Walter Benjamin

Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten.
Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht.

Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, Band I, Seite 1241.

30.07.14

John Thelwall (1764-1834)


Die republikanische Attacke gemalt von James Gillray um 1795

Die Briten liebten ihren König, doch nach 1789 gab es auch auf der Insel Anhänger der Revolution. Ihr lautester Fürsprecher war – radikal, aber wohlgesittet – der zu Unrecht vergessene Demokrat John Thelwall. von Martin Herzog,


Absolutely outrageous! Un-er-hört! Die Abonnenten der Times sind erschüttert von dem, was sie da in ihrer Samstagsausgabe lesen müssen: die Staatskarosse des Königs attackiert, auf dem Weg zur Eröffnung des Parlamentsjahres 1795 von einem aufgebrachten Mob mit Unrat beworfen! Und mehr noch: Es war ein Angriff auf Leib und Leben von George III. Das kreisrunde Loch im Seitenfenster der Kutsche zeuge von einem Geschoss, "vermutlich aus einem Luftgewehr", wie die Times berichtet.
His Majesty waren mit einem Schrecken davongekommen, seine Kutsche dagegen hatten die Demonstranten zerlegt. Frieden hatte der Pöbel verlangt. Und Brot, bezahlbares Brot. Vereinzelt waren sogar Rufe zu hören wie "Nieder mit George!" und "König ohne Kopf!". So etwas habe dieses Land noch nicht gesehen, schäumt die Times: "Jeder gute Bürger hat zweifelsohne ein tiefes Interesse daran, die Urheber dieser Exzesse aufzudecken, welche offenbar von den gleichen Aufrührern geplant wurden, die in jüngster Zeit regelmäßig versucht haben, den öffentlichen Frieden zu stören."
Jeder weiß, wer damit gemeint ist: die Mitglieder der notorischen London Corresponding Society. Denn entgegen landläufiger Meinung gab es auf den britischen Inseln durchaus Sympathien für die Französische Revolution – auch wenn die englischen Jakobiner in der Wahl ihrer Mittel viel gemäßigter waren als ihre kontinentalen Gesinnungsgenossen, frei nach dem Motto: Radicalism? Yes, but in an orderly fashion! Ja, aber schön gesittet!

Wahlrecht für jeden erwachsenen Mann – unerhört

Das rhetorische Sturmgeschütz der Protestbewegung war ein Mann namens John Thelwall, ein politischer Aktivist, Journalist, Schriftsteller, Redner und "freigesprochener Schwerverbrecher". Wenige Tage vor der skandalösen Attacke auf den König spricht er auf der größten Versammlung des radikalen Reformclubs – unter freiem Himmel auf den Copenhagen Fields, vor mehr als 200.000 Zuhörern. Und so wie in jeder seiner Reden fordert er das Wahlrecht für jeden erwachsenen Mann. Man stelle sich vor: für jeden!
So habe es in Frankreich auch begonnen, raunt die Times: "Dort wie hier haben ein paar politische Abenteurer die erwerbstätigen Armen von ihrer Arbeit weg- und auf die Felder der Volksverhetzung gerufen und ihren Geist mit aufrührerischen Predigten auf Gewalt eingeschworen. [...] Ein öffentliches Exempel an diesen Aufrührern scheint absolut notwendig für die Ruhe in diesem Land."
Premierminister William Pitt lässt sich nicht lange bitten: Innerhalb weniger Wochen peitscht er zwei Gesetze durchs Parlament, ein verschärftes Hochverrat-Gesetz und eines über aufrührerische Zusammenkünfte. Endlich bietet sich ihm die Gelegenheit, den Umtrieben von Thelwall und Konsorten Herr zu werden. Als gagging acts, Knebelparagrafen, werden die Gesetze bekannt und die Politik der englischen Regierung als "Pitt’s reign of terror".
Nun haben weder John Thelwall noch andere führende Mitglieder der London Corresponding Society je zum Sturz des Königs aufgerufen oder gar zu seiner Ermordung. Zwar liebäugelt Thelwall offen mit den Idealen von 1789, und als er 1794 in Festungshaft sitzt, verfasst er eine Ode auf die Zerstörung der Bastille. Der kämpferischen Verse zum Trotz aber sind er und die meisten seiner Mitstreiter eher Reformer als Revolutionäre und sehen sich als Beschützer der englischen Verfassung. Weil sie mit jakobinischen Ideen von der Gleichheit aller Bürger sympathisieren, werden sie trotzdem schnell als Vaterlandsverräter gebrandmarkt, zumal England seit 1793 mit Frankreich im Krieg steht. John Thelwall wird – halb Schmähung, halb Anerkennung – als "Jakobinischer Fuchs" bekannt. Dabei schien für den Sohn eines kleinen Seidenhändlers nichts ferner zu liegen denn eine Karriere als politischer Agitator oder gar Redner – nicht nur weil er an Asthma litt und lispelte.

Liebe für Shakespeares Werk

Geboren vor 250 Jahren, am 27. Juli 1764, im zweifelhaften Londoner Stadtteil Covent Garden, zeigt John früh großes Interesse für Bücher, Theaterspiel und bildende Künste – sehr zum Ärger seiner Mutter, die seit dem Tod ihres Mannes das Geschäft alleine führt. Als John 13 Jahre alt ist, nimmt sie ihn von der Schule, damit er im Laden hilft. Eine Lehre als Schneider bricht er ab, und auch die Arbeit in der Anwaltskanzlei seines Schwagers kann ihn auf Dauer nicht begeistern, und nachdem er einer ehrlichen, aber überschuldeten Familie einen Vollstreckungsbescheid zustellen musste, quittiert er angewidert den Dienst.
Schon zuvor hatte Thelwall sich lieber mit Shakespeare und klassischer Philosophie beschäftigt. Einige seiner literarischen Arbeiten hat er sogar veröffentlichen können: Gedichtbände, Theaterstücke, Romane, das meiste davon völlig unpolitisch, romantische Märchen, in denen heldenhafte Ritter ehrbare Jungfrauen vor feuerspeienden Lindwürmern retten.
Seine wahre Bestimmung findet Thelwall als politischer Redner. Ende der 1780er Jahre kommt er in Kontakt mit verschiedenen Londoner Debattierclubs. Leidenschaftlich argumentiert er für die Redefreiheit und gegen die Sklaverei. Im Alter von 29 Jahren tritt er der London Corresponding Society bei. Mit ihren regionalen Ablegern wird sie rasch zur einflussreichsten der Korrespondenz-Gesellschaften – ihre Mitglieder tauschen sich hauptsächlich in Briefen untereinander aus, daher der Name.
Diese Societys gründen sich aus der Mitte des Bürgertums heraus. Die Debatten laufen äußerst gesittet ab. Jeden Anschein von Gewaltbereitschaft versuchen sie zu vermeiden. In ihren Petitionen berufen sie sich immer wieder auf die Verfassung und beschwören ihre Treue zur Monarchie. Im Gegensatz zu ihren französischen Freunden wollen sie die bestehende Ordnung nicht abschaffen.

Wichtig ist nicht, was gefordert wird, sondern wer es fordert

"Die Beziehung der Briten zu ihrem König war zwar eher hemdsärmelig, der Republikanismus aber hatte nie einen starken Rückhalt in der Gesellschaft", sagt Steve Poole, Historiker an der University of the West of England und Vorsitzender der John Thelwall Society. "Wenige sehnten sich nach einer Revolution, England hatte ja 100 Jahre zuvor seine eigene Glorious Revolution erlebt." Teil der damals beschlossenen Bill of Rights waren das Recht auf freie Rede, freie Versammlung und Petition.
Auf genau diese Rechte berufen sich nun die Mitglieder der Corresponding Societys. In den Augen der Regierung sind sie trotzdem brandgefährlich. Wie so oft ist es dabei nicht nur wichtig, was gefordert wird, sondern wer es fordert: Im Parlament hatten die liberalen Whigs immer mal wieder dafür plädiert, dem neuen Bürgerstand das Wahlrecht einzuräumen, ohne dass die Forderung irgendwelche Konsequenzen nach sich gezogen hätte (vom einfachen Landvolk und der entstehenden Arbeiterklasse oder gar den Frauen sprach niemand). Nun sind es Bürger von relativ niedrigem Stand, die solche Forderungen stellen. Die London Corresponding Society wird von einem einfachen Schuhmacher geleitet, ihre Mitglieder sind Kunstschreiner, Uhrmacher, kleine Verleger, Kaufleute, Juristen, Ärzte. Sie treten für niedrigere Steuern, für billigere Lebensmittel, bessere Erziehung, Rechtsreformen, eine Altersversorgung und vor allem: ein allgemeines Wahlrecht ein – und das in aller Öffentlichkeit.
Besonders fürchten Regierung und Parlament daher talentierte Redner wie John Thelwall. Äußerlich schmächtig, gewinnt er seine Zuhörerschaft durch seine theatralische Art. Thelwall redet nicht, er rast – was nicht jedem gefällt: "Er zetert wie ein methodistischer Pfaffe; nicht der eiferndste Schauspieler in der eiferndsten Rolle hat je so viel Lärm gemacht wie Bürger Thelwall", spottet ein Zeitgenosse. Selbst sein Freund, der englische Nationaldichter Samuel Taylor Coleridge, zeigt sich nicht sonderlich beeindruckt: "Du sprichst laut und schnell, aber die Kraft des Geschreis macht noch keinen Patrioten!"
Sein Publikum jedoch ist begeistert. Bald lockt er zweimal pro Woche 500 bis 600 zahlende Zuhörer in seine Vortragshalle am Londoner Strand, einer Hauptverkehrsader der Stadt. Unter ihnen befinden sich stets auch Regierungsagenten, die routinemäßig die Gesellschaften unterwandern. Thelwall weiß das und fordert bei seinen Reden die "Spione und Büttel" auf, sich zu erkennen zu geben und offen mit ihm zu diskutieren. Die Angesprochenen ziehen es vor, still Notizen für ihren Dienstherrn zu machen: "Er frohlockte, dass Tyrannei und Despotismus in ganz Europa kurz vor dem Verfall stünden, dass der Totengräber schon an die Tür klopfe und der Sarg bereits maßgefertigt sei", berichtet im Frühjahr 1794 ein Staatsspitzel. Ist der Sarg etwa für George III. bestimmt?
Wenig später jedenfalls wird John Thelwall, "ein Mitglied verschiedener aufständischer Gesellschaften und bekannt für seine demokratischen Vorträge", festgenommen, wie die Times am 14. Mai 1794 zufrieden meldet. Der Vorwurf gegen ihn und zwei weitere prominente Mitglieder der London Corresponding Society lautet Hochverrat. Im Tower of London schmort Thelwall in Einzelhaft, während sein Haus durchsucht, geplündert und seine persönliche Habe konfisziert wird.

Zum Glück verteidigt sich Thelwall nicht selbst

Thelwalls Festsetzung kommt wenig überraschend. Kurz zuvor hatte Premierminister William Pitt eine heilige Kuh der britischen Verfassung geschlachtet und den Habeas Corpus aufgehoben, jenen Artikel, der es dem Staat verbietet, Bürger ohne ausreichenden Anklagegrund einzusperren. Im Parlament beschwört Pitt die Gefahr durch die radikalen Gesellschaften herauf, die drauf und dran seien, ein "ganzes System des Aufruhrs zu etablieren [...], welches in der modernen Doktrin der Menschenrechte liegt. Diese monströse Doktrin, mit der man versucht hat, die Schwachen und Dummen [...] zu verleiten, die Regierung zu stürzen sowie Gesetz, Eigentum, Sicherheit, Religion, Ordnung und alles Wertvolle in diesem Land."
Am 1. Dezember 1794 beginnt der Prozess gegen Thelwall. Zwei seiner Mitstreiter sind zuvor freigesprochen worden. Doch Thelwall gilt als scharfzüngigster unter den Rednern der Society. Einem Freund schreibt er: "Ich muss mich selbst verteidigen, damit ich nicht gehängt werde." Der antwortet trocken: "Du wirst gehängt, wenn du das tust." Seine Verteidigungsrede ist bereits geschrieben. "Ich weiß sehr gut, Bürger, auf welch gefährlichen Pfaden ich wandle: Ich weiß sehr gut, dass Hochverrat einst bedeutete, den Tod des Königs zu betreiben, heute bedeutet es, die Wahrheit zu sagen!"
Vielleicht war es doch hilfreich, dass er diese Rede nie gehalten hat, wiewohl die Vorwürfe gegen ihn selbst nach damaligen Standards einigermaßen hanebüchen waren. Der Tatbestand des Hochverrats war nach englischem Recht dann erfüllt, wenn der Tod des Monarchen "geplant und betrieben wurde". Da die Anklage, trotz Durchforstung aller öffentlichen Reden und privaten Korrespondenz, keine Beweise für ein Mordkomplott liefern konnte, zogen sich Regierung und Staatsanwalt auf die Position zurück, allein die Vorstellung vom Tod des Monarchen sei schon Hochverrat – sie nahmen also den Wunsch für die Tat. Das war auch damals vor Gericht unhaltbar.
Nach fünf Verhandlungstagen wird Thelwall freigesprochen. Als er aus der Haft entlassen wird, empfängt ihn eine jubelnde Menschenmenge, die seine Kutsche per Hand zu seinem geplünderten Haus zieht, und sehr zum Ärger der Regierung beginnt Thelwall bald wieder mit seinen Vorträgen. Er ereifert sich über den kostspieligen und "despotischen" Krieg gegen das revolutionäre Frankreich und die deswegen steigenden Brotpreise. Die Versammlungen der Corresponding Society werden immer größer. Sie gipfeln in einer Reihe von Open-Air-Veranstaltungen im Herbst 1795, zu denen mehrere Hunderttausend Zuhörer strömen.

Aus einem Debattierklub wird eine Untergrundorganisation

Als schließlich die Kutsche des Königs attackiert wird, ist für die Regierung Pitt das Maß voll und die Gelegenheit da, ihre Antiterrorgesetze durchzusetzen. Die London Corresponding Society wird in den Untergrund gedrängt – der Anfang vom Ende der britischen Reformbewegung.
John Thelwall bekommt Pitts despotischen Gesetze besonders hart zu spüren, das Pittsche Versammlungsverbot entzieht ihm die Existenzgrundlage als Redner. Genau so ist es gedacht: In den Parlamentsdebatten über die Knebelgesetze fällt Thelwalls Name mehrfach, ein Abgeordneter schimpft ihn einen acquitted felon, einen freigesprochenen Schwerverbrecher. Trotzig heftet sich Thelwall die Schmähung wie ein Abzeichen an die Brust.
Er will es nun wirklich wissen. Er beginnt Vorlesungen zu halten unter dem Motto: "Vorträge in strikter Übereinstimmung mit Mister Pitts Versammlungsgesetz". Sie tragen Titel wie "Kritik an Korruption und Pfaffenwirtschaft, die zum Fall Roms führten, mit Beispielen aus der Geschichte sämtlicher Nationen, ausgenommen dieses Königreichs, über welches (einzig und allein) es heute rechtswidrig ist zu lehren". Er löckt wider den Stachel, und es bereitet ihm Vergnügen. 1796 bricht er zu einer Vorlesetournee durch das Land auf. Bis zu 5.000 Zuhörer zieht er an. Aber auch in der Provinz ist Thelwall nicht sicher vor den Spitzeln der Regierung. Regelmäßig werden seine Vorträge von gekauften Schlägertrupps gesprengt, und bei einer Gelegenheit muss er sich den Weg mit vorgehaltener Pistole erzwingen: In Yarmouth an der Ostküste stürmen Matrosen das Podium, in der Absicht, ihn auf ihr Schiff zu schleppen und zum Zwangskadetten seiner Majestät zu machen.

Die Reformer werden vom Staat förmlich geknebelt

Thelwall hält diesem Druck auf Dauer nicht Stand. Gesundheitlich ohnehin fragil, haben ihm die Haftbedingungen im Tower schwer zugesetzt. Gerade Anfang dreißig, folgt er dem Ruf seines Freundes Coleridge und zieht aufs Land. Als er einige Zeit später wieder nach London übersiedelt, lässt er sich als selbst ernannter Professor für Sprechtherapie und Rhetorik nieder, politisch hält er sich zurück, und so wird es bis zum Ende seines Lebens bleiben. Die korrespondierenden Gesellschaften sind verboten oder spielen keine Rolle mehr. Pitt hat die Reformbewegung Englands erfolgreich geknebelt. Dichter Samuel Coleridge schreibt: "Diese überraschenden Brisen und kräftigen Böen, welche die Atmosphäre durcheinanderwirbelten und reinigten, sind zur Totenstille verstummt. Leichenblasse, despotische Ruhe folgt dem selbstlosen Kommando und der würdevollen Unbesonnenheit der Freiheit."
1834, im Alter von 69 Jahren, stirbt Thelwall während einer Lesereise im westenglischen Städtchen Bath – ausgerechnet! "Waren Sie da schon mal?", fragt der Historiker Steve Poole und redet sich in Rage: "Das ist die Quintessenz einer georgianischen Kurstadt, mit dem georgianischen Bad und diesem ganzen bescheuerten Jane-Austen-Kult. Über Hunderten Haustüren sind Plaketten angebracht, um jeden noch so nutzlosen aristokratischen Fatzke zu ehren. Aber John Thelwall, der geholfen hat, eine demokratische Gesellschaft in England zu errichten, der ist vergessen." Als Steve Poole mit einigen Mitstreitern vor ein paar Jahren die John Thelwall Society gründete, machten sie zunächst sein Grab ausfindig und restaurierten es. "Bis dahin wusste niemand, wo es war."
Die Society wolle die Erinnerung neu beleben, erklärt Poole. An John Thelwall und daran, dass die demokratischen Rechte, die uns heute so selbstverständlich scheinen, erkämpft werden mussten und immer wieder neu verteidigt werden müssen. Der mutige Redner aus London hat diesen Kampf seinerzeit nur um ein Haar überlebt: "Als er wegen Hochverrats vor Gericht stand, war die Möglichkeit sehr real, dass er gehängt wird", sagt Poole – und für diesen Fall hatte Premier Pitt bereits eine Liste mit weiteren Haftbefehlen in der Tasche. Sie umfasste rund 200 Namen.




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