Walter Benjamin

Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten.
Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht.

Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, Band I, Seite 1241.

17.02.13

(Literatur-)Geschichte

In der Jungle World vom 14. Februar bespricht P. Nowak ein Buch von Dietmar Lange, in dem es um die Streiks des Frühjahrs 1919 geht und darum, wie diese niedergeschlagen wurden. Nach einem offiziellen Bericht des Reichswehrministers Noske (SPD) sind dabei in Berlin 1200 Menschen ums Leben gekommen, was Noske in der Nationalversammlung rechtfertigte: "Da gelten Paragraphen nichts, da gilt lediglich der Erfolg, un der war auf meiner Seite." Die Untersuchung von Dietmar Lange scheint also die Einschätzung zu bestätigen, dass es sich bei den Auseinandersetzungen in den Anfangsjahren der Weimarer Republik um Bürgerkrieg handelte und die SPD diesen nicht, wie Heinrich August Winkler schreibt, verhindern, sondern ihn gewinnen wollte.
Der Rezensent Nowak behauptet nun, dass angesichts der gewaltsamen Etablierung der Weimarer Republik die Nazis ab 1933 gar nicht mehr viel zerstören konnten, da bereits in der Weimarer Zeit das Morden begonnen und gesellschaftliche Vielfalt nicht existiert habe. Nowak unterscheidet also nicht zwischen der Republik und ihren rechtsradikalen Gegnern, ein Fehler, den schon die KPD machte und den Leute wie Georg K. Glaser schon bald einsahen
Beispiele für die "gesellschaftliche Vielfalt" der Weimarer Republik gibt es aus Film, Theater und Literatur unzählige, in der NZZ fand sich jüngst der Hinweis auf eine gerade wieder aufgelegte Literaturgeschichte:

Manfred Koch in der NZZ vom 13.2.2013
Klabunds Kürzestgeschichte der Dichtung
Die Weimarer Republik war eine tempo- und rekordversessene Zeit, mit Leitfiguren wie den rasenden Rundendrehern der Berliner Sechstagerennen, dem Mercedespiloten Rudolf Caracciola oder der Industriellentochter Eleonore Stinnes, die als erste Frau mit einem PKW die Welt umrundete. Auf dem Gebiet der Kultur führte die allgemeine Beschleunigungseuphorie zu kuriosen Bildungsbüchern im Zeitrafferstil: «Weltgeschichte in einer Stunde»; «Deutsche Literaturgeschichte in einer Stunde»; «Geschichte der Weltliteratur in einer Stunde».

Der Autor der Literaturgeschichten, 1920 und 1922 erschienen, war Klabund, bürgerlich Alfred Henschke, einer der originellsten Köpfe der expressionistischen Dichtergeneration. Die Bücher waren so erfolgreich, dass der Verlag sie nach Klabunds Tod – er starb 1928 im Alter von 38 Jahren an Schwindsucht – zu einem Band verschmolz: «Die deutsche und die fremde Dichtung von den Anfängen bis zur Gegenwart». Erneut wurden mehr als 100 000 Exemplare verkauft.
Klabund muss den Verlagsauftrag als sportliche Herausforderung genommen haben. Entsprechend dynamisch gestaltete er sein Produkt: ein Parforceritt durch die Weltliteratur mit kühnen Sprüngen und Würfen. Da ihm auferlegt war, die gesamte kanonische Literatur aller Völker und Zeiten zu behandeln, galt es in erster Linie, eine trockene Aufzählung der Autorennamen und Werktitel zu vermeiden. Klabund löste das Problem durch schmissige Sekundencharakteristiken sowohl der Kulturen als auch der Dichter. Zwei Sätze reichen, um den kulturellen Hintergrund des Haiku zu erläutern: «Winzig erscheinen uns der Japaner selbst, seine Frauen, Häuser, Geräte, Gedichte. Aber er hat das Menschenmögliche in der Prägnanz, Plastik und Schärfe des Kurzgedichtes geleistet.» Zwei Sätze verbinden das Russland des 19. Jahrhunderts mit Dostojewskis ausufernder Erzählkunst und Gontscharows Darstellung der «Oblomowerei», des nationalen Hangs zum Nichtstun: «Dostojewski schreibt die Karamasows, und als er die ersten drei Bände schliesst, merkt er, dass er noch gar nicht angefangen hat. Man wird nie fertig in Russland, deshalb fängt man oft erst gar nicht an.»
Gänzlich unakademisch nimmt Klabund beherzte Wertungen vor. Manche Epochen wie zum Beispiel die römische Antike mochte er gar nicht, weshalb ihre prominentesten Vertreter ulkige Fehlurteile verpasst bekommen: Cicero – «zum Sterben langweilig»; Vergil – «nicht besonders originell»; Seneca – «ein Wüstling und Wucherer». Auch Schiller bezieht im Vorübergehen zarte Prügel: «Das Rosa seiner Liebeslyrik ist staubig.» Lieblingen wie Walther von der Vogelweide, Johann Christian Günther oder Knut Hamsun hingegen widmet Klabund bis zu vier Seiten, auch wenn sie damit jeder für sich so viel Raum einnehmen wie Sophokles, Shakespeare und Tolstoi zusammen.
Gerade diese Art von subjektiv fröhlicher Literaturwissenschaft macht das Buch aber noch heute zum Lesevergnügen. Natürlich hat Klabund wild kompiliert, natürlich sind zumal die völkerpsychologischen Betrachtungen von abenteuerlicher – allerdings zeittypischer – Leichtfertigkeit. Auf der anderen Seite betont der aufrechte Pazifist unermüdlich die Bedeutung des kulturellen Austauschs und verteidigt die Autonomie der Literatur gegen jede politische Inanspruchnahme. Der Dichter, heisst es programmatisch, sei vor allem der «mythische Diener der Wörtlichkeit und Künder des reinen Klanges». Das ist eine der wenigen Stellen, an denen expressionistisches Pathos durchbricht. Im Übrigen setzt das Buch auf Leichtigkeit, Witz und aphoristische Pointierung. Sein Pseudonym Klabund, hat Alfred Henschke einmal erklärt, sei eine Zusammensetzung aus Vagabund und Klabautermann. So wollte er wohl auch seine Literaturgeschichte verstanden wissen: eine Vagabondage durch das Weltschrifttum, versehen mit einer Portion Schabernack.

Klabund: Literaturgeschichte. Die deutsche und die fremde Dichtung von den Anfängen bis zur Gegenwart. Hrsg. von Ralf Georg Bogner. Elfenbein-Verlag, Berlin 2012. 380 S., Fr. 55.–.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Blog-Archiv