Walter Benjamin

Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten.
Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht.

Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, Band I, Seite 1241.

25.10.12

zu einem Gedicht von Heinrich Heine

Ich hatte einst ein schönes Vaterland *

 
Ich hatte einst ein schönes Vaterland.
Der Eichenbaum
Wuchs dort so hoch, die Veilchen nickten sanft.
Es war ein Traum.

Das küßte mich auf deutsch und sprach auf deutsch
(Man glaubt es kaum
Wie gut es klang) das Wort: „Ich liebe dich!“
Es war ein Traum.

In der Zeit seiner Emigration in Paris schrieb Heine (1797-1856) dieses Gedicht über Liebe, Heimat und Exil und über Sprache. Gedruckt wurde es erstmals 1934. Inspiriert vom deutschen Volkslied ist es schlicht und wortkarg, doch Heine macht sich Eichenbaum und Veilchen durch leichte Ironie neu nutzbar. Denn ungebrochen könnte er das Loblied aufs Vaterland, das ihn ins Exil trieb, nicht stehen lassen; Zur Abwehr des ungezwungenen Heimwehs der ersten drei Zeilen, endet die erste Strophe mit der Feststellung, das Bild von der Heimat sei ein Traum. Doch ganz gelingt die Abwehr nicht, Erinnerung und Wehmut halten sich die Wage mit dem Realitätssinn. Woher kommt das Recht des als traum-haft im doppelten Sinne, als unwirklich und als schön Erkannten? In der zweiten Strophe kommt zum Ausdruck, was die Erinnerung prägt: nicht anmutige Landschaft oder politischen Misere, sondern nahestehende Menschen und ihre Sprache, ein Kuß und die deutsche Worte der Geliebten. Durch den Einschub in Klammern zögert Heine das entscheidenden „Ich liebe dich!“ hinaus. In keiner anderen Sprache als der Muttersprache, sagt Heine damit, lassen sich die richtigen Worte für Gefühle, Zärtlichkeit und Liebe finden.
Angesichts dessen, daß Heine in Deutschland, vor der kurzen Phase der Emanzipation, Jude war, läßt sich hinzufügen, daß er wohl schon vor dem Exil in Frankreich, in der Sprache einen Rückzugsraum anderer Art gefunden hatte. In der deutschen Sprache fühlte er sich wirklich heimisch. Einige der Verfolgten die in den dreißiger und vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts ins Exil mußten und dann zurückkamen, gaben als Grund für ihre Rückkehr ein ganz ähnliches Verhältnis zu Deutschland und seiner Sprache an wie das, das Heine in seinem Gedicht „Ich hatte einst ein schönes Vaterland“ beschreibt.
  
* In: Sämtliche Schriften in sechs Bänden. Hg. von K. Briegleb, München 1968 ff., Band 4.

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