Walter Benjamin
Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten.
Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht.
Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, Band I, Seite 1241.
Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht.
Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, Band I, Seite 1241.
11.12.16
Christian Kracht: Imperium
Der Roman handelt von einem historisch verbürgten Aussteiger, der wenige Jahre vor Beginn der Ersten Weltkriegs in das deutschen Kolonialgebiete im Pazifik geht, dort eine Kokosnussplantage gründet und beschließt, sich ausschließlich von Kokosnüssen zu ernähren. Diese Expedition endet tragisch. Weil aber die ganze Geschichte im Stil der Jahrhundertwende, z.B. auch von einem auktorialen Erzähler, erzählt wird, ist sie auch Komödie. So gelingt es auf satirische und recht unterhaltsame Weise am Beispiel des August Engelhardt das deutsche Unbehagen an der Zivilisation zu kritisieren.
15.11.16
Cord Riechelmann über Klaus Behnken
Nachruf aus der Jungle-World: Vom SDS über den März-Verlag zum Zeitungsgründer: Was Klaus Behnken für die Linke bedeutet hat.
12.11.16
Christian Kracht: Die Toten
Ich war tatsächlich überrascht, dass es Gegegenwartsliteratur gibt, die so gut konstruiert, so dicht formuliert, auch aufwändig recherchiert und dabei sehr unterhaltsam ist. Der Mann versteht sein Handwerk.
Wolfgang Herrndorf
Das Bild auf dem Umschlag ist von der Hand des Autors und hing lange an der Wand über seinem Schreibtisch, wie die Herausgeber seines Romanfragments "Bilder deiner großen Liebe" schreiben. Zu diesem Landschaftsgemälde passt z.B. das 25. Kapitel:
Ich gehe im Tannenwald bergan. Vor Hunger komme ich kaum noch voran. Es zerrt an meinen Eingeweiden. Es klappt mich zusammen. Ich reiße Blätter von Sträuchern ab, stopfe sie in den Mund und spucke sie wieder aus. Ich probiere weiter Bäume und Sträucher und Gräser, bis ich etwas finde, das einigermaßen schmeckt. Darauf kaue ich herum. Aber viel hilft es nicht.
Als ich auf einen Wanderweg stoße, warte ich, bis Wanderer vorbeikommen. Ich frage sie nach Essen. Sie starren auf meine nackten Füße. Ein Mann fängt an mir Fragen zu stellen. Ich sehe, wie zwei andere ihre Handys rausholen. Sie schauen sich besorgt an, dann sehen sie mich an, dann steckt einer sein Handy wieder ein. Ich sage dem anderen, dass er das Handy auch wegstecken kann.
"Da im Tal", sage ich. "Da wohn ich. Da bin ich rauf. Ich hätte frühstücken sollen. Vor dem Bergsteigen muss man immer frühstücken.
Einige glauben mir, andere nicht. Eine Frau tritt an den Rand, sieht kein Haus und will die Polizei rufen. Ein Mann schüttelt den Kopf.
Ich nehme die Brote, die er mir hinhält, und gehe.
"Kannst wenigstens Danke sagen".
Nachdem ich alles gegessen habe, steige ich wieder in den Wald, weiter bergan.
Hinter einem Gebüsch stolpere ich über einen Kadaver. Eine Wolke Fliegen rauscht vor mir hoch. Ich nehme den Ellenbogen vors Gesicht. Da liegt ein Rehbock in einer Pfütze aus schwarzem Blut und ohne Augen. (...) (S. 99 f.)
Filme
Das Tagebuch der Anne Frank, 2016, Regie: Hans Steinbichler
Der Film ist konventionell aufgebaut, aber er macht eindrücklich klar, dass das Tagebuch von Anne Frank kein historisches Sachbuch, sondern ein Adoleszenzroman ist, zudem von einer sehr talentierten Schriftstellerin.
Vor der Morgenröte, 2016, Regie: Maria Schrader
Ein sehr gelungenes Stück zum Verhältnis von Kunst und politischem Engagement.
Einem Journalisten sagt Stefan Zweig: "Jede Widerstandsgeste, die kein Risiko in sich birgt und keine Wirkung hat, ist nichts als geltungssüchtig." Im Anschluss an den Film habe ich Zweigs historische Miniatur über Napolenons Niederlage 1815 gelesen, "Die Weltminute von Waterloo".
Polizeiruf 110: Wölfe, 2016, Regie: Christian Petzold
Der Plot ist einfach, aber die Story ist gut. Zurückhaltend und dadurch wirksam setzt Petzold die Musik ein.
Der Film ist konventionell aufgebaut, aber er macht eindrücklich klar, dass das Tagebuch von Anne Frank kein historisches Sachbuch, sondern ein Adoleszenzroman ist, zudem von einer sehr talentierten Schriftstellerin.
Vor der Morgenröte, 2016, Regie: Maria Schrader
Ein sehr gelungenes Stück zum Verhältnis von Kunst und politischem Engagement.
Einem Journalisten sagt Stefan Zweig: "Jede Widerstandsgeste, die kein Risiko in sich birgt und keine Wirkung hat, ist nichts als geltungssüchtig." Im Anschluss an den Film habe ich Zweigs historische Miniatur über Napolenons Niederlage 1815 gelesen, "Die Weltminute von Waterloo".
Polizeiruf 110: Wölfe, 2016, Regie: Christian Petzold
Der Plot ist einfach, aber die Story ist gut. Zurückhaltend und dadurch wirksam setzt Petzold die Musik ein.
Tabus über dem Lehrberuf
1963 hielt Adorno
den Vortrag Tabus über dem Lehrberuf, in dem er einige Motive der Abneigung
gegen den Lehrberuf skizzierte:
- Der Lehrer ist der Nachkomme von griechischem Sklaven, Mönch, Schreiber und Hofmeister.
- Er hat sich anders als die freien Beruf nicht in der Konkurrenz zu bewähren.
- Man nimmt seine Macht, da er sie nur über Kinder ausübt, nicht ernst.
- Alle Pädagogik hat das Problem, dass „die Sache, die man betreibt, auf die Rezipierenden zugeschnitten wird, keine rein sachliche Arbeit um der Sache willen ist.“
- Lange Zeit übten Lehrer körperliche Gewalt aus.
- Man betrachtet ihn, „weil er in eine Kinderwelt eingespannt ist“, auch in erotischer Hinsicht nicht als Erwachsenen.
- Man wirft ihm Weltfremdheit vor.
- „Die Zivilisation, die er ihnen antut, die Versagungen, die er ihnen zumutet, mobilisieren in den Kindern automatisch die imagines des Lehrers, die im Laufe der Geschichte sich angehäuft haben.“
- „Es ist darum so verzweifelt schwer für die Lehrer, es recht zu machen, weil ihr Beruf ihnen die in den meisten anderen Berufen mögliche Trennung ihrer objektiven Arbeit (…)vom persönlichen Affekt verwehrt.“
26.09.16
Geschichtsfeindlichkeit der bürgerlichen Gesellschaft
Diese deutsche
Entwicklung, flagrant erst nach dem Zweiten Weltkrieg, deckt sich aber mit der
seit Henry Fords “History is bunk” bekannten Geschichtsfremdheit des
amerikanischen Bewußtseins, dem Schreckbild einer Menschheit ohne Erinnerung. Es
ist kein bloßes Verfallsprodukt, keine Reaktionsform einer Menschheit, die, wie
man so sagt, mit Reizen überflutet ist und mit ihnen nicht mehr fertig wird,
sondern es ist mit der Fortschrittlichkeit des bürgerlichen Prinzips notwendig
verknüpft. Die bürgerliche Gesellschaft steht universal unter dem Gesetz des
Tauschs, des „Gleich um Gleich“ von Rechnungen, die aufgehen, und bei denen
eigentlich nichts zurückbleibt. Tausch ist dem eigenen Wesen nach etwas Zeitloses,
so wie ratio selber, wie die Operationen der Mathematik ihrer reinen Form nach
das Moment von Zeit aus sich ausscheiden. So verschwindet denn auch die
konkrete Zeit aus der industriellen Produktion. Diese verläuft immer mehr in
identischen und stoßweisen, potentiell gleichzeitigen Zyklen und bedarf kaum
mehr der aufgespeicherten Erfahrung. Ökonomen und Soziologen wie Werner Sombart
und Max Weber haben das Prinzip des Traditionalismus den feudalen Gesellschaften
zugeordnet und das der Rationalität den bürgerlichen. Das sagt aber nicht
weniger, als daß Erinnerung, Zeit, Gedächtnis von der fortschreitenden
bürgerlichen Gesellschaft selber als eine Art irrationaler Rest liquidiert
werden, ähnlich wie die fortschreitende Rationalisierung der industriellen Produktionsverfahren mit
anderen Resten des Handwerklichen auch Kategorien wie die der Lehrzeit, also
des sich Erwerbens von Erfahrung, reduziert. Wenn die Menschheit der Erinnerung
sich entäußert und sich kurzatmig erschöpft in der Anpassung ans je
Gegenwärtige, so spiegelt sich darin ein objektives Entwicklungsgesetz.
Aus: Theodor W.
Adorno, Was bedeutet Aufarbeitung der Vergangenheit. Zitiert nach: Theodor W.
Adorno, Erziehung zur Mündigkeit, Vorträge und Gespräche mit Hellmut Becker
1959-1969, herausgegeben von Gerd Kadelbach, Frankfurt am Main 1982, S. 13.
(Dieser Absatz
entstammt dem ursprünglichen Vortrag von 1959. Er fehlt in der gedruckten
Fassung von 1963.)
23.06.16
Das letzte Gefecht
Unter dem Titel "Das letzte Gefecht" hat Jan Gerber eine Reihe von Aufsätzen und Referaten zu einem schmalen Buch zusammengestellt, in dem er der Frage nachgeht, wie sich die weltpolitische Konstellation des Kalten Krieges auf die außerparlamentarische Linke in Deutschland auswirkte. Das Buch ist stimmig gegliedert und scheut sich nicht, auch Schulbuchwissen zu rekapitulieren, wo es zum Verständnis der linken Ideengeschichte hilfreich ist. Vier Hauptthesen lauten: Die Oktoberrevolution von 1917 blieb bis 1989 Bezugspunkt, weil sie siegreich war und so Symbol für die Veränderbarkeit der Welt wurde; Ab 1941 galt die Sowjetunion, nach dem Versagen des Westens z.B. im Spanischen Bürgerkrieg als antifaschistische Macht; Wegen der Politik der USA in den 50er und 60er galt die Sowjetunion auch als „antiimperialistischen“ Kraft, obwohl sie ja im eigenen Herrschaftsbereich das „Selbstbestimmungsrecht der Völker“ nicht achtete; An diesen Ideen (Revolution, Antifaschismus und Antiimperialismus) habe sich die westdeutsche Linke orientiert.
21.05.16
Nachtrag zum Film L' Aveu
In einem Vortrag erläutert Jan Gerber die Hintergünde des Slansky-Prozesses und erklärt, dass dieser nicht allein von Moskau gewünscht war, sondern Gründe hatte, die in der tschechischen Geschichte lagen.
02.05.16
Costa-Gavras
Das Geständnis, Regie: Costa-Gavras, 1970
Der Film basiert auf dem Bericht des tschechoslowakischen Kommunisten Artur London, einem Angeklagten im Slánský-Prozess. Er heißt im Film Artur Ludvik und wird von Yves Montand gespielt. Das Drehbuch wurde von Jorge Semprun verfasst. Der Film lässt erahnen, was die stalinschen Säuberungen bedeuteten.
Z, Regie Costa-Gavras, 1969
Vor dem Hintergrund der griechischen Militärdiktatur entstandener Streifen; bekam 1969 den "Prix du Jury" (nicht zu verwechseln mit der Goldenen Palme) und gilt als Klassiker des Politthrillers.
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