Walter Benjamin

Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten.
Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht.

Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, Band I, Seite 1241.

26.09.16

Geschichtsfeindlichkeit der bürgerlichen Gesellschaft



Diese deutsche Entwicklung, flagrant erst nach dem Zweiten Weltkrieg, deckt sich aber mit der seit Henry Fords “History is bunk” bekannten Geschichtsfremdheit des amerikanischen Bewußtseins, dem Schreckbild einer Menschheit ohne Erinnerung. Es ist kein bloßes Verfallsprodukt, keine Reaktionsform einer Menschheit, die, wie man so sagt, mit Reizen überflutet ist und mit ihnen nicht mehr fertig wird, sondern es ist mit der Fortschrittlichkeit des bürgerlichen Prinzips notwendig verknüpft. Die bürgerliche Gesellschaft steht universal unter dem Gesetz des Tauschs, des „Gleich um Gleich“ von Rechnungen, die aufgehen, und bei denen eigentlich nichts zurückbleibt. Tausch ist dem eigenen Wesen nach etwas Zeitloses, so wie ratio selber, wie die Operationen der Mathematik ihrer reinen Form nach das Moment von Zeit aus sich ausscheiden. So verschwindet denn auch die konkrete Zeit aus der industriellen Produktion. Diese verläuft immer mehr in identischen und stoßweisen, potentiell gleichzeitigen Zyklen und bedarf kaum mehr der aufgespeicherten Erfahrung. Ökonomen und Soziologen wie Werner Sombart und Max Weber haben das Prinzip des Traditionalismus den feudalen Gesellschaften zugeordnet und das der Rationalität den bürgerlichen. Das sagt aber nicht weniger, als daß Erinnerung, Zeit, Gedächtnis von der fortschreitenden bürgerlichen Gesellschaft selber als eine Art irrationaler Rest liquidiert werden, ähnlich wie die fortschreitende Rationalisierung  der industriellen Produktionsverfahren mit anderen Resten des Handwerklichen auch Kategorien wie die der Lehrzeit, also des sich Erwerbens von Erfahrung, reduziert. Wenn die Menschheit der Erinnerung sich entäußert und sich kurzatmig erschöpft in der Anpassung ans je Gegenwärtige, so spiegelt sich darin ein objektives Entwicklungsgesetz.

Aus: Theodor W. Adorno, Was bedeutet Aufarbeitung der Vergangenheit. Zitiert nach: Theodor W. Adorno, Erziehung zur Mündigkeit, Vorträge und Gespräche mit Hellmut Becker 1959-1969, herausgegeben von Gerd Kadelbach, Frankfurt am Main 1982, S. 13.
(Dieser Absatz entstammt dem ursprünglichen Vortrag von 1959. Er fehlt in der gedruckten Fassung von 1963.)

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