Der Film thematisiert sich selbst: im Titel und wenn die Polizeipsychologin Constanze Hermann die Übungsfälle für die Azubis inszeniert, wenn Hanns von Meuffels für Constanze eine Besucherin vortäuscht, wenn der Täter auf die Leinwand des Autokinos schießt, wenn die Betreiber des Swingerclubs über Rollenspiele reden.
Walter Benjamin
Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten.
Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht.
Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, Band I, Seite 1241.
Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht.
Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, Band I, Seite 1241.
26.03.19
Christian Petzold: Tatorte
Der Film thematisiert sich selbst: im Titel und wenn die Polizeipsychologin Constanze Hermann die Übungsfälle für die Azubis inszeniert, wenn Hanns von Meuffels für Constanze eine Besucherin vortäuscht, wenn der Täter auf die Leinwand des Autokinos schießt, wenn die Betreiber des Swingerclubs über Rollenspiele reden.
23.03.19
Notizen zu "Mario und der Zauberer"
Die
inzwischen zahlreichen Streaming-Dienste bieten leider keine älteren Filme. So
ist man immer noch auf DVDs angewiesen, wenn man sich Filmklassiker anschauen
will. Gerade ist „Mario und der Zauberer“ auf DVD erschienen und man hat so die
Möglichkeit sich diese Literaturverfilmung aus dem Jahr 1994 anzuschauen. Das
ist möglicherweise für diejenigen interessant, die Thomas Manns gleichnamige
Novelle aus den frühen Dreißigerjahren kennen und schätzen.
Darin steht
der Zauberer im Mittelpunkt, seiner abendlichen Vorstellung sind 40 von 50
Seiten gewidmet, während Mario, die im Titel immerhin zuerst genannte Figur,
nur einen kurzen Auftritt am Schluss hat. Wie stellt der Ich-Erzähler den
Zauberer dar? Er nennt Cipolla, so heißt der Zauberer, „Hypnotiseur“ (S. 218),
„Betrüger“ (231), „Gebieter“ (220), „Leiter“ (ebd.). Cipolla verlangt
„Hörigkeit“ (222) und strahlt „Autorität“ (ebd.) aus. Die Zuschauer tanzen nach
seiner Pfeife (224) und spenden Applaus. Er hat eine Gerte dabei. Er befiehlt
(„krümme dich!“ 207). Kurz: Er ist ein Verführer, ein Führertyp. Die Zuschauer
folgen ihm, auch wenn er sie, wie z.B. den Giovanotto, angreift, sie sind in
seinem Bann und gehen nicht, wie z.B. der Ich-Erzähler. Marios Attentat stoppt
den Diktator.
Im Film ist
Cipolla nur eine Figur unter anderen (Mario z.B. gewinnt im Film deutlich an Kontur,
andere Figuren kommen hinzu), ist aber vielschichtiger gezeichnet. Die Kamera
zeigt Klaus Maria Brandauer, der Cipolla spielt, in einem Garten verletzlich,
und hilflos, als er am Abend einen Mord aufklären soll, was er augenscheinlich
nicht kann. Die Kamera zeigt ihn in privaten Gesprächen, was ihn harmlos
erscheinen lässt. Seine Hypnose- und Verführungskunst auf der Bühne sind
weniger eindrücklich, weniger bedrohlich, weniger unheimlich als in der
Novelle. Die politische Aussage verschiebt sich. Statt um Herrschaft und
Gehorsam geht es im Film um Fremdenfeindlichkeit, um eine heuchlerische
Sexualmoral, um korrupte Beamte, Karrierismus und nationalistische
Honoratioren. Diesem recht plakativ vorgetragenen Potpourri entsprechen die Vielfalt
der Perspektiven und die formale Überladenheit und Opulenz, die z.B. in einem
sehr überflüssigen Feuerwerk zum Ausdruck kommen.
Demgegenüber
erscheinen Aussage und Aufbau der Novelle, trotz ihres ausschweifenden
Satzbaus, in ihrem Zuschnitt auf eine Hauptfigur, sehr reduziert, konzentriert und
klar.
Andreas Gryphius: Einsamkeit (1650)
Andreas
Gryphius: Einsamkeit (1650)
In dieser Einsamkeit der mehr denn
öden Wüsten,
Gestreckt auf wildes Kraut, an die
bemooste See,
Beschau’ ich jenes Tal und dieser
Felsen Höh’
Auf welchem Eulen nur und stille
Vögel nisten.
Hier, fern von dem Palast, weit von
des Pöbels Lüsten,
Betracht ich, wie der Mensch in
Eitelkeit vergeh,
Wie auf nicht festem Grund all
unser Hoffen steh,
Wie die vor Abend schmähn, die vor
dem Tag uns grüßten.
Die Höhl, der raue Wald, der
Totenkopf, der Stein,
Den auch die Zeit auffrisst, die
abgezehrten Bein
Entwerfen in dem Mut unzählige
Gedanken.
Der Mauern alter Grau, dies
ungebaute Land
Ist schön und fruchtbar mir, der eigentlich
erkannt
Dass alles, ohn ein Geist, den Gott
selbst hält, muss wanken.
Text aus:
Günther Einecke / Maximilian Nutz (Hg.), deutsch kompetent, Stuttgart 2009, S.
126.
Das Gedicht
wurde der 2018 aktuellen Rechtschreibung angepasst.
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