Zum Tode des großen französischen Regisseurs Alain Resnais.
Gedankensplitter zum größten, soeben noch lebenden europäischen Regisseur,
geschrieben in der Taubheit der Trauer um ihn. So lang sein Leben war, so unerschöpflich seine
Filmografie anwuchs – so schmerzhaft ist es, ihn nun doch verloren zu haben, wider alle
Erwartungen sozusagen. Es ist nun mal so mit dieser in den 1920er Jahren geborenen
Künstlergeneration, dass sie alle – mit ihren unterschiedlichen Weltkriegserfahrungen, mit dem
glorreichen Nachkriegseuropa im Rücken, das sie und ihre Kunst anfangs trug – auf Erden
verbleiben sollten. Für immer unter uns wandeln. Sterben verboten. Sie wissen zu viel. Wir
haben sie zu sehr nötig.
Jetzt sofort noch einmal all diese Filme anschauen, vielleicht
chronologisch rückwärts, nachschauen, was die eigene Erinnerung mit den
Bildern und Szenen und Schnitten von Alain Resnais (3.6.1922 – 1.3.2014)
gemacht hat, nachschauen, ob vielleicht die Filme selbst sich verändert
haben seit dem letzten Sehen. Denn sie alle –
Hiroshima, mon amour, Muriel, Providence, Liebe bis in den Tod
et cetera – wachsen und bewegen sich, wenn man das Licht
auslöscht und im Dunkeln liegen lässt. "Ihr habt noch nichts gesehen",
flüstern sie, wie der französische Originaltitel seines vorletzten
Films.
"Warten auf das Geheimnis von Marienbad" – so bezeichnete Volker
Schlöndorff die langwierigen und sehr kalten Dreharbeiten in München, in
und vor Schloss Schleißheim und Schloss Nymphenburg, die man in einer
Kompilation von erst kürzlich entdeckten stummen Amateurfilmen sehen
kann. Die Kamera war das Zentrum der Arbeit, nicht die Schauspieler
waren es. Stunden- bis tagelang wurde an ihren Bewegungen gewerkelt. Man
sieht in einer Aufnahme den Hauptdarsteller Giorgio Albertazzi
verzweifelt die Arme heben: "Wie soll ich etwas spielen, von dem ich
nicht weiß, was es ist? Ich weiß nicht mal, wer ich in diesem Film bin" –
so übersetzt Schlöndorff die Pantomime. Drehen ohne Dialoge, ohne
vorgeschriebene Charaktere. Die Dreharbeiten als eine einzige
Experimentierküche. Während die Schauspielerin Delphine Seyrig unter
ihrem grandiosen Federkleid zwar sehr fror, aber immer fröhlich lachte.
Ob er jemals zornig werden konnte? Diese Ruhe, diese Klarheit, dieser Charme. Diese sanfte Anarchie.
Sabine Azéma, seine Muse, die neben ihm alterslos zu bleiben
schien und immer das Koboldgesicht behielt, bis heute. Die in
Mélo
Purzelbäume machte gegen Schluckauf- und gegen erotische
Anfälle. Und deren nervöses Spiel so stark mit dem Regisseur Resnais
verbunden war, dass der schöne Tavernier-Film
Das Leben und nichts anderes
automatisch – und ungerechterweise – wie eine Hommage an Resnais wirkte.
Es gibt ein wunderbares deutschsprachiges Buch:
Das Atelier von Alain Resnais.
Darin stehen so herrliche Dinge wie die Beschreibung eines Moments während der Arbeit an
Liebe bis in den Tod.
Resnais erklärt dem Toningenieur, die Stimmen, die Dialoge der
vier Schauspieler sollten am Ende jeder Szene im jeweils ersten Ton der
folgenden Zwischenmusik aufgehen. In Hans Werner Henzes extra dafür
geschriebenen Minutenkompositionen. Kleine Orchesterstücke aus dem
Warteraum ins Jenseits, in das der Schauspieler Pierre Arditi zu Anfang
dieses vielleicht atemberaubendsten Resnais-Films verschwindet – um dann
für eine kurze Zeit wieder zurückzukehren. Und wie sah der Warteraum
aus? Seltsame Schneeflocken treiben aus einem tiefen Dunkel auf uns zu.
Auf jeden Fall gibt es ein Jenseits in Cinemascope.
Auf einer in Frankreich erschienenen CD seiner Filmmusiken kann
man die ungeheure Kraft und den Reichtum der Resnaisschen Musikkonzepte
nacherleben: Giovanni Fuscos avantgardistische Kammermusik zu
Hiroshima, mon amour,
die Todesorgel von
Letztes Jahr in Marienbad,
Henzes herrliche Sopranarie zu
Muriel,
Pendereckis Chorfetzen zu
Ich liebe dich, ich liebe dich,
Rózsas antikische Schicksalsmusik zu
Providence,
mondäne Tanzmusik zu
Stavisky.
Was für ein Fresko!
"Je suis un bricoleur", sagte Resnais öfter und gerne. Ein Handwerker. Ein Bastler.
Seine Modelllandschaften, entstanden im Hobbyraum der
Nachkriegsliteratur, des Existenzialismus, der Comics, der
Naturwissenschaft. Einen Film komplett auf den Theorien eines
Verhaltens- und Neurowissenschaftlers aufzubauen (Henri Laborit) – das
konnte auch nur Resnais einfallen. Er wollte für
Mein Onkel aus Amerika
eine kleine Insel im Studio bauen, die vorne wie ein Gehirn
aussah und auf deren zunächst dem Zuschauer abgewandter Rückseite
prähistorische Monster krabbelten. Die Ratten, die dann im Film
auftreten, sind sozusagen Botschafter unserer Reaktionen in emotionalem
Stress. Sie reagieren normaler als die Menschen.
Wenn die Musik von Miklós Rózsa wie mit den Paukenschlägen einer
klassischen Hollywood-Gladiatoren-Melodie den vielleicht schönsten
Resnais-Film einläutet,
Providence,
wenn die Kamera sich dazu durch die dunklen Tore eines
ländlichen Anwesens bewegt, an seinen bewachsenen Mauern entlangfährt
... Dann werden die Gänge, die Räume zu organischen Wesen. Die Ranken
wie dunkle Adern an den Wänden werden zu Grafiken der Synapsen des
Gehirns, die für sich Erinnerung bilden, jene Erinnerungen, die den
alten krebskranken Schriftsteller oben im Haus plagen, eine Nacht lang
vor seinem Geburtstag. Intellekt und Gefühl fließen wie Ströme bei
Resnais zusammen und werden Film, so leidenschaftlich.
Die zwei schönsten Liebesszenen von Resnais sind aufgelöst in
einzelne Momente. Jede Einstellung ist eine Art der Liebesberührung.
Yves Montand mit Ingrid Thulin und wieder Montand mit Geneviève Bujold
in
Der Krieg ist vorbei.
Es ist das Epos des müde gewordenen Anti-Franco-Kampfes im Exil.
Das Buch schrieb Jorge Semprún, der wusste, wovon er erzählte. Bujold
und Montand treffen sich in einer kleinen Dachwohnung völlig
überraschend, im Begehren aus dem Moment heraus. In der Liebe schweben
sie quasi in einem kleinen Himmel, ohne Trapez heben sie vom Bett ab,
aber das ist nur irritierende Assoziation. Wenn Montand später im Film
Thulin berührt, ihren Rock, ihre Beine, dann spürt man wieder die ganze
unbedingte Zärtlichkeit der schwarz-weiß gefilmten Nouvelle Vague. Beide
Szenen wie rituell und unendlich liebevoll. Das Licht an der Decke des
Zimmers, die Wasserreflexe!
Natürlich kommt mir jetzt dieser Anfangsmoment in den Sinn, in seinem vor zwei Jahren entstandenen Film
Ihr werdet euch noch wundern.
Nach seinem Tod, quasi als Vermächtnis, lässt ein Bühnenautor
seine liebsten Schauspieler in sein Anwesen rufen. Und so treten all die
französischen Schauspielerheroen nacheinander durch die Tür des im
Studio gebauten Landhauses: Azéma, Amalric, Arditi, Piccoli, Dussollier,
Wilson – in dieser unsagbaren rhythmischen Anmut aneinandergeschnitten,
die Resnais seinen Filmen und seinen Mitarbeitern immer gab. Jedes Mal,
wenn die Tür sich öffnet, stürmen Herbstblätter vorbei, ertönt ein
Musikakzent voller Trauer und Verlassenheit. Dieser völlig frappierende
Moment ist nun reale Geschichte geworden. So werden sie jetzt alle zu
seiner Trauerfeier kommen. Und natürlich wünscht man sich, dass der
große Tote Alain Resnais ebenso wiederaufersteht wie der Autor in diesem
Film. Dass das Ganze wieder nur ein Witz, ein Scherz ist. Nein, diesmal
nicht.
Obwohl: Wenn wir uns vorstellen, dass der aufgebahrte Gigant
vielleicht seinen letzten Berlinale-Preis in der Hand hält, den
Alfred-Bauer-Preis für "künstlerische Perspektiven der Filmkunst", der
ihm vor wenigen Wochen noch mal schriftlich bescheinigte, dass er der
Jüngste im Kopf war, von uns allen, die da im Wettbewerb mit ihren
Filmen angetreten waren – das hat auch etwas von einem glänzenden
Scherz.
Der Formalismus ist bei Resnais ein Triumph der Seele des Kinos
über all seine elenden Bravheiten und Konventionen. Resnais und Jean
Renoirs
Die Spielregel:
Nach der Wiederaufführung des einst verfemten Films nach dem
Krieg lief der junge Alain stundenlang ziellos durch Paris, aufgewühlt.
Darf man annehmen, dass die Multiperspektivität seines 2006 gedrehten
Films
Herzen,
dass die diversen Wohnungen und durchsichtigen Räume des
Ensembles eine moderne Version der Gänge und der knallenden und sich
sofort wieder öffnenden Türen des Schlosses in
Die Spielregel
sind? Commedia dell’Arte auf Französisch.
Das Theater, der Boulevard, ist im Grunde ein langer, überraschend burlesker Abschied von Alain Resnais, von
Smoking/No Smoking
(1993) an bis heute – stets fröhlich bis zur Albernheit. Man
denke nur an den offenen Hosenschlitz als Unglücksursache für den
Flugzeugabsturz am Ende von
Vorsicht Sehnsucht
(2009). Älter – und dabei immer jünger werden. Ein Traum.
Walter Benjamin
Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten.
Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht.
Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, Band I, Seite 1241.
Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht.
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