Walter Benjamin

Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten.
Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht.

Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, Band I, Seite 1241.

09.11.15

Heinrich Heine

Heinrich Heine, Kritiker der modernen Gesellschaft in den "Französischen Zuständen" und "Lutetia"
 
Heine, dessen Eintritt in die bürgerliche Gesellschaft Deutschlands aus ökonomischen, sozialen und politischen Gründen gescheitert war (ausführlich im empfehlenswerten Handbuch Artikel: Der Außenseiter: Jude, Emigrant, Intellektueller. S. 34), steht, als er im Mai 1831 nach Paris, „dem neuen Jerusalem“, „der Spitze der Welt“, geht, vor dem Problem, wie er seinen Lebensunterhalt verdienen soll. Deswegen erneuert er seine Verbindungen zum Verleger Cotta. Dieser gibt die 1798 in Tübingen gegründete „Augsburger Allgemeine Zeitung“ heraus, die man wohl „die Allgemeine Zeitung von Europa nennen dürfte“, wie Heine in der Vorrede zu den „Französischen Zuständen“ meint. In Süddeutschland und Österreich ist sie die bedeutendste Zeitung und auch in Preußen ein Spitzenblatt.
I
Der erste Artikel, den Heine nach Augsburg liefert, ist ein Bericht über den „Salon“ (Sammons, Heinrich Heine, Stuttgart 1991, S. 72), d.h. über eine Gemäldeausstellung im Louvre. Dieser Bericht liefert später den Titel für vier Sammel-Bände seiner Schriften, die Heine in den dreißiger Jahren herausgibt.
1832 druckt Cottas „Augsburger Allgemeine Zeitung“ eine Reihe von Heines Paris-Berichten über das öffentliche Leben, das Verhältnis der Parteien, die Stimmung des Volkes und die Julimonarchie samt ihrer politischen Protagonisten. Redakteur dieser Aufsätze ist bei der Allgemeinen Zeitung Gustav Kolb, ein ernsthafter Liberaler, der Heine beständig zugetan bleibt und eine ähnlich wichtige Rolle für ihn spielt wie Campe in Hamburg. Heine begnügt sich nicht mit Einzelbeobachtungen, sondern versucht sie symbolisch, metaphorisch und allegorisch auszuwerten, im Bestreben, sich und seinen Lesern Klarheit über die Klassenverhältnisse, die noch einmal von der bürgerlichen Revolution betrogene Volksmasse, auch über die Fähigkeiten und das maskierte Wesen Louis-Philippes, zu verschaffen.
Heine begrüßt die Julirevolution als Fortsetzung des unvollendeten Umsturzes von 1789 (Handbuch, S.14). Die Julirevolution nimmt für ihn schon deshalb einen wichtigen Platz im Befreiungskampf der Zeit ein, weil Trikolore und Bürgerkönigtum das Prinzip der monarchischen Legitimität durchbrochen haben: Loius-Philippe „le roi des barricades, le roi par la grace du peuple souverain“, verdankt seinen Thron nicht seiner Geburt, sondern der Volkssouveränität. Zu den weiteren liberalen Erfolgen von 1830, die Deutsche beeindrucken mußten (siebentausend dt. Exilanten hielten sich derzeit in Paris auf), gehören die Abschaffung des Katholizismus als Staatsreligion, das Ende der Pressezensur und die Erweiterung des Wahlrechts.
Noch 1832 entschließt sich Heine die ersten neun Artikel und Essays unter dem Titel „Französische Zustände“ als sein erstes rein politisches Werk in Buchform herauszugeben. Dazu schreibt er eine scharfe Vorrede. „Von allen Werken Heines hat keines so gewaltige Ströme polizeilicher Tinte gekostet, wie die Vorrede zu seinen Französischen Zuständen“ schreibt Heinrich Hubert Houben 1926. In diesem Vorwort greift er die alle öffentlichen politischen Aktivitäten verbietenden Bundestagsbeschlüsse (28.6.32) an und bezichtigt den preußischen König Friedrich Wilhelm III. des Meineids, weil er sein Versprechen nach den sog. Befreiungskriegen eine Verfassung zu gewähren, nicht erfüllte. Diese Vorrede führt zu einem Streit mit Campe über die Zensur, mit dem Ergebnis, dass „Französische Zustände“ gegen den Willen Heines mit einer zensierten Vorrede erscheint.

Wollte Heine mit den „Französischen Zuständen“ vorallem dem deutschen Publikum über Kultur und Gesellschaft der Julimonarchie berichten, so sollte, in umgekehrter Richtung, mit den zwei Teilen seines Buchs „De l`Allemagne“ deutsche Literatur und Philosophie in Frankreich vermittelt werden. Während also die Deutschen vom politischen Fortschritt in Frankreich lernen sollten, versuchte Heine das revolutionäre und Potential der deutschen idealistischen Philosophie in Frankreich nach Frankreich zu tragen und war damit ein Vermittler in beide Richtungen.

II
1852 also 20 Jahre nach Erscheinen der „Französischen Zustände“ schreibt Heine an Campe: „In meinem Geiste formiert sich ein Buch, welches Blüte und Frucht, die ganze Ausbeute meiner Forschungen während einem Vierteljahrhundert in Paris sein wird und wo nicht als Geschichtsbuch, doch gewiß als eine Chrestomathie guter publizistischer Prosa, sich in der deutsche Literatur erhalten wird.“ So stellte sich Heine sein Parisbuch vor, das er nach dem alten lateinischen Namen „Lutetia“ nennen wird. Dieses Hauptwerk des politischen Publizisten und Vermächtnis des pacifiken Missionars, sein umfangreichstes Buch überhaupt, bietet sich in einer Fülle von Aufsätzen dar, die zwischen 1840 und 1854 teilweise wieder als Korrespondenzberichte für die Augsburger Allgemeine entstanden.
Mit wachsender zeitlicher Distanz zur Julirevolution, die ihn einst nach Paris gelockt hatte, und mit schwindendem Abstand zur 48er Revolution, entwerfen die Berichte ein nahezu vollständiges Bild der Julimonarchie im Scheitelpunkt ihrer Existenz. Der Untertitel „Berichte über Politik, Kunst und Volksleben“ gibt nur eine grobe Orientierung über die Vielfalt der behandelten Themen und Aspekte des modernen Frankreichs. Die Berichte, Portraits, Geschichten, Kunstfeuilletons, Anekdoten und Rezensionen berichten über die Rolle des Königs und der wichtigsten Politiker, über Außen- und Innenpolitik und sie schildern das glanzvolle kulturelle Leben in der „Hauptstadt des 19. Jahrhunderts“ (Benjamin) – ohne die sich ankündigenden sozialen Konflikte zu vergessen: Der Chronist der Modernität, der seinen Anteil am Paris-Mythos geliefert hat, ist Dialektiker genug, unter der glänzenden Oberfläche die subversive Kraft der wirtschaftlichen Expansion wahrzunehmen.
Der eigentliche Sieger der Julirevolution waren nämlich nicht die Handwerker und Arbeiter, die sie durchgefochten hatten, sondern war das Großbürgertum. Heine schreibt 1839: „Nicht für sich, seit undenklicher Zeit, nicht für sich hat das Volk geblutet und gelitten, sondern für andre. Im Juli 1830 erfocht es den Sieg für jene Bourgeoisie, die eben so wenig taugt wie jene Noblesse, an deren Stelle sie trat, mit demselben Egoismus. Das Volk hat nichts gewonnen durch seinen Sieg, als Reue und größere Not. Aber seid überzeugt, wenn wieder die Sturmglocke geläutet wird und das Volk zur Flinte greift, diesmal kämpft es für sich selber und verlangt den wohlverdienten Lohn.“
An der Macht war also das Großbürgertum. Laut Marx die „aristocratie financiér“ oder wie es Börne schon 1830 nannte die „neue Aristokratie“ über die Heine, ebenfalls im Herbst 1830 an Varnhagen schrieb, dass er diese „aristocratie bourgeoise“ noch mehr hasse als Adel und Kirche. Und zwischen dieser „Aristokratie des Besitzes“ auf der einen und den Besitzlosen auf der anderen Seite sieht Heine in seinem Buch Lutetia den neuen entscheidenden Gegensatz. In Deutschland ist zum gleichen Zeitpunkt immer noch der Gegensatz zwischen Fürsten und Volk bestimmend.
Die fortgeschrittenere Konstellation in Frankreich wird von Heine in Lutetia beschrieben und begrüßt, treibt doch die Bewegung der modernen kapitalistischen Gesellschaft auf eine neue Revolution zu, die von 1848.
„Lutetia“ blieb in Deutschland, das sich in den 50ern nicht mehr für den Vormärz interessierte, der Erfolg versagt. Beim französischen Publikum landete er mit der Übersetzung einen Volltreffer und wurde gefeiert.

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