Der Triumph der Viet Minh über
französische Truppen in Dien Bien Phu 1954 zwang Frankreich zur Aufgabe
seiner Kolonien in Südostasien. von Sascha Daniel Wölck
Jungle World Nr. 18, 30. April 2014
McDonald’s, das war auch der BBC eine Meldung wert, hat im Februar
dieses Jahres seine erste Filiale in Vietnam eröffnet. In einer
offiziell noch immer sozialistischen Republik mag das erstaunlich
erscheinen, doch der Siegeszug des Kapitalismus ist keine neue
Erscheinung. Während die vor Tageslicht geschützte einbalsamierte Leiche
Ho Chi Minhs im Mausoleum in Hanoi Staub fängt, ändert sich unterm
freien Himmel nur, dass neben Adidas, KFC und Coca-Cola jetzt auch
McDonald’s an dem schnell wachsendem Markt partizipiert.
Das eigentlich Bemerkenswerte an diesem Debüt von McDonald’s ist,
dass es nicht nur mit dem Jubiläum der Niederlage der Franzosen
zusammenfällt, sondern dass die Adresse der ersten Filiale ausgerechnet
Ho Chi Minh City, 2–6 Dien Bien Phu ist. Dass Frankreichs Niederlage in
Dien Bien Phu den USA den Weg zur Hegemonie im Süden des Landes ebnete,
dürfte allerdings nicht ausschlaggebend gewesen sein.
Während des Zweiten Weltkriegs hatte die Viet Minh (Liga für die
Unabhängigkeit Vietnams) auf Seiten der Alliierten gegen Japan gekämpft.
Sie vertraute auf die in Jalta von US-Präsident Franklin D. Roosevelt
in Aussicht gestellte Unabhängigkeit kolonisierter Länder und wurde von
den USA mit Waffen ausgerüstet. Zuversichtlich erklärte Ho Chi Minh nach
der Kapitulation Japans am 2. September 1945 die Unabhängigkeit
Vietnams. Er zitierte die Unabhängigkeitserklärungder USA,
US-amerikanische Flugzeuge drehten eine Ehrenrunde, von der Tribüne
winkten US-amerikanische Offiziere. In Vietnam war für einen Moment die
Welt in Ordnung.
Der Frieden hielt jedoch nicht lange. Die französische
Regierung war überzeugt, dass die Schäden des Zweiten Weltkriegs nicht
ohne die Kolonien zu bewältigen seien. Für die US-Regierungen nach
Roosevelt waren im beginnenden Kalten Krieg Frankreich, die Europäische
Verteidigungsgemeinschaft und die Nato wichtiger als die
Unabhängigkeitsbewegungen Südostasiens. Überdies verkannten die USA die
Viet Minh als kommunistische Bedrohung, gegen die offensiv vorgegangen
werden müsse. Freilich war die Viet Minh links, aber vornehmlich eine
antikoloniale Befreiungsbewegung, deren Führung durchaus Sympathie für
Frankreich und die USA hatte.
Mit Unterstützung der USA versuchte Frankreich, seine Kontrolle über
Vietnam wiederherzustellen. Während Ho Chi Minh das Gespräch suchte,
sabotierte die französische Regierung unverhohlen seine Bemühungen. Nach
dem Beschuss der Stadt Hai Phong durch französische Kanonenboote am
23. November 1946, der rund 6 000 Zivilisten das Leben kostete, gab die
Viet Minh schließlich resigniert den Dialog auf.
Die einzige politisch bedeutende Person, die sich bereit erklärte,
einer von Frankreich ernannten Regierung vorzustehen, war Bao Dai,
Kaiser der Nguyen-Dynastie. Frankreichs Kolonialkrieg wurde seit 1950 zu
weiten Teilen mit Material und Finanzmitteln der USA geführt. Das
aggressive militärische Vorgehen erwies sich als kontraproduktiv und
stärkte die Viet Minh. Während diese nach Kriegsende 5 000 Mitglieder
zählte, waren es vier Jahre später 700 000. Nachdem im Herbst 1949 in
China die Maoisten die Oberhand gewonnen hatten und es der Viet Minh
gelungen war, die Kontrolle über alle Grenzregionen zu China zu
gewinnen, konnte sie aus dem Norden ungestört Material entgegenzunehmen,
was den Druck auf die Franzosen erhöhte. Bis zum Jahresende 1952 hatten
die Franzosen über 90 000 Gefangene, Verwundete und Tote zu beklagen.
General Henri Navarre suchte den Ausweg darin, der Viet Minh, die
überwiegend mit Guerillataktiken vorging, eine konventionelle Schlacht
aufzuzwingen. In einer Befestigungsanlage bei dem Dorf Dien Bien Phu
machte er 1954 den scheinbar richtigen Ort dafür aus. Für Navarres Wahl
war das Kalkül ausschlaggebend, dass er durch die Verdichtung seiner
Truppen an der Grenze zu Laos die Zusammenarbeit der nationalen
Befreiungsbewegungen auf beiden Seiten der Grenze, der Pathet Lao und
der Viet Minh, erheblich beeinträchtigen könne und dass es den Viet Minh
nicht gelingen würde, schweres militärisches Gerät in den umliegenden
Bergen zu platzieren.
Von den Franzosen unbemerkt, zogen jedoch in einer logistischen und
taktischen Meisterleistung, die General Vo Nguyen Giap zugesprochen
wird, annähernd 100 000 Zivilisten Artillerie und Munition die Berge
hinauf. Sie legten ein komplexes Netz aus Schächten und Tunneln an, in
denen Geschütze und Soldaten bewegt und in Deckung gebracht werden
konnten. Die französischen Außenposten Na San und Lai Chau, die als Teil
eines Sperrgürtels dienen sollten, fielen bereits 1953, womit der
Versuch, die laotischen von den vietnamesischen Truppen zu isolieren,
schon im Ansatz gescheitert war.
Im Februar 1954 detonierten im französischen Lager das erste Mal Artilleriegeschosse
der Viet Minh. Die Verteidigungsanlagen waren nicht für den Beschuss
mit schwerer Artillerie ausgestattet, hinter Sandsäcken erwartete man
Infanterieangriffe. Das Gegenfeuer schlug ins Leere, denn die Viet Minh
täuschte mit Pyrokörpern die Franzosen über die eigene Position. Bald
waren die etwa 16 000 französischen Soldaten, unter ihnen viele deutsche
Fremdenlegionäre, von einem zahlenmäßig überlegenen Gegner
eingeschlossen.
Nach Zerstörung der französischen Landebahn musste der Nachschub per
Fallschirm abgeworfen werden. Nach wenigen Tagen brach die Versorgung
der verwundeten Soldaten zusammen. Am 13. März verstärkte die Viet Minh
ihre Angriffe, zwei der drei in der Ebene stationierten Artillerieposten
fielen binnen zweier Tage. Der französische Posten Anne Marie wurde
hauptsächlich von Soldaten aus Thailand verteidigt. Nach intensivem
Beschuss boten ihnen die Viet Minh via Megaphon freies Geleit an – und
sie zogen ab. Als er erkannte, dass die französische Artillerie den Viet
Minh nichts entgegensetzen konnte, zog sich der Kommandant der
französischen Artillerie, Charles Piroth, in seinen Bunker zurück,
befestigte an seiner Hüfte eine Handgranate und nahm sich das Leben.
Von den USA entsandte B-26-Bomber konnten die französische Niederlage
nicht abwenden. Bei den französisch-amerikanischen Beratungen wurde
sogar ein Atomschlag in Erwägung gezogen, doch erschien das politische
Risiko zu hoch, zumal es von Verbündeten wie Großbritannien keine
Unterstützung für eine solche Eskalation gab. Am 7. Mai 1954, nach einer
55 Tage dauernden Einkesselung, kapitulierten die aufgeriebenen
französischen Truppen.
In der darauf folgenden Indochina-Konferenz in Genf spiegelte sich
der militärische Triumph der Viet Minh, »Frankreichs Stalingrad«, so Die
Zeit, in keiner Weise wider. Entlang des 17. Breitengrades wurde das
Land in die Demokratische Republik Vietnam im Norden und die Republik
Vietnam im Süden geteilt. Die US-Regierung übernahm eine Garantie für
die Sicherheit Südvietnams, Laos’ und Kambodschas. Für 1956 wurden freie
Wahlen in ganz Vietnam vereinbart, die die Wiedervereinigung
vorbereiten sollten. Sie wurden jedoch von der Regierung im Süden und
den USA verhindert, da kein Zweifel daran bestand, dass Ho Chi Minh die
Mehrheit erhalten würde.
Während des US-Einsatzes in Vietnam war Dien Bien Phu eine ständige
Bedrohung. Als General Giap 1968 in Khe Sanh eine vergleichbare
US-amerikanische Stellung mit Truppen angriff, die auch an den Kämpfen
in Dien Bien Phu beteiligt waren, veranlasste Präsident Lyndon B.
Johnson die dichteste Bombardierung des 20. Jahrhunderts. Es brauchte
Tage, bis seine Regierung das eigentliche Ereignis erkannte: Die
Tet-Offensive, deren Ziel nicht zuletzt die US-Botschaft in Saigon war
und die letztlich zur »Vietnamisierung« des Krieges, dem Abzug der
amerikanischen Kampftruppen, führte. Das Regime im Süden sollte jedoch
erst 1975 zusammenbrechen. Nach 30 Jahren Krieg kehrte Frieden ein, 1976
wurde Vietnam wiedervereinigt.
Der über Vietnam hinaus populäre Stratege der Schlacht, Vo Nguyen Giap,
nimmt in der Geschichte einen Platz als »Napoleon des Ostens«, oder,
wie im Magazin der regierungseigenen Vietnam Airlines, als »roter
Napoleon« ein. 2013, ein Jahr vor dem 60. Jubiläum der Schlacht in Dien
Bien Phu, ist er im Alter von 102 Jahren gestorben. Er gilt mittlerweile
weniger als sozialistischer Revolutionär denn als Nationalheld und wird
neben spirituelle Größen gestellt. Auf den Märkten kann man bereits
neben Buddha-Darstellungen sein Poträt als Vexierbild erwerben. Wenn man
die Perspektive wechselt, erscheint Ho Chi Minh.
Zu dem Wenigen, das deutlich daran erinnert, dass man sich in Vietnam
in einer Sozialistischen Republik befindet, gehört die
Informationspolitik. Mit einem Netz im öffentlichen Raum montierter
Lautsprecher kann die Partei jeden Vietnamesen erreichen. Werbung
dominiert zwar, aber es lassen sich auch noch zahlreiche sozialistische
Poster und Banner finden. Ho Chi Minhs Parole »Es gibt nichts
Wichtigeres als Unabhängigkeit und Freiheit« ist über Tausenden von
Straßeneinfahrten angebracht. Für unverheiratete Männer und Frauen hat
dies längst eine eigene Bedeutung angenommen.
Während der Jahrestag des Sieges von Dien Bien Phu näherrückt, steht
der 84. Jahrestag der Kommunistischen Partei im Vordergrund der
Propaganda. Langsam kommen Darstellungen hinzu, die an die Befreiung
Saigons erinnern, die sich am 30. April zum 39. Mal jährt. Der erste
Sieg einer antikolonialen Bewegung über eine moderne westliche Armee in
der konventionellen Kriegführung markiert das Ende einer Ära, war für
Vietnam aber möglicherweise nur eine Zäsur im längsten Krieg des
20. Jahrhunderts. Wichtiger als das Gedenken an den Sieg über die
Franzosen scheint die Erinnerung daran zu sein, dass die Partei zwar
alt, aber immer noch da ist.
Walter Benjamin
Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten.
Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht.
Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, Band I, Seite 1241.
Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht.
Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, Band I, Seite 1241.
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