Der selbe Autor in der gleichen Zeitung (Ausgabe vom 13.05.2014) unter dem Titel "Liebesgeschichten":
Schon die ersten leisen Töne, die der weltweit gefeierte Geiger Gidon Kremer
bei seinem Auftritt im Kultur- und Kongresszentrum Oberschwaben spielte,
öffneten Räume vollkommener Klangschönheit. Auf dem Programm stand zunächst ein
Werk des in Riga geboren lettischen Komponisten Arturs Maskats (Jahrgang 1957).
„Midnight in Riga“ erwies sich als ausgewachsenenes Tripelkonzert für Violine,
Violoncello, Vibrafon und Streicher mit dominierendem Solopart für Kremer, der
das Stück im vergangenen Jahr in Linz uraufgeführt hat.
Vordergründig suggeriert der Titel dieser als Tango
konzipierten Musik eine Hommage an die Heimatstadt des Komponisten, aus der
auch der zehn Jahre ältere, seit 1980 im Westen lebende Kremer stammt. Dahinter
verbirgt sich jedoch auch die Liebesgeschichte der beiden Rigaer Zanis und
Johanna Lipkes, die im Zweiten Weltkrieg Dutzenden von Juden das Leben gerettet
haben. Die Kremerata Baltica beeindruckte in Weingarten unter der präzisen
Leitung der jungen litauischen Dirigentin Mirga Grazinyte-Tyla mit kompaktem
Streicherklang.
Astrein intonierte Kremer, der sich in den 1990er-Jahren
intensiv der Musik von Astor Piazzolla gewidmet hat, die lyrisch zarte
Solomelodie zu tangoartiger Pizzicato-Begleitung. Maskats’ vorsichtig tastende,
ungetrübt tonale Musik entfaltete mit ihrem poetisch reizvoll verschleierten
Unterhaltungston eine feine Melancholie. So präsentierte sich die Komposition
als zauberhaftes Nachtstück in Form eines Violinkonzerts mit zwei
assistierenden Solisten.
Um Liebe geht es auch in Leonard Bernsteins selten
gespielter „Serenade“ für Solovioline, Streicher, Harfe und Schlagzeug, die
Kremer und sein Orchester anschließend darboten. Dem 1954 von Isaac Stern
uraufgeführten Werk liegt Platons Dialog „Symposion“ zugrunde. Die dort
referierten Dispute über Liebe hat Bernstein jedoch nicht als „wörtlich zu
verstehendes Programm“ verwendet. In fünf Sätzen mit ganz unterschiedlichem
Charakter wird musikalisch teils besonnen diskutiert, teils energisch
gestritten.
Kremer meisterte den anspruchsvollen Solopart souverän vom
ruhigen Beginn über scherzhaftes Geplänkel, rasende Presto-Auseinandersetzung
und den lyrisch verträumten, triumphal gesteigerten vierten Satz mit seinen
schwierigen Doppelgriffen bis zum fulminanten, rhythmisch heftigen Finale, wo
nach bedrohlichem Donnergrollen der Pauken dunkle Gewitterwolken in den
Streichern aufziehen und Jazz-Elemente artistisch ins Spiel kommen. Mit einer
virtuosen Zugabe bedankte sich Kremer für enthusiastischen Beifall.
Nach der Pause entführte die „Carmen“-Suite des russischen
Komponisten Rodion Schtschedrin (Jahrgang 1932) in die heißblütigen Gefilde von
Liebe und Eifersucht. Das 1968 entstandene Werk für fünf Schlagzeugspieler und
Streichorchester zeichnet in 13 Sätzen den Handlungsgang von Georges Bizets
letzter Oper nach. Themen und Motive aus ihr verbinden sich in neuem
musikalischen Kontext effektvoll zu imaginären Szenen. Bizets Orchester ist um
alle Bläser reduziert, während starke Perkussion die rhythmische Kraft des
Originals steigert.
Mirga Grazinyte-Tyla steuerte die Kremerata mit
ausdrucksvoller Gestik durch die brillante Suite. Spannend wie ein Hörkrimi
entfaltete sich das schicksalhafte Drama vom delikaten Glockenbeginn über
Carmens Begegnung mit José und dem Torrero bis zum katastrophischen Höhepunkt.
Schtschedrins raffiniert instrumentierte „Musik über Musik“, die auch
eingängige Tonfälle nicht scheut, machte stets klar, was gerade „passiert“. Das
begeistert gefeierte Orchester verabschiedete sich mit einer ergreifenden
Darbietung des beliebten Adagiettos aus Mahlers Fünfter.
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