Walter Benjamin

Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten.
Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht.

Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, Band I, Seite 1241.

30.10.13

zu Georg Büchner

zu Georg Büchners 200. Geburtstag erschienen einige Artikel, der von Manfred Koch aus der NZZ war der beste:

Als Georg Büchner am 19. Februar 1837 23-jährig in Zürich starb, hinterliess er ein schmales, eminentes literarisches Werk. Er gehörte aber auch zu den Stichwortgebern des revolutionären Umbruchs in Hessen. Schuldgefühle wegen der Inhaftierung seiner Gesinnungsfreunde verfolgten ihn bis zuletzt.

Filme III


The Thomas Crown Affair, Regie: Norman Jewison, 1968
Mit Steve McQueen und Faye Dunaway und schöner Musik von Michel Legrand.
Noch cooler geht es nicht. Dieser Film ist sicherlich heute noch das große Vorbild für Filme wie oceans eleven. Es geht um einen wohlhabenden Unternehmer, der sich die Zeit nicht nur damit vertreibt Golf und Polo zu spielen und zu fliegen, sondern auf der Suche nach Spannung und Abenteuer auch Banken überfällt. Das bürgerliche Leben und seine Formen des Zeitvertreibs kommen also tatsächlich nicht allzu gut weg, selbst ihre exklusiveren Formen sind so langweilig, dass man was Aufregendes wo anders suchen muss.

Teorema, Regie: Pasolini, 1968
Musik von Ennio Morricone und Mozart
Das ist ein ziemlich artifizieller Film. Es geht um die Frage, was Leute daraus machen, wenn sie die Liebe erfahren. Diese Erfahrung wird im Film personifiziert durch die Figur des namenlosen Gasts einer großbürgerlichen Familie. Der Film zeigt in seiner zweiten Hälfte fünf Möglichkeiten, mit der Erfahrung umzugehen: Die Tochter wird sprachlos, die Mutter versucht die Erfahrung zu wiederholen, die Haushälterin interpretiert das Erlebte religiös und wird zur Märtyrerin, der Sohn fühlt sich zur Kunst ermutigt und der Vater verschenkt seine Fabrik an die Arbeiter. Es ist also nicht ausgemacht, dass aus Erfahrung Erkenntnis folgt, geschweige denn Glück. (sehenswert war auch der Dokumentarfilm Die Akte Pasolini, der die Rolle Pasolinis im Italien der 60er und 70er Jahr beleuchtete.)

Possession, Regie: Andrzej Zulawski, 1981
Mit Sam Neill und Isabelle Adjani, die für ihr Spiel in diesem Film in Cannes 1981 als beste Schauspielerin ausgezeichnet wurde, was sehr nachvollziehbar ist.
West-Berlin 1981, das sieht in diesem Film aus wie eine Sciencefiction-Filmkulisse. David Lynch trifft auf Alien, plus Action: ein düsteres Spektakel. Inhaltlich geht es auch wieder um die Liebe, Mark glaubt an seine Frau Anna, obwohl sie sich mit dem Bösen einlässt. Leider sterben am Schluss beide.

William S. Burroughs a man within, Regie: Yony Leyser, 2010
Das ist das sehr gelungene Dokumentarfilm-Debut dieses jungen Regisseurs. Es geht um das Leben von Burroughs und um seinen Einfluss auf die Subkultur im 20. Jahrhundert.

00 Schneider im Wendekreis der Eidechse, Regie: Helge Schneider, 2013
Ein sehr nostalgischer, lässiger und poetischer Film, es dominieren herbstlichen Farben und Jazzmusik. Immmer wieder sieht man in langen Einstellungen, wie sich der Hund des Kommissars auf dem Sofa rekelt oder Helge Schneider tanzt im braunen Ledermantel mehrere Minuten in einer Tiefgarage. Die surreale Komik ist eher ein Nebeneffekt. Per Schnitt erhält das Ruhrgebiet einen Strand am Mittelmeer, das ist zunächst einfach schön und eben auch witzig.

29.09.13

kleine Filmschau II


La règle du jeu (die Spielregel), Regie: Jean Renoir, 1939
Eine viel gelobte Komödie, Renoir spielt selbst mit. Der Film hinterlässt aber nicht solchen Eindruck wie die Große Illusion oder Bestie Mensch.

Katzelmacher, Regie: Rainer Werner Fassbinder, 1969
Besser als erwartet. Kleinstädtische Langeweile und Borniertheit werden einem beim Zuschauen aufgezwungen. Fassbinder schrieb das Drehbuch und spielt selber mit. Auf der DVD findet sich zudem der witzige Kurzfilm Das kleine Chaos.

Das verfluchte Haus, Regie: Elio Petri, 1970
Mit Franco Nero, dem original Django. Hier spielt er einen sehr erfolgreichen italienischen Künstler, der vor den Freunden seiner Kunst und vor seiner geschäftstüchtigen Frau in eine alte Villa flieht. Dort spukt es, weil eine junge Frau vor den Mauern des Anwesens ums Leben kam. Der Künstler versucht dem Schicksal dieses Mädchens auf die Spur zu kommen und beschäftigt sich immer obsessiver mit ihr, bis er am Ende versucht seine Frau umzubringen und in der Irrenanstalt landet. Es bleibt unklar, ob der Spuk seinen Träumen entspringt oder ob ein realer Spuk ihn in den Wahnsinn treibt.

Long hello & short goodbye, Regie: Rainer Kaufmann, 1999
Eine schöne Liebesgeschichte und für einen deutschen Krimi (es spielen Axel Milberg und Katja Riemann mit) erstaunlich unterhaltsam und formal unkonventionell. Der Bulle ist der Bösewicht.

23.09.13

Dimitri Kirsanoff

Ménilmontant (1926), Regie: Dimitri Kirsanoff  
Diesen Stummfilm kann man sich bei youtube anschauen. Auf den Film und den vergessenen Regisseur Kirsanoff machte neulich Stefan Ripplinger unter der Überschrift Halb Unglück, halb Hoffnung in der Zeitschrift Konkret aufmerksam, weil in der Edition Text und Kritik ein Buch über Kirsanoff erschienen ist. Vorallem Schnitt- und Kameratechnik überzeugen auch noch nach über 80 Jahren.

16.09.13

Léon Morin, prêtre

















Jean-Paul Belmondo und Emmanuelle Riva in
Eva und der Priester (Léon Morin, prêtre) 1961, Regie: Jean-Pierre Melville

Ein dialogreicher, sehr spannender Film. "Léon Morin, Priest is not the big, variegated canvas of the Resistance that Melville first imagined; that came later, in 1969, with Army of Shadows. It is an exquisitely circumscribed and powerful picture of how people cope in a world devoid of certainty."  Schreibt Gary Indiana am Schluss eines interessanten Aufsatzes, der auf der Seite des amerikanischen Criterion-Labels zu finden ist.

03.09.13

La silence de la mer



















La silence de la mer (1947), Drehbuch und Regie: Jean-Pierre Melville

Melville orientiert sich in seinem ersten Film stark an der gleichnamigen Novelle, die von "Vercor" 1942 veröffentlicht wurde. Schade, dass eine Erzählstimme die Geschichte erzählt (im Buch erzählt der französische Hausherr die Geschichte aus der Ich-Perspektive), an vielen Stellen wäre dies gar nicht nötig gewesen, da das, was die Stimme erklärt, ohnehin zu sehen ist, z.B. Werners nervöse Hand. Dennoch ein schöner, ruhiger, zur Diskussion anregender Film.


01.09.13

El Topo



El Topo (1970), Regie und Drehbuch: Alejandro Jodorowsky

Im Trailer heißt es, der Film sei kein Spektakel, dennoch will er vorallem Aufsehen erregen. Die Flut an Bilder und Ideen ist recht strapaziös, wie Esther Buss schreibt; der gleichzeitige Mangel an stringenter Handlung ermüdet. Die Gewaltszenen erinnern an Pasolinis fünf Jahre später enstandenen 120 Tage von Sodom.

Der letzte Mann

























Der letzte Mann (1924) Regie: Friedrich Murnau

Eine Kritik an der Überflüssigkeit des Menschen

Ein alternder Hotelportier verrichtet seinen Dienst an der Tür des „Hotel Atlantic“ in Berlin. In seiner prächtigen Uniform, mit stattlichem Schnurrbart und jovialem Lächeln begrüßt er dort die Gäste. Als er eines Tages beim Abladen eines schweren Koffers einen Schwächeanfall erleidet, wird er vom Hoteldirektor mit Verweis auf sein hohes Alter in die Herrentoilette versetzt. Ein Jüngerer nimmt seinen Platz ein. Der Portier verkraftet diese Demütigung nicht. Des Nachts entwendet er seine alte Uniform und führt nun ein Doppelleben: Tagsüber verrichtet er traurig seinen Dienst in der Hoteltoilette. Nach Feierabend zieht er sich heimlich die Uniform an, um seiner Familie und seinen Nachbarn vorzuspielen, es sei alles wie früher. Doch der Schwindel fliegt bald auf und Familie und Nachbarn wenden sich von ihm ab. Die Welt des Portiers bricht endgültig zusammen, nur der Nachtwächter des Hotels schaut noch nach ihm.
Nach einem Zwischentitel (dem einzigen), der die bisherige Handlung als alltäglich aber unerträglich bezeichnet, erhält die Geschichte am Ende eine positive Wendung: ein Hotelgast vermacht auf der Herrentoilette sterbend dem einstigen Portier sein gesamtes Vermögen. Der einst Gedemütigte kann nun als souveräner, gut gelaunter und großzügiger Gast im „Atlantic“ einkehren und den Nachtwächter zu einem Festmahl einladen, worüber sich die restlichen Hotelgäste, die die Geschichte in der Zeitung gelesen haben, köstlich amüsieren.


26.08.13

Lafayette





















Gilbert Motier the Marquis De La Fayette as a Lieutenant General, 1791
Portrait of Joseph-Désiré Court (1797-1865)

Amerikas Unabhängigkeit, Europas Freiheit: Der Marquis von Lafayette kämpfte auf beiden Kontinenten für die Menschen- und Bürgerrechte. Ein Artikel von Ronald Gerste

03.07.13

Kropotkin















SWR2 sendete neulich ein Portrait des Anarchisten Fürst Pjotr Alexejewitsch Kropotkin (1842 – 1921).

26.06.13

Olivier Assayas: Après mai

 

Christine (Lola Créton) und Gilles (Clément Métayer) sehen sich in Florenz  Laos, images sauvées von Madeleine Riffaud an, der Film wird auf offener Straße vorgeführt:
  














Zuvor haben sie sich in einem Kino, das Joe Hill von Bo Widerberg zeigte, geküsst.

Après mai erinnert an die Filme von Larry Clark und an The Dreamers (2003) von Bernardo Bertolucci. Allerdings ironisiert im Gegensatz zu diesen Assayas die eigene Beschäftigung mit (rebellischen) Jugendlichen: 
Laure, l'égérie de Gilles, lui offre, en guise de cadeau de rupture, le recueil Gasoline du poète anglais Gregory Corso. Gilles s'empare alors d'un passage de I am 25 : "Je déteste les vieux poètes, et spécialement les vieux poètes qui parlent de leur jeunesse en murmurant : j'ai fait cela alors, mais c'était alors..." .

21.06.13

Revelge

Am 15.6. spielten in Heidenheim die Württembergische Kammerphilharmonie Heidenheim mit Sopranistin Michaela Maria Mayer und Bariton Timothy Sharp Lieder aus „Des Knaben Wunderhorn" von Gustav Mahler. Hier das erste Stück in einer Aufnahme von 1968.

Querelle des Anciens

Lars Quadfasel berichtet über eine Auseinandersetzung darüber, woher die richtigen Ideen der Menschen kommen: "Benjamin behauptet, orthodox marxistisch, aber das äußerst eigenwillig: aus der Steigerung der Produktivkräfte; Adorno antwortet ihm, ganz leninistisch, aber ebenso eigenwillig: aus der theoretischen Arbeit – genauer gesagt: aus der philosophischen und künstlerischen Durchdringung der Widersprüche des geistigen Überbaus"

14.05.13

"Alles ist so gewesen. Nichts war genau so."















Nadja Uhl und Bibiana Beglau  in
Die Stille nach dem Schuss, Regie: Volker Schlöndorff, Dtl. 2000
Wie Georg Seesslen geschrieben hat, ist der Mittelteil deutlich besser als Anfang und Schluss.
Wie lange die DDR ohne Alkohol durchgehalten hätte?

10.05.13

Sisyphos als glücklicher Mensch

















Der diskrete Charme der Bourgeoisie
Regie: Louis Bunuel, Frankreich/Spanien 1972

Einige untereinander bekannte Bürger versuchen immer wieder gemeinsam zu essen. Jedesmal werden sie, kurz nach dem sie gerade begonnen haben, unterbrochen. Glück und Geselligkeit zu organisieren gelingt ihnen nicht. Sie sprechen das Scheitern ihrer Bemühungen aber nie an, sondern unternehmen unverdrossen bald einen neuen Versuch. Absurd ist der Optimismus, mit dem sie dem nächsten Treffen entgegen sehen. 

28.04.13

Einhorn, Phoenix, Drache

In seinem Buch "Einhorn, Phoenix, Drache, woher unsere Fabeltiere kommen" (Frankfurt a. M. 2012) bietet der Biologe Josef H. Reichholf zoologische Erklärungen für Fabelwesen aus der antiken und mittelalterlichen Sagenwelt. Kulturwissenschaftliche oder psychologische Erklärungsversuche werden nicht erwähnt. Im Gegensatz zu Reichholfs Buch "Warum die Menschen sesshaft wurden", das auf 300 Seiten eine These entfaltet, handelt es sich bei seinem neuen Buch um einen Sammelband, dessen Kapitel auch einzeln gelesen werden können. Überzeugend sind das Kapitel über den Phoenix, dessen natürliches Vorbild laut Reichholf der Flamingo gewesen sei, das Kapitel über die zwölf Aufgaben des Herakles, das ausführliche, aber schon andernorts veröffentlichte Kapitel über das Einhorn, das mit der ostafrikanischen Oryxantilope in Verbindung gebracht wird und die sehr kurzen Kapitel über Pan und die Zyklopen. Das Kapitel über den Drachen wirft eher Fragen für ein Forschungsprogramm auf, als dass es eine schon fertige, schlüssige Argumentation liefert. Reichholfs These lautet, dass man von den chinesischen Drachen, die auf  Prozessionen von Menschen gespielt werden, ausgehen müsse. Möglicherweise diente ein ähnliches Schauspiel im Europa der Völkerwanderungszeit, in welcher z.B. die Nibelungensage entstand, zur Abschreckung. Der Autor wirft die Frage auf, ob sich umherziehende Gruppen, die auf der Suche nach Edelmetallen Bergbau betrieben, als Drachen maskierten und einen Budenzauber veranstalteten, um die lokale Bevölkerung einzuschüchtern. Reichholf gibt zu, dass hier nun Geschichtsforscher weitermachen müssten.

24.04.13

Gertrud















Gertrud, Carl Theodor Dreyer, Dänemark 1964

Das ist der letzte Film von Dreyer, der nach dem Zweiten Weltkrieg nur zwei Filme drehte, insgesamt 14.
Der Film ist von langen Einstellungen geprägt, die Räume sind nüchtern ausgestattet, das Schauspiel ist sehr reduziert. Diese protestantische Nüchternheit steht in radikalem Gegensatz zum aufgewühlten Seelenleben der Figuren, über das diese in den langen Dialogen Auskunft geben. Gertrud ist die treibende Kraft dieser Gespräche, Gustav Kanning, ihr Mann, sagt an einer Stelle sinngemäß "einer Frau sollte es nicht erlaubt sein so frei zu sprechen". Sie fordert Offenheit und Wahrheit in der Diskussion über die Liebe. Nachdem Gertruds Hoffnung auf erfüllte Liebe scheitert, wofür ich nicht das Idealhafte ihrer Vorstellungen verantwortlich machen würde, zieht Getrud die Einsamkeit einer pragmatischen Zweisamkeit vor. (Darin, dass es hier auch um vergangene Liebe geht, ähnelt der Film Theodor Stoms Novelle Immensee.)

18.04.13

kleine Filmschau

In guten Historienfilmen stehen nicht die Kulissen im Vordergrund, sondern die Figuren und ihre Geschichte. Eine Auswahl:

Das Gelübde, Regie: Dominik Graf, 2008
Angesichts der Methoden der aufgeklärten preußischen Ärzte schlägt man sich automatisch auf die Seite der Nonne Anne Katharina Emmerick und des romantischen Dichters Clemens Brentano, der deren Visionen notiert. (Zum Glauben heutzutage siehe den Film Paradies. Glaube von Ulrich Seidl, in dem er alle religiösen Hoffnungen, Missverständnisse und  Borniertheiten der Welt eindampft und sie bei einem Paar, in einem Haus zeigt.)

A Dangerous Method, Regie: David Cronenberg, mit: Viggo Mortensen und Keira Knightley, 2011
Otto Gross, anarchistischer Psychoanalytiker und Freund Franz Jungs, hat einen wichtigen Auftritt: durch seine Theorien fühlt sich C.G. Jung legitimiert das Verhältnis mit seiner Patientien Sabina Spielrein einzugehen.

Der flüsternde Tod, Regie: Jürgen Goslar, 1976
"Die untergehende Sonne, die (KameramannWolfgang) Treu hier so gerne einsetzte, das ist auch die Sonne, die - während sie drehten - über der Kolonialwelt Afrikas untergeht. Rhodesien (...) ging unter. Und es ensteht Simbabwe." schreibt Dominik Graf in einer Lobeshymne für die FAZ. Der Film ist sicherlich handwerklich gut gemacht, die Handlung aber doch konventionell, nicht zu vergleichen mit Dogville, in dem Lars von Trier das Rape´n´ Revenge-Motiv 2003 nochmals aufgriff. 

Milk, Regie: Gus van Sant, mit: Sean Penn, 2008
Ein Bürgerrechtsbewegungsfilm. Stark sind manche der Reden, die Milk/Penn hält, interessant ist auch die Figur des Möders Dan White. Dass Harvey Milk als Erzähler, die eigene Geschichte einem Diktiergerät erzählt, ist doppeltgemoppelt, weil das, was er erzählt, anschließend meist auch gezeigt wird oder vor der Diktiergerät-Session schon gezeigt wurde.

Barbara, Regie: Christian Petzold, 2012
Petzold ist derzeit sicherlich der beste Regisseur in Deutschland. Mit minimalitischen Mitteln gelingt es ihm, auch im Film Barbara über eine Ärztin in der DDR, Spannung zu erzeugen. Z.B. werden durch den fast vollständigen Verzicht auf Filmmusik das Rauschen der Blätter, das Summen eines Schlaflieds, das Klavierspiel der Protagonistinals Musik erst wahrnehmbar. Neorealismus auf der Höhe der Zeit.


07.04.13

Das Verschwinden des Philip S.

Im Roman "Das Verschwinden des Philip S." erzählt eine namenlose Ich-Erzählerin von ihrem Leben mit Philip S., den sie 1967 kennlernt und der 1975 von der Polizei erschossen wird. Die Erzählerin sichtet über 25 Jahre später die Dinge, Filme und Fotos, die von ihrem Freund blieben und erinnert sich an die gemeinsame Zeit. Die Vergangenheit wird Gegenwart, so notiert sie ihre Erinnerungen (im Präsens), damit sein Verschwinden kein vollständiges wird. Mit ihrem Bericht geht es ihr um etwas, was Philip in einem Gespräch über ihre Fotografien beschreibt: "Er spürt darin  eine Anziehungskraft, entdeckt ein Dabeisein, jene festgehaltenen Momente, die ein Vorher und ein Nachher aufschließen und Geschichte sichtbar machen." (S. 45) 
Im Roman "Agnes" von Peter Stamm sind die Rollen vertauscht, ein Er-Erzähler erinnert sich, als er Videoaufnahmen eines gemeinsamen Ausflugs anschaut, der verschwundenen Agnes. Während aber Agnes Spuren hinterlassen will, weil sie sich vor dem Verschwinden, das der Tod bedeutet, fürchtet, sorgt Philip dafür, dass er möglichst wenig hinterlässt.
Im Roman tauchen einige Personen und Ereignisse aus der realen Geschichte auf, Philip Werner Sauber war tatsächlich Filmstudent und wurde 1975 tatsächlich erschossen, insofern handelt es sich nicht nur um einen Roman sondern auch  um einen Nachruf für Philip Sauber und um eine autobiografische Skizze der Autorin Ulrike Edschmid. Sie versucht zu ergründen, warum ihr Freund in den Untergrund ging. Die Phase, in der sie sich auseinanderleben, beschreibt sie so:
"Die Dinge verändern sich schleichend. Jeder von uns hat die Wochen hinter Gittern anders durchlebt. Philip S. hat sich dagegen aufgelehnt, eingesperrt zu sein. Ich habe mich in mich selbst zurückgezogen. Er ist laut geworden. Ich wurde leise. Er hat den Aufstand geprobt, hat die anderen Gefangenen aufgewiegelt, sich den Anweisungen der Wär­ter zu widersetzen. Ich habe mit den Wärterinnen gespro­chen. Ihn haben die Wärter mit Judogriffen niedergerun­gen. Mich hat keine Wärterin jemals berührt. Er zieht jetzt eine scharfe Linie zwischen sich und denjenigen, die er als Feinde begreift. Ich kann nicht in Feindschaft leben, auch wenn ich vieles als feindlich empfinde. Er hat geschworen, sich nie wieder einsperren zu lassen. Ich habe geschworen, mich nie mehr für etwas einsperren zu lassen, für das ich nicht geradestehen kann. Er glaubt, dass er dem Gefängnis nur entkommen kann, wenn er ein anderer wird. Ich glau­be, dass ich es nur aushalten kann, wenn ich bei mir selber bleibe. Er ist rausgekommen, um wegzugehen. Ich bin in mein Leben zurückgekehrt. Er hat mich im Gefängnis an seiner Seite gesehen. Aber ich war nicht dort, ich war bei meinem Kind. An dieser Unvereinbarkeit zerbricht das ge­meinsame Leben. Es geschieht in kleinen Schritten, von uns selbst unbemerkt."(S. 112)
Einige Regisseure werden erwähnt, z.B. Godard (S. 20), Alain Resnais (S. 32), Pasolini (S. 40), Fellini (S. 43), Hitchcock (S. 63) und Dziga Vertov (S.81). Philip wird angeboten, die Erinnerungen des russischen Revolutionärs Boris Savinkov fürs Fernsehen zu verfilmen. (S. 113)
 

11.03.13

Wagner

ein interessanter Artikel über den deutschen Sozialist Richard Wagner (aus der Zeit vom 28.2.2013):
Dresden ist für viele vor allem ein Museum des Barock. Doch die Geschichte der sächsischen Residenzstadt kennt noch ganz andere Seiten. So wird sie in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts, als Hauptstadt des ökonomisch am weitesten entwickelten deutschen Staates, zu einem Laboratorium der Moderne. Nicht zuletzt im politischen Sinne: Denn der wirtschaftliche Aufschwung weckt Forderungen nach Emanzipation – im Bürgertum wie in den Unterschichten. Das Königreich Sachsen wird zur Hochburg der Demokratie und zur Wiege der Arbeiterbewegung in Deutschland. Im Vormärz findet die "deutschkatholische" Bewegung des charismatischen Priesters Johannes Ronge regen Zulauf: Ronge lehnt den Zölibat ab und den päpstlichen Absolutismus. Ebenfalls vor 1848 wirken in Sachsen bereits etliche demokratische Organisationen, zum Beispiel Robert Blums Leipziger "Redeübungsverein". Wie sonst nur in Baden und Berlin gewinnen die Demokraten hier echten Einfluss. In dieser politisch avantgardistischen Atmosphäre wirkt auch Richard Wagner.

Der Fall Tulajew






















André Breton, Victor Serge, Benjamin Péret und dessen Frau, 1939.

«Der Fall Tulajew», der 1948 postum erschienene Roman des Schriftstellers Victor Serge über die stalinistischen Säuberungen der dreissiger Jahre, ist eine sentationelle Wiederentdeckung. In einer erzählerischen Montageform, in der französische und russische Tradition sich gegenseitig ergänzen, hat das Buch für den unbeschreiblichen Terror eine zwingende moderne Form gefunden, schreibt  Stefana Sabin in der NZZ vom 9.3.2013

07.03.13

Hannah Arendt im Kino

Die mad-men-mäßige sixties Atmosphäre ist nett und es ist clever nur einen kurzen Abschnitt aus Arendts Biografie zu erzählen. Barbara Sukowa spielt eine sympatische, schlagfertige Arendt. Spannend sind aber vorallem die Diskussionen zwischen dieser und Hans Jonas, der das Konzept von der Banalität des Bösen von Beginn an kritisiert. 

04.03.13

Dr. Caligari



















Das Cabinet des Dr. Caligari, D 1920, Regie: Robert Wiene

Man merkt den Bildern an, dass es ein sehr früher Film ist, z.B. sind die Gesichter tendenziell überbelichtet. Der Film ist nicht zu lang, sodass es spannend bleibt. Der Schluss ist verblüffend, Martin Scorsese hat sich hier wohl für Shutter Island bedient. Die Bauten erinnern stark an Theaterkulissen und an Gemälde von Ernst Ludwig Kirchner.

02.03.13

eine andere Ausstellung

Die Schenkung einer ungewöhnlichen Sammlung ist der Anlass für eine ebenso ungewohnte Ausstellung im Museum Rietberg: Maos Mango-Kult und die Politpropaganda der Kulturrevolution stehen im Zentrum dieser neuen Sonderschau. Philipp Meier in der NZZ vom 22.2.2013

eine Ausstellung

Volker Ulrich bespricht in der Zeit vom 21.2.2013 eine Ausstellung zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung: 
Es waren nur zwölf Delegierte aus elf Städten, die am 23. Mai 1863 in Leipzig zusammenkamen, um unter Führung Ferdinand Lassalles den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein (ADAV) zu gründen. Aus kleinen Anfängen entwickelte sich im Laufe der Jahrzehnte eine bedeutende gesellschaftliche und politische Kraft – die sozialdemokratische Arbeiterbewegung, ohne die Freiheit, Demokratie und Sozialstaat in Deutschland nicht zu denken wären.

26.02.13

Marokko

























Marokko, USA 1930, Regie: Josef von Sternberg

Ein Film aus der guten alten Kolonialzeit. Den Gin trinkt der Fremdenlegionär gerne auch pur und ungekühlt. Der Plot ist eher banal, aber es gibt schöne Szenen und es spielen berühmte Schauspieler mit.

19.02.13

Die Büchse der Pandora

Georg Wilhelm Pabst war neben Wilhelm Murnau und Fritz Lang der dritte große Regisseur der Weimarer Republik. Er löste sich von der vom rechten Hugenberg-Konzern bestimmten Ufa und drehte mehrere seiner Filme zwischen 1929 und 1933 für die Nero-Film und ihren Produzenten Seymour Nebenzal. Die Büchse der Pandora von 1929 ist laut Thomas Koebners Artikel im Reclam-Lexikon Regisseure Pabsts bedeutendster Film. Aus dem selben Artikel stammt folgende, plausible Deutung des Films:
  
"Diese zeitgemäße Psychologie findet sich auch in seinem bedeutendsten Film: Die Büchse der Pandora. Der aus Ungarn stam­mende Drehbuchautor Ladislaus Vajda, der in den folgenden Jahren bis zu seinem Tod 1933 mehrmals für Pabst schrieb, bearbei­tete Frank Wedekinds skandalumwitter­te Dramen aus der Zeit der Jahrhundert­wende, »Erdgeist« und »Die Büchse der Pandora«. Für die zentrale Figur der Lulu gewann Pabst die amerikanische Schauspie­lerin und Tänzerin Louise Brooks, die so agierte, daß die Zeitgenossen keine Schau­spielkunst wahrnehmen konnten.

17.02.13

(Literatur-)Geschichte

In der Jungle World vom 14. Februar bespricht P. Nowak ein Buch von Dietmar Lange, in dem es um die Streiks des Frühjahrs 1919 geht und darum, wie diese niedergeschlagen wurden. Nach einem offiziellen Bericht des Reichswehrministers Noske (SPD) sind dabei in Berlin 1200 Menschen ums Leben gekommen, was Noske in der Nationalversammlung rechtfertigte: "Da gelten Paragraphen nichts, da gilt lediglich der Erfolg, un der war auf meiner Seite." Die Untersuchung von Dietmar Lange scheint also die Einschätzung zu bestätigen, dass es sich bei den Auseinandersetzungen in den Anfangsjahren der Weimarer Republik um Bürgerkrieg handelte und die SPD diesen nicht, wie Heinrich August Winkler schreibt, verhindern, sondern ihn gewinnen wollte.
Der Rezensent Nowak behauptet nun, dass angesichts der gewaltsamen Etablierung der Weimarer Republik die Nazis ab 1933 gar nicht mehr viel zerstören konnten, da bereits in der Weimarer Zeit das Morden begonnen und gesellschaftliche Vielfalt nicht existiert habe. Nowak unterscheidet also nicht zwischen der Republik und ihren rechtsradikalen Gegnern, ein Fehler, den schon die KPD machte und den Leute wie Georg K. Glaser schon bald einsahen
Beispiele für die "gesellschaftliche Vielfalt" der Weimarer Republik gibt es aus Film, Theater und Literatur unzählige, in der NZZ fand sich jüngst der Hinweis auf eine gerade wieder aufgelegte Literaturgeschichte:

Manfred Koch in der NZZ vom 13.2.2013
Klabunds Kürzestgeschichte der Dichtung
Die Weimarer Republik war eine tempo- und rekordversessene Zeit, mit Leitfiguren wie den rasenden Rundendrehern der Berliner Sechstagerennen, dem Mercedespiloten Rudolf Caracciola oder der Industriellentochter Eleonore Stinnes, die als erste Frau mit einem PKW die Welt umrundete. Auf dem Gebiet der Kultur führte die allgemeine Beschleunigungseuphorie zu kuriosen Bildungsbüchern im Zeitrafferstil: «Weltgeschichte in einer Stunde»; «Deutsche Literaturgeschichte in einer Stunde»; «Geschichte der Weltliteratur in einer Stunde».

08.02.13

Die Rote Traumfabrik



Proletarier aller Länder, amüsiert Euch!
Von großen Filmerfolgen, ideologischen Missverständnissen, von Utopien und von erstaunlicher Blindheit erzählte 2012 die Retrospektive der Berlinale: "Die Rote Traumfabrik" widmete sich dem deutsch-sowjetischen Studio Meshrabpom-Film. Ein Artikel von Oksana Bulgakowa aus der TAZ vom 9.2.2012

25.01.13

NZZ zur Kracauer Werkausgabe

Als Georg Lukács 1966 für den Frankfurter Verlag S. Fischer eine Auswahl aus seinem Werk «Die Zerstörung der Vernunft» traf, nannte er sie «Von Nietzsche zu Hitler oder Der Irrationalismus und die deutsche Politik». Der Haupttitel war als Hommage gedacht an Siegfried Kracauers bekanntestes und einflussreichstes Buch, das die renommierte Princeton University Press 1947 als «From Caligari to Hitler. A Psychological History of the German Film» publiziert hatte. In Lukács' Budapester Privatbibliothek befindet sich noch heute ein Exemplar der ersten, im März 1958 erschienenen westdeutschen Ausgabe in Gestalt der Nummer 63 von «Rowohlts deutscher Enzyklopädie», die unverfroren von sich behauptete, eine «autorisierte Übertragung» aus dem amerikanischen Original zu sein.

23.01.13

Schubart





















Am 23. Januar 1777  wurde in Blaubeuren der Dichter Schubart verhaftet.
Ein SWR2 Zeitwort von Reinold Hermanns

08.01.13

searching for sugar man

All music docs are not created equal. Yes, some are formulaic. But some are beautiful, some are singular, some are marvels of storytelling. And some, like Searching for Sugar Man, are all three.
New Orleans Times Oct 19, 2012
 
Neben "I´ll never get out of this world alive" von 1993, einer Reportage über Hank Williams, ist "searching for the sugarman" der beste Musikfilm, denn ich bisher gesehen habe. Eine Reise in die USA um 1970, nach Detroit und in das Südafrika der Apartheid. Nicht kitschig. 

16.12.12

Lacombe Lucien




















Lacombe Lucien, Frankreich 1973, Regie: Louis Malle

Lucien, ein Bauernjunge, der außer seinem Dorf noch nicht viel von der Welt gesehen hat und dessen Vater in Gefangenschaft ist, möchte sich 1944 der Resistance anschließen. Als Eintrittskarte könnte, so malt er es sich aus, ein gewilderter Hase dienen, doch der Lehrer, der den Kontakt vermitteln könnte, lehnt ab. Lucien lernt bald darauf die örtlichen Helfer der Gestapo kennen und schließt sich ihnen an.
Obwohl alle Figuren übertrieben typenhaft gezeichnet sind, dass Lucien ein einfacher Bursche ist, hat man schon nach der ersten Hälfte, der von ihm im ganzen Film abgemurksten Tiere begriffen, ist es ein guter Film, der untersucht, worin die Anziehungskraft des Faschismus gelegen hat.

14.12.12

To Live



















Huozhe / Leben, China / Hong Kong 1994, Regie: Zhang Yimou

Zahng Yimou, der später mit martial arts Filmen wie Hero oder House of Flying Dagggers bekannt wurde, drehte mit Leben einen Geschichtsfilm über China zwischen den 40er und den 70er Jahren. Aus der Perspektive einer Familie, die sich durch die vielen Schicksalsschläge als Stehaufmännchen zu bewähren hat, geht es um den Bürgerkrieg zwischen Kommunisten und Kuomintang, um "den großen Sprung nach vorn" und dann um die Kulturrevolution. Familienvater Fui Gui verdient sein Geld mit einem Schattentheater, das zur Metapher für den politischen Wandel wird und als Anachronismus in die neue Zeit hineinragt.


24.11.12

Tragödie in sieben Akten



















Mutter Krausen´s Fahrt ins Glück, Deutschland 1929, Regie: Phil Jutzi

Der Film war nun zum erstenmal nach 80 Jahren zu sehen, im Fernsehen zum ersten mal überhaupt.
Die Bildqualität ist dank der Restaurierung durch das Filmmuseum München sehr gut und die neu komponierte Musik ist kongenial.

Beim Anschauen wird klar, wie fortgeschritten die Filmkunst der 20er Jahr war und welchen Verlust es bedeutet, dass ungezählte Filme verloren gingen. Willi Münzenberg der mit der Prometheus Film Mutter Krausen´s fahrt ins Glück produzierte, schuf mit Meschrabpom / Internationale Arbeiterhilfe / IAH immerhin 500 Dokumetar- und Spielfilme. Die Geschichte des proletarischen Films der Weimarer Republik und der frühen Sowjetunion erzählt Alexander Schwarz in seinem Dokumentarfilm Die rote Traumfabrik (Deutschland 2011, 56min).

 Phil Jutzi trat 1929 aus der KPD aus und 1933 in die NSDAP ein.




13.11.12

An die Nachgeborenen

Bertolt Brecht spricht "An die Nachgeborenen", die Aufnahme stammt aus dem Jahr 1953.

06.11.12

Jean Améry

 "Darf ich denken und handeln auf das hin, was sein soll, dann darf ich auch zumindest erwägen, was hätte sein müssen. Menschenwürde ist der Aufstand gegen ein so und so Gegebenes, ist aber auch Revolte wider ein schon ins Sein eingesunkenes Vergangenes. Widerstand ist erlaubt nicht nur gegen das, was geschieht; auch was geschah, muß nicht hingenommen werden."
aus: Jean Améry, Unmeisterliche Wanderjahre, Werke Bd. 2, Stuttgart 2002, S. 313. 

Eine Einordnung dieses Zitats nimmt Birte Hewera in einem 6seitigen Aufsatz über Améry in der ersten Ausgabe der Zeitschrift sans phrase vor.
Eine kürzere biografische Skizze und ein Essay Amérys erschienen in der Zeit vom 31.10.2012.

Happy End

das Landestheater Tübingen spielt derzeit Happy End. Das Stück ist als Gemeinschaftswerk entstanden: für Plot und Dialoge zeichnet Dorothy Lane alias Elisabeth Hauptmann verantwortlich, die Songtexte zu Kurt Weills Musik lieferte Bertolt Brecht. Uraufgeführt 1929 im Theater am Schiffbauerdamm in Berlin. Lieder die im Stück gesungen werden sind z.B. Surabaya Johnny und der Bilbao-Song. Über Lotte Lenya, die viel mit Brecht und Weill zusammenarbeitete und mit der Dreigroschenoper und Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny bekannt wurde, gibt es eine gute Doku.

31.10.12

Dinge, Waren- und Fetischkritik bei W. Benjamin


Ausgehend von einem Aufsatz[1] von Dorothee Kimmich über die Dingwahrnehmung bei Walter Benjamin (1892-1940), der in der Einleitung (1.) vorgestellt werden soll, wird im Laufe der Arbeit untersucht werden, wie sich Benjamin seine Dingwahrnehmung aneignete (2.) und wie er sich diese Wahrnehmung zur Beschreibung und Kritik von Waren (3.) und des diesen eigenen Fetischismus (4.) zunutze machte. Im Mittelpunkt soll dabei das Passagen-Werk stehen, und darin vorallem das allererste Exposé (1927) sowie das von 1935. Wichtige Sekundärliteratur sind: das Buch von Susan Buck-Morss[2] sowie die Bücher von Sven Kramer[3], Uwe Steiner[4], Burkhard Lindner[5] und Hartmut Böhme[6].

Über die Sprachkritik zur Linguistik


Ich habe den Schlußpunkt der Burgtheaterherrlichkeit entdeckt. Den toten Punkt, über den kein Burgtheaterrektor hinaus kommt. Nichts hilft dieser Punkt trägt an allem Schuld. Man glaubt natürlich, daß ich den „Dunklen Punkt“ meine, der jetzt im Burgtheater gespielt wird. Aber die schlechte Literatur hat das Burgtheater nicht herunter gebracht; das behaupten nur jene theaterfremden Kritiker, denen es nicht gelungen ist, ihre eigene schlechte Literatur dem Burgtheater anzuhängen. Was ich nun meine, wird man erst verstehen, wenn man sich vor die front des Burgtheaters stellt und dort hinaufschaut, wo Apollo, bekanntlich einer der beliebtesten Götter Wiens, seinen Wohnsitz hat. Zu seinen Füßen wird man in mannshohen Lettern die Aufschrift finden:
K. K. HOFBURGTHEATER .
Punkt! darüber komme ich nicht weg. Diesem Punkt gebe ich die Schuld, daß die künstlerische Entwicklung ins Stocken geraten ist. (...) 
Karl Kraus, Der Punkt, in: Die Katastrophe der Phrasen. Glossen 1910-1918, Frankfurt 1994,S. 10.

Leave Your Language Alone!
Robert A. Hall, 1950

Die Diskussion über das Für und Wider sprachlicher Normierung durchzog fast alle Sitzungen unseres Linguistik Seminars im Wintersemester. Während die eine Fraktion immer wieder für den neutralen Blick auf die Alltagssprache eintrat und betonte, dass Sprachwandel nicht gleich Sprachverfall sei, vielmehr die Sprache so sei, wie sie ist und also kein Grund bestehe für überhebliche Kritik und konservativen Normierungswahn, meldeten andere Bedenken an. Sie erhoben Einspruch gegen diese Wertungsallergie, etwa indem sie sagten, es bestehe doch ein öffentliches Interesse an einer intakten und gemeinsamen Sprache und daher sei es durchaus notwendig, korrigierend und in kritischer Absicht einzugreifen, dieser Flügel bezog sich dann in Referaten z.B. auf aktuell prominente Sprachkritiker wie Bastian Sick.
Dass sich diese beiden Positionen, vertreten von der Sprachwissenschaft auf der einen, und von der feuilletonistischen Sprachkritik auf der anderen Seite, seit 60 Jahre gegenüberstehen, war mir im Seminar nicht klar geworden. Dieter Zimmer, langjähriger Zeit-Redakteur, Übersetzer und Nabokov-Herausgeber nimmt diesen Dissens, Linguistik vs. Sprachkritik, als Aufhänger für sein 2005 erschienenes Buch über Sprache in Zeiten ihrer Unverbesserlichkeit.

30.10.12

Kritik der Pflichtethik


In seinem Buch Ethik und die Grenzen der Philosophie[1] entwirft Bernard Williams (1929-2003) im abschließenden 10. Kapitel eine Kritik der „besonderen Institution Moral“[2] (242). Diese Moralkritik soll im Folgenden ausführlich vorgestellt werden um sie anschließenden mit einigen Passagen aus Immanuel Kants ethischen Schriften zu vergleichen, auf die sich Williams bezieht. Vor diesem Hintergrund kann dann in einem Resümee versucht werden, den Gehalt von Williams Einwänden gegen „die Moral“ (242) zu beurteilen.

Was Elias Canetti von Karl Kraus lernte

Meine früheste Erinnerung ist in Rot getaucht. Auf dem Arm eines Mädchens komme ich zu einer Tür heraus, der Boden vor mir ist rot, und zur Linken geht eine Treppe hinunter, die ebenso rot ist. Gegenüber von uns, in selber Höhe, öffnet sich eine Türe und ein lächelnder Mann tritt heraus, der freund­lich auf mich zugeht. Er tritt 'ganz nahe an mich heran, bleibt stehen und sagt zu mir: »Zeig die Zunge!« Ich strecke die Zunge heraus, er greift in seine Tasche, zieht ein Taschenmesser hervor, öffnet es und führt die Klinge ganz nahe an meine Zunge heran. Er sagt: »Jetzt schneiden wir ihm die Zunge ab.« Ich wage es nicht, die Zunge zurückzuziehen, er kommt immer näher, gleich wird er sie mit der Klinge berühren. Im letzten Augenblick zieht er das Messer zurück, sagt: »Heute noch nicht, morgen.« Er klappt das Messer wieder zu und steckt es in seine Tasche. 
Ich behalte es für mich und frage erst sehr viel später die Mut­ter danach. Am Rot überall erkennt sie die Pension in Karlsbad, wo sie mit dem Vater und mir den Sommer 1907 verbracht hatte. Für den Zweijährigen haben sie ein Kindermädchen aus Bulgarien mitgenommen, selbst keine fünfzehn Jahre alt. In aller Frühe pflegt sie mit dem Kind auf dem Arm fortzugehen, sie spricht nur bulgarisch, findet sich aber überall in dem be­lebten Karlsbad zurecht und ist immer pünktlich mit dem Kind zurück.  

Schon auf der ersten Seite seiner Autobiographie schildert Canetti eine Erinnerung, die deren erstem Band seinen Titel die gerettete Zunge gibt und die die Bedeutung, die Sprechen und Hören und Sprache für Canetti haben, zum Ausdruck bringt. Sprache ist ihm mehr als Mittel zur Kommunikation; in ihr verdichtet sich dem jungen Canetti die Welt. Seine Erfahrungen sind zuallererst Sprach-Erfahrungen.

Heine und Benjamin über den Frühsozialismus

Angesichts der Ähnlichkeiten in Biografie und Werk von Heinrich Heine (1797-1856) und Walter Benjamin (1892-1940) ist auffallend: erstens, dass Benjamin, dessen Hauptwerk ein Geschichtsbuch über das Paris des 19. Jahrhunderts werden sollte und der über Heines Zeitgenossen Baudelaire ein Buch schrieb und außerdem mit Heines Werk vertraut war, nahezu nichts über diesen schrieb. Und zweitens, dass in der Forschung über diese beiden Schriftsteller, vergleichende Arbeiten sehr rar sind. Mögliche Ursachen für diesen Mangel sollen hier allerdings kein Thema sein. Vielmehr soll versucht werden, den Umgang der Autoren mit einem Thema, das für beide zentrale Bedeutung hatte, vergleichend zu untersuchen: Ihre Rezeption und Kritik des Utopischen- und Frühsozialismus von Henri Claude Saint-Simon, Charles Fourier und anderen.[1]

Die Brücke vom Goldenen Horn


Zu: Emine Sevgi Özdamar, Die Brücke vom Goldenen Horn, Köln 2002.

Sind die sprachlichen Mittel, sind Özdamars sprachschöpferischer Stil, ihre Wortspiele, Metaphern und Bilder nur Ausschmückung und Beiwerk zu einem eigentlichen Thema? Oder geht es der Autorin darum, und so klingt es in manchen Rezensionen, mit einem 300 Seiten langen Sprachexperiment, in einer „Wollust des Benennens”, die deutsche Sprache erfrischend zu erneuern?

25.10.12

zu einem Gedicht von Heinrich Heine

Ich hatte einst ein schönes Vaterland *

 
Ich hatte einst ein schönes Vaterland.
Der Eichenbaum
Wuchs dort so hoch, die Veilchen nickten sanft.
Es war ein Traum.

Das küßte mich auf deutsch und sprach auf deutsch
(Man glaubt es kaum
Wie gut es klang) das Wort: „Ich liebe dich!“
Es war ein Traum.

In der Zeit seiner Emigration in Paris schrieb Heine (1797-1856) dieses Gedicht über Liebe, Heimat und Exil und über Sprache. Gedruckt wurde es erstmals 1934. Inspiriert vom deutschen Volkslied ist es schlicht und wortkarg, doch Heine macht sich Eichenbaum und Veilchen durch leichte Ironie neu nutzbar. Denn ungebrochen könnte er das Loblied aufs Vaterland, das ihn ins Exil trieb, nicht stehen lassen; Zur Abwehr des ungezwungenen Heimwehs der ersten drei Zeilen, endet die erste Strophe mit der Feststellung, das Bild von der Heimat sei ein Traum. Doch ganz gelingt die Abwehr nicht, Erinnerung und Wehmut halten sich die Wage mit dem Realitätssinn. Woher kommt das Recht des als traum-haft im doppelten Sinne, als unwirklich und als schön Erkannten? In der zweiten Strophe kommt zum Ausdruck, was die Erinnerung prägt: nicht anmutige Landschaft oder politischen Misere, sondern nahestehende Menschen und ihre Sprache, ein Kuß und die deutsche Worte der Geliebten. Durch den Einschub in Klammern zögert Heine das entscheidenden „Ich liebe dich!“ hinaus. In keiner anderen Sprache als der Muttersprache, sagt Heine damit, lassen sich die richtigen Worte für Gefühle, Zärtlichkeit und Liebe finden.
Angesichts dessen, daß Heine in Deutschland, vor der kurzen Phase der Emanzipation, Jude war, läßt sich hinzufügen, daß er wohl schon vor dem Exil in Frankreich, in der Sprache einen Rückzugsraum anderer Art gefunden hatte. In der deutschen Sprache fühlte er sich wirklich heimisch. Einige der Verfolgten die in den dreißiger und vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts ins Exil mußten und dann zurückkamen, gaben als Grund für ihre Rückkehr ein ganz ähnliches Verhältnis zu Deutschland und seiner Sprache an wie das, das Heine in seinem Gedicht „Ich hatte einst ein schönes Vaterland“ beschreibt.
  
* In: Sämtliche Schriften in sechs Bänden. Hg. von K. Briegleb, München 1968 ff., Band 4.

24.10.12

Es war 1924

kurze Doku über die frühe Kritische Theorie. (HR 1994)

Ein Lesebuch für Arbeiter

 























1848 Ein Lesebuch für Arbeiter, Einband von Karl Holtz,123 Seiten,
Vereinigung Internationaler Verlagsanstalten G.m.b.H. Berlin (1923)

Inhaltsverzeichnis:
Franz Mehring, 1848
Aus dem Manifest der Kommunistischen Partei
Forderungen der Kommunistischen Partei in Deutschland
Georges Renard, Die Februarrevolution in Paris
Kämpfe in Berlin
Kabinettsordre
An meine lieben Berliner
Der Herzog will "das Beste"
An den sogenannten Deutschen König in Berlin
Der Brunnen in der Breiten Straße
M. Bakunin. April 1848
Ferd. Freiligrath, Die Toten an die Lebenden
Friedrich Engels, Die Pariser Junischlacht
Karl Marx, Die Junischlacht des Pariser Proletariats
M. Bakunin an Georg Herwegh
Karl Marx, Der Aufruf des demokratischen Kongresses
Ferd. Freiligrath, Wien
Das Todesurteil gegen Robert Blum
Verordnung
Kundmachung des Belagerungszustandes
Proklamation der Linken in der Nationalversammlung
Ferd. Lassalle, Passiver Widerstand
Deutschlands größter Schweinehund
Der Urwähler
M. Bakunin an Georg Herwegh
Glasbrenner, Die deutschen Professoren
Ein philosophischer Philister
Im freisten Lande von der Welt.
Karl Marx, Neujahr 1849
Friedr. Engels, Die Neue Rheinische Zeitung
Heinrich Heine, Kobes I . .
Die Frauen in der Revolution
Friedr. Engels, Rheinpreußen
Friedr. Engels, Die Reichsverfassungskampagne
Franz Mehring, Der badische Feldzug
Ferd. Lassalle, Die Justizschmach in Preußen
Heinrich Heine, Michel nach dem März
Aus der Ansprache der Zentralbehörde an den Bund der Kommunisten
Paul Frölich, Die deutsche Sozialdemokratie und die Revolution von 1848
Georg Herwegh, Achtzehnter März



Über den Begriff der Geschichte


zu Walter Benjamins Thesen Über den Begriff der Geschichte (GS I, 2)

Und dann...und dann... und dann... Die Zeit verstreicht. `Das haben wir wenigstens hinter uns´, sagen wir - `aber was haben wir nicht noch alles vor uns´? Unserem Sprachgebrauch zufolge haben wir das Gesicht der Zukunft zugewendet und den Rücken der Vergangenheit, so erleben es die meisten. Die Zukunft liegt vor ihnen, die Vergangenheit hinter ihnen. Für dynamischere Persönlichkeiten ist die Gegenwart in aller Regel `ein Schiff, das bei rauher See durch die Wellen der Zukunft pflügt´, für passivere Menschen eher ein Floß, das auf einem Fluß ruhig mit der Strömung treibt. Beide Vorstellungen haben - natürlich - ihre Tücken, denn wenn die Zeit eine Bewegung ist, dann muß sie sich in einer zweiten Zeit bewegen, und so entsteht eine unendliche Zahl von Zeiten - eine Szenerie, die den Denkern eher mißfällt, aber die Phantasien des Gefühls richten sich nun einmal nicht unbedingt nachdem Verstand. Wer seine Zukunft vor sich und seine Vergangenheit hinter sich hat, geht mit der Zeit auf andere - und ebenfalls schwer zu begreifende - Weise um: für ihn sind die Ereignisse schon in der Zukunft irgendwie gegenwärtig, erreichen in einem bestimmten Moment die Gegenwart, um schließlich in der Vergangenheit zur Ruhe zu kommen. Aber es ist nichts in der Zukunft, sie ist leer, und im nächsten Moment kann man gestorben sein und hat sein Gesicht also dem Nichts zugewendet, obwohl doch gerade hinter einem etwas zu sehen war: die Vergangenheit. So, wie sie das Gedächtnis aufbewahrt hat. Darum sagen die Griechen, wenn sie von der Zukunft sprechen: `was haben wir nicht noch alles hinter uns´ - und in diesem Sinne ist Anton Steenwijk Grieche. Auch er stand mit dem Rücken zur Zukunft und mit dem Gesicht zur Vergangenheit.
(Harry Mulisch, Das Attentat, München/Wien, 1994, S. 199)

In seinem Roman `Das Attentat´ reflektiert der niederländische Schriftsteller Harry Mulisch über die Geschichte des Nationalsozialismus, den Widerstand und die Bedingungen des Erinnerns. Es scheint an Stellen wie der zitierten, als hätte Mulisch Walter Benjamins Thesen über den Begriff der Geschichte gekannt, in diesem Fall die IX. Sie verhandeln, 1940 im Exil als Teil des Passagen-Werks verfaßt, ganz ähnlich Dinge.
Angesichts des beginnenden Krieges, der Herrschaft des Nationalsozialismus über Deutschland, angesichts des Hitler-Stalin-Pakts und der Niederlage der Arbeiterbewegung, sucht Benjamin nach den Gründen für deren Scheitern. Er kritisiert ihren protestantischen Arbeitsbegriff, ihre technokratische Vorstellung von Naturbeherrschung und verwirft radikal den deterministischen Fortschritts- und Geschichtsbegriff der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung. Ihr war der technische Forschritt, seitdem durch Kautsky Darwins Evolutionstheorie in den Marxismus Einzug gehalten hatte, Gewährsmann für den sozialen. Die Revolution stellte sich die Sozialdemokratie als eine Lokomotive vor, die die Geschichte voran bringen würde. Benjamin dreht diese Vorstellung um. Angesichts der Kontinuität des Leids in der Geschichte, und Benjamin wählt für seinen Blick auf die Vergangenheit, anders als die historistische Geschichtswissenschaft seiner Zeit, die Perspektive der Leidenden und Unterdrückten, müßte die Revolution die Geschichte nicht voran bringen, sondern ihren Fortgang stoppen. Um diesen Gedanken zu veranschaulichen, macht er als Materialist sich die jüdische Theologie nutzbar. Der jüdischen Religion bedeutet die Ankunft des Messias, des Erlösers, die `Stillstellung des Geschehens´, das `Aufsprengen des Kontinuums der Zeit´. Die Bedingungen dieser Möglichkeit vorzubereiten, sucht Benjamin noch in der verzweifelsten Lage.

Er legte die Hände auf sein Gesicht, dorthin, wo sie es berührt hatte, und schloß die Augen. Es ist die Hölle, dachte er, die Hölle. Selbst wenn morgen der Himmel auf Erden errichtet würde, könnte es nach all dem, was in der Vergangenheit passiert ist, nicht der Himmel sein. Es war hoffnungslos. Das Leben auf dieser Welt war ein Mißerfolg, ein großer Reinfall, und es wäre besser Gewesen, es wäre nie entstanden. Erst wenn es kein Leben mehr gab, und damit auch keine Erinnerung mehr an die Todesschreie, wäre die Welt wieder in Ordnung. (H. Mulisch,  S. 194)

Gegenüber dem Protagonisten in Mulischs Roman, dem für einen Moment, wie von einem Blitzlicht beleuchtet, das Leid der Vergangenheit unmittelbar gewahr wird, hätte Benjamin, zum Zeitpunkt als er die Thesen verfaßte, verpflichtet durch die Toten, an der Notwendigkeit zu Erinnern und auch an der Hoffnung auf ein Ende des Leids, auf eine diesseitige, versöhnte Gesellschaft festgehalten. In diesem Himmel auf Erden wäre zwar das Vergangene nicht ungeschehen gemacht, aber der `erlösten Menschheit wäre dann ihre Vergangenheit in jedem ihrer Momente zitierbar.´

20.10.12

über Samuel Tzschirner














  


Straßenkampf in Dresden: Gemälde von Julius Scholtz, 1849

"Seine Energie ist im Sachsenland eine unerhörte Erscheinung": Wie der Armenanwalt Samuel Tzschirner 1849 in der Deutschen Revolution zum Volkstribun wurde. Ein Artikel von Christian Jansen aus der "Zeit" vom 8.7.2012.

Das Lied der Matrosen


Deutschland 1958. Regie: Kurt Maetzig und Günter Reisch




























Der Film sollte wohl die deutsche Antwort auf Panzerkreuzer Potemkin sein, er ist allerdings künstlerisch weniger ambitioniert. Man gewinnt den Eindruck, dass sich die beiden Regisseure, nachdem jeder seine Teile gedreht hatte, nicht einigen konnten, welche Szenen nun weggelassen werden könnten. So wurde der Film 118 Minuten lang und es mangelt ihm an Stringenz. Auch wenn manches eindrucksvoll geschildert wird, z.B. der Hass auf die Offiziere, der sich dann im Abreißen der Schulterklappen entlud, bleiben die größeren Zusammenhänge unklar, z.B. wird nicht erwähnt, dass es ab dem 3.10.1918 eine neue Regierung gab, in der auch zwei Sozialdemokraten saßen. Trotz des Friedensgesuchs der neuen Regierung plante die Marineleitung die letzte Offensive, deswegen konnten sich die meuternden Matrosen auf Seiten der Regierung wähnen. Im Film bleiben die Berliner Ereinisse sehr unscharf, ebensowenig wird deutlich, inwiefern sich die Forderungen der jeweiligen Strömungen der Arbeiterbewegung unterschieden.

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