Beutelsbach
- Er ist ein Held, und doch kennt ihn fast keiner mehr. Peter Gais, den alle
nur den Gaispeter nannten, ist am 2. Mai 1514 aus dem Schatten der Geschichte
getreten und entfachte über Nacht einen revolutionären Flächenbrand in
Württemberg.
Man weiß zu wenig über Gais, um beurteilen zu können, ob ihn pure
Not und Verzweiflung trieben, ob die Wut auf die Großkopferten zu groß geworden
war oder ob er schon immer zu aufrührerischen Reden neigte. Mutig war er
jedenfalls: Peter Gais, ein Tagelöhner aus Beutelsbach im Remstal, der in einer
einfachen Hütte gelebt haben soll, machte sich auf, dem Herzog die Stirn zu
bieten.
So kann
es gewesen sein: der Gaispeter stürmt an jenem Tag in die „Metzge“ von
Beutelsbach und greift sich die neuen Gewichte, die Herzog Ulrich eingeführt
hat. Tumult entsteht, der Metzger schreit, aber Gais rennt mit den Gewichten
hinaus zur Rems. Immer mehr Volk schließt sich ihm an. Denn alle sind wütend
auf den Herzog, der im nahen Stuttgart in obszönem Luxus lebt und nun eine neue
Steuer eingeführt hat, um seine gigantischen Schulden zu verringern: Die
Gewichte werden um 30 Prozent leichter gemacht – für dasselbe Geld erhält der
arme Bauer nur noch 700 Gramm Fleisch statt bisher ein Kilo.
„Dabei
stehen die Bauern, Handwerker, Ackerbürger und Tagelöhner nach mehreren
Missernten sowieso mit dem Rücken zur Wand“, sagt der Historiker Andreas
Schmauder, vermutlich der beste Kenner des Armen Konrads. Peter Gais wirft die
Gewichte unter dem Johlen der Menge in die Rems und ruft: „Wenn der Herzog
recht hat, schwimmen die Gewichte oben. Wenn sie aber untergehen, haben wir
recht.“
Ob es
dieses Gottesurteil mit vorhersehbarem Ausgang wirklich gegeben hat, weiß
niemand – erst 60 Jahre später taucht die Geschichte erstmals in einem Bericht
auf. Auf jeden Fall geht der Gaispeter noch in dieser Nacht hinauf auf den
nahen Kappelberg und läutet dort, gegen den heftigen Widerstand des Mesners,
Sturm in der Nikolauskapelle der Burgruine. Alle im Remstal hören es. Der
Aufstand beginnt. „Ohne Gais wäre der Arme Konrad nicht ins Rollen gekommen“,
sagt Bernd Breyvogel, der Stadtarchivar von Weinstadt, während er auf eine Mauer
der Ruine steigt und weit ins Remstal schaut.
Gais
wird zum großen Agitator
Peter
Gais muss ein begnadeter Redner sein, der die aufgewühlten Herzen der Bauern
erreicht. In den folgenden Wochen wird er nicht zu einem der Anführer, sondern
zum großen Agitator und Kommunikator, der von Ort zu Ort geht, auf den
Marktplätzen die Menschen gewinnt und die Bande zwischen den einzelnen Haufen
im Ermstal und auf dem Engelberg aufrechterhält. Was geht vor im Gais-peter?
Sicher hat er Angst um seine Frau und seine Kinder, denn mit dem jähzornigen
Herzog ist nicht zu spaßen. Der spätere Chronist Gabelkofer beurteilt Peter
Gais mit den Augen seines Herrschers: Gais sei „ein unnüzer, verdorbner,
übelhausender Tropf, der nichts weder 4 kleine ohnerzogne Kinder, aber darneben
ein übelredende, böse, ufrürische Zungen im Maul ghabt“. Gais weiß, wie
gefährlich es werden kann. Dennoch bleibt er der Sache treu.
Am 4.
Mai zieht eine aufgebrachte Menge von 400 Menschen nach Schorndorf. Wie schon
so oft, aber bislang immer vergebens, bringen sie ihre Forderungen vor, jetzt
aber mit dem Nachdruck erhobener Speere und Mistgabeln. Sie sind wütend, dass
sie immer neue Frondienste übernehmen sollen. Sie dürfen kein Bauholz mehr aus
dem Wald holen und ihre Schweine nicht mehr zur Eichelmast in den Wald treiben.
Und besonders bringen die Wildschäden die Bauern in Rage – in manchen Orten
verbietet der Vogt sogar, dass man Wildschweine oder Hirsche aus den Feldern
vertreiben darf. Manche Ernte fällt deshalb komplett aus. Die Bauern hungern.
In den
Beschwerdebriefen sprechen Menschen mit Selbstbewusstsein. Die Bauern verlassen
erstmals in der Geschichte Württembergs ihre Rolle des schweigenden Untertans.
Sie fügen sich nicht mehr in die angeblich gottgewollte Weltordnung. Selbst am
Ende des Aufstandes, als man die Anführer unter Folter zu Geständnissen zwingt,
blitzt dieses Selbstbewusstsein auf: „Wir wollten der Obrigkeit nit mehr
haben“, gibt einer der Bauern dem Schreiber zu Protokoll, der direkt neben der
Streckbank sitzt.
Vielleicht
fasziniert uns das so an diesem Aufstand: dass der unterdrückte und chancenlose
Untertan sich dennoch erhebt und es einen Sommer lang schafft, Württemberg in
den Grundfesten zu erschüttern. Deshalb vielleicht wird jetzt das Jubiläum des
Armen Konrads so ausgiebig gefeiert, mit Ausstellungen, Festen, Vorträgen. Auch
Andreas Schmauder hält die große Klaviatur für angebracht: „In Württemberg
waren es die Bürger von da an gewohnt mitzusprechen.“ Vom Armen Konrad zum
Widerstand gegen Stuttgart 21 führt für manche eine direkte Linie.
Überall
im Land erheben sich nun im Mai 1514 die Bauern. Schmauder, der heute das
Museum im Humpis-Quartier in Ravensburg leitet, hat für seine Dissertation alle
Akten durchgeackert. In 32 von 43 Ämtern Württembergs lassen sich Proteste
nachweisen, zehn bis 20 Prozent der Bevölkerung sind im Armen Konrad
organisiert, der überwiegende Rest – mit Ausnahme der Ehrbarkeit natürlich –
sympathisiert mit den Aufständlern.
Der
Konrad, das ist ein Geheimbund. Bei den Treffen zieht ein Anführer einen Kreis
auf dem Tisch oder im Straßenstaub, und wer mit seinem Messer oder seiner Gabel
hineinsticht, schwört dem Bund Treue. Konspirativ sind die Versammlungen, die
in bestimmten Häusern stattfinden, etwa beim Anführer Caspar Pregatzer in
Schorndorf. Dort richtet man, nach herzoglichem Vorbild, eine Kanzlei ein, in
der Briefe an die anderen Haufen oder an die Obrigkeit verfasst werden.
Herzog
Ulrich ist ein Bauchmensch, emotional und nachtragend, aber er ist nicht dumm.
Er spürt die Bedrohung und reitet immer wieder persönlich hinaus in die Orte
und Städte und versucht, die dortigen Bauern zu beschwichtigen. Doch das nutzt
nur wenig. Also entscheidet er eine gute Woche nach der Wasserprobe des
Gaispeters, die neuen Gewichte wieder zurückzunehmen: Die Bauern haben einen Sieg
errungen.
Aber das
genügt ihnen nicht mehr. Überall im Land läuft die Kunde herum: Kommt zur
Kirchweih nach Untertürkheim, am 28. Mai, da wollen wir den Oberen kräftig
Bescheid stoßen. Ulrich sieht sich so genötigt, ein zweites Mal Zugeständnisse
zu machen. Er verspricht, einen Landtag anzusetzen, auf dem der Herzog, die
Ehrbarkeit, die Bürger und Bauern über die Forderungen beraten.
Die
Rebellen werden betrogen
Doch
dann geschieht das Unfassbare. Die Bauern werden schlichtweg betrogen: Denn die
städtische Oberschicht lehnt es rundheraus ab, sich mit dem Gesindel an einen
Tisch zu setzen. So findet in Tübingen nur der Landtag der Ehrbarkeit statt.
Anschließend, so verspricht es Herzog Ulrich, komme er zum Bauernlandtag nach
Stuttgart. Dort warten die Rebellen in den Tavernen mit wachsendem Unmut auf
den Herrscher – und sie warten vergebens, wie sich am 13. Juli herausstellt:
Herzog Ulrich sagt den Stuttgarter Landtag ab. Man werde die Beschwerden der
Bauern in den Ämtern verhandeln, lässt er mitteilen. Am 8. Juni 1514 verkünden
Herzog Ulrich und die Ehrbarkeit den Tübinger Vertrag. Ein eindeutiger Verrat
an den Bauern.
Man
wundert sich eigentlich, wieso der Württemberger Friedrich Schiller nie ein
Drama über den Aufstand des Armen Konrads geschrieben hat, steckt doch in der
Geschichte alles, was er für seine Theaterstoffe liebte: ein tyrannischer
Herrscher, stolze Rebellen, Freiheitsliebe, Tragik und Verrat – immerhin hat
der Hechinger Autor Friedrich Wolf dies 1924 übernommen, das Theater Lindenhof
zeigt das Stück vom 16. Mai an in Fellbach.
Der
Tübinger Vertrag vom Juni 1514 besitzt ein Janusgesicht. Auf der einen Seite
billigt der Herzog der Ehrbarkeit zwar weit gehende Mitspracherechte zu.
Insofern ist der Vertrag, der bis zu Napoleons Zeiten, also 300 Jahre lang,
Gültigkeit besaß, durchaus von epochemachender Bedeutung. Auf der anderen Seite
bleiben die Bauern nicht nur ausgesperrt, sondern sollen mit einer Abgabe den
Preis bezahlen. Die reichen Bürger profitieren letztlich noch vom Aufruhr der
Bauern.
Eine
Welle der Empörung brandet nun durch Württemberg. Und der Gaispeter ist wieder
mittendrin. Er versucht in vielen Städten und Orten, die Bewohner davon zu
überzeugen, dass sie dem Tübinger Vertrag „nit schwören noch das uffgelegt gelt
geben“ – Herzog Ulrich reist bereits durch die Ämter und nimmt die Huldigung
entgegen.
Und
tatsächlich, draußen im Land bröckelt die Front. Etwa tausend Männer noch aus
vielen verschiedenen Orten ziehen aber erneut auf den Kappelberg, wo knapp drei
Monate zuvor alles seinen Anfang genommen hat. Es herrscht eine drangvolle Enge
dort oben. Aber die Städte aus der Umgebung liefern Lebensmittel, ein gewisser
Wagenhans versucht, in Straßburg und Nördlingen Spieße und Büchsen zu kaufen,
und Reinhard Gaisslin, der wortgewaltige Pfarrer von Markgröningen und ideologische
Kopf des Armen Konrads, bringt geistige Nahrung. Das Bauernheer sei
unbesiegbar, verkündet er: „Wan das gantz Rych dafur käme, sie schlügen sie
nit.“
Wirklich?
Bei den Anführern und dem Fußvolk ist die Zuversicht nicht mehr so groß. Als
Herzog Ulrich die militärische Entscheidung sucht, löst sich die Gemeinschaft
binnen weniger Stunden auf, ohne dass es zu einem einzigen Schwerthieb gekommen
ist. „Der letzte Willen, direkt gegen den Landesherren vorzugehen, fehlte“,
sagt Bernd Breyvogel: „Und die Bauern haben erkannt, dass sie keine Chance
gehabt hätten.“ Wie ein Spuk löst sich der Arme Konrad auf. Die Niederlage ist
perfekt.
Ist sie
das? Andreas Schmauder beantwortet diese Frage mit einem klaren Nein. Denn im
Tübinger Vertrag sei festgeschrieben worden, dass jeder Bürger seinen Wohnort
frei wählen könne und jeder Anspruch auf ein ordentliches Gerichtsverfahren
habe – davon hätten auch die Bauern profitiert. Zudem habe der Herzog Wort
gehalten und nach der Absage des Bauernlandtages Vertreter in alle Ämter
geschickt. So sind viele „Entscheidbriefe“ ausgestellt worden: Die Bauern
dürfen in manchen Orten künftig die Wildschweine auf den Feldern sogar
schießen, manche besonders korrupte Beamte werden abgesetzt. „Das haben die
Bauern dem Herzog abgerungen“, sagt Schmauder.
Dies
alles erleben die Anführer des Armen Konrads nicht mehr. Vom 7. bis zum
9. August setzt Herzog Ulrich den blutigen Schlussakkord unter den Aufstand: In
Schorndorf lässt er zehn, in Stuttgart sechs Männer hinrichten. Sie werden
enthauptet, mancher Kopf wird zur Abschreckung auf einen Spieß gesteckt und
ausgestellt. In Schorndorf auf dem Wasen müssen 1700 Beteiligte des Aufstands
Abbitte tun. Manchen werden die württembergischen Hirschstangen mit glühendem
Eisen auf die Stirn gebrannt, das Haus des Caspar Pregatzer in Schorndorf wird
zur Strafe bis auf die Grundmauern abgebrochen.
Peter
Gais kann ins Ausland fliehen. Ein Jahr später wird er aber in der Herrschaft
Limpurg bei Schwäbisch Hall gefasst und ausgeliefert. Auch er bezahlt seinen
Einsatz für mehr Gerechtigkeit mit dem Leben. In seinem Heimatort Beutelsbach
haben sie dem weithin unbekannten Helden, dem Tagelöhner Peter Gais, ein
Denkmal gesetzt. Mitten im Ort, direkt am Rathaus.
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