ANDREAS FANIZADEH, Taz 03.06.2011
Die Welt in die Provinz geholt
"Die Wolke", Buchhandlung in Ravensburg, gibt auf
Die Buchhandlung "Wolke" in Ravensburg gehörte zu dem Netz engagierter
Buchhandlungen, die sich in Westdeutschland im Gefolge der
außerparlamentarischen Bewegungen gründete. Als Matthias Bräuning und
Bärbel Magin ihren kleinen Laden 1980 in der Ravensburger Altstadt
eröffneten, gab es kein Internet, zum Plattenladen fuhr man nach
Stuttgart, Zürich oder München, und Kneipen schlossen in der 50.000
Einwohner zählenden Stadt um 23 Uhr.
Der Zugang zur Welt war medial mühsam, man musste selber etwas dafür
tun. Die Buchhandlung in der Ravensburger Altstadt wurde neben
Jugendhaus oder Gasthaus Räuberhöhle zum Treff lokaler Außenseiter. Punk
und existenzialistische Literatur erweiterten Anfang der 1980er Jahre
den provinziellen Blick. Es war kein kleines Kunststück, in dieser
tendenziell kultur- und intellektuellenfeindlichen Umgebung ein Geschäft
wie "Die Wolke" zu etablieren. Sie brachte Buch- und Subkultur in den
frühen 1980er Jahren zusammen und pflegte eine literarisch-snobistische
Haltung, die mit einfachen Klassen- oder Parteidogmen nichts zu tun
hatte. Selber kaum mehr als Hartz IV zu verdienen, aber dennoch
selbstbestimmt zu bleiben und mit Wohlhabenden Wein zu trinken, es
schließt sich nicht aus.
An Orten wie Ravensburg waren die Grünen schon früh sehr stark, doch war
die Stadt lange eine Hochburg des unaufgeklärten Flügels der
baden-württembergischen CDU. Da stellten schon etwas anders gestaltete
Schaufenster eine unglaubliche Provokation dar, speziell wenn es um
Moral- und Sexualvorstellungen ging, und zogen Steine und Brandsätze
nach sich. Doch heute ist vieles anders. Mit dem biologischen Ableben
der NS-geprägten Generation ist auch auf dem Land das Leben liberaler
geworden. Die Butzenfenster sind aus den Wirtshäusern verschwunden und
Gedenksteine erinnern auch in Oberschwaben an ermordete Juden und Sinti
und Roma. Doch mit den gepflegten Fußgängerzonen und der schönen neuen
Amazon-Welt verschwinden auch die einst im Gegensatz zur alten Welt
errichteten Territorien.
Das neue Offene, es wird auch anonymer werden und vielleicht ist das
auch gut so. Jedenfalls sind es die Bräunings und Magins, deren - welch
antikes Wort - Basisarbeit den geistigen Umschwung im Ländle Richtung
Kretsch und Grün-Rot erst mit ermöglichte. Ein Toast auf die letzten
Bohemiens dieser untergehenden temporären autonomen Zonen, die nicht in
die Großstädte flüchteten und dennoch Großstädter waren, die im Sommer
auf der Alm Vieh hüteten, um im Winter den Höhlenbewohnern der Stadt
gute Literatur zu verkaufen. Die gibt es, falls Sie in der Nähe sein
sollten, noch bis 11. Juni zum halben Preis.
Ein Toast auf die letzten Bohemiens dieser untergehenden autonomen Zonen!
Walter Benjamin
Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten.
Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht.
Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, Band I, Seite 1241.
Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht.
Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, Band I, Seite 1241.
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