis hinbekommt. Auch dieser gehört dazu.

Pauline am Strand, Regie: Éric Rohmer,1982
Dem Film ist ein Zitat von Chrétien de Troyes vorangestellt: "Qui trop parole il se mesfait." ("Wer zuviel redet, verliert sich selbst.") Pauline scheint das zu beherzigen.

Die letzte Metro, Regie: François Truffaut, 1980
Von Paris sieht man leider wenig, der Film spielt fast ausschließlich im Theater. Er handelt auch vom Theater, zudem von der Resistance und der Liebe. Er ist sehenswert.
Is Paris Burning? Regie: Rene Clement, 1966
Für das Thema, Auswahl der Schauspieler und die Aufnahmen von Paris verleihe ich drei Boxhandschuhe, für das Drehbuch gibt es vier vollgeschissene Unterhosen. Der Plot ist zerdehnt, es mangelt an Kohärenz. Sehr schade.

Jules und Jim, Regie: François Truffaut,1962
Das ist eine Literaturverfilmung. Henri-Pierre Roché schrieb 1953 den Roman Jules et Jim, der Begebenheiten schildert, die Roché mit seinem Freund, dem deutschen Schriftsteller Franz Hessel, und dessen Frau Helen Hessel, geborene Grund, erlebte. Truffaut verfilmte diese Geschichte.
Der Evangelische Filmbeobachter, München (Kritik Nr. 126/1962) schrieb: "Die Begriffe Ehe, Liebe und Verantwortung gegenüber dem eigenen Kind sind in diesem Werk der französischen «Neuen Welle» so pervertiert, daß man trotz seiner künstlerischen Werte - verdichtende Bildsprache, parodistische und karikierende Züge - nur ein klares Nein zu ihm sagen kann."
  
Vierzig Gewehre, Regie: Samuel Fuller, 1957
In diesem Western spielt Barbara Stanwyck die unbarmherzige Großgrundbesitzerin Jessica Drummond, die sich in den US-Marshal Griff Bonnell (Barry Sullivan) verliebt, der auf der Jagd nach ihrem Bruder ist. Für eine Western aus den 50er Jahren ist Jessica Drummond m. E. eine ungewöhnliche Frauenfigur. Leider haben die Produzenten dem Film einen auffällig unpassenden Schluss verpasst, das Happy End muss man sich also wegdenken.

15.05.14

Arthur Honegger

Über ein Konzert des Münchner  Kammerorchesters schreibt Werner M. Grimmel in der Schwäbischen Zeitung vom 12. Mai: "(...) Schade auch, dass nach der Pause einige Plätze leer blieben. Wer ausharrte, wurde indes reich belohnt. Impulsiv zelebrierte Liebreich Honeggers zweite Sinfonie, deren drei knappe Sätze im Kriegswinter 1941/42 entstanden sind. Monochrome Streichermusik steigert sich nach tristem Seufzerbeginn immer wieder in dichte Klangballungen hinein, schwankt zwischen trotziger Selbstbehauptung und Hoffnungslosigkeit. In tiefer Trauer versinkt der zentrale Adagio-Satz. Chromatische Motive bohren sich fest in wilder Verzweiflung. Erinnerungen an fernes Glück tönen zaghaft und zerbrechlich herein. Das Finale spitzt sich rhythmisch rasant und kraftvoll zu, bis eine Solotrompete Zuversicht signalisiert. In Ravensburg ertönte die choralartige Melodie von hinten auf der Empore – ein überraschender Effekt von überwältigender Wirkung, der sich ganz spontan mitteilte. Leider gab es nach relativ kurzem Konzert auch vom Orchester keine Zugabe."

Der selbe Autor in der gleichen Zeitung (Ausgabe vom 13.05.2014) unter dem Titel "Liebesgeschichten":

Schon die ersten leisen Töne, die der weltweit gefeierte Geiger Gidon Kremer bei seinem Auftritt im Kultur- und Kongresszentrum Oberschwaben spielte, öffneten Räume vollkommener Klangschönheit. Auf dem Programm stand zunächst ein Werk des in Riga geboren lettischen Komponisten Arturs Maskats (Jahrgang 1957). „Midnight in Riga“ erwies sich als ausgewachsenenes Tripelkonzert für Violine, Violoncello, Vibrafon und Streicher mit dominierendem Solopart für Kremer, der das Stück im vergangenen Jahr in Linz uraufgeführt hat.

06.05.14

Peter Gaiß

Blutiger Sommer, von Thomas Faltin, Stuttgarter Zeitung 02.05.2014
Beutelsbach - Er ist ein Held, und doch kennt ihn fast keiner mehr. Peter Gais, den alle nur den Gaispeter nannten, ist am 2. Mai 1514 aus dem Schatten der Geschichte getreten und entfachte über Nacht einen revolutionären Flächenbrand in Württemberg. 

Der Sieg des roten Napoleon

Der Triumph der Viet Minh über franzö­sische Truppen in Dien Bien Phu 1954 zwang Frankreich zur Aufgabe seiner ­Kolonien in Südostasien. von Sascha Daniel Wölck
Jungle World Nr. 18, 30. April 2014

über das Ludlow-Massaker in Colorado 1914

Vor 100 Jahren eskalierte der Streik der Bergarbeiter von Colorado zum lokalen Bürgerkrieg. Die Folgen für die amerikanische Arbeiterbewegung reichen bis heute. von Manfred Berg

18.04.14

Porträt Georg Herweghs

 













Unter dem Titel "Germania, mir graut vor dir" erschien in der (1817–1875).

31.03.14

Die Verachtung

Le Mépris, Regie: Jean-Luc Godard, 1963

Der Trailer ist genial, der Film ist es leider nicht. Die Figuren sind etwas zu klischeehaft geraten: Fritz Lang spielt Fritz Lang, hier ein deutscher, gelehrter Kenner des alten Griechenlands. Ein reicher amerikanischer Produzent, hat aber mehr für Schauspielerinnen übrig als für die Kunst. Die französische Schauspielerin, gespielt von Brigit Bardot, verhält sich wie eine beleidigte 16-Jährige und wünscht sich von ihrem Mann mehr Eifersucht. Dieser, Drehbuchautor und wohl das Alter Ego von Godard, fühlt sich unverstanden und gelackmeiert.





23.03.14

Figaros Hochzeit















Figaro und Susanna in der Inszenierung der Kölner Kammeroper

W.A. Mozart und Lorenzo da Ponte schwächten die adelskritischen Spitzen etwas ab, erreichten so aber, dass Beaumarchais´ La Folle Journée ou le Mariage de Figaro nach einigen Jahren des Verbots 1786 schließlich doch aufgeführt werden konnte.

Ihr habt noch nichts gesehen

Zum Tode des großen französischen Regisseurs Alain Resnais. 
von Dominik Graf

19.03.14

workers against work

Der amerikanische Geschichtsprofessor Michael Seidman hat in seinem 1991 erschienenen Buch „Workers against work. Labor in Paris and Barcelona During the Popular Fronts“, das erst 2011 als „Gegen die Arbeit. Über die Arbeiterkämpfe in Barcelona und Paris 1936-38“ auf deutsch erschienen ist, zwei historische Beispiele untersucht, in denen die politische Linke die Macht übernommen hat und sich anschließend mit massiven Arbeiterwiderstand auseinandersetzen musste. Jens Benicke hat zu diesem Buch eine Besprechung verfasst.

Der siebente Kontinent

"Der siebente Kontinent" aus dem Jahr 1989 ist der erste Kinofilm von Michael Haneke, dem radikalsten und intelligentesten Regisseur unserer Zeit. Das Alltagsleben in der kapitalistischen Gesellschaft lässt sich nicht schärfer kritisieren, als es dieser Film tut.

über den Historiker Veit Valentin

Veit Valentin war Republikaner und Weltbürger – vor allem aber: Ein deutscher Historiker, der schreiben konnte. Sein klassisches Buch über die Deutsche Revolution sollte jeder Geschichtsstudent kennen. von Ralf Zerback

15.03.14

Éric Rohmer, 1969

























Meine Nacht bei Maud, Regie: Éric Rohmer, 1969

Der Evangelische Filmbeobachter (Kritik Nr. 143/1970) hatte vollkommen Recht, als er schrieb: „Ein geistvoll gemachter Film, gerade in seiner kühl distanzierten Betrachtungsweise anregend zu Gedanken und Gesprächen über den Wert von Moralprinzipien und verschiedene Aspekte der Liebe. Erwachsenen zu empfehlen.“

05.03.14

Odysseus & Co.

Über den griechischen Adel im 8. Jahrhundert v. Chr.

Wirtschaft vor 2000 Jahren


Zur Bedeutung des Handelsverkehrs im römischen Kaiserreich

Von einer Marktwirtschaft, im Sinne eines sich selbst regulierenden Systems von Märkten, kann in Bezug auf des römische Kaiserreich nicht gesprochen werden. Der Markt war im Imperium Romanum nur eine Form der Verteilung von Gütern neben anderen. Diese anderen Formen, Subsistenzwirtschaft und Redistribution sollen kurz skizziert werden, um im Vergleich mit ihnen die spezifische Funktion der Märkte und Händler innerhalb eines Systems verschiedenartiger Austauschbeziehungen analysieren zu können.

Wilhelm Reich

Der Fall Wilhelm Reich, Regie: Antonin Svoboda, Österreich 2012
Der Film ist recht konventionell aufgebaut, entwickelt aber dennoch Spannung, was der historischen Figur W. Reich und dem Schauspieler K.M. Brandauer zu verdanken ist. Es ist schon erstaunlich, dass heute überhaupt ein Film über den ziemlich vergessenen Wilhelm Reich gedreht wurde, über den es in den 70ern noch hieß, dass eine Kritik des Faschismus ohne seine Massenpsychologie des Faschismus nicht zu denken sei. Svoboda hat auch schon 2009 einen wohlwollenden Dokumtarfilm über Reich gemacht, der der DVD beiliegt. In dieser Doku wird auch Reichs Engagement in der KPD erwähnt.

Schamoni vs. Lemke

Ein großer graublauer Vogel, Regie: Thomas Schamoni, Deutschland 1969
Der erste Film des Filmverlags der Autoren. Die Handlung geht in diesem Film leider in einem Wust von Künstlertum und überambitioniertem Experimentieren unter. Das versteht kein Arbeiter.

Rocker, Regie: Klaus Lemke, Deutschland 1971
Im Mittelpunkt stehen eigentlich nicht die Rocker, sondern der jugendliche Mark, der seinen großen Bruder Ulli und Rocker (wie z.B. Gerd) bewundert. Die Form, grobschlächtige Sprache und grobkörnige Bilder, verdeckt hier nicht die Geschichte, sondern hebt sie hervor. Diese Geschichte erzählt von Marks Einstieg in die schöne aber auch rohe, raue und brutale Welt der Älteren

.

Filme gegen Erwachsene

Paradies: Hoffnung, Regie: Ulrich Seidl, Österreich 2013
Die Mutter der 13-jährigen Melanie ist im Urlaub in Kenia und telefonisch nicht erreichbar, der Fitnesscoach im Camp ist eine Karikatur, der Arzt nähert sich ihr zunächst an, als sei er im gleichen Alter, und distanziert sich kurz darauf, als sich Melanie in ihn verliebt, ohne Erklärungsversuch. Die Erwachsenen sind hier keine Vorbilder.

Fish Tank, Regie: Andrea Arnold, GB 2009
Die 15-jährige Mia verliebt sich in Connor den Freund ihrer Mutter. Diese Mutter ist selbst noch nicht ganz erwachsen und unternimmt wenig mit ihren Töchtern, davon hebt sich Connor angenehm ab. Doch auch er erweist sich als Enttäuschung, als er Mia eines Abends verführt und vergewaltigt und sich am nächsten Morgen aus dem Staub macht.

Während bei Paradies: Hoffnung durch die Art und Weise, wie das Diät-Camp konzipiert ist, das Satirische überwiegt, ist Fish Tank ein sehr trauriger Film, in dem Hoffnung zerschlagen wird und am Ende nur die Flucht bleibt.

Wirtschaftspolitik um 1500

Der Ratschlag über die Monopolien als Beispiel für Wirtschaftspolitik auf Reichsebene an der Wende vom Mittelalter zur Neuzeit

02.03.14

W. Waiblinger über evangelische Schulen


Nun mag es wohl auch die Art, wie man Wissenschaft und Sprachen treibt und lehrt, gewesen sein, was unserm ungeduldigen, besser begabten Jünglinge harte Fesseln anlegte. Man mag über dererlei Erziehungsanstalten sagen, was man will, so bleibt immerhin wahr, dass dem ein­zelnen Lehrer zuviel Gewalt überlassen ist. Sieht man, wie oft ein solcher von äußerst beschränktem Geiste, wenn auch von vielem Wissen ist, wie un­klar, zwecklos, mit welchen Umwegen zum Ziele gearbeitet wird, wie man alles erschwert, wie selten die Lehrer Männer von hellem Kopf und Urteil sind, wie wenig sie die Mittel verstehen, um die Jugend zu leiten, wie wenig sie Talent und Kraft haben, um aufkeimende Fähigkeiten zu wecken, zu nähren, auf guten Weg zu bringen, wie gänzlich solche Stubenmenschen mit dem Leben unbekannt sind, wie wenig sie den Menschen kennen, so kann man begreifen, wie es möglich ist, dass oft Talente von Bedeutung gänzlich irre geleitet und in Gefahr gebracht werden, nie mehr durch eigene Selbster­ziehung verbessern zu können, was in frühern Jah­ren durch die Engbrüstigkeit und Unfähigkeit der Lehrer an ihnen verdorben wurde. Statt dass dieser im Stande sein sollte, jede Eigentümlichkeit der Schüler herauszufinden, und je nach der Beschaf­fenheit des Individuums so oder anders auf seine Rezeptivität zu wirken, macht man keinen Unter­schied, sondern treibt sie mechanisch auf eine Art zu einer Arbeit an, als wenn sie nichts als gleich ge­baute Uhren wären, deren Stahlfeder der Lehrer nach Belieben aufzöge. Diese traurige Erfahrung mag auch auf das ohnedies so verletzbare und empfindliche Wesen unsers jungen Dichters ge­wirkt haben. Jedoch studierte er mit Eifer die alten Sprachen, gehörte zu den Besten, und war beson­ders für das Griechische eingenommen.
aus: Wilhelm Waiblinger: Friedrich Hölderlins Leben, Dichtung und Wahnsinn, Winter 1827/28.

12.02.14

Filmgenres


Woody Allen, Blue Jasmin, 2013
Tragikomödie

Jim Jarmusch, Only Lovers Left Alive, 2013
Barocke Rocknummer

Christoph Hochhäusler, Unter dir die Stadt, 2010
„Realismus ist immer Neo-, Sur-, Super-, Hyper-.“ (Frieda Grafe)

Justin Chadwick, The Other Boleyn Girl, 2008
So wie der Banker in Hochhäuslers Film seinen Angestellten nach Jakarta befördert, so verpasst Henry VIII. den Ehemännern der Boleyn Girls Aufgaben abseits des Hofes, um die Frauen für sich zu haben. Ein biblisches Motiv.

Rainer Werner Fassbinder, Die Sehnsucht der Veronika Voss, 1982
Krimi

Terrence Malik, Badlands, 1973
Roadmovie

Robert Altmann, McCabe & Mrs. Miller, 1971
Western: „McCabe & Mrs. Miller ist zur Blütezeit des New Hollywood entstanden, jener kurzen Phase in der Geschichte der Traumfabrik, in der die alten Studio­bosse abdankten und die neuen Konzernbosse noch nicht die Zügel fest in der Hand hatten - und junge Autoren und Regisseure das Machtvakuum nutzten und ihre künstlerischen Vorstellungen fast ohne Intervention durchsetzen konnten. McCabe hat einen Traum. Er will in der gerade entstehenden Stadt ein Bordell mit einem Badehaus einrichten und schnell reich werden. Es gibt Bodenschätze hier, Bergwerke entstehen, und McCabe hält bald Beteiligungen. Auftritt Mrs. Miller (Julie Christie): Sie hat ihre Träume längst hinter sich. Pragmatisch macht sie McCabe klar, dass er als Mann für das Unternehmen Bordell dringend eine Geschäftspartnerin braucht. Hier, wo eine Liebesbeziehung keimen könnte, die Frau den wilden Westerner zu domestizieren hätte, signalisiert Altman bereits durch das ,,&“ im Titel, dass es um etwas anderes geht – eine Firma, eine Beziehung zwischen Mann und Frau, die auf Geld beruht. Selbst wenn der Romantiker McCabe später zu Mrs. Miller ins Bett steigt, wird sie immer wieder auf ihre Geldschatulle auf dem Nachttisch deuten. Die Illusion der Liebe und andere zivilisatorische Annehm­lichkeiten sind nur gegen blanke Dollars zu haben. Doch der Aufstieg des Klein­unternehmens McCabe & Miller ist im nach Westen expandierenden Kapitalis­mus zugleich der Anfang vom Ende. Eine anonyme Bergwerksgesellschaft schickt bezahlte Killer, die McCabe, der sich selbst mit einem Westernheroen verwechselt, gerade noch erledigen kann. Er stirbt dabei – ähnlich sinnlose und einsame Western-Tode gibt es nur noch bei Sam Peckinpah.“ (Bodo Fründt im Klappentext der DVD)

Éric Rohmer, La Collectionneuse, 1966
Essay darüber, wie sich Intellektuelle die Gründe für ihr Handeln zurechtlegen.

Benjamin Christensen, Das geheimnisvolle X, 1914
Spionagethriller

21.01.14

drei Filme von Elio Petri (1929-1982)


A ciascuno il suo / Zwei Särge auf Bestellung (1967)
Ein Krimi: “Erst bekommen zwei Honoratioren des besseren Mittelstandes von Cefalù anonyme Drohbriefe, dann sind sie tot. (...) Die Bürger der kleinen, sizilianischen Stadt wollen das Ganze auf sich beruhen lassen, wie man das halt so tut – nur nicht Paolo Laurana, der glaubt, dass es hier um ganz andere Dinge als bloße Ehrenhändel ging.“ (Aus dem Beiblatt zur DVD)


Un tranquillo posto di campagna / das verfluchte Haus (1969)
Ein Gruselfilm: “Leonardo Ferri braucht Ruhe, um seine Kunst zu schaffen. So zieht er aufs Land, in ein Haus, in dem während des Krieges eine Frau ermordet wurde. Dort findet er aber auch nicht zu sich, wird immer nervöser, unbeherrschter, unberechenbarer...Ein viel zu wenig bekanntes Hauptwerk Petris – halb Schauerstück in krass atonalen Tönen, halb Sozialgroteske von (...) melancholischer Art.“ (Aus dem Beiblatt)


La classe operaia va in paradiso / Die Arbeiterklasse kommt ins Paradies (1971)
Eine Erzählung: “Das Prägewerk Fabrik: Gefangen, lärmbombardiert, ausgesetzt dem Fließband und beziehungslos zur hergestellten Ware, mutieren die Arbeiter zu Parodien dessen, was Menschen waren oder sein könnten. Gian Maria Volonté, ohnmächtig zitternder Held des Films, ist das robotende Ass der Fabrik, das seine Produktivität selbst noch durch sexuelle Träume zu steigern weiß. Der Job bringt ihn um einen Finger, der Streik um den Job, der Verlust beider zur Einsicht, dass die Fabrik sein Leben verpfuscht hat. Seine Wiedereinstellung, von der Gewerkschaft als Sieg gefeiert, gerät im Licht der Erkenntnis zur Verdammnis.“ (aus dem Beiblatt) Der Film gewann 1972 die Goldene Palme in Cannes. Die kongeniale Musik (von Ennio Morricone) und der Schnitt zeigen den Rhythmus der Maschinen, der den Arbeitern den Takt vorgibt. Die Inszenierung der Fabrik erinnert an Modern Times oder Dancer in the Dark.

16.01.14

Das Erbe

„Das Erbe“ von Rutu Modan ist eine kleine Erzählung, die ich in einem Zug gelesen habe, sie ist facettenreich: weil sie ziemlich spannend ist, man will wissen, wie die Liebesgeschichte zwischen Mika und ihrem polnischen Verehrer ausgeht, weil sie witzig ist, dafür sorgen die liebenswert sture, alte Dame Regina Segal und der dubiose, unbeholfene Herr Jagodnik, weil sie darüber reflektiert, wie man mit der Vergangenheit umgehen kann, durch die Figur der Leiterin der Gesellschaft zur Erinnerung an die polnischen Juden und weil sie traurig stimmt, z.B. wenn es um die Vergangenheit von Regina und Roman geht.

05.01.14

Rosa Luxemburg

1908 veröffentlichte Rosa Luxemburg auf polnisch eine Artikelfolge über "Nationalitätenfrage und Autonomie". Sie erschien 2012 erstmals vollständig auf deutsch, was Olaf Kistenmacher zum Anlass nahm Luxemburgs Kritik am Nationalismus zusammenzufassen. Weitere Texte, auf die er sich dabei beruft, sind "Die Akkumulation des Kapitals" (1913), "Die Krise der Sozialdemokratie" (1915) und "Die russische Revolution" (1922 veröffentlicht), die alle im Internet zu finden sind.

11.12.13

Lorenz Brentano

Von der Paulskirche ins Kapitol
Die Deutschen und die USA verbindet eine lange, innige Geschichte. Das Leben des badischen Demokraten und Chicagoer Republikaners Lorenz Brentano ist ein schönes Beispiel dafür. Eine Erinnerung zu seinem 200. Geburtstag von Alfred Georg Frei aus der Zeit vom 31.10.2013

16.11.13

Rancière

Rezension zum nun übersetzten Buch Die Nacht der Proletarier von Jacques Rancière.

12.11.13

carlos - der film



















Christoph Bach als Hans-Joachim Klein, genannt „Angie“ im Film Carlos, der Schakal
Regie: Olivier Assayas, 2010

Hans Joachim Klein schreibt in dieser Filmszene ein Brief an die Presse, um seinen Ausstieg zu erklären. Einen solchen Brief  veröffentlichte der Spiegel im Mai 1977 tatsächlich. Klein schreibt darin, er wolle zwei Morde verhindern, es seien Anschläge auf Heinz Galinski und auf den Präsidenten der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt Ignaz Lipinski geplant. Die Revolutionären Zellen veröffentlichten darauf in der Zeitschrift Pflasterstrand (vom 2.6.77) eine Antwort, in der sie Klein zunächst mehrfach vorwerfen er lüge und er unterstelle ihnen "faschistische Überlegungen für menschenverachtende Aktionen". Man denkt nun beim Lesen, im nächsten Schritt würden die Autoren den Versuch unternehmen, zu beweisen, dass der Antisemitismus nicht zum politischen Programm der Revolutionären Zellen gehöre. Das Gegenteil ist der Fall: Sie fordern auf "zu überlegen, welche RolleGalinski spielt für die Verbrechen des Zionismus, für die Grausamkeiten der imperialistischen Armee Israels, welche Propaganda- und materielle Unterstützungsfunktion dieser Typ hat, der alles andere ist als nur jüdischer Gemeindevorsitzender, und: was man in diesem Land dagegen machen kann."

Carlos, der Bündnispartner der RZ, konvertierte laut wikiepdia in der Haft zum Islam. Er trat in einen Briefwechsel mit dem venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez ein und veröffentlichte im Juni 2003 das Buch Revolutionärer Islam, in dem er versucht, Terrorismus als ein Mittel des Freiheitskampfes zu erklären und zu verteidigen. Er äußerte auch seine Unterstützung für Osama bin Laden und die Terroranschläge am 11. September 2001.

08.11.13

Schule des Sehens

Für ein Filmfestival in Brasilien schrieb Georg Seeßlen diese Zwischenbilanz zu den Filmen der sogenannten Berliner Schule. Zuletzt sah ich die in diesem Kreis entstandene Triologie Dreileben: ein klassenkämpferischer Liebesfilm von Christian Petzold, ein nostalgischer von  Dominik Graf und ein rückwärts gewickelter Krimi von Christoph Hochhäusler spielen alle am selben Ort und auch die Figuren treten in den Filmen des jeweils anderen auf. So ensteht, wie in Fernsehserien, ein kleiner Kosmos, allerdings nicht durch die Dehnung der erzählten Zeit, sondern durch die dreifache Perspektive auf die Protagonisten: In jedem der drei Filme stehen andere im Vordergrund.

03.11.13

Provinz

ANDREAS FANIZADEH, Taz 03.06.2011

Die Welt in die Provinz geholt

"Die Wolke", Buchhandlung in Ravensburg, gibt auf

Die Buchhandlung "Wolke" in Ravensburg gehörte zu dem Netz engagierter Buchhandlungen, die sich in Westdeutschland im Gefolge der außerparlamentarischen Bewegungen gründete. Als Matthias Bräuning und Bärbel Magin ihren kleinen Laden 1980 in der Ravensburger Altstadt eröffneten, gab es kein Internet, zum Plattenladen fuhr man nach Stuttgart, Zürich oder München, und Kneipen schlossen in der 50.000 Einwohner zählenden Stadt um 23 Uhr.

Der Zugang zur Welt war medial mühsam, man musste selber etwas dafür tun. Die Buchhandlung in der Ravensburger Altstadt wurde neben Jugendhaus oder Gasthaus Räuberhöhle zum Treff lokaler Außenseiter. Punk und existenzialistische Literatur erweiterten Anfang der 1980er Jahre den provinziellen Blick. Es war kein kleines Kunststück, in dieser tendenziell kultur- und intellektuellenfeindlichen Umgebung ein Geschäft wie "Die Wolke" zu etablieren. Sie brachte Buch- und Subkultur in den frühen 1980er Jahren zusammen und pflegte eine literarisch-snobistische Haltung, die mit einfachen Klassen- oder Parteidogmen nichts zu tun hatte. Selber kaum mehr als Hartz IV zu verdienen, aber dennoch selbstbestimmt zu bleiben und mit Wohlhabenden Wein zu trinken, es schließt sich nicht aus.

An Orten wie Ravensburg waren die Grünen schon früh sehr stark, doch war die Stadt lange eine Hochburg des unaufgeklärten Flügels der baden-württembergischen CDU. Da stellten schon etwas anders gestaltete Schaufenster eine unglaubliche Provokation dar, speziell wenn es um Moral- und Sexualvorstellungen ging, und zogen Steine und Brandsätze nach sich. Doch heute ist vieles anders. Mit dem biologischen Ableben der NS-geprägten Generation ist auch auf dem Land das Leben liberaler geworden. Die Butzenfenster sind aus den Wirtshäusern verschwunden und Gedenksteine erinnern auch in Oberschwaben an ermordete Juden und Sinti und Roma. Doch mit den gepflegten Fußgängerzonen und der schönen neuen Amazon-Welt verschwinden auch die einst im Gegensatz zur alten Welt errichteten Territorien.

Das neue Offene, es wird auch anonymer werden und vielleicht ist das auch gut so. Jedenfalls sind es die Bräunings und Magins, deren - welch antikes Wort - Basisarbeit den geistigen Umschwung im Ländle Richtung Kretsch und Grün-Rot erst mit ermöglichte. Ein Toast auf die letzten Bohemiens dieser untergehenden temporären autonomen Zonen, die nicht in die Großstädte flüchteten und dennoch Großstädter waren, die im Sommer auf der Alm Vieh hüteten, um im Winter den Höhlenbewohnern der Stadt gute Literatur zu verkaufen. Die gibt es, falls Sie in der Nähe sein sollten, noch bis 11. Juni zum halben Preis.

Ein Toast auf die letzten Bohemiens dieser untergehenden autonomen Zonen!

02.11.13

Filme IV

Zero Dark Thirty, Regie: Kathryn Bigelow, 2012
Ein nicht kitschiger Film, weil er Widersprüche zeigt. Ausgehend von der islamistischen Gewalt des 11.9.2001 zeigt er die Jagd auf Osama bin Laden und rückt damit die staatlichte Gewalt in den Blick. Die CIA-Agentin Maya, deren Privatleben und deren Gefühle nicht gezeigt werden, personifiziert den Staat.


Lornas Schweigen,  Regie: Jean-Pierre und Luc Dardenne, 2008
Ebenfalls ein sehr guter Film. Er erinnert an die Filme von Michael Haneke und Christian Petzold. Wikipedia zitiert einige treffende Pressestimmen:
Die Filmzeitschrift epd Film schrieb, das Kino der Brüder Dardennes sei eine „elliptische Kunst“. Was nicht wichtig sei für die innere Wahrheit einer Sequenz, werde ausgespart. Kein Bild, kein Ton scheine bei ihnen überflüssig. Die großen dramatischen Gesten verkneife man sich. Keine „aufstöhnende Musik, keine langwierigen Tränenausbrüche, keine ausgespielten inneren Abgründe. Und dennoch geht es um alles und das in jeder Einstellung. Um Sterben und Leben, Schuld und Unschuld. Und nichts davon ist eine Sache von Märtyrertum oder höherer Gerichtsbarkeit.“
Cinema bezeichnete den Film als „radikalen Realismus für Cineasten: Der Zuschauer als nüchterner Beobachter einer unsentimentalen Erzählung, die Durchhaltevermögen erfordert“, und kam zu dem Fazit „beklemmendes Kunstkino mit toller Darstellerin“.
Michael Ranze schrieb im Hamburger Abendblatt, der Film sei „eine hoch moralische und doch sehr einfache Geschichte über den Warenwert menschlicher Beziehungen.“ Lange habe man keinen Film mehr gesehen, in dem so oft Geld gezählt und übergeben, versteckt und gezahlt werde. Lorna lade dadurch, ihrem Traum von einem besseren Leben alles unterzuordnen, Schuld auf sich.

Denis Diderot

Matthias Greffrath veröffentlichte in der Zeit vom 2.10. ein Porträt Diderots. Interessant ist, dass die Aufklärer des 18. Jahrhunderts die Encyclopédie auf eine recht parteiische Weise schrieben. Sie bemühten sich nicht, das Wissen ihrer Zeit als außenstehende Beobachter zu sammeln und in ihrem Lexikon aufzuschreiben. Wahrheit war für sie nicht neutral und objektiv, nicht auf Pluralismus bedacht, wahr war die Kritik an den bestehenden Verältnissen.

30.10.13

zu Georg Büchner

zu Georg Büchners 200. Geburtstag erschienen einige Artikel, der von Manfred Koch aus der NZZ war der beste:

Als Georg Büchner am 19. Februar 1837 23-jährig in Zürich starb, hinterliess er ein schmales, eminentes literarisches Werk. Er gehörte aber auch zu den Stichwortgebern des revolutionären Umbruchs in Hessen. Schuldgefühle wegen der Inhaftierung seiner Gesinnungsfreunde verfolgten ihn bis zuletzt.

Filme III


The Thomas Crown Affair, Regie: Norman Jewison, 1968
Mit Steve McQueen und Faye Dunaway und schöner Musik von Michel Legrand.
Noch cooler geht es nicht. Dieser Film ist sicherlich heute noch das große Vorbild für Filme wie oceans eleven. Es geht um einen wohlhabenden Unternehmer, der sich die Zeit nicht nur damit vertreibt Golf und Polo zu spielen und zu fliegen, sondern auf der Suche nach Spannung und Abenteuer auch Banken überfällt. Das bürgerliche Leben und seine Formen des Zeitvertreibs kommen also tatsächlich nicht allzu gut weg, selbst ihre exklusiveren Formen sind so langweilig, dass man was Aufregendes wo anders suchen muss.

Teorema, Regie: Pasolini, 1968
Musik von Ennio Morricone und Mozart
Das ist ein ziemlich artifizieller Film. Es geht um die Frage, was Leute daraus machen, wenn sie die Liebe erfahren. Diese Erfahrung wird im Film personifiziert durch die Figur des namenlosen Gasts einer großbürgerlichen Familie. Der Film zeigt in seiner zweiten Hälfte fünf Möglichkeiten, mit der Erfahrung umzugehen: Die Tochter wird sprachlos, die Mutter versucht die Erfahrung zu wiederholen, die Haushälterin interpretiert das Erlebte religiös und wird zur Märtyrerin, der Sohn fühlt sich zur Kunst ermutigt und der Vater verschenkt seine Fabrik an die Arbeiter. Es ist also nicht ausgemacht, dass aus Erfahrung Erkenntnis folgt, geschweige denn Glück. (sehenswert war auch der Dokumentarfilm Die Akte Pasolini, der die Rolle Pasolinis im Italien der 60er und 70er Jahr beleuchtete.)

Possession, Regie: Andrzej Zulawski, 1981
Mit Sam Neill und Isabelle Adjani, die für ihr Spiel in diesem Film in Cannes 1981 als beste Schauspielerin ausgezeichnet wurde, was sehr nachvollziehbar ist.
West-Berlin 1981, das sieht in diesem Film aus wie eine Sciencefiction-Filmkulisse. David Lynch trifft auf Alien, plus Action: ein düsteres Spektakel. Inhaltlich geht es auch wieder um die Liebe, Mark glaubt an seine Frau Anna, obwohl sie sich mit dem Bösen einlässt. Leider sterben am Schluss beide.

William S. Burroughs a man within, Regie: Yony Leyser, 2010
Das ist das sehr gelungene Dokumentarfilm-Debut dieses jungen Regisseurs. Es geht um das Leben von Burroughs und um seinen Einfluss auf die Subkultur im 20. Jahrhundert.

00 Schneider im Wendekreis der Eidechse, Regie: Helge Schneider, 2013
Ein sehr nostalgischer, lässiger und poetischer Film, es dominieren herbstlichen Farben und Jazzmusik. Immmer wieder sieht man in langen Einstellungen, wie sich der Hund des Kommissars auf dem Sofa rekelt oder Helge Schneider tanzt im braunen Ledermantel mehrere Minuten in einer Tiefgarage. Die surreale Komik ist eher ein Nebeneffekt. Per Schnitt erhält das Ruhrgebiet einen Strand am Mittelmeer, das ist zunächst einfach schön und eben auch witzig.

29.09.13

kleine Filmschau II


La règle du jeu (die Spielregel), Regie: Jean Renoir, 1939
Eine viel gelobte Komödie, Renoir spielt selbst mit. Der Film hinterlässt aber nicht solchen Eindruck wie die Große Illusion oder Bestie Mensch.

Katzelmacher, Regie: Rainer Werner Fassbinder, 1969
Besser als erwartet. Kleinstädtische Langeweile und Borniertheit werden einem beim Zuschauen aufgezwungen. Fassbinder schrieb das Drehbuch und spielt selber mit. Auf der DVD findet sich zudem der witzige Kurzfilm Das kleine Chaos.

Das verfluchte Haus, Regie: Elio Petri, 1970
Mit Franco Nero, dem original Django. Hier spielt er einen sehr erfolgreichen italienischen Künstler, der vor den Freunden seiner Kunst und vor seiner geschäftstüchtigen Frau in eine alte Villa flieht. Dort spukt es, weil eine junge Frau vor den Mauern des Anwesens ums Leben kam. Der Künstler versucht dem Schicksal dieses Mädchens auf die Spur zu kommen und beschäftigt sich immer obsessiver mit ihr, bis er am Ende versucht seine Frau umzubringen und in der Irrenanstalt landet. Es bleibt unklar, ob der Spuk seinen Träumen entspringt oder ob ein realer Spuk ihn in den Wahnsinn treibt.

Long hello & short goodbye, Regie: Rainer Kaufmann, 1999
Eine schöne Liebesgeschichte und für einen deutschen Krimi (es spielen Axel Milberg und Katja Riemann mit) erstaunlich unterhaltsam und formal unkonventionell. Der Bulle ist der Bösewicht.

23.09.13

Dimitri Kirsanoff

Ménilmontant (1926), Regie: Dimitri Kirsanoff  
Diesen Stummfilm kann man sich bei youtube anschauen. Auf den Film und den vergessenen Regisseur Kirsanoff machte neulich Stefan Ripplinger unter der Überschrift Halb Unglück, halb Hoffnung in der Zeitschrift Konkret aufmerksam, weil in der Edition Text und Kritik ein Buch über Kirsanoff erschienen ist. Vorallem Schnitt- und Kameratechnik überzeugen auch noch nach über 80 Jahren.

16.09.13

Léon Morin, prêtre

















Jean-Paul Belmondo und Emmanuelle Riva in
Eva und der Priester (Léon Morin, prêtre) 1961, Regie: Jean-Pierre Melville

Ein dialogreicher, sehr spannender Film. "Léon Morin, Priest is not the big, variegated canvas of the Resistance that Melville first imagined; that came later, in 1969, with Army of Shadows. It is an exquisitely circumscribed and powerful picture of how people cope in a world devoid of certainty."  Schreibt Gary Indiana am Schluss eines interessanten Aufsatzes, der auf der Seite des amerikanischen Criterion-Labels zu finden ist.

03.09.13

La silence de la mer



















La silence de la mer (1947), Drehbuch und Regie: Jean-Pierre Melville

Melville orientiert sich in seinem ersten Film stark an der gleichnamigen Novelle, die von "Vercor" 1942 veröffentlicht wurde. Schade, dass eine Erzählstimme die Geschichte erzählt (im Buch erzählt der französische Hausherr die Geschichte aus der Ich-Perspektive), an vielen Stellen wäre dies gar nicht nötig gewesen, da das, was die Stimme erklärt, ohnehin zu sehen ist, z.B. Werners nervöse Hand. Dennoch ein schöner, ruhiger, zur Diskussion anregender Film.


01.09.13

El Topo



El Topo (1970), Regie und Drehbuch: Alejandro Jodorowsky

Im Trailer heißt es, der Film sei kein Spektakel, dennoch will er vorallem Aufsehen erregen. Die Flut an Bilder und Ideen ist recht strapaziös, wie Esther Buss schreibt; der gleichzeitige Mangel an stringenter Handlung ermüdet. Die Gewaltszenen erinnern an Pasolinis fünf Jahre später enstandenen 120 Tage von Sodom.

Der letzte Mann

























Der letzte Mann (1924) Regie: Friedrich Murnau

Eine Kritik an der Überflüssigkeit des Menschen

Ein alternder Hotelportier verrichtet seinen Dienst an der Tür des „Hotel Atlantic“ in Berlin. In seiner prächtigen Uniform, mit stattlichem Schnurrbart und jovialem Lächeln begrüßt er dort die Gäste. Als er eines Tages beim Abladen eines schweren Koffers einen Schwächeanfall erleidet, wird er vom Hoteldirektor mit Verweis auf sein hohes Alter in die Herrentoilette versetzt. Ein Jüngerer nimmt seinen Platz ein. Der Portier verkraftet diese Demütigung nicht. Des Nachts entwendet er seine alte Uniform und führt nun ein Doppelleben: Tagsüber verrichtet er traurig seinen Dienst in der Hoteltoilette. Nach Feierabend zieht er sich heimlich die Uniform an, um seiner Familie und seinen Nachbarn vorzuspielen, es sei alles wie früher. Doch der Schwindel fliegt bald auf und Familie und Nachbarn wenden sich von ihm ab. Die Welt des Portiers bricht endgültig zusammen, nur der Nachtwächter des Hotels schaut noch nach ihm.
Nach einem Zwischentitel (dem einzigen), der die bisherige Handlung als alltäglich aber unerträglich bezeichnet, erhält die Geschichte am Ende eine positive Wendung: ein Hotelgast vermacht auf der Herrentoilette sterbend dem einstigen Portier sein gesamtes Vermögen. Der einst Gedemütigte kann nun als souveräner, gut gelaunter und großzügiger Gast im „Atlantic“ einkehren und den Nachtwächter zu einem Festmahl einladen, worüber sich die restlichen Hotelgäste, die die Geschichte in der Zeitung gelesen haben, köstlich amüsieren.


26.08.13

Lafayette





















Gilbert Motier the Marquis De La Fayette as a Lieutenant General, 1791
Portrait of Joseph-Désiré Court (1797-1865)

Amerikas Unabhängigkeit, Europas Freiheit: Der Marquis von Lafayette kämpfte auf beiden Kontinenten für die Menschen- und Bürgerrechte. Ein Artikel von Ronald Gerste

Blog-Archiv