Walter Benjamin

Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten.
Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht.

Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, Band I, Seite 1241.

09.11.20

Lucio Fulci: Sette Note in Nero (1977)

Jennifer O´Neill in Die sieben schwarzen Noten
 

 

 

 

 

 

 

 

Ein spannender Giallo-Krimi, der zudem nach dem Verhältnis von Traum und Wirklichkeit, von Phantasie und Vernunft fragt.
 

30.10.20

Matheus Hagedorny: Georg Elser in Deutschland

Der Band versammelt auf rund 120 Seiten drei Aufsätze, die sich durch einen sympathisch jargonfreien, nüchternen Tonfall auszeichnen. Der erste Aufsatz rückt ins Bild, dass das Attentat in der Zeit des Hitler-Stalin-Paktes stattgefunden hat, weswegen es KPD und Sowjetunion nicht begrüßten. Im zweiten Aufsatz geht es um Martin Niemöller und Dietrich Bonhoeffer und um die politisch-theologischen Implikationen des Widerstandsrechts. Der dritte Essay zeichnet nach, wie Elser in der Bundesrepublik wahrgenommen bzw. nicht wahrgenommen wurde.

Philipp Lenhard: Friedrich Pollock (2019)

Die Biografie über Friedrich Pollock, den Organisator des Frankfurter Instituts für Sozialforschung ist sehr gut recherchiert und gekonnt geschrieben. Die ersten beiden Kapitel beschreiben seine Herkunft aus dem jüdischen Bürgertum, man muss an die „Effingers“ denken. Die Freundschaft zu Max Horkheimer, die in Stuttgart entsteht, zieht sich als roter Faden durch das Buch. Dessen Kapitel zeichnen die wichtigsten Diskussionen nach, die in den 20er bis 50er Jahren am Institut geführt wurden, über die Möglichkeiten der Planwirtschaft, den Charakter des Nationalsozialismus und die Automatisierung der Industrie. Da Pollock einige Jahre in New York und Kalifornien lebte, streift der Biograf auch die amerikanische Geschichte. Interessant ist z.B., dass die deutschsprachigen Exilanten während des Korea-Krieges sehr ernsthaft befürchteten, dass die amerikanische Westküste Schauplatz von Kämpfen werden könnte.

François Truffaut

Jean-Louis Trintignant und Fanny Ardant in Truffauts letztem Film Vivement Dimanche! (1983)

Charles Denner und Jeanne Moreau in La mariée était en noir (1967)




15.06.20

Die deutsche Teilung im Film

Erik Schumann und Eva Kotthaus in "Himmel ohne Sterne" (1955) von Helmut Kräutner

Narziss Sokatscheff und Susanne Korda in "Flucht nach Berlin" (1960) von Will Tremper

Will Tremper: Endlose Nacht (1963)

Es ist ziemlich erstaunlich, mit welchem Selbstbewusstsein Uwe Nettelbeck (1940-2007) im Alter von 23 Jahren diesem Film seine episodenhafte Struktur vorwirft und bemängelt, dass ihm ein stringenter Plot fehlt:

Die Flughafenpremiere
Zu Will Trempers zweitem Film "Die endlose Nacht" 
Die Zeit, 17. Mai 1963
Von Uwe Nettelbeck
Will Tremper ist um Einfälle nicht verlegen und versteht es, von sich reden zu machen. Es fallen ihm immer drei Filme auf einmal ein, und wenn er wirklich einen drehen will, benutzt er jede List, sich Geld zu verschaffen.
Versessen auf Publicity, kam er auf die Idee, die Uraufführung seines zweiten Films ins Atelier zu verlegen, und das war in diesem Fall die Abfertigungshalle des Berliner Flughafens Tempelhof. Schlag Mitternacht hatte er sie tatsächlich zusammen, die Prominenten und die Kritiker; und die Versammelten, aus allen Teilen der Bundesrepublik zusammengeflogen, konnten – leicht ermüdet teils, teils aufgekratzt – das kuriose Ereignis und "Die endlose Nacht" genießen.

09.06.20

Claude Chabrol: Die Hölle (1994)

François Cluzet als Paul und Emanuelle Béart als Nelly












Während die erste Hälfte des Films, in der die Eifersucht des Ehemanns Paul entsteht, höllenhaft langatmig ist, wird es in der zweiten Hälfte spannender, als sich die Eifersucht zum Wahn steigert. Der Film wirft die Frage auf, ob Eifersucht immer schon latent wah
nhaft ist und sich jederzeit zur Psychose entwickeln kann.

04.05.20

Silence (2016)
















sehenswert: Adam Driver als Che Guevara aka Pater Francisco Garupe

19.04.20

Little Big Man (1970)

















Auf den traurigen Film "Little Big Man" von Arthur Penn, machte Georg Seeßlen in der ZEIT aufmerksam: "Es waren drei Bücher, die am Ende der Siebzigerjahre, als das Jahrzehnt schon reichlich verbraucht daherkam, an den Schnittstellen von Wissenschaft und Pop einen gehörigen Kultstatus erlangten. Das heißt: Man musste diese Bücher nicht einmal gelesen haben, auf jeden Fall nicht von vorn bis hinten, um sie in die eigene Diskurs- und Schwafel-Kultur einzubauen.
Das eine stammt von dem US-amerikanischen Physiker, Informatiker und "Kognitionswissenschaftler" Douglas R. Hofstadter und trägt den Titel Gödel, Escher, Bach: Ein Endloses Geflochtenes Band. Darin geht es um selbstreferenzielle Muster in Mathematik, Ästhetik, Biologie und Bewusstsein und um die Überzeugung, dass sich solche "seltsamen Schleifen" in autonomen Computerprogrammen fortsetzen werden.
Das zweite Buch wurde geschrieben von Joseph Campbell und heißt Der Heros in tausend Gestalten. Es war zwar schon 1949 erschienen, entfaltete seine Wirkung aber erst in der Abenddämmerung des Hippietums. Noch heute steht es in der Liste der 100 einflussreichsten Bücher bei der New York Times. Am Ende der Siebzigerjahre jedenfalls war dieses Werk über das kulturenübergreifende Wesen des Geschichtenerzählens eine Bibel unter den großen Pop-Mythikern: Bob Dylan, Stanley Kubrick, Jim Morrison von den Doors, Steven Spielberg gehörten zu den Bewunderern des Buches. Und so auch George Lucas, der Schöpfer von Star Wars.
Das dritte Buch war ebenfalls eine Wiederentdeckung, Leslie A. Fiedlers Die Rückkehr des verschwundenen Amerikaners. Die Wiedergeburt des Indianers im Bewußtsein des Neuen Westens. Es beschwört die Gespenster des amerikanischen Genozids und beschreibt die Wiederkehr eines archetypischen Indianers im "New Western" – etwa Thomas Bergers 1964 herausgekommenes Buch Little Big Man, das durch Arthur Penns Verfilmung auch hierzulande berühmt wurde (mit Dustin Hoffman als Siedlersohn, der ab seinem zehnten Lebensjahr bei den Cheyenne aufwächst)."

17.04.20

Dirty Dancing (1987) und Angeklagt (1988)

Danke für diese Film-Tipps.
Thomas Maul: "Nicht nur darum erinnere ich mich gerne an diese kurze vergleichsweise geradezu antiideologische Zeitspanne, in der Vieles von dem, was Katharina Rutschky gegen „Emma und ihre Schwestern“ theoretisch ins Feld führte, Teil des gelebten Alltags war. Junge heranwachsende Frauen diktierten ihren männlichen Gegenübern unaufgeregt und ressentimentfrei, d.h. mit der Lässigkeit des Selbstverständlichsten von der Welt, die minimalen Verhaltensanforderungen, um miteinander Spaß zu haben. Es waren selbstbewusste, lebenslustige und mit Blick auf das Geschlechterverhältnis optimistische Zierden ihres Geschlechts. Sie waren aufgewachsen mit Filmen wie Angeklagt (1988), in dem Jodie Foster eine Idee davon gab, dass sich das bürgerliche Recht am Ende als taugliches Mittel gegen sexuelle Gewalt und für ein Zurückdrängen der letzten Überreste patriarchaler rape culture erweisen könnte, vor allem aber mit Dirty Dancing (1987), der mit dem modernen Paartanz Liebe und Sinnlichkeit feierte und in ihm – wenn auch verkitscht – die Versöhnung der Geschlechter in Aussicht stellte. Wiewohl handlungsmäßig in die 1960er rückprojiziert propagierte der Film im Sinne eines menschenfreundlich-naiven Sozialdemokratismus fortschrittliche Geschlechterrollen für Männer wie Frauen und denunzierte die überkommenen unerbittlich"

https://www.thomasmaul.de/2019/01/querfront-nicht-mit-alice-schwarzer.html#more

04.04.20

Krimis

Der zweite Atem (1966), Regie: Jean-Pierre Melville

















Nachts, wenn der Teufel kam (1957), Regie: Robert Siodmak

31.03.20

Sebastian Haffner: Winston Churchill (1967)

Das Buch liest man so schnell, dass man sich gar nichts merken kann. In Erinnerung bleibt die weltgeschichtliche Rolle, die Churchill 1940 und 41 spielt. Außerdem, wie wenig geradlinig sein Leben verlief: sitzenbleiben in der Schule, scheitern an der Aufnahmeprüfung zum Militär, mehrfacher Parteienwechsel, erzwungener Rücktritt 1915, während der Appeasment-Politik ein Außenseiter, abgewählt im Moment seines größten Erfolgs.

18.03.20

Terrence Malick: Ein verborgenes Leben (2020)












Wie hat es der Kamermann geschafft, den Bildausschnitt immer so zu wählen, dass die Landschaftsverschandelungen der letzten 80 Jahre nicht ins Bild gerieten? Der Film zeigt wie ein Dokumentarfilm des bayerischen Rundfunks alle Arbeiten des bäuerlichen Jahreslaufs vor der Industrialisierung. Nur die Musik stört. Es ist ein sehr religiöser Film. Der Held ist ein Anti-Galilei. Leider habe ich vergessen, woher der Titel stammt.

11.03.20

Gabriele Tergit: Effingers (1951)




















Sicherlich der größte Roman, den ich bisher gelesen habe. Die Geschichte von Wirtschaft, Technik, Politik und Philosophie, Mode, Berlin, Moralvorstellungen und Geschlechterverhältnisen in Deutschland vom Kaiserreich bis in die 30er Jahre wird  in den Gesprächen der Figuren lebendig.  Der Roman ist psychologisch plausibel; mit Gespür für die Epochen formuliert; abwechslungsreich und souverän konstruiert. Denkmal für eine untergegangene Welt.

Joker













Joaquin Phoenix sieht zu Beginn zwar fast so verrückt aus wie mein Relilehrer in Klasse 5, ganz überzeugend fand ich den Film dennoch nicht. Die Farbgebung, die teils bombastische Musik und computererzeugte Großstadtbilder erzeugen eine Künstlichkeit, die wahrscheinlich klarmachen soll, dass die gezeigte eine Comicwelt ist, es ensteht aber nur der Eindruck, dass alles formal übertrieben ist. Die Botschaft ist zugleich recht platt: Ein Mann wird von seinen Mitmenschen wiederholt gepiesackt, vom Staat im Stich gelassen, von den Frauen ignoriert, bis seine Frustration in Gewalt umschlägt.

04.01.20

Don Siegel: Dirty Harry (1971)














Mit Föhnfrisur und Pullover unter dem Sacko kämpft Inspector Callahan in diesem 70er-Jahre-Film gegen den wild gewordenen Hippie Scorpion (in brauner Strickweste und Rollkragenpullover).

Once Upon a Time in Hollywood (2019)













Leonardo DiCaprio der Große in der Rolle des Rick Dalton in Quentin Tarantinos "Once Upon a Time in Hollywood", in dem es darum geht, dass Filme die reale Gewalt verschleiern und verharmlosen. Es handelt sich also um eine sehr unterhaltsam vorgetragene Selbstkritik des Kinos.

Porträt einer jungen Frau in Flammen (2019)















Adèle Haenel als Héloïse und Noémie Merlant als Marianne im bewegenden Kinofilm "Portrait de la jeune fille en feu" von Céline Sciamma.


02.01.20

Michel Houellebecq: Serotonin


DER MORGEN DES 1. JANUAR erhob sich, wie jeder Morgen auf der Welt, über unserem fragwürdigen Dasein. Ich erhob mich ebenfalls und schenkte dem Morgen meinerseits vergleichsweise viel Aufmerksamkeit – er war neblig, ohne übertrieben neblig zu sein, ein normaler nebliger Morgen; auf den Unterhaltungssendern war das Neujahrsprogramm im Gang, doch ich kannte keine einzige der Sängerinnen, es erschien mir allerdings, als müsse die sexy Latina gegenüber der betreffenden Keltensängerin zurückstecken, aber von diesem Lebensaspekt hatte ich nur ein bruchstückhaftes und vages, im Ganzen optimistisches Bild: wenn die Zuschauer so entschieden hatten, dann war es in gewissem Sinne gut. Gegen sechzehn Uhr ging ich zum Schloss. Aymeric war in seinen gewohnten Zustand zurückgekehrt, war also verdrossen, verstockt und verzweifelt; leicht mechanisch nahm er sein Sturmgewehr von Schmeisser auseinander und setzte es wieder zusammen. Da sagte ich ihm, ich wolle schießen lernen.
„Wie schießen? Schießen, um dich zu verteidigen, oder Sportschießen?“ Er wirkte begeistert, dass ich ein konkretes, technisches Thema anschnitt, und vor allem erleichtert, dass ich nicht auf das Gespräch vom Vorabend zurückkam.
„Etwas von beidem, glaube ich.“ Tatsächlich würde ich mich nach meinem Zusammentreffen mit dem Ornithologen mit einem Revolver wohler fühlen; aber auch das Präzisionsschießen hatte etwas an sich, das mich schon seit langem reizte.
Michel Houellebecq, Serotonin, S. 220.

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