Im Roman "Das Verschwinden des Philip S." erzählt eine namenlose Ich-Erzählerin von ihrem Leben mit Philip S., den sie 1967 kennlernt und der 1975 von der Polizei erschossen wird. Die Erzählerin sichtet über 25 Jahre später die Dinge, Filme und Fotos, die von ihrem Freund blieben und erinnert sich an die gemeinsame Zeit. Die Vergangenheit wird Gegenwart, so notiert sie ihre Erinnerungen (im Präsens), damit sein Verschwinden kein vollständiges wird. Mit ihrem Bericht geht es ihr um etwas, was Philip in einem Gespräch über ihre Fotografien beschreibt: "Er spürt darin eine Anziehungskraft, entdeckt ein Dabeisein, jene festgehaltenen Momente, die ein Vorher und ein Nachher aufschließen und Geschichte sichtbar machen." (S. 45)
Im Roman "Agnes" von Peter Stamm sind die Rollen vertauscht, ein Er-Erzähler erinnert sich, als er Videoaufnahmen eines gemeinsamen Ausflugs anschaut, der verschwundenen Agnes. Während aber Agnes Spuren hinterlassen will, weil sie sich vor dem Verschwinden, das der Tod bedeutet, fürchtet, sorgt Philip dafür, dass er möglichst wenig hinterlässt.
Im Roman tauchen einige Personen und Ereignisse aus der realen Geschichte auf, Philip Werner Sauber war tatsächlich Filmstudent und wurde 1975 tatsächlich erschossen, insofern handelt es sich nicht nur um einen Roman sondern auch um einen Nachruf für Philip Sauber und um eine autobiografische Skizze der Autorin Ulrike Edschmid. Sie versucht zu ergründen, warum ihr Freund in den Untergrund ging. Die Phase, in der sie sich auseinanderleben, beschreibt sie so:
"Die Dinge
verändern sich schleichend. Jeder von uns hat die Wochen hinter Gittern anders
durchlebt. Philip S. hat sich dagegen aufgelehnt, eingesperrt zu sein. Ich habe
mich in mich selbst zurückgezogen. Er ist laut geworden. Ich wurde leise. Er
hat den Aufstand geprobt, hat die anderen Gefangenen aufgewiegelt, sich den
Anweisungen der Wärter zu widersetzen. Ich habe mit den Wärterinnen gesprochen.
Ihn haben die Wärter mit Judogriffen niedergerungen. Mich hat keine Wärterin
jemals berührt. Er zieht jetzt eine scharfe Linie zwischen sich und denjenigen,
die er als Feinde begreift. Ich kann nicht in Feindschaft leben, auch wenn ich
vieles als feindlich empfinde. Er hat geschworen, sich nie wieder einsperren zu
lassen. Ich habe geschworen, mich nie mehr für etwas einsperren zu lassen, für
das ich nicht geradestehen kann. Er glaubt, dass er dem Gefängnis nur entkommen
kann, wenn er ein anderer wird. Ich glaube, dass ich es nur aushalten kann,
wenn ich bei mir selber bleibe. Er ist rausgekommen, um wegzugehen. Ich bin in
mein Leben zurückgekehrt. Er hat mich im Gefängnis an seiner Seite gesehen.
Aber ich war nicht dort, ich war bei meinem Kind. An dieser Unvereinbarkeit
zerbricht das gemeinsame Leben. Es geschieht in kleinen Schritten, von uns
selbst unbemerkt."(S. 112)
Einige Regisseure werden erwähnt, z.B. Godard (S. 20), Alain Resnais (S. 32), Pasolini (S. 40), Fellini (S. 43), Hitchcock (S. 63) und Dziga Vertov (S.81). Philip wird angeboten, die Erinnerungen des russischen Revolutionärs Boris Savinkov fürs Fernsehen zu verfilmen. (S. 113)
Walter Benjamin
Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten.
Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht.
Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, Band I, Seite 1241.
Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht.
Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, Band I, Seite 1241.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen