Walter Benjamin

Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten.
Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht.

Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, Band I, Seite 1241.

05.03.14

Wirtschaft vor 2000 Jahren


Zur Bedeutung des Handelsverkehrs im römischen Kaiserreich

Von einer Marktwirtschaft, im Sinne eines sich selbst regulierenden Systems von Märkten, kann in Bezug auf des römische Kaiserreich nicht gesprochen werden. Der Markt war im Imperium Romanum nur eine Form der Verteilung von Gütern neben anderen. Diese anderen Formen, Subsistenzwirtschaft und Redistribution sollen kurz skizziert werden, um im Vergleich mit ihnen die spezifische Funktion der Märkte und Händler innerhalb eines Systems verschiedenartiger Austauschbeziehungen analysieren zu können.

1.Subsistenz

Sowohl die Kleinbauern, die auch im Kaiserreich nicht von den Großgrundbesitzer verdrängt wurden, als auch große landwirtschaftliche Güter versorgten und bezahlten Besitzer, Sklaven und freie Arbeiter mit eigenen Produkten. Die Forderung Catos (Patrem familias vendacem, non emacem esse oportet, aus: De agri cultura 2,7) impliziert, dass der Hauptteil der für Produktion und Arbeitskräfte nötigen Güter selbst hergestellt werden sollte. Schreiber spricht von einer „generelle(n) Subvention der Warenproduktion durch die Subsistenzproduktion.“ Die Subsistenzproduktion führte zum Ausschluss einer zahlenmäßig bedeutenden Bevölkerungsgruppe vom Markt.

2.Redistribution

Im Gegensatz zur Landbevölkerung war die der Städte auf Markt und Handel angewiesen. Auf Grund deren strukturellem Unvermögen die Versorgung der Zentren des Reichs dauerhaft zu gewährleisten, setzte die plebs urbana im 2. Jhd. v. Chr. eine staatliche, bürokratisch organisierte Verteilung von Nahrungsmitteln durch. Diese cura annonae wurde von Augustus reorganisiert, die Zahl der Empfänger in Rom auf 200 000 reduziert. Die ebenfalls staatliche Versorgung des Heeres, das auch in wirtschaftlich wenig entwickelten Regionen stationiert war, zog, so betont Jacobsen, in Form von Neben- und Folgehandel eine Intensivierung des Handels in den Provinzen nach sich. Obgleich der Anteil der plebs urbana und der Armee an der Gesamtbevölkerung unter 5% lag, sollte die Bedeutung des Prinzips der Redistribution nicht unterschätzt werden. Denn einerseits handelte es sich bei den Empfängern um sozial bedeutsame Gruppen und andererseits war die Stadt Rom als größtes Bevölkerungszentrum im Mittelmeerraum ein wichtiger Faktor in der Wirtschaft des Imperium Romanum.

3.Markt

Märkte in vorindustriellen Gesellschaften erfüllten unterschiedliche ökonomische Funktionen; Verschiedene Tauschsphären existierten unabhängig voneinander. In bäuerlichem Gebiet dienten Märkte dem Austausch von Gebrauchsgütern, der nicht von Konkurrenz und Gewinnstreben geprägt war, sondern auf Reziprozität beruhte. Im Fernhandel dagegen hatte ansatzweise Kommerzialisierung stattgefunden, dies zeigte sich u.a. in der Existenz hauptberuflicher Händler und bei der Kreditvergabe.
In Italien und den Provinzen gab es lokale Marktzyklen, die jeweiligen Markttage wurden sinnvoll aufeinander abgestimmt. Diese einzelnen Märkte waren über die Region hinaus nicht miteinander vernetzt oder verflochten, sondern wurden von Bauern der Umgebung (bis 15 km entfernt) und den städtischen Handwerkern zur Versorgung der unmittelbaren Grundbedürfnisse bedient.
Neben diesen isolierten lokalen Märkten gab es risikoreichen aber gewinnbringenden Fernhandel, der meist Luxusprodukte aus Ländern wie Indien oder China in den Mittelmeerraum brachte. Auch innerhalb des Mittelmeerraumes wurde z.B. mit Wein und Olivenöl gehandelt. Der Umfang und die Reichweite dieses Fernhandels stehen im Kontrast zum Fehlen von Handelsgesellschaften und Handelshäuser. Die Zusammenschlüsse von Seeschiffern (corpora navicularium) dienten nur sekundär der Potenzierung ökonomischer Kraft. Wie das Gros der Handwerker stammte auch die Mehrzahl der Handeltreibenden aus den mittleren und unteren Schichten, auch Freigelassene und Frauen waren im Handel tätig.

Literatur zum Thema:

Drexhage, Hans-Joachim, et al., Die Wirtschaft des Römischen Reiches (1. - 3. Jahrhundert) Berlin 2002.

Jacobsen, Gurli, Primitiver Austausch oder freier Markt?, Untersuschungen zum Handel in den gallisch-germanischen Provinzen während der römischen Kaiserzeit, St.  Katharinen 1995. (169-185)

Kneißel, Peter, Zur Wirtschaftsstruktur des römischen Reichs: Das Beispiel Gallien, in: Kneißel/ Losemann (Hg.), Alte Geschichte und Wissenschaftsgeschichte, Festschrift für Karl Christ zum 65. Geburtstag, Darmstadt 1988. (234-255)

Kloft, Hans, Die Wirtschaft der griechisch-römischen Welt, Darmstadt 1992. (220-229)

Middleton, Paul, The roman army and long-distance trade, in: Whittaker/Garnsey, Trade and famine in classical antiquity, Cambridge 1983. (75-83)

Schneider, Das Imperium Romanum: Subsistenzproduktion- Redistribution- Markt, in: Kneissl, Peter, Imperium Romanum: Studien zu Geschichte und Rezeption ; Festschrift für Karl Christ zum 75. Geburtstag, Suttgart 1998.

Weber, Gregor, Das Imperium Romanum als Wirtschaftsraum, in: Schreiber, Waltraud, Vom Imperium Romanum zum Global Village, Neuried 2000.

Veyne, Paul, Die Originalität des Unbekannten, darin: Leben des Trimalchion, Frankfurt 1988.

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