Walter Benjamin

Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten.
Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht.

Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, Band I, Seite 1241.

23.03.14

Ihr habt noch nichts gesehen

Zum Tode des großen französischen Regisseurs Alain Resnais. 
von Dominik Graf
Gedankensplitter zum größten, soeben noch lebenden europäischen Regisseur, geschrieben in der Taubheit der Trauer um ihn. So lang sein Leben war, so unerschöpflich seine Filmografie anwuchs – so schmerzhaft ist es, ihn nun doch verloren zu haben, wider alle Erwartungen sozusagen. Es ist nun mal so mit dieser in den 1920er Jahren geborenen Künstlergeneration, dass sie alle – mit ihren unterschiedlichen Weltkriegserfahrungen, mit dem glorreichen Nachkriegseuropa im Rücken, das sie und ihre Kunst anfangs trug – auf Erden verbleiben sollten. Für immer unter uns wandeln. Sterben verboten. Sie wissen zu viel. Wir haben sie zu sehr nötig.
Jetzt sofort noch einmal all diese Filme anschauen, vielleicht chronologisch rückwärts, nachschauen, was die eigene Erinnerung mit den Bildern und Szenen und Schnitten von Alain Resnais (3.6.1922 – 1.3.2014) gemacht hat, nachschauen, ob vielleicht die Filme selbst sich verändert haben seit dem letzten Sehen. Denn sie alle – Hiroshima, mon amour, Muriel, Providence, Liebe bis in den Tod et cetera – wachsen und bewegen sich, wenn man das Licht auslöscht und im Dunkeln liegen lässt. "Ihr habt noch nichts gesehen", flüstern sie, wie der französische Originaltitel seines vorletzten Films.
"Warten auf das Geheimnis von Marienbad" – so bezeichnete Volker Schlöndorff die langwierigen und sehr kalten Dreharbeiten in München, in und vor Schloss Schleißheim und Schloss Nymphenburg, die man in einer Kompilation von erst kürzlich entdeckten stummen Amateurfilmen sehen kann. Die Kamera war das Zentrum der Arbeit, nicht die Schauspieler waren es. Stunden- bis tagelang wurde an ihren Bewegungen gewerkelt. Man sieht in einer Aufnahme den Hauptdarsteller Giorgio Albertazzi verzweifelt die Arme heben: "Wie soll ich etwas spielen, von dem ich nicht weiß, was es ist? Ich weiß nicht mal, wer ich in diesem Film bin" – so übersetzt Schlöndorff die Pantomime. Drehen ohne Dialoge, ohne vorgeschriebene Charaktere. Die Dreharbeiten als eine einzige Experimentierküche. Während die Schauspielerin Delphine Seyrig unter ihrem grandiosen Federkleid zwar sehr fror, aber immer fröhlich lachte.
Ob er jemals zornig werden konnte? Diese Ruhe, diese Klarheit, dieser Charme. Diese sanfte Anarchie.
Sabine Azéma, seine Muse, die neben ihm alterslos zu bleiben schien und immer das Koboldgesicht behielt, bis heute. Die in Mélo Purzelbäume machte gegen Schluckauf- und gegen erotische Anfälle. Und deren nervöses Spiel so stark mit dem Regisseur Resnais verbunden war, dass der schöne Tavernier-Film Das Leben und nichts anderes automatisch – und ungerechterweise – wie eine Hommage an Resnais wirkte.
Es gibt ein wunderbares deutschsprachiges Buch: Das Atelier von Alain Resnais. Darin stehen so herrliche Dinge wie die Beschreibung eines Moments während der Arbeit an Liebe bis in den Tod. Resnais erklärt dem Toningenieur, die Stimmen, die Dialoge der vier Schauspieler sollten am Ende jeder Szene im jeweils ersten Ton der folgenden Zwischenmusik aufgehen. In Hans Werner Henzes extra dafür geschriebenen Minutenkompositionen. Kleine Orchesterstücke aus dem Warteraum ins Jenseits, in das der Schauspieler Pierre Arditi zu Anfang dieses vielleicht atemberaubendsten Resnais-Films verschwindet – um dann für eine kurze Zeit wieder zurückzukehren. Und wie sah der Warteraum aus? Seltsame Schneeflocken treiben aus einem tiefen Dunkel auf uns zu. Auf jeden Fall gibt es ein Jenseits in Cinemascope.
Auf einer in Frankreich erschienenen CD seiner Filmmusiken kann man die ungeheure Kraft und den Reichtum der Resnaisschen Musikkonzepte nacherleben: Giovanni Fuscos avantgardistische Kammermusik zu Hiroshima, mon amour, die Todesorgel von Letztes Jahr in Marienbad, Henzes herrliche Sopranarie zu Muriel, Pendereckis Chorfetzen zu Ich liebe dich, ich liebe dich, Rózsas antikische Schicksalsmusik zu Providence, mondäne Tanzmusik zu Stavisky. Was für ein Fresko!
"Je suis un bricoleur", sagte Resnais öfter und gerne. Ein Handwerker. Ein Bastler.
Seine Modelllandschaften, entstanden im Hobbyraum der Nachkriegsliteratur, des Existenzialismus, der Comics, der Naturwissenschaft. Einen Film komplett auf den Theorien eines Verhaltens- und Neurowissenschaftlers aufzubauen (Henri Laborit) – das konnte auch nur Resnais einfallen. Er wollte für Mein Onkel aus Amerika eine kleine Insel im Studio bauen, die vorne wie ein Gehirn aussah und auf deren zunächst dem Zuschauer abgewandter Rückseite prähistorische Monster krabbelten. Die Ratten, die dann im Film auftreten, sind sozusagen Botschafter unserer Reaktionen in emotionalem Stress. Sie reagieren normaler als die Menschen.
Wenn die Musik von Miklós Rózsa wie mit den Paukenschlägen einer klassischen Hollywood-Gladiatoren-Melodie den vielleicht schönsten Resnais-Film einläutet, Providence, wenn die Kamera sich dazu durch die dunklen Tore eines ländlichen Anwesens bewegt, an seinen bewachsenen Mauern entlangfährt ... Dann werden die Gänge, die Räume zu organischen Wesen. Die Ranken wie dunkle Adern an den Wänden werden zu Grafiken der Synapsen des Gehirns, die für sich Erinnerung bilden, jene Erinnerungen, die den alten krebskranken Schriftsteller oben im Haus plagen, eine Nacht lang vor seinem Geburtstag. Intellekt und Gefühl fließen wie Ströme bei Resnais zusammen und werden Film, so leidenschaftlich.
Die zwei schönsten Liebesszenen von Resnais sind aufgelöst in einzelne Momente. Jede Einstellung ist eine Art der Liebesberührung. Yves Montand mit Ingrid Thulin und wieder Montand mit Geneviève Bujold in Der Krieg ist vorbei. Es ist das Epos des müde gewordenen Anti-Franco-Kampfes im Exil. Das Buch schrieb Jorge Semprún, der wusste, wovon er erzählte. Bujold und Montand treffen sich in einer kleinen Dachwohnung völlig überraschend, im Begehren aus dem Moment heraus. In der Liebe schweben sie quasi in einem kleinen Himmel, ohne Trapez heben sie vom Bett ab, aber das ist nur irritierende Assoziation. Wenn Montand später im Film Thulin berührt, ihren Rock, ihre Beine, dann spürt man wieder die ganze unbedingte Zärtlichkeit der schwarz-weiß gefilmten Nouvelle Vague. Beide Szenen wie rituell und unendlich liebevoll. Das Licht an der Decke des Zimmers, die Wasserreflexe!
Natürlich kommt mir jetzt dieser Anfangsmoment in den Sinn, in seinem vor zwei Jahren entstandenen Film Ihr werdet euch noch wundern. Nach seinem Tod, quasi als Vermächtnis, lässt ein Bühnenautor seine liebsten Schauspieler in sein Anwesen rufen. Und so treten all die französischen Schauspielerheroen nacheinander durch die Tür des im Studio gebauten Landhauses: Azéma, Amalric, Arditi, Piccoli, Dussollier, Wilson – in dieser unsagbaren rhythmischen Anmut aneinandergeschnitten, die Resnais seinen Filmen und seinen Mitarbeitern immer gab. Jedes Mal, wenn die Tür sich öffnet, stürmen Herbstblätter vorbei, ertönt ein Musikakzent voller Trauer und Verlassenheit. Dieser völlig frappierende Moment ist nun reale Geschichte geworden. So werden sie jetzt alle zu seiner Trauerfeier kommen. Und natürlich wünscht man sich, dass der große Tote Alain Resnais ebenso wiederaufersteht wie der Autor in diesem Film. Dass das Ganze wieder nur ein Witz, ein Scherz ist. Nein, diesmal nicht.
Obwohl: Wenn wir uns vorstellen, dass der aufgebahrte Gigant vielleicht seinen letzten Berlinale-Preis in der Hand hält, den Alfred-Bauer-Preis für "künstlerische Perspektiven der Filmkunst", der ihm vor wenigen Wochen noch mal schriftlich bescheinigte, dass er der Jüngste im Kopf war, von uns allen, die da im Wettbewerb mit ihren Filmen angetreten waren – das hat auch etwas von einem glänzenden Scherz.
Der Formalismus ist bei Resnais ein Triumph der Seele des Kinos über all seine elenden Bravheiten und Konventionen. Resnais und Jean Renoirs Die Spielregel: Nach der Wiederaufführung des einst verfemten Films nach dem Krieg lief der junge Alain stundenlang ziellos durch Paris, aufgewühlt. Darf man annehmen, dass die Multiperspektivität seines 2006 gedrehten Films Herzen, dass die diversen Wohnungen und durchsichtigen Räume des Ensembles eine moderne Version der Gänge und der knallenden und sich sofort wieder öffnenden Türen des Schlosses in Die Spielregel sind? Commedia dell’Arte auf Französisch.
Das Theater, der Boulevard, ist im Grunde ein langer, überraschend burlesker Abschied von Alain Resnais, von Smoking/No Smoking (1993) an bis heute – stets fröhlich bis zur Albernheit. Man denke nur an den offenen Hosenschlitz als Unglücksursache für den Flugzeugabsturz am Ende von Vorsicht Sehnsucht (2009). Älter – und dabei immer jünger werden. Ein Traum.

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