Walter Benjamin

Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten.
Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht.

Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, Band I, Seite 1241.

02.03.13

eine Ausstellung

Volker Ulrich bespricht in der Zeit vom 21.2.2013 eine Ausstellung zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung: 
Es waren nur zwölf Delegierte aus elf Städten, die am 23. Mai 1863 in Leipzig zusammenkamen, um unter Führung Ferdinand Lassalles den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein (ADAV) zu gründen. Aus kleinen Anfängen entwickelte sich im Laufe der Jahrzehnte eine bedeutende gesellschaftliche und politische Kraft – die sozialdemokratische Arbeiterbewegung, ohne die Freiheit, Demokratie und Sozialstaat in Deutschland nicht zu denken wären.
Den Jubeltag, der in diesem Jahr noch ausschweifend gefeiert wird, hat das Landesmuseum für Technik und Arbeit in Mannheim, das Technoseum, zum Anlass für eine faszinierende Ausstellung genommen. Ihr Titel, Durch Nacht zum Licht?, ist der ersten Strophe des Internationalen Knappenliedes entnommen, das von streikenden Bergleuten an der Ruhr 1889 gesungen wurde: »Glück auf, Kameraden, durch Nacht zum Licht!« An die Stelle des Ausrufezeichens ist freilich ein Fragezeichen getreten, und das ist bezeichnend für den Duktus dieser von Kurator Horst Steffens und Torsten Bewernitz intelligent konzipierten Schau. Sie vermeidet jedes Pathos, alle Neigung zur nostalgischen Verklärung. Streng sachlich, aber durchaus mit Empathie wird in sechs Stationen mit über 500 Exponaten (von mehr als 70 Leihgebern) die Geschichte der Arbeiterbewegung erzählt, ihrer Erfolge wie ihrer Niederlagen.
Die Ausstellungsarchitekten haben einen raffinierten Parcours geschaffen. Auf den schlaglichtartig ausgeleuchteten Wänden erkennt man übermannsgroße Zahnräder, die an Charlie Chaplins Film Moderne Zeiten von 1936 erinnern. Die Vitrinen werden eingerahmt von verzinkten Gerüsten. Sie verleihen dem Ganzen den Charakter einer Baustelle: Arbeitswelt und Arbeiterbewegung sind nichts historisch Definiertes, sondern bleiben einem ständigen Wandel unterworfen.
Auf jeder der sechs Stationen wird der Besucher in typische Produktionsmilieus eingeführt, denen jeweils Leitobjekte zugeordnet sind: Eine Handdruckpresse von 1835 steht für den Übergang von der Hand- zur Maschinenarbeit, eine Opel-Nähmaschine für die Revolutionierung des Schneiderhandwerks in den 1870er Jahren, der elektrisch betriebene Bohrhammer in einem nachinszenierten Bergwerksstollen für die Mechanisierung der Arbeit um die Jahrhundertwende, ein Ford-Modell T von 1926 für die Einführung der Fließbandarbeit in den zwanziger Jahren, ein Pittler-5-Spindelautomat von 1939 gleichermaßen für die Kriegsproduktion wie für den wirtschaftlichen Wiederaufstieg nach 1945, schließlich ein Callcenter-Kabuff für den Übergang von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft und den Beginn des Computerzeitalters.
Im Eingangsbereich verweisen Gesellen-Wanderbücher und Willkomm-Pokale auf einen wichtigen Zusammenhang: Das Jahr 1863 war keine Stunde null. Vielmehr gingen viele Bräuche und Traditionen der Handwerksgesellen aus vorindustrieller Zeit in die frühe Arbeiterbewegung ein. Organisatorische Vorformen zeigten sich bereits in den Zusammenschlüssen von Gesellen und exilierten Intellektuellen im Vormärz, etwa im Bund der Gerechten oder im Bund der Kommunisten. Eine besondere Kostbarkeit ist zu besichtigen: die einzige noch erhaltene Manuskriptseite des Kommunistischen Manifests von 1847 in der nur schwer zu entziffernden Handschrift von Karl Marx.
Der Schlachtruf des Manifests: »Proletarier aller Länder, vereinigt euch!«, findet sich auf zahlreichen Exponaten wieder, häufig verbunden mit dem Symbol der Sonne als Versprechen einer besseren, lichteren Zukunft. Aus der Gewissheit, mit dem historischen Fortschritt im Bunde zu sein und am Ende über Kapitalismus und bürgerlichen Klassenstaat zu triumphieren, schöpfte die Gründergeneration ihren unerschütterlichen Optimismus.
Neben Lassalle, der bereits Ende August 1864 den Folgen eines Pistolenduells erlag – seine Totenmaske zeigt ein geheimnisvolles Lächeln –, kommt eine weitere charismatische Figur in den Blick: August Bebel, der gelernte Drechsler, der 1869 in Eisenach gemeinsam mit dem Journalisten Wilhelm Liebknecht eine zweite Arbeiterpartei ins Leben rief. Aus dem Zusammenschluss von »Lassalleanern« und »Eisenachern« in Gotha 1875 ging die Sozialdemokratische Partei hervor.
Zu Recht wird an das perfide Sozialistengesetz von 1878 erinnert, den – vergeblichen – Versuch des Reichskanzlers Otto von Bismarck, der noch jungen Bewegung mit den Mitteln des Polizeistaats den Garaus zu machen. Ein berührendes Dokument: In einem Schreiben an »die königliche Amtshauptmannschaft zu Leipzig« vom Juli 1881 bitten die Frauen der Parteigründer, Julie Bebel, Clara Hasenclever und Natalie Liebknecht, für die wegen »Ausweisung ihrer Ernährer« in Not geratenen Familien sammeln zu dürfen.
Bebel verkörperte manche Züge der frühen Sozialdemokratie, vor allem handwerkliche Solidität (die Ausstellung zeigt eine von ihm gedrechselte Türklinke) und einen unstillbaren Bildungshunger. Die Erstausgabe seines bekanntesten Werkes, des Bestsellers Die Frau und der Sozialismus aus dem Jahr 1879 – ein flammendes Bekenntnis zur Gleichberechtigung der Geschlechter –, ist zu sehen neben einer Vielzahl weiterer Broschüren und Flugschriften, die Zeugnis ablegen von der Debatten- und Streitkultur in der SPD vor dem Ersten Weltkrieg.
Als Bebel, der »Arbeiterkaiser«, 1913 starb, war die SPD stärkste Fraktion im Reichstag – ein Bilderbogen zeigt alle 110 Abgeordneten; gegenüber 1890 hatte sich ihre Zahl verdreifacht. Doch beschränken sich die Mannheimer nicht darauf, den imposanten Aufschwung der politischen und gewerkschaftlichen Organisationen nachzuzeichnen; sie beleuchten auch die großen Protest- und Streikbewegungen – etwa die Massenstreiks der Bergleute 1889 oder den Kampf der Textilarbeiterinnen im sächsischen Crimmitschau für den Zehnstundentag 1903/04. Darüber hinaus rückt die »dritte Säule« der Arbeiterbewegung ins Licht, die Arbeiterkultur mit ihren Sport-, Sänger-, Theater-Vereinen und Konsumgenossenschaften.
Entschieden zu kurz kommt hingegen eine fundamentale Zäsur: die Spaltung der Arbeiterbewegung im Ersten Weltkrieg. Man sieht eine Gedenktafel für Rosa Luxemburg aus der Festung Wronke, wo sie 1916/17 gefangen gehalten wurde; dazu den Gehrock von Karl Liebknecht. Doch das ist dann auch fast schon alles über die radikale Opposition gegen die sozialdemokratische »Burgfriedenspolitik«. So muss nebulös bleiben, wie es zur Revolution von 1918/19 kommen konnte – immerhin eine der größten demokratischen Massenbewegungen der deutschen Geschichte.
Dagegen werden die Folgen dieser Spaltung für die Endphase der Weimarer Republik nachdrücklich vor Augen geführt. Sie verhinderte, dass sich SPD und KPD auf eine gemeinsame Abwehr gegen Hitler verständigten. Wie groß der Hass zwischen den »verfeindeten Brüdern« war, belegt ein SPD-Wahlkampfplakat von 1932, das unter dem Titel Die Kommu-Nazi Hakenkreuz und Sowjetstern vereint und dazu die Parole ausgibt: »Wer kommunistisch wählt, wählt nationalsozialistisch.«
Das Verbot von SPD und KPD, die Zerschlagung der Gewerkschaften und ihre Eingliederung in die Deutsche Arbeitsfront markieren den dunkelsten Punkt in der Geschichte der Arbeiterbewegung. Dass es dem Regime trotz Gleichschaltung und Terror nicht gelang, den Widerstand gänzlich zum Verstummen zu bringen, belegen Tarnschriften, die, wie schon zu Zeiten des Sozialistengesetzes, vom Exil aus ins Nazireich geschmuggelt wurden.
Im Neuanfang nach 1945 setzte sich die Spaltung der Arbeiterbewegung auf erweiterter staatlicher Ebene fort. Die Ausstellung trägt dem Rechnung, indem sie die Entwicklung in der DDR und in der Bundesrepublik bis 1989 getrennt präsentiert: hier ein Staatssozialismus sowjetischer Prägung, in dem KPD und SPD zwangsvereinigt werden und die Gewerkschaften ihre unabhängige Rolle verlieren; dort eine soziale Marktwirtschaft, mit der SPD und Gewerkschaften ihren Frieden machen. Seit den achtziger Jahren allerdings sehen sich beide durch neue soziale Bewegungen herausgefordert.
Die letzte Station, bis 2013, steht ganz im Zeichen der neoliberalen Wirtschaftspolitik und der damit verbundenen Rückkehr der sozialen Frage. Böse Pointe: Es war just SPD-Kanzler Gerhard Schröder, der mit der Agenda 2010 und den Hartz-Gesetzen den Abbau sozialer Errungenschaften einleitete, welche die Arbeiterbewegung mühsam erkämpft hatte. »Leiharbeit heute und Hartz IV. Wer hat’s erfunden? Wir werden es nicht vergessen!« lesen wir auf einem IG-Metall-Transparent von 2011.
Wird sich die SPD je von ihrem Sündenfall erholen? Werden die Gewerkschaften zu ihrer alten Stärke zurückfinden, um dem entfesselten Kapitalismus Zügel anzulegen? Solche Fragen gehen einem durch den Kopf, wenn man am Ende einer langen Wegstrecke angekommen ist – und auf einen Roboter stößt, der mit einem Leuchtsignal seines Armes Buchstaben aufruft, die sich auf wundersame Weise zum Motto fügen: »Durch Nacht zum Licht!«

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