Proletarier aller Länder, amüsiert Euch!
Von großen Filmerfolgen, ideologischen
Missverständnissen, von Utopien und von erstaunlicher Blindheit erzählte 2012 die
Retrospektive der Berlinale: "Die Rote Traumfabrik" widmete sich dem deutsch-sowjetischen
Studio Meshrabpom-Film. Ein Artikel von Oksana Bulgakowa aus der TAZ vom 9.2.2012
Aus diesem Hilfs-Komitee entwickelte sich die
Massenorganisation Internationale Arbeiterhilfe (IAH), die im Herbst 1922 eine
Filmabteilung eröffnete. Sie sollte Filmtechnik für Sowjetrussland einkaufen
und sich um die Verbreitung der Dokumentarfilme kümmern. Für die Wirksamkeit
der Kampagne wurde auch ein Spielfilm in das Programm aufgenommen. So kam im
März 1923 - nach einer langen Unterbrechung des Filmexports während des 1.
Weltkriegs - der erste sowjetrussische Spielfilm nach Berlin:
"Polikuschka" - nach einer Erzählung von Leo Tolstoi mit
Schauspielern aus dem Stanislawski-Theater.
Auf den Weltmarkt hoffen
Die deutsche proletarische Presse wusste nicht recht, wie
sie diesen Film einordnen soll, und meinte, der Herzschlag der Revolution poche
auch in diesem unpolitischen Film. Produziert wurde er vom Studio
"Russ", einer privaten Aktiengesellschaft. "Russ" konzentrierte
sich auf publikumswirksame Filme, auf Stoffe aus der russischen Geschichte und
Literatur, um sie auf dem Weltmarkt zu vertreiben. Als 1923 das Studio
entschied, eine Allianz mit der IAH in Berlin einzugehen, erschien dieser
Schritt nahezu unverständlich. Doch Beziehungen und Kalkül spielten dabei eine
Rolle: Die IAH wand sich aus Pragmatismus einem privaten Filmunternehmen aus
Russland zu. Der Erfolg von "Polikuschka" schien ein Garant für die
Eroberung des Weltmarkts. Für das Studio "Russ" war der Zusammenschluss
mit der kommunistischen Organisation in Deutschland eine taktische
Rückversicherung gegen mögliche Angriffe im eigenen Land. So unterschrieben am
8. März 1923 beide Seiten einen Vertrag.
Der Studioleiter Moissej Alejnikow hatte den prominentesten
vorrevolutionären russischen Regisseur, Jakow Protasanow überredet, aus der
Emigration zurückzukehren und auf der Grundlage des Romans Alexej Tolstoj, den
ersten sowjetischen Science-Fiction-Film, "Aëlita", zu drehen - über
die Reise dreier Russen zum Mars, die zu einer Revolution, aber auch einer
Liebesromanze mit der Marskönigin führt - und obendrein das Ganze als eine
Komödie zu gestalten! Ausgestattet wurde der Film mit kubistischen Dekorationen
und avantgardistischen Kostümen á la Malewitsch.
Für Spezialeffekte wurde Eugen Schüftan, ein deutscher
Kameramann, eingeladen. Dieser spektakuläre Neuanfang bescherte dem Studio
jedoch im eigenen Land nicht den erhofften Erfolg. "Russ" blieb einer
permanenten Kritik ausgeliefert - als bürgerliches, kommerzielles, dem
proletarischen Geist der neuen Gesellschaft völlig fremdes Unternehmen.
Eigentlich sollte die Allianz mit der kommunistischen IAH dem abhelfen, aber
diese Hoffnung erwies sich als folgenschwerer Irrtum.
Fast bis zur Auflösung als bürgerliche Erscheinung
attackiert, wurden im Ausland seine Filme als Quell proletarischer Kultur
hochgepriesen. Beide Einschätzungen lagen ebenso weit auseinander, wie sie
übertrieben waren. "Die Marke Meshrabpom-Russ ist ein Genre im
sowjetischen Film", schrieb der Kritiker Michail Bleiman, "das
Material: Geschichte mit Kostümen oder besser ohne. Manchmal, um die Fracks
zensurfrei zu zeigen, wird die Handlung ins Ausland verlegt. Die Helden haben
meist Adelstitel. Keine Figur geht unter einem Grafen weg. Selbst die Diener
sind echte Aristokraten. Den Filmen liegt immer ein Liebeskonflikt zugrunde.
Der Liebe wegen wird Revolution gemacht, Kriege werden angefangen oder beendet,
Weltkatastrophen in Gang gesetzt."
Aber nicht nur sexualisierte Historiendramen, Melodramen
über verführte Mädchen wie "Der gelbe Pass", Komödien aus dem
sowjetischen Alltag wie "Das Mädchen mit Hutschachtel" und mondäne
Abenteuerfilme aus dem Leben des dekadenten Westens wie "Miss Mend" -
allesamt auf dem inländischen Markt erfolgreiche Unterhaltung - bestimmten das
Profil des Studios. 1925 wechselte fast die gesamte Werkstatt von Lew Kuleschow
an das Studio und brachte eine experimentelle Note in das Programm ein.
Wsewolod Pudowkin, Boris Barnet und Sergej Komarow wurden bald zu den führenden
Regisseuren.
Pudowkin bestimmte nun die andere Richtung, die das Studio
für das Ausland verfolgte: revolutionäre Werke nach dem Vorbild von Eisensteins
"Panzerkreuzer Potemkin". Die folgten einem anderen ästhetischen
Programm - geometrische Linien bestimmten die Komposition eines fast leeren
Filmraums. Dazu kam die rhythmische Montage kurzer Einstellungen, die die
Dynamik intensivierte. Das Bild des dörflichen Russland wurde für unfotogen
erklärt.
Pudowkins "Sturm über Asien" bot einen idealen
Zusammenschluss alter und neuer Stereotypen: die ethnographische Exotik einer
dokumentarisch gefilmten buddhistischen Zeremonie und Revolution, das
individuelle Ausnahmeschicksal eines Nachfahren von Dschingis Khan und eine
beeindruckende Montage von Massenszenen. Der Hauptdarsteller Waleri Inkishinow
war die Verkörperung des Russisch-Asiatischen schlechthin, "absolut
erdhaft". Die Premiere in Berlin bescherte einen überwältigenden Erfolg.
Um Kredite betteln
Trotzdem wird das Studio von den Kritikern daheim als innerer
Emigrant wahrgenommen und vom staatlichen Filmkomitee Sowkino als Erzrivale. Es
muss um Subventionen und Kredite betteln, doch als Privatunternehmen bekommt es
keine. In Berlin wird entschieden, die Anteile der IAH drastisch zu erhöhen und
das Studio in "Meshrabpomfilm", also "IAH- Film"
umzubenennen. Um der Quotenkontingentierung von Importen entgegenzuwirken, wird
beschlossen, russische Filme in Deutschland zu produzieren, auch eine
Neuverfilmung von Tolstois "Lebendem Leichnam". Die erfolgreichen
Film-Russen, die Stars des Studios, Fjodor Ozep, Anna Sten, Waleri Inkishinow,
bleiben im Ausland als Emigranten zurück.
Anfang der 1930er Jahre sollte die Ausrichtung des Studios
sich jäh ändern. Dahinter stand Willi Münzenberg mit seiner Idee: Film sei ein
Propagandamittel, doch die proletarischen Massen im Westen hätten dieses Mittel
nicht in der Hand, aber es gäbe in der Sowjetunion ein Studio, an dem die IAH
als Gesellschafter beteiligt ist. Der vorherige Versuch, die
"Prometheus" als ein solches Studio in Deutschland zu etablieren, war
gescheitert. Die Firma hatte einige wenige Spiel- und Dokumentarfilme über
proletarischen Kampf und proletarisches Elend (wie "Mutter Krausens Fahrt
ins Glück") produziert und ging bankrott. Von nun an sollte das Studio
"Meshrabpomfilm" Ausländer nach Moskau holen, um dort Filme für das
Weltproletariat zu drehen, und zwar in deutscher Sprache.
Bald fahren Erwin Piscator, Joris Ivens und Hans Richter
nach Moskau. Doch da kam der Tonfilm mit seinen "Sprachbarrieren" der
gewählten Internationalisierung der Produktion - für die Proletarier aller
Länder - in die Quere. Genauso brach der Widerspruch zwischen der
ursprünglichen Fixierung des Studios "Russ" auf Kino-Kommerz und der
Ausrichtung der IAH auf politische Propaganda auf. Oder wollte die IAH mit
Propaganda Geld verdienen und das Studio "Russ" seine Unterhaltung
der Proletarier aller Länder als Propaganda verkaufen?
Emigranten interniert
1934 wird das Studio Meshrabpomfilm einmal mehr
reorganisiert und in "Rot Front" umbenannt. Hier sollen nun deutsche
Emigranten, die nach Hitlers Machtergreifung in die Sowjetunion gekommen waren,
arbeiten. Der Film "Kämpfer" sollte das Paradestück werden. Von
Gustav von Wangenheim realisiert, bringt er zwei Stränge zusammen: den realen
Reichstagsbrandprozess gegen Georgi Dimitrow in Leipzig und einen fiktiven
gegen Arbeiter in der deutschen Provinz, die beschuldigt werden, ihre Fabrik in
Brand gesetzt zu haben. Doch fast alle deutschen Emigranten, die in dem Film
mitwirken, werden während der Dreharbeiten verhaftet und verschwinden spurlos
in Lagern.
1936 wird das Studio geschlossen. So endete dieses
merkwürdige Konglomerat aus Kasse und Ideologie, Tradition und Experiment,
Künstlertheater und Konstruktivismus, Revolutionsfilm und Unterhaltung, altem
Russlandbild und proletarischem Internationalismus, Filme über die Welt und das
Weltproletariat - aus der Isolierung von innen wie außen - entstehen sollten.
Eine Vision von utopischer Kraft und erstaunlicher Blindheit zugleich.
"Die Rote Traumfabrik", 9. bis 19.
Februar in den Berlinale-Kinos Cinemaxx 8, Zeughauskino, Deutsche Kinemathek
Katalog zur Retrospektive: Gunter
Agde/Alexander Schwarz (Hg.) Karin Herbst Meßlinger (Red.) "Die Rote
Traumfabrik", Bertz + Fischer, Berlin 2012, 29,90 Euro
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