Walter Benjamin

Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten.
Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht.

Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, Band I, Seite 1241.

25.03.12

Der Verrat





















Im Vergleich zum Buch von Volker Ullrich ist Haffners Buch ausführlicher, bezieht deutlicher Stellung, erhebt Anklage, wagt auch psychologische Vermutungen darüber, was z.B. Ludendorff oder Ebert zu ihren politischen Entscheidungen veranlasste undist dadurch noch spannender. Laut Haffner bestand im Herbst 1918 nicht die Wahl zwischen bürgerlicher Demokratie oder Kommunismus, sondern zwischen der Fortführung des Kaiserreichs unter sozialdemokratischer Regierung, das sei der Wunsch Eberts gewesen, und der Revolution. Die revolutionäre Massenbwegung, die sich Anfang November 1918, dann wieder Anfang Januar 1919 und ein letztes Mal im Frühjahr 1920 erhob, sei weniger kommunistisch gewesen, als vielmehr proletarisch, demokratisch und antimilitaristisch. "Die Massen griffen (...) nach der Staatsmacht, nicht nach der Wirtschaftsmacht. Sie besetzten nicht die Fabriken, sondern die Ämter und Kasernen. Sie wählten als Volksbeauftragte sozialdemokratische Führer." (S. 239) Der kaiserzeitliche Obrigkeitsstaat habe also räte-demokratisch revolutioniert werden sollen. Während Bayerns Ministerpräsident Kurt Eisner sich diese Ziele zu eigen machte und sie vielleicht durchgesetzt hätte, wäre er nicht erschossen worden, rief Ebert die protofaschsitischen Freikorps zur Hilfe um die Revoltion zu ersticken.
Die Sozialisierungsbestrebungen, sie Ullrich beschreibt, bewertet Haffner als weniger bedeutsam.

24.03.12

Wer wenn nicht wir















wer wenn nicht wir (2011, Regie: Andreas Veiel)

Der Film hat einige starke Szenen. Gleich zu Beginn erklärt Nazi-Dichter Will Vesper dem kleinen Bernward auf die liebenswürdigste Art, warum er die Katze dessen Katze erschießen musste. Später erzählt Bernward diese Geschichte einem Psychater, nachdem er seine Inneneinrichtung aus dem Fenster in den Innenhof geworfen hat - auch eine beeindruckende Szene. Bernward tut einem leid, weil er es nicht schafft zwischen seinem Vater als Vater und als Schriftsteller zu unterscheiden, was im Walter Jens empfiehlt. (Interessant, weil Jens seine eigene Mitgliedschaft in der NSDAP immer verschwieg.) So wird B. dann immer wieder mit Anspielungen auf den Vater aufgezogen.
Von Gudrun Ensslin bleibt in Erinnerung, wie sie mit ihrem sympathischen Vater und mit Klaus Röhler streitet. Die Empörung nimmt man der Schauspielerin Lena Lauzemis ab. Und weil Gudrun so aufrichtig moralisch empört ist, möchte sie zur Tat schreiten, wer diesen Tatendrang in Frage stellt, den weist sie rigoros zurecht. Es ist wohl diese ihre Art Kritik abzuwehren, die ihr einen Zug von Überheblichkeit verleiht. (s.a. Film-Titel) Im Film wird nicht deutlich, was Ensslin liest, ob sie auch durch theoretische Überlegungen motiviert ist. Vielleicht findet sich dazu etwas in Gerd Koenens Buch zum Thema.

Willy Huhn

In seinem Aufsatz: Etatismus – "Kriegssozialismus" – “Nationalsozialismus” in der Literatur der deutschen Sozialdemokratie (1952, ca. 50 Seiten) untersucht Willy Huhn die staatsfreundliche Strömung der Sozialdemokratie von den 1860er bis in die 1920er Jahre. Er geht chronologisch vor, beginnt mit Lasalle und endet mit dem Zusammenschluss des rechten USPD Flügels mit der MSPD. Es kommen einige innerparteiliche Kritiker der Staatsfreunde zu Wort, z.B. Julius Vahlteich, Friedrich Engels, Karl Kautsky, Heinrich Ströbel und desöfteren verweist Huhn auf das Buch The Road to Serfdom (1944) des späteren Nobelpreisträgers F.A. Hayek.
Es ist haarsträubend, wie sozialdemokratische Intellektuelle (sie kommen in Huhns Essay reichlich zu Wort) in den Jahren 1914 bis 18 den Krieg rechtfertigten und die damalige staatliche Wirtschaftslenkung begrüßten, während Arbeiter und Arbeiterinnen im Krieg starben bzw. zuhause litten und fluchten, letzters hat z.B. Oskar Maria Graf eindrücklich geschildert. Der Aufsatz hält allerdings nicht ganz, was der Untertitel des Bandes, in dem Huhns Aufsatz zuletzt veröffentlicht wurde, verspricht. Denn um zu belegen, dass es sich beim Etatismus der Sozialdemokratie um die Vorgeschichte des Nazifaschismus handelt, müsste belegt werden, wie die staatssozialistischen Ideen von der SPD auf die NSDAP übergingen, was Huhn erklärtermaßen nicht unternimmt.

18.03.12

Volker Ullrich über die Revolution von 1918/19

 




















Das Buch könnte auch den Titel "Revolution und Gegenrevolution 1918 und 19" tragen, denn Ullrich schildert nicht nur, wie es dazu kam, dass der Kaiser abdankte und eine Republik gegründet wurde, sondern auch, wie alle Bemühungen auch soziale Veränderungen durchzusetzen im Auftrag der MSPD militärisch niedergeschlagen wurden. Die Bemühungen der MSPD die Revolution unter Kontrolle zu bringen begannen schon, als Gustav Noske zu diesem Zweck am 4.11.1918 in Kiel eintraf und sich am nächsten Tag zum Vorsitzenden des Soldatenrats wählen ließ. Weitere Etappen: Am 11.11. ersuchte die Regierung der Volksbeauftragten die Oberste Heeresleitung darum, Disziplin und Ruhe im Heer aufrechtzuerhalten, womit die Befehlsgewalt der Offiziere wiederhergestellt war, die Struktur der Armee blieb unangetastet. Auch der Forderung des Kabinettskollegen Barth, wenigstens Hindenburg zu entlassen, kam Ebert nicht nach. Am 10.12. begrüßt Ebert die zurückgekehrten Gardetruppen, deren Einmarsch der Vollzugsrat der Arbeiter und Soldatenräte hatte verhindern wollen.
Am 24.12. gaben Ebert und Scheidemann dem preußischen Kriegsminister den Befehl, Matrosen aus dem Berliner Schloss zu vetreiben, das diese besetzt hielten. Aus einer Demonstration gegen die Absetzung des Berliner Polizeipräsidenten Emil Eichhorns (USPD) entwickelte sich am 5.1.1919 die Besetzung des Zeitungsviertels, Noske ließ sie militärisch beenden, Parlamentäre, die über die Bedingungen des Abzugs verhandeln wollten, wurden erschossen.
Das Berliner Märzmassaker und die Niederschlagung der Münchner Räterepublik zeigten dann, wie die MSPD auch im Jahre 1919 auf die, z.B. im Ruhrgebiet und in Mitteldeutschland verbreitete, Forderung nach Sozialisierungen, kürzeren Arbeitszeiten und der Auflösung der Freikorps reagierte.
Die Militärs, denen Ebert vertraute, dankten es ihm 1920 mit dem Kapp-Lüttwitz-Putsch.

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