Ich hatte einst ein schönes Vaterland.
Der Eichenbaum
Wuchs dort so hoch, die Veilchen nickten sanft.
Es war ein Traum.
Das küßte mich auf deutsch und sprach auf deutsch
(Man glaubt es kaum
Wie gut es klang) das Wort: „Ich liebe dich!“
Es war ein Traum.
In der Zeit seiner Emigration in Paris schrieb Heine (1797-1856) dieses
Gedicht über Liebe, Heimat und Exil und über Sprache. Gedruckt wurde es
erstmals 1934. Inspiriert vom deutschen Volkslied ist es schlicht und wortkarg,
doch Heine macht sich Eichenbaum und Veilchen durch leichte Ironie neu nutzbar.
Denn ungebrochen könnte er das Loblied aufs Vaterland, das ihn ins Exil trieb,
nicht stehen lassen; Zur Abwehr des ungezwungenen Heimwehs der ersten drei
Zeilen, endet die erste Strophe mit der Feststellung, das Bild von der Heimat
sei ein Traum. Doch ganz gelingt die Abwehr nicht, Erinnerung und Wehmut halten
sich die Wage mit dem Realitätssinn. Woher kommt das Recht des als traum-haft
im doppelten Sinne, als unwirklich und als schön Erkannten? In der zweiten
Strophe kommt zum Ausdruck, was die Erinnerung prägt: nicht anmutige Landschaft
oder politischen Misere, sondern nahestehende Menschen und ihre Sprache, ein
Kuß und die deutsche Worte der Geliebten. Durch den Einschub in Klammern zögert
Heine das entscheidenden „Ich liebe dich!“ hinaus. In keiner anderen Sprache
als der Muttersprache, sagt Heine damit, lassen sich die richtigen Worte für
Gefühle, Zärtlichkeit und Liebe finden.
Angesichts dessen, daß Heine in Deutschland, vor der kurzen
Phase der Emanzipation, Jude war, läßt sich hinzufügen, daß er wohl schon vor
dem Exil in Frankreich, in der Sprache einen Rückzugsraum anderer Art gefunden
hatte. In der deutschen Sprache fühlte er sich wirklich heimisch. Einige der
Verfolgten die in den dreißiger und vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts ins
Exil mußten und dann zurückkamen, gaben als Grund für ihre Rückkehr ein ganz
ähnliches Verhältnis zu Deutschland und seiner Sprache an wie das, das Heine in
seinem Gedicht „Ich hatte einst ein schönes Vaterland“ beschreibt.
* In: Sämtliche Schriften in
sechs Bänden. Hg. von K. Briegleb, München 1968 ff., Band 4.
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