Nun mag es wohl auch
die Art, wie man Wissenschaft und Sprachen treibt und lehrt, gewesen sein, was
unserm ungeduldigen, besser begabten Jünglinge harte Fesseln anlegte. Man mag
über dererlei Erziehungsanstalten sagen, was man will, so bleibt immerhin wahr,
dass dem einzelnen Lehrer zuviel Gewalt überlassen ist. Sieht man, wie oft ein
solcher von äußerst beschränktem Geiste, wenn auch von vielem Wissen ist, wie
unklar, zwecklos, mit welchen Umwegen zum Ziele gearbeitet wird, wie man alles
erschwert, wie selten die Lehrer Männer von hellem Kopf und Urteil sind, wie
wenig sie die Mittel verstehen, um die Jugend zu leiten, wie wenig sie Talent
und Kraft haben, um aufkeimende Fähigkeiten zu wecken, zu nähren, auf guten Weg
zu bringen, wie gänzlich solche Stubenmenschen mit dem Leben unbekannt sind,
wie wenig sie den Menschen kennen, so kann man begreifen, wie es möglich ist,
dass oft Talente von Bedeutung gänzlich irre geleitet und in Gefahr gebracht
werden, nie mehr durch eigene Selbsterziehung verbessern zu können, was in
frühern Jahren durch die Engbrüstigkeit und Unfähigkeit der Lehrer an ihnen
verdorben wurde. Statt dass dieser im Stande sein sollte, jede Eigentümlichkeit
der Schüler herauszufinden, und je nach der Beschaffenheit des Individuums so
oder anders auf seine Rezeptivität zu wirken, macht man keinen Unterschied,
sondern treibt sie mechanisch auf eine Art zu einer Arbeit an, als wenn sie nichts als gleich gebaute Uhren wären, deren
Stahlfeder der Lehrer nach Belieben aufzöge. Diese traurige Erfahrung mag auch
auf das ohnedies so verletzbare und empfindliche Wesen unsers jungen Dichters
gewirkt haben. Jedoch studierte er mit Eifer die alten Sprachen, gehörte zu
den Besten, und war besonders für das Griechische eingenommen.
aus: Wilhelm Waiblinger: Friedrich Hölderlins Leben, Dichtung und Wahnsinn, Winter 1827/28.
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