Walter Benjamin

Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten.
Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht.

Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, Band I, Seite 1241.

16.11.13

Rancière

Rezension zum nun übersetzten Buch Die Nacht der Proletarier von Jacques Rancière.

12.11.13

carlos - der film



















Christoph Bach als Hans-Joachim Klein, genannt „Angie“ im Film Carlos, der Schakal
Regie: Olivier Assayas, 2010

Hans Joachim Klein schreibt in dieser Filmszene ein Brief an die Presse, um seinen Ausstieg zu erklären. Einen solchen Brief  veröffentlichte der Spiegel im Mai 1977 tatsächlich. Klein schreibt darin, er wolle zwei Morde verhindern, es seien Anschläge auf Heinz Galinski und auf den Präsidenten der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt Ignaz Lipinski geplant. Die Revolutionären Zellen veröffentlichten darauf in der Zeitschrift Pflasterstrand (vom 2.6.77) eine Antwort, in der sie Klein zunächst mehrfach vorwerfen er lüge und er unterstelle ihnen "faschistische Überlegungen für menschenverachtende Aktionen". Man denkt nun beim Lesen, im nächsten Schritt würden die Autoren den Versuch unternehmen, zu beweisen, dass der Antisemitismus nicht zum politischen Programm der Revolutionären Zellen gehöre. Das Gegenteil ist der Fall: Sie fordern auf "zu überlegen, welche RolleGalinski spielt für die Verbrechen des Zionismus, für die Grausamkeiten der imperialistischen Armee Israels, welche Propaganda- und materielle Unterstützungsfunktion dieser Typ hat, der alles andere ist als nur jüdischer Gemeindevorsitzender, und: was man in diesem Land dagegen machen kann."

Carlos, der Bündnispartner der RZ, konvertierte laut wikiepdia in der Haft zum Islam. Er trat in einen Briefwechsel mit dem venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez ein und veröffentlichte im Juni 2003 das Buch Revolutionärer Islam, in dem er versucht, Terrorismus als ein Mittel des Freiheitskampfes zu erklären und zu verteidigen. Er äußerte auch seine Unterstützung für Osama bin Laden und die Terroranschläge am 11. September 2001.

08.11.13

Schule des Sehens

Für ein Filmfestival in Brasilien schrieb Georg Seeßlen diese Zwischenbilanz zu den Filmen der sogenannten Berliner Schule. Zuletzt sah ich die in diesem Kreis entstandene Triologie Dreileben: ein klassenkämpferischer Liebesfilm von Christian Petzold, ein nostalgischer von  Dominik Graf und ein rückwärts gewickelter Krimi von Christoph Hochhäusler spielen alle am selben Ort und auch die Figuren treten in den Filmen des jeweils anderen auf. So ensteht, wie in Fernsehserien, ein kleiner Kosmos, allerdings nicht durch die Dehnung der erzählten Zeit, sondern durch die dreifache Perspektive auf die Protagonisten: In jedem der drei Filme stehen andere im Vordergrund.

03.11.13

Provinz

ANDREAS FANIZADEH, Taz 03.06.2011

Die Welt in die Provinz geholt

"Die Wolke", Buchhandlung in Ravensburg, gibt auf

Die Buchhandlung "Wolke" in Ravensburg gehörte zu dem Netz engagierter Buchhandlungen, die sich in Westdeutschland im Gefolge der außerparlamentarischen Bewegungen gründete. Als Matthias Bräuning und Bärbel Magin ihren kleinen Laden 1980 in der Ravensburger Altstadt eröffneten, gab es kein Internet, zum Plattenladen fuhr man nach Stuttgart, Zürich oder München, und Kneipen schlossen in der 50.000 Einwohner zählenden Stadt um 23 Uhr.

Der Zugang zur Welt war medial mühsam, man musste selber etwas dafür tun. Die Buchhandlung in der Ravensburger Altstadt wurde neben Jugendhaus oder Gasthaus Räuberhöhle zum Treff lokaler Außenseiter. Punk und existenzialistische Literatur erweiterten Anfang der 1980er Jahre den provinziellen Blick. Es war kein kleines Kunststück, in dieser tendenziell kultur- und intellektuellenfeindlichen Umgebung ein Geschäft wie "Die Wolke" zu etablieren. Sie brachte Buch- und Subkultur in den frühen 1980er Jahren zusammen und pflegte eine literarisch-snobistische Haltung, die mit einfachen Klassen- oder Parteidogmen nichts zu tun hatte. Selber kaum mehr als Hartz IV zu verdienen, aber dennoch selbstbestimmt zu bleiben und mit Wohlhabenden Wein zu trinken, es schließt sich nicht aus.

An Orten wie Ravensburg waren die Grünen schon früh sehr stark, doch war die Stadt lange eine Hochburg des unaufgeklärten Flügels der baden-württembergischen CDU. Da stellten schon etwas anders gestaltete Schaufenster eine unglaubliche Provokation dar, speziell wenn es um Moral- und Sexualvorstellungen ging, und zogen Steine und Brandsätze nach sich. Doch heute ist vieles anders. Mit dem biologischen Ableben der NS-geprägten Generation ist auch auf dem Land das Leben liberaler geworden. Die Butzenfenster sind aus den Wirtshäusern verschwunden und Gedenksteine erinnern auch in Oberschwaben an ermordete Juden und Sinti und Roma. Doch mit den gepflegten Fußgängerzonen und der schönen neuen Amazon-Welt verschwinden auch die einst im Gegensatz zur alten Welt errichteten Territorien.

Das neue Offene, es wird auch anonymer werden und vielleicht ist das auch gut so. Jedenfalls sind es die Bräunings und Magins, deren - welch antikes Wort - Basisarbeit den geistigen Umschwung im Ländle Richtung Kretsch und Grün-Rot erst mit ermöglichte. Ein Toast auf die letzten Bohemiens dieser untergehenden temporären autonomen Zonen, die nicht in die Großstädte flüchteten und dennoch Großstädter waren, die im Sommer auf der Alm Vieh hüteten, um im Winter den Höhlenbewohnern der Stadt gute Literatur zu verkaufen. Die gibt es, falls Sie in der Nähe sein sollten, noch bis 11. Juni zum halben Preis.

Ein Toast auf die letzten Bohemiens dieser untergehenden autonomen Zonen!

02.11.13

Filme IV

Zero Dark Thirty, Regie: Kathryn Bigelow, 2012
Ein nicht kitschiger Film, weil er Widersprüche zeigt. Ausgehend von der islamistischen Gewalt des 11.9.2001 zeigt er die Jagd auf Osama bin Laden und rückt damit die staatlichte Gewalt in den Blick. Die CIA-Agentin Maya, deren Privatleben und deren Gefühle nicht gezeigt werden, personifiziert den Staat.


Lornas Schweigen,  Regie: Jean-Pierre und Luc Dardenne, 2008
Ebenfalls ein sehr guter Film. Er erinnert an die Filme von Michael Haneke und Christian Petzold. Wikipedia zitiert einige treffende Pressestimmen:
Die Filmzeitschrift epd Film schrieb, das Kino der Brüder Dardennes sei eine „elliptische Kunst“. Was nicht wichtig sei für die innere Wahrheit einer Sequenz, werde ausgespart. Kein Bild, kein Ton scheine bei ihnen überflüssig. Die großen dramatischen Gesten verkneife man sich. Keine „aufstöhnende Musik, keine langwierigen Tränenausbrüche, keine ausgespielten inneren Abgründe. Und dennoch geht es um alles und das in jeder Einstellung. Um Sterben und Leben, Schuld und Unschuld. Und nichts davon ist eine Sache von Märtyrertum oder höherer Gerichtsbarkeit.“
Cinema bezeichnete den Film als „radikalen Realismus für Cineasten: Der Zuschauer als nüchterner Beobachter einer unsentimentalen Erzählung, die Durchhaltevermögen erfordert“, und kam zu dem Fazit „beklemmendes Kunstkino mit toller Darstellerin“.
Michael Ranze schrieb im Hamburger Abendblatt, der Film sei „eine hoch moralische und doch sehr einfache Geschichte über den Warenwert menschlicher Beziehungen.“ Lange habe man keinen Film mehr gesehen, in dem so oft Geld gezählt und übergeben, versteckt und gezahlt werde. Lorna lade dadurch, ihrem Traum von einem besseren Leben alles unterzuordnen, Schuld auf sich.

Denis Diderot

Matthias Greffrath veröffentlichte in der Zeit vom 2.10. ein Porträt Diderots. Interessant ist, dass die Aufklärer des 18. Jahrhunderts die Encyclopédie auf eine recht parteiische Weise schrieben. Sie bemühten sich nicht, das Wissen ihrer Zeit als außenstehende Beobachter zu sammeln und in ihrem Lexikon aufzuschreiben. Wahrheit war für sie nicht neutral und objektiv, nicht auf Pluralismus bedacht, wahr war die Kritik an den bestehenden Verältnissen.

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