Walter Benjamin

Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten.
Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht.

Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, Band I, Seite 1241.

31.10.12

Dinge, Waren- und Fetischkritik bei W. Benjamin


Ausgehend von einem Aufsatz[1] von Dorothee Kimmich über die Dingwahrnehmung bei Walter Benjamin (1892-1940), der in der Einleitung (1.) vorgestellt werden soll, wird im Laufe der Arbeit untersucht werden, wie sich Benjamin seine Dingwahrnehmung aneignete (2.) und wie er sich diese Wahrnehmung zur Beschreibung und Kritik von Waren (3.) und des diesen eigenen Fetischismus (4.) zunutze machte. Im Mittelpunkt soll dabei das Passagen-Werk stehen, und darin vorallem das allererste Exposé (1927) sowie das von 1935. Wichtige Sekundärliteratur sind: das Buch von Susan Buck-Morss[2] sowie die Bücher von Sven Kramer[3], Uwe Steiner[4], Burkhard Lindner[5] und Hartmut Böhme[6].

Über die Sprachkritik zur Linguistik


Ich habe den Schlußpunkt der Burgtheaterherrlichkeit entdeckt. Den toten Punkt, über den kein Burgtheaterrektor hinaus kommt. Nichts hilft dieser Punkt trägt an allem Schuld. Man glaubt natürlich, daß ich den „Dunklen Punkt“ meine, der jetzt im Burgtheater gespielt wird. Aber die schlechte Literatur hat das Burgtheater nicht herunter gebracht; das behaupten nur jene theaterfremden Kritiker, denen es nicht gelungen ist, ihre eigene schlechte Literatur dem Burgtheater anzuhängen. Was ich nun meine, wird man erst verstehen, wenn man sich vor die front des Burgtheaters stellt und dort hinaufschaut, wo Apollo, bekanntlich einer der beliebtesten Götter Wiens, seinen Wohnsitz hat. Zu seinen Füßen wird man in mannshohen Lettern die Aufschrift finden:
K. K. HOFBURGTHEATER .
Punkt! darüber komme ich nicht weg. Diesem Punkt gebe ich die Schuld, daß die künstlerische Entwicklung ins Stocken geraten ist. (...) 
Karl Kraus, Der Punkt, in: Die Katastrophe der Phrasen. Glossen 1910-1918, Frankfurt 1994,S. 10.

Leave Your Language Alone!
Robert A. Hall, 1950

Die Diskussion über das Für und Wider sprachlicher Normierung durchzog fast alle Sitzungen unseres Linguistik Seminars im Wintersemester. Während die eine Fraktion immer wieder für den neutralen Blick auf die Alltagssprache eintrat und betonte, dass Sprachwandel nicht gleich Sprachverfall sei, vielmehr die Sprache so sei, wie sie ist und also kein Grund bestehe für überhebliche Kritik und konservativen Normierungswahn, meldeten andere Bedenken an. Sie erhoben Einspruch gegen diese Wertungsallergie, etwa indem sie sagten, es bestehe doch ein öffentliches Interesse an einer intakten und gemeinsamen Sprache und daher sei es durchaus notwendig, korrigierend und in kritischer Absicht einzugreifen, dieser Flügel bezog sich dann in Referaten z.B. auf aktuell prominente Sprachkritiker wie Bastian Sick.
Dass sich diese beiden Positionen, vertreten von der Sprachwissenschaft auf der einen, und von der feuilletonistischen Sprachkritik auf der anderen Seite, seit 60 Jahre gegenüberstehen, war mir im Seminar nicht klar geworden. Dieter Zimmer, langjähriger Zeit-Redakteur, Übersetzer und Nabokov-Herausgeber nimmt diesen Dissens, Linguistik vs. Sprachkritik, als Aufhänger für sein 2005 erschienenes Buch über Sprache in Zeiten ihrer Unverbesserlichkeit.

30.10.12

Kritik der Pflichtethik


In seinem Buch Ethik und die Grenzen der Philosophie[1] entwirft Bernard Williams (1929-2003) im abschließenden 10. Kapitel eine Kritik der „besonderen Institution Moral“[2] (242). Diese Moralkritik soll im Folgenden ausführlich vorgestellt werden um sie anschließenden mit einigen Passagen aus Immanuel Kants ethischen Schriften zu vergleichen, auf die sich Williams bezieht. Vor diesem Hintergrund kann dann in einem Resümee versucht werden, den Gehalt von Williams Einwänden gegen „die Moral“ (242) zu beurteilen.

Was Elias Canetti von Karl Kraus lernte

Meine früheste Erinnerung ist in Rot getaucht. Auf dem Arm eines Mädchens komme ich zu einer Tür heraus, der Boden vor mir ist rot, und zur Linken geht eine Treppe hinunter, die ebenso rot ist. Gegenüber von uns, in selber Höhe, öffnet sich eine Türe und ein lächelnder Mann tritt heraus, der freund­lich auf mich zugeht. Er tritt 'ganz nahe an mich heran, bleibt stehen und sagt zu mir: »Zeig die Zunge!« Ich strecke die Zunge heraus, er greift in seine Tasche, zieht ein Taschenmesser hervor, öffnet es und führt die Klinge ganz nahe an meine Zunge heran. Er sagt: »Jetzt schneiden wir ihm die Zunge ab.« Ich wage es nicht, die Zunge zurückzuziehen, er kommt immer näher, gleich wird er sie mit der Klinge berühren. Im letzten Augenblick zieht er das Messer zurück, sagt: »Heute noch nicht, morgen.« Er klappt das Messer wieder zu und steckt es in seine Tasche. 
Ich behalte es für mich und frage erst sehr viel später die Mut­ter danach. Am Rot überall erkennt sie die Pension in Karlsbad, wo sie mit dem Vater und mir den Sommer 1907 verbracht hatte. Für den Zweijährigen haben sie ein Kindermädchen aus Bulgarien mitgenommen, selbst keine fünfzehn Jahre alt. In aller Frühe pflegt sie mit dem Kind auf dem Arm fortzugehen, sie spricht nur bulgarisch, findet sich aber überall in dem be­lebten Karlsbad zurecht und ist immer pünktlich mit dem Kind zurück.  

Schon auf der ersten Seite seiner Autobiographie schildert Canetti eine Erinnerung, die deren erstem Band seinen Titel die gerettete Zunge gibt und die die Bedeutung, die Sprechen und Hören und Sprache für Canetti haben, zum Ausdruck bringt. Sprache ist ihm mehr als Mittel zur Kommunikation; in ihr verdichtet sich dem jungen Canetti die Welt. Seine Erfahrungen sind zuallererst Sprach-Erfahrungen.

Heine und Benjamin über den Frühsozialismus

Angesichts der Ähnlichkeiten in Biografie und Werk von Heinrich Heine (1797-1856) und Walter Benjamin (1892-1940) ist auffallend: erstens, dass Benjamin, dessen Hauptwerk ein Geschichtsbuch über das Paris des 19. Jahrhunderts werden sollte und der über Heines Zeitgenossen Baudelaire ein Buch schrieb und außerdem mit Heines Werk vertraut war, nahezu nichts über diesen schrieb. Und zweitens, dass in der Forschung über diese beiden Schriftsteller, vergleichende Arbeiten sehr rar sind. Mögliche Ursachen für diesen Mangel sollen hier allerdings kein Thema sein. Vielmehr soll versucht werden, den Umgang der Autoren mit einem Thema, das für beide zentrale Bedeutung hatte, vergleichend zu untersuchen: Ihre Rezeption und Kritik des Utopischen- und Frühsozialismus von Henri Claude Saint-Simon, Charles Fourier und anderen.[1]

Die Brücke vom Goldenen Horn


Zu: Emine Sevgi Özdamar, Die Brücke vom Goldenen Horn, Köln 2002.

Sind die sprachlichen Mittel, sind Özdamars sprachschöpferischer Stil, ihre Wortspiele, Metaphern und Bilder nur Ausschmückung und Beiwerk zu einem eigentlichen Thema? Oder geht es der Autorin darum, und so klingt es in manchen Rezensionen, mit einem 300 Seiten langen Sprachexperiment, in einer „Wollust des Benennens”, die deutsche Sprache erfrischend zu erneuern?

25.10.12

zu einem Gedicht von Heinrich Heine

Ich hatte einst ein schönes Vaterland *

 
Ich hatte einst ein schönes Vaterland.
Der Eichenbaum
Wuchs dort so hoch, die Veilchen nickten sanft.
Es war ein Traum.

Das küßte mich auf deutsch und sprach auf deutsch
(Man glaubt es kaum
Wie gut es klang) das Wort: „Ich liebe dich!“
Es war ein Traum.

In der Zeit seiner Emigration in Paris schrieb Heine (1797-1856) dieses Gedicht über Liebe, Heimat und Exil und über Sprache. Gedruckt wurde es erstmals 1934. Inspiriert vom deutschen Volkslied ist es schlicht und wortkarg, doch Heine macht sich Eichenbaum und Veilchen durch leichte Ironie neu nutzbar. Denn ungebrochen könnte er das Loblied aufs Vaterland, das ihn ins Exil trieb, nicht stehen lassen; Zur Abwehr des ungezwungenen Heimwehs der ersten drei Zeilen, endet die erste Strophe mit der Feststellung, das Bild von der Heimat sei ein Traum. Doch ganz gelingt die Abwehr nicht, Erinnerung und Wehmut halten sich die Wage mit dem Realitätssinn. Woher kommt das Recht des als traum-haft im doppelten Sinne, als unwirklich und als schön Erkannten? In der zweiten Strophe kommt zum Ausdruck, was die Erinnerung prägt: nicht anmutige Landschaft oder politischen Misere, sondern nahestehende Menschen und ihre Sprache, ein Kuß und die deutsche Worte der Geliebten. Durch den Einschub in Klammern zögert Heine das entscheidenden „Ich liebe dich!“ hinaus. In keiner anderen Sprache als der Muttersprache, sagt Heine damit, lassen sich die richtigen Worte für Gefühle, Zärtlichkeit und Liebe finden.
Angesichts dessen, daß Heine in Deutschland, vor der kurzen Phase der Emanzipation, Jude war, läßt sich hinzufügen, daß er wohl schon vor dem Exil in Frankreich, in der Sprache einen Rückzugsraum anderer Art gefunden hatte. In der deutschen Sprache fühlte er sich wirklich heimisch. Einige der Verfolgten die in den dreißiger und vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts ins Exil mußten und dann zurückkamen, gaben als Grund für ihre Rückkehr ein ganz ähnliches Verhältnis zu Deutschland und seiner Sprache an wie das, das Heine in seinem Gedicht „Ich hatte einst ein schönes Vaterland“ beschreibt.
  
* In: Sämtliche Schriften in sechs Bänden. Hg. von K. Briegleb, München 1968 ff., Band 4.

24.10.12

Es war 1924

kurze Doku über die frühe Kritische Theorie. (HR 1994)

Ein Lesebuch für Arbeiter

 























1848 Ein Lesebuch für Arbeiter, Einband von Karl Holtz,123 Seiten,
Vereinigung Internationaler Verlagsanstalten G.m.b.H. Berlin (1923)

Inhaltsverzeichnis:
Franz Mehring, 1848
Aus dem Manifest der Kommunistischen Partei
Forderungen der Kommunistischen Partei in Deutschland
Georges Renard, Die Februarrevolution in Paris
Kämpfe in Berlin
Kabinettsordre
An meine lieben Berliner
Der Herzog will "das Beste"
An den sogenannten Deutschen König in Berlin
Der Brunnen in der Breiten Straße
M. Bakunin. April 1848
Ferd. Freiligrath, Die Toten an die Lebenden
Friedrich Engels, Die Pariser Junischlacht
Karl Marx, Die Junischlacht des Pariser Proletariats
M. Bakunin an Georg Herwegh
Karl Marx, Der Aufruf des demokratischen Kongresses
Ferd. Freiligrath, Wien
Das Todesurteil gegen Robert Blum
Verordnung
Kundmachung des Belagerungszustandes
Proklamation der Linken in der Nationalversammlung
Ferd. Lassalle, Passiver Widerstand
Deutschlands größter Schweinehund
Der Urwähler
M. Bakunin an Georg Herwegh
Glasbrenner, Die deutschen Professoren
Ein philosophischer Philister
Im freisten Lande von der Welt.
Karl Marx, Neujahr 1849
Friedr. Engels, Die Neue Rheinische Zeitung
Heinrich Heine, Kobes I . .
Die Frauen in der Revolution
Friedr. Engels, Rheinpreußen
Friedr. Engels, Die Reichsverfassungskampagne
Franz Mehring, Der badische Feldzug
Ferd. Lassalle, Die Justizschmach in Preußen
Heinrich Heine, Michel nach dem März
Aus der Ansprache der Zentralbehörde an den Bund der Kommunisten
Paul Frölich, Die deutsche Sozialdemokratie und die Revolution von 1848
Georg Herwegh, Achtzehnter März



Über den Begriff der Geschichte


zu Walter Benjamins Thesen Über den Begriff der Geschichte (GS I, 2)

Und dann...und dann... und dann... Die Zeit verstreicht. `Das haben wir wenigstens hinter uns´, sagen wir - `aber was haben wir nicht noch alles vor uns´? Unserem Sprachgebrauch zufolge haben wir das Gesicht der Zukunft zugewendet und den Rücken der Vergangenheit, so erleben es die meisten. Die Zukunft liegt vor ihnen, die Vergangenheit hinter ihnen. Für dynamischere Persönlichkeiten ist die Gegenwart in aller Regel `ein Schiff, das bei rauher See durch die Wellen der Zukunft pflügt´, für passivere Menschen eher ein Floß, das auf einem Fluß ruhig mit der Strömung treibt. Beide Vorstellungen haben - natürlich - ihre Tücken, denn wenn die Zeit eine Bewegung ist, dann muß sie sich in einer zweiten Zeit bewegen, und so entsteht eine unendliche Zahl von Zeiten - eine Szenerie, die den Denkern eher mißfällt, aber die Phantasien des Gefühls richten sich nun einmal nicht unbedingt nachdem Verstand. Wer seine Zukunft vor sich und seine Vergangenheit hinter sich hat, geht mit der Zeit auf andere - und ebenfalls schwer zu begreifende - Weise um: für ihn sind die Ereignisse schon in der Zukunft irgendwie gegenwärtig, erreichen in einem bestimmten Moment die Gegenwart, um schließlich in der Vergangenheit zur Ruhe zu kommen. Aber es ist nichts in der Zukunft, sie ist leer, und im nächsten Moment kann man gestorben sein und hat sein Gesicht also dem Nichts zugewendet, obwohl doch gerade hinter einem etwas zu sehen war: die Vergangenheit. So, wie sie das Gedächtnis aufbewahrt hat. Darum sagen die Griechen, wenn sie von der Zukunft sprechen: `was haben wir nicht noch alles hinter uns´ - und in diesem Sinne ist Anton Steenwijk Grieche. Auch er stand mit dem Rücken zur Zukunft und mit dem Gesicht zur Vergangenheit.
(Harry Mulisch, Das Attentat, München/Wien, 1994, S. 199)

In seinem Roman `Das Attentat´ reflektiert der niederländische Schriftsteller Harry Mulisch über die Geschichte des Nationalsozialismus, den Widerstand und die Bedingungen des Erinnerns. Es scheint an Stellen wie der zitierten, als hätte Mulisch Walter Benjamins Thesen über den Begriff der Geschichte gekannt, in diesem Fall die IX. Sie verhandeln, 1940 im Exil als Teil des Passagen-Werks verfaßt, ganz ähnlich Dinge.
Angesichts des beginnenden Krieges, der Herrschaft des Nationalsozialismus über Deutschland, angesichts des Hitler-Stalin-Pakts und der Niederlage der Arbeiterbewegung, sucht Benjamin nach den Gründen für deren Scheitern. Er kritisiert ihren protestantischen Arbeitsbegriff, ihre technokratische Vorstellung von Naturbeherrschung und verwirft radikal den deterministischen Fortschritts- und Geschichtsbegriff der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung. Ihr war der technische Forschritt, seitdem durch Kautsky Darwins Evolutionstheorie in den Marxismus Einzug gehalten hatte, Gewährsmann für den sozialen. Die Revolution stellte sich die Sozialdemokratie als eine Lokomotive vor, die die Geschichte voran bringen würde. Benjamin dreht diese Vorstellung um. Angesichts der Kontinuität des Leids in der Geschichte, und Benjamin wählt für seinen Blick auf die Vergangenheit, anders als die historistische Geschichtswissenschaft seiner Zeit, die Perspektive der Leidenden und Unterdrückten, müßte die Revolution die Geschichte nicht voran bringen, sondern ihren Fortgang stoppen. Um diesen Gedanken zu veranschaulichen, macht er als Materialist sich die jüdische Theologie nutzbar. Der jüdischen Religion bedeutet die Ankunft des Messias, des Erlösers, die `Stillstellung des Geschehens´, das `Aufsprengen des Kontinuums der Zeit´. Die Bedingungen dieser Möglichkeit vorzubereiten, sucht Benjamin noch in der verzweifelsten Lage.

Er legte die Hände auf sein Gesicht, dorthin, wo sie es berührt hatte, und schloß die Augen. Es ist die Hölle, dachte er, die Hölle. Selbst wenn morgen der Himmel auf Erden errichtet würde, könnte es nach all dem, was in der Vergangenheit passiert ist, nicht der Himmel sein. Es war hoffnungslos. Das Leben auf dieser Welt war ein Mißerfolg, ein großer Reinfall, und es wäre besser Gewesen, es wäre nie entstanden. Erst wenn es kein Leben mehr gab, und damit auch keine Erinnerung mehr an die Todesschreie, wäre die Welt wieder in Ordnung. (H. Mulisch,  S. 194)

Gegenüber dem Protagonisten in Mulischs Roman, dem für einen Moment, wie von einem Blitzlicht beleuchtet, das Leid der Vergangenheit unmittelbar gewahr wird, hätte Benjamin, zum Zeitpunkt als er die Thesen verfaßte, verpflichtet durch die Toten, an der Notwendigkeit zu Erinnern und auch an der Hoffnung auf ein Ende des Leids, auf eine diesseitige, versöhnte Gesellschaft festgehalten. In diesem Himmel auf Erden wäre zwar das Vergangene nicht ungeschehen gemacht, aber der `erlösten Menschheit wäre dann ihre Vergangenheit in jedem ihrer Momente zitierbar.´

20.10.12

über Samuel Tzschirner














  


Straßenkampf in Dresden: Gemälde von Julius Scholtz, 1849

"Seine Energie ist im Sachsenland eine unerhörte Erscheinung": Wie der Armenanwalt Samuel Tzschirner 1849 in der Deutschen Revolution zum Volkstribun wurde. Ein Artikel von Christian Jansen aus der "Zeit" vom 8.7.2012.

Das Lied der Matrosen


Deutschland 1958. Regie: Kurt Maetzig und Günter Reisch




























Der Film sollte wohl die deutsche Antwort auf Panzerkreuzer Potemkin sein, er ist allerdings künstlerisch weniger ambitioniert. Man gewinnt den Eindruck, dass sich die beiden Regisseure, nachdem jeder seine Teile gedreht hatte, nicht einigen konnten, welche Szenen nun weggelassen werden könnten. So wurde der Film 118 Minuten lang und es mangelt ihm an Stringenz. Auch wenn manches eindrucksvoll geschildert wird, z.B. der Hass auf die Offiziere, der sich dann im Abreißen der Schulterklappen entlud, bleiben die größeren Zusammenhänge unklar, z.B. wird nicht erwähnt, dass es ab dem 3.10.1918 eine neue Regierung gab, in der auch zwei Sozialdemokraten saßen. Trotz des Friedensgesuchs der neuen Regierung plante die Marineleitung die letzte Offensive, deswegen konnten sich die meuternden Matrosen auf Seiten der Regierung wähnen. Im Film bleiben die Berliner Ereinisse sehr unscharf, ebensowenig wird deutlich, inwiefern sich die Forderungen der jeweiligen Strömungen der Arbeiterbewegung unterschieden.

18.10.12

Brennende Ruhr

Max ( Hans-Peter Reinecke) und Mary (Annelie Scheinert) im Lazarett



















Ein Film des Deutschen Fernsehfunks, hergestellt im DEFA-Studio 1967
nach dem Roman von Karl Grünberg

Obwohl teilweise etwas zu plakativ - der Student fällt beim Abladen von Schrott vom Waggon, der opportunistische Bürgermeister raucht Zigarre und trägt Schmiss, die Reaktionäre stecken in Pelzkrägen - ist der Film gut gespielt und fotografiert und durchaus spannend. Das traurige Ende, das die Einheit der Arbeiter beschwört und zu deutlich auf Legitimation der SED zielt, ist aus heutiger Sicht noch zu optimistisch.


Sozialdemokrat und Bürgermeister bei verräterischen Machenschaften

















06.10.12

Hitlers Gegner, Stalins Opfer

In Berlin wurde erstmals der deutschen Kommunisten und Sozialisten gedacht, die der stalinistischen Verfolgung in der UdSSR zum Opfer fielen. Ein Bericht von Peter Nowak aus der Jungle World vom 2.8.2012.

05.10.12

Der Verlorene



















Der Verlorene, Dtl. 1951, Regie: Peter Lorre

20 Jahre nach Fritz Langs "M" spielte Peter Lorre nochmals einen Serienmörder.
 "Der Verlorene", 1951 unter dem Arbeitstitel "Der Totmacher" in Hamburg produziert , war Lorres erste (und letzte) Regiearbeit und sein erster (und letzter) deutscher Film nach der Rückkehr aus dem amerikanischen Exil. 
 Des weiteren war "Der Verlorene" der erste Film, der von der gerade gegründeten Wiesbadener Filmbewertungsstelle das FSK-Prädikat "wertvoll" verliehen bekam. Das allerdings war dann schon fast die einzige gute Kritik - der Rest bewegte sich zwischen desinteressiert und gehässig. Denn Gegenstand des Films ist die Indolenz der Deutschen, an der Lorre ebenso verzweifelte wie seine Hauptfigur. "Dieser allgemeine Gefühlsmangel, auf jeden Fall aber die offensichtliche Herzlosigkeit, die manchmal mit billiger Rührseligkeit kaschiert wird, ist jedoch nur das auffälligste äußerliche Symptom einer tief verwurzelten, hartnäckigen und gelegentlich brutalen Weigerung, sich dem tatsächlich Geschehenen zu stellen und sich damit abzufinden", hatte Hannah Arendt die psychosoziale Lage bei ihrem Besuch in Deutschland ein Jahr zuvor zusammengefasst. Und Lorre hatte nun den fatalen Fehler begangen, den Deutschen ins Gewissen reden zu wollen. Kein Wunder also, dass auch das Publikum eine weitere filmhistorische Premiere, nämlich den ersten deutschen Film, in dem ein Nazi willentlich getötet wird, lieber verpassen wollte, und dass Lorres Lehre aus der Geschichte, die sein Biograph Felix Hofmann als "Nur ein toter Nazi ist ein guter Nazi" referiert, damals noch weniger mehrheitsfähig war als heute. Der Film wurde nach wenigen Tagen aus Mangel an Zuschauern wieder abgesetzt. Die Filmhistorikerin Lotte Eisner resümiert: "Der beachtliche und ehrliche Film wurde in Deutschland so kalt aufgenommen, dass Lorre enttäuscht nach Amerika zurückging und sich vollends zu Tode soff."

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