Walter Benjamin

Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten.
Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht.

Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, Band I, Seite 1241.

24.10.12

Über den Begriff der Geschichte


zu Walter Benjamins Thesen Über den Begriff der Geschichte (GS I, 2)

Und dann...und dann... und dann... Die Zeit verstreicht. `Das haben wir wenigstens hinter uns´, sagen wir - `aber was haben wir nicht noch alles vor uns´? Unserem Sprachgebrauch zufolge haben wir das Gesicht der Zukunft zugewendet und den Rücken der Vergangenheit, so erleben es die meisten. Die Zukunft liegt vor ihnen, die Vergangenheit hinter ihnen. Für dynamischere Persönlichkeiten ist die Gegenwart in aller Regel `ein Schiff, das bei rauher See durch die Wellen der Zukunft pflügt´, für passivere Menschen eher ein Floß, das auf einem Fluß ruhig mit der Strömung treibt. Beide Vorstellungen haben - natürlich - ihre Tücken, denn wenn die Zeit eine Bewegung ist, dann muß sie sich in einer zweiten Zeit bewegen, und so entsteht eine unendliche Zahl von Zeiten - eine Szenerie, die den Denkern eher mißfällt, aber die Phantasien des Gefühls richten sich nun einmal nicht unbedingt nachdem Verstand. Wer seine Zukunft vor sich und seine Vergangenheit hinter sich hat, geht mit der Zeit auf andere - und ebenfalls schwer zu begreifende - Weise um: für ihn sind die Ereignisse schon in der Zukunft irgendwie gegenwärtig, erreichen in einem bestimmten Moment die Gegenwart, um schließlich in der Vergangenheit zur Ruhe zu kommen. Aber es ist nichts in der Zukunft, sie ist leer, und im nächsten Moment kann man gestorben sein und hat sein Gesicht also dem Nichts zugewendet, obwohl doch gerade hinter einem etwas zu sehen war: die Vergangenheit. So, wie sie das Gedächtnis aufbewahrt hat. Darum sagen die Griechen, wenn sie von der Zukunft sprechen: `was haben wir nicht noch alles hinter uns´ - und in diesem Sinne ist Anton Steenwijk Grieche. Auch er stand mit dem Rücken zur Zukunft und mit dem Gesicht zur Vergangenheit.
(Harry Mulisch, Das Attentat, München/Wien, 1994, S. 199)

In seinem Roman `Das Attentat´ reflektiert der niederländische Schriftsteller Harry Mulisch über die Geschichte des Nationalsozialismus, den Widerstand und die Bedingungen des Erinnerns. Es scheint an Stellen wie der zitierten, als hätte Mulisch Walter Benjamins Thesen über den Begriff der Geschichte gekannt, in diesem Fall die IX. Sie verhandeln, 1940 im Exil als Teil des Passagen-Werks verfaßt, ganz ähnlich Dinge.
Angesichts des beginnenden Krieges, der Herrschaft des Nationalsozialismus über Deutschland, angesichts des Hitler-Stalin-Pakts und der Niederlage der Arbeiterbewegung, sucht Benjamin nach den Gründen für deren Scheitern. Er kritisiert ihren protestantischen Arbeitsbegriff, ihre technokratische Vorstellung von Naturbeherrschung und verwirft radikal den deterministischen Fortschritts- und Geschichtsbegriff der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung. Ihr war der technische Forschritt, seitdem durch Kautsky Darwins Evolutionstheorie in den Marxismus Einzug gehalten hatte, Gewährsmann für den sozialen. Die Revolution stellte sich die Sozialdemokratie als eine Lokomotive vor, die die Geschichte voran bringen würde. Benjamin dreht diese Vorstellung um. Angesichts der Kontinuität des Leids in der Geschichte, und Benjamin wählt für seinen Blick auf die Vergangenheit, anders als die historistische Geschichtswissenschaft seiner Zeit, die Perspektive der Leidenden und Unterdrückten, müßte die Revolution die Geschichte nicht voran bringen, sondern ihren Fortgang stoppen. Um diesen Gedanken zu veranschaulichen, macht er als Materialist sich die jüdische Theologie nutzbar. Der jüdischen Religion bedeutet die Ankunft des Messias, des Erlösers, die `Stillstellung des Geschehens´, das `Aufsprengen des Kontinuums der Zeit´. Die Bedingungen dieser Möglichkeit vorzubereiten, sucht Benjamin noch in der verzweifelsten Lage.

Er legte die Hände auf sein Gesicht, dorthin, wo sie es berührt hatte, und schloß die Augen. Es ist die Hölle, dachte er, die Hölle. Selbst wenn morgen der Himmel auf Erden errichtet würde, könnte es nach all dem, was in der Vergangenheit passiert ist, nicht der Himmel sein. Es war hoffnungslos. Das Leben auf dieser Welt war ein Mißerfolg, ein großer Reinfall, und es wäre besser Gewesen, es wäre nie entstanden. Erst wenn es kein Leben mehr gab, und damit auch keine Erinnerung mehr an die Todesschreie, wäre die Welt wieder in Ordnung. (H. Mulisch,  S. 194)

Gegenüber dem Protagonisten in Mulischs Roman, dem für einen Moment, wie von einem Blitzlicht beleuchtet, das Leid der Vergangenheit unmittelbar gewahr wird, hätte Benjamin, zum Zeitpunkt als er die Thesen verfaßte, verpflichtet durch die Toten, an der Notwendigkeit zu Erinnern und auch an der Hoffnung auf ein Ende des Leids, auf eine diesseitige, versöhnte Gesellschaft festgehalten. In diesem Himmel auf Erden wäre zwar das Vergangene nicht ungeschehen gemacht, aber der `erlösten Menschheit wäre dann ihre Vergangenheit in jedem ihrer Momente zitierbar.´

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