Walter Benjamin

Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten.
Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht.

Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, Band I, Seite 1241.

02.03.14

W. Waiblinger über evangelische Schulen


Nun mag es wohl auch die Art, wie man Wissenschaft und Sprachen treibt und lehrt, gewesen sein, was unserm ungeduldigen, besser begabten Jünglinge harte Fesseln anlegte. Man mag über dererlei Erziehungsanstalten sagen, was man will, so bleibt immerhin wahr, dass dem ein­zelnen Lehrer zuviel Gewalt überlassen ist. Sieht man, wie oft ein solcher von äußerst beschränktem Geiste, wenn auch von vielem Wissen ist, wie un­klar, zwecklos, mit welchen Umwegen zum Ziele gearbeitet wird, wie man alles erschwert, wie selten die Lehrer Männer von hellem Kopf und Urteil sind, wie wenig sie die Mittel verstehen, um die Jugend zu leiten, wie wenig sie Talent und Kraft haben, um aufkeimende Fähigkeiten zu wecken, zu nähren, auf guten Weg zu bringen, wie gänzlich solche Stubenmenschen mit dem Leben unbekannt sind, wie wenig sie den Menschen kennen, so kann man begreifen, wie es möglich ist, dass oft Talente von Bedeutung gänzlich irre geleitet und in Gefahr gebracht werden, nie mehr durch eigene Selbster­ziehung verbessern zu können, was in frühern Jah­ren durch die Engbrüstigkeit und Unfähigkeit der Lehrer an ihnen verdorben wurde. Statt dass dieser im Stande sein sollte, jede Eigentümlichkeit der Schüler herauszufinden, und je nach der Beschaf­fenheit des Individuums so oder anders auf seine Rezeptivität zu wirken, macht man keinen Unter­schied, sondern treibt sie mechanisch auf eine Art zu einer Arbeit an, als wenn sie nichts als gleich ge­baute Uhren wären, deren Stahlfeder der Lehrer nach Belieben aufzöge. Diese traurige Erfahrung mag auch auf das ohnedies so verletzbare und empfindliche Wesen unsers jungen Dichters ge­wirkt haben. Jedoch studierte er mit Eifer die alten Sprachen, gehörte zu den Besten, und war beson­ders für das Griechische eingenommen.
aus: Wilhelm Waiblinger: Friedrich Hölderlins Leben, Dichtung und Wahnsinn, Winter 1827/28.

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