Walter Benjamin

Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten.
Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht.

Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, Band I, Seite 1241.

15.05.14

Arthur Honegger

Über ein Konzert des Münchner  Kammerorchesters schreibt Werner M. Grimmel in der Schwäbischen Zeitung vom 12. Mai: "(...) Schade auch, dass nach der Pause einige Plätze leer blieben. Wer ausharrte, wurde indes reich belohnt. Impulsiv zelebrierte Liebreich Honeggers zweite Sinfonie, deren drei knappe Sätze im Kriegswinter 1941/42 entstanden sind. Monochrome Streichermusik steigert sich nach tristem Seufzerbeginn immer wieder in dichte Klangballungen hinein, schwankt zwischen trotziger Selbstbehauptung und Hoffnungslosigkeit. In tiefer Trauer versinkt der zentrale Adagio-Satz. Chromatische Motive bohren sich fest in wilder Verzweiflung. Erinnerungen an fernes Glück tönen zaghaft und zerbrechlich herein. Das Finale spitzt sich rhythmisch rasant und kraftvoll zu, bis eine Solotrompete Zuversicht signalisiert. In Ravensburg ertönte die choralartige Melodie von hinten auf der Empore – ein überraschender Effekt von überwältigender Wirkung, der sich ganz spontan mitteilte. Leider gab es nach relativ kurzem Konzert auch vom Orchester keine Zugabe."

Der selbe Autor in der gleichen Zeitung (Ausgabe vom 13.05.2014) unter dem Titel "Liebesgeschichten":

Schon die ersten leisen Töne, die der weltweit gefeierte Geiger Gidon Kremer bei seinem Auftritt im Kultur- und Kongresszentrum Oberschwaben spielte, öffneten Räume vollkommener Klangschönheit. Auf dem Programm stand zunächst ein Werk des in Riga geboren lettischen Komponisten Arturs Maskats (Jahrgang 1957). „Midnight in Riga“ erwies sich als ausgewachsenenes Tripelkonzert für Violine, Violoncello, Vibrafon und Streicher mit dominierendem Solopart für Kremer, der das Stück im vergangenen Jahr in Linz uraufgeführt hat.
Vordergründig suggeriert der Titel dieser als Tango konzipierten Musik eine Hommage an die Heimatstadt des Komponisten, aus der auch der zehn Jahre ältere, seit 1980 im Westen lebende Kremer stammt. Dahinter verbirgt sich jedoch auch die Liebesgeschichte der beiden Rigaer Zanis und Johanna Lipkes, die im Zweiten Weltkrieg Dutzenden von Juden das Leben gerettet haben. Die Kremerata Baltica beeindruckte in Weingarten unter der präzisen Leitung der jungen litauischen Dirigentin Mirga Grazinyte-Tyla mit kompaktem Streicherklang.
Astrein intonierte Kremer, der sich in den 1990er-Jahren intensiv der Musik von Astor Piazzolla gewidmet hat, die lyrisch zarte Solomelodie zu tangoartiger Pizzicato-Begleitung. Maskats’ vorsichtig tastende, ungetrübt tonale Musik entfaltete mit ihrem poetisch reizvoll verschleierten Unterhaltungston eine feine Melancholie. So präsentierte sich die Komposition als zauberhaftes Nachtstück in Form eines Violinkonzerts mit zwei assistierenden Solisten.
Um Liebe geht es auch in Leonard Bernsteins selten gespielter „Serenade“ für Solovioline, Streicher, Harfe und Schlagzeug, die Kremer und sein Orchester anschließend darboten. Dem 1954 von Isaac Stern uraufgeführten Werk liegt Platons Dialog „Symposion“ zugrunde. Die dort referierten Dispute über Liebe hat Bernstein jedoch nicht als „wörtlich zu verstehendes Programm“ verwendet. In fünf Sätzen mit ganz unterschiedlichem Charakter wird musikalisch teils besonnen diskutiert, teils energisch gestritten.
Kremer meisterte den anspruchsvollen Solopart souverän vom ruhigen Beginn über scherzhaftes Geplänkel, rasende Presto-Auseinandersetzung und den lyrisch verträumten, triumphal gesteigerten vierten Satz mit seinen schwierigen Doppelgriffen bis zum fulminanten, rhythmisch heftigen Finale, wo nach bedrohlichem Donnergrollen der Pauken dunkle Gewitterwolken in den Streichern aufziehen und Jazz-Elemente artistisch ins Spiel kommen. Mit einer virtuosen Zugabe bedankte sich Kremer für enthusiastischen Beifall.
Nach der Pause entführte die „Carmen“-Suite des russischen Komponisten Rodion Schtschedrin (Jahrgang 1932) in die heißblütigen Gefilde von Liebe und Eifersucht. Das 1968 entstandene Werk für fünf Schlagzeugspieler und Streichorchester zeichnet in 13 Sätzen den Handlungsgang von Georges Bizets letzter Oper nach. Themen und Motive aus ihr verbinden sich in neuem musikalischen Kontext effektvoll zu imaginären Szenen. Bizets Orchester ist um alle Bläser reduziert, während starke Perkussion die rhythmische Kraft des Originals steigert.
Mirga Grazinyte-Tyla steuerte die Kremerata mit ausdrucksvoller Gestik durch die brillante Suite. Spannend wie ein Hörkrimi entfaltete sich das schicksalhafte Drama vom delikaten Glockenbeginn über Carmens Begegnung mit José und dem Torrero bis zum katastrophischen Höhepunkt. Schtschedrins raffiniert instrumentierte „Musik über Musik“, die auch eingängige Tonfälle nicht scheut, machte stets klar, was gerade „passiert“. Das begeistert gefeierte Orchester verabschiedete sich mit einer ergreifenden Darbietung des beliebten Adagiettos aus Mahlers Fünfter.

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