Walter Benjamin

Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten.
Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht.

Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, Band I, Seite 1241.

30.10.12

Heine und Benjamin über den Frühsozialismus

Angesichts der Ähnlichkeiten in Biografie und Werk von Heinrich Heine (1797-1856) und Walter Benjamin (1892-1940) ist auffallend: erstens, dass Benjamin, dessen Hauptwerk ein Geschichtsbuch über das Paris des 19. Jahrhunderts werden sollte und der über Heines Zeitgenossen Baudelaire ein Buch schrieb und außerdem mit Heines Werk vertraut war, nahezu nichts über diesen schrieb. Und zweitens, dass in der Forschung über diese beiden Schriftsteller, vergleichende Arbeiten sehr rar sind. Mögliche Ursachen für diesen Mangel sollen hier allerdings kein Thema sein. Vielmehr soll versucht werden, den Umgang der Autoren mit einem Thema, das für beide zentrale Bedeutung hatte, vergleichend zu untersuchen: Ihre Rezeption und Kritik des Utopischen- und Frühsozialismus von Henri Claude Saint-Simon, Charles Fourier und anderen.[1]

1. Parallelen

Walter Benjamin, dessen Urgroßmutter eine Cousine Heinrich Heines war[2], ging im März 1933 ins Exil nach Paris wie es Heine, knapp 100 Jahre zuvor im Mai des Jahres 1831 getan hatte. Beide wurden als Kritiker und Juden von den ,deutschen Zuständen’ zu diesem Schritt gezwungen. Diese hatten beiden schon die universitäre Kariere verwehrt. Sie waren u.a. deswegen Außenseiter im deutschen Geistesleben ihrer Zeit.[3] Beide fungierten als Kultur-Vermittler: Benjamin machte in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts als erster das deutsche Publikum mit dem Surrealismus bekannt, indem er z.B. Texte von Louis Aragon übersetzte, bekannt sind auch seine Übertragungen Marcel Prousts und Charles Baudelaires. Heine schrieb zahlreiche Korrespondenz-Artikel für die Augsburger Allgemeine Zeitung, sie wurden in den Sammelbänden Französische Zustände und Lutetia erneut veröffentlicht. Für das französische Publikum plante er ein Buch über Deutschland; zwei der geplanten Teile wurden separat veröffentlicht: Die Romantische Schule und Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland.
In letztgenannter Schrift betont Heine seine Wertschätzung für G.E. Lessing, er selber stand in der Tradition der Aufklärung, so auch Benjamin, auch mit G.W.G. Hegel waren beide vertraut. Heine hatte ihn in Berlin noch kennen gelernt. Beide standen der Literatur näher als der ,Kritik der politischen Ökonomie’ und unterscheiden sich darin von Marx. Beide hinterließen Fragmente. Benjamin das Passagen-Werk, Heine sein ,Deutschland-Buch’ und den Romanzero.[4]
Joseph Kruse nennt diese und weitere Parallelen: Den Einfluss des französischen Exils auf das Verhältnis beider zur deutschen Sprache, ihre Reisefreudigkeit und ihre anhaltende internationale Wirkung.[5] In einem ausführlicheren Aufsatz geht Uwe Steiner der Frage nach, ob Benjamins Nicht-Rezeption dem einflussreichen Aufsatz Heine und die Folgen von Karl Kraus geschuldet sein könnte – und verneint diese These.[6] Benjamin habe sich nicht vom vermeintlichen Krausschen Verdikt abhalten lassen über Heine zuschreiben, sondern wohl eher „von der Aktualität des von Kraus als Folge Heines Negierten“.[7] Kraus hatte Heine die Erfindung des Feuilletons vorgeworfen, in diesem verwische die Grenze zwischen Journalismus und Dichtung, zwischen Information und Poesie auf unzulässige Weise. „Die wahre Richtung des Angriffs“[8] galt allerdings nicht Heine, sondern „den Folgen“, also dem ,geistigen Betrieb’ zu Kraus’ Zeiten. Benjamin nun sah die Sache dialektisch, er teilte die Kritik am Verlust der Tiefe im Schrifttum, kontrastierte diesen aber mit einem Gewinn an Breite und attestierte zudem Baudelaire und Heine ein Bewusstsein für die veränderten Rezeptionsbedingungen für Dichtung in der Moderne.[9] Kraus hingegen prognostiziert er die Aussichtslosigkeit seiner Bemühungen.[10] Aus dieser Distanz zu Kraus schließt Steiner diesen als Grund der Nicht-Rezeption aus.
Ähnlich sieht es Albrecht Betz, er schreibt zwar der jugendliche Benjamin „accepted Kraus´s deadly condemnation without questioning“[11], bleibt für diese These allerdings einen Beleg schuldig. Er stellt die Überlegung an, dass Benjamin wohl Baudelaire für den avancierteren Poeten hielt[12], Heine dagegen als außenstehenden zeitgeschichtlichen Beobachter schätzte. Betz nennt dafür folgende Stelle aus einem Brief Benjamins an Werner Kraft (dieser hatte ihm sein Buch über Heine Gedicht und Gedanke (1936) zugesandt): „Zufällig bin ich jetzt auf meine Weise dabei, in Heine zu geraten. Ich lese die Prosa, soweit sie sich mit französischen Zuständen beschäftigt. Sehr dankbar wäre ich Ihnen, wenn Sie mir angeben wollten, wo die Beschäftigung mit diesen Zuständen etwa in seiner Poesie einen Niederschlag gefunden hat.“[13] Zum Grund der Nicht-Rezeption äußert Betz außerdem diese plausible Vermutung: „It is conceivable that his (Benjamins) unconscious identification with the circumstances of Heine´s life in Paris, which was militantly opposed by an exceptionally strong inclination towards non-identification, led to the assumed suppression.“[14] Demnach waren Benjamin Heines Lebensumstände und seine Themen zu nah, als dass er sich ihnen zu widmen wagte.[15]
Was waren nun die Themen für die sich beide interessierten? Uwe Steiner beschreibt wie sich Heine und Benjamins Konzepte der Geschichtsschreibung und ihre Geschichtsphilosophie u.a. in der Kritik des Historismus träfen. In Verschiedenartige Geschichtsauffassungen, einem Text von 1833, fordere Heine z.B. dazu auf, zu erforschen, was der gestrige Tag „gewollt“ habe und nicht, wie er „eigentlich gewesen“ sei.[16] Heine verlange dieses Wollen als Appell der Vergangenheit an die Gegenwart zu entziffern. Das selbe meine Benjamin, wenn er in den Thesen über den Begriff der Geschichte von der „schwache[n] messianischen Kraft“ einer jeden Gegenwart spreche, „an welche die Vergangenheit Anspruch hat“.[17] Beiden gehe es darum uneingelöste Versprechen der Vergangenheit zu aktualisieren, Geschichte nicht als Kontinuum zu begreifen und um Erkenntnisse über die, und zugunsten der, Gegenwart. Leider geht Steiner nicht darauf ein, dass sich Benjamin und Heine, auch im Vorbehalt gegen den Fortschrittsoptimismus der Aufklärung einig sind. Ein Beispiel für Heines Pessimismus wäre z.B. die letzte Strophe des Wintermärchens; nach 1848 verstärkt sich diese Haltung und ist z.B. im Lazarus nicht zu übersehen.[18] Steiner endet seinen hier behandelten Abschnitt mit der These, Benjamins Satz „Die Politik erhält den Primat über die Geschichte“ sei die Formel der geschichtsphilosophischen Wahlverwandtschaft zwischen Benjamin und Heine. Worin aber die gemeinsamen Inhalte dieser „Politik“ liegen, bleibt unbestimmt. An sie soll diese Arbeit sich annähern.
Steiners Aufmerksamkeit gilt neben der Geschichtsphilosophie der Ästhetik. Wenn Benjamin in seinem Exposé zum Passagen-Werk bemerkt, die Panoramen und Dioramen Daguerres kündigten eine „Umwälzung im Verhältnis der Kunst zur Technik“[19] an, dann wären zur Erforschung dieser Umwälzung Heines Aufsätze über französische Maler genau die richtige Quelle gewesen. In ihnen notiert er 1830 die veränderten Bedingungen der gegenwärtigen Kunst: Statt sich in die Kunstwelt zu versenken, betrachtet das Publikum, es wird als massenhaftes beschrieben, die Werke nur mehr mit „flüchtigen Augen“. Es hatte schon andere Objekte der Bewunderung gefunden: seit 1824 betrieb Daguerre in Paris ein Diorama. Die Konkurrenz zu den Gemälden Delacroix’ rückt Heine in den Mittelpunkt seiner Berichterstattung für die deutschen Leser. Gut 20 Jahre später formuliert er in der Zueignung seines Buchs Lutetia es solle ein „daguerrotypisches Geschichtsbuch“ sein. Der „Anspruch authentischer Wiedergabe wird zeitgemäß am Medium der Photographie und nicht an der diesbezüglich hoffnungslos unterlegenen Malerei bemessen.“[20] Ungefähr 80 Jahre später reflektiert Benjamin das Verhältnis von Kunst und Technik. Im Aufsatz über das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit erweist sich der Film „als der derzeitig wichtigste Gegenstand jener Lehre von der Wahrnehmung, die bei den Griechen Ästhetik hieß.“[21]
Auch Albrecht Betz bescheinigt, in seinem interessanten Essay Commodity an Modernity in Heine and Benjamin, Heine seismographisches Gespür für die gesellschaftlichen Entwicklungen seiner Zeit. Am Beispiel der englischen Fragmente zeigt er, wie Heine “experienced as the opaque reality of the present that which Benjamin was trying to decipher a mere century later“: Den Übergang zur modernen Warengesellschaft. Diesen Übergang konnte Heine im Kontrast zur alten Gesellschaft erfahren und ihn deswegen genauer beschreiben als die Nachfolgenden. Er prägte Begriffe denen eine steile Kariere bevorstand: Moderne, Flaneur, Supernaturalismus. Sie wurden auch in Benjamins Archäologie der Moderne, in seiner materialistischen Geschichtsschreibung über Paris, zentrale Motive.
So viel zu den vorliegenden Aufsätzen, die natürlich nicht alle Ähnlichkeiten im Denken und Werk der beiden Schriftsteller ausloten konnten. Interessant wäre es z.B., zu vergleichen welche Rolle im Werk jeweils Theologie spielt. Hier nun soll es um eine andere Sache gehen. Um die Frage ob die jeweilige Rezeption und Kritik des v.a. französischen Frühsozialismus Benjamin und Heine zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen ließ. Möglicherweise lässt sich auf diesem Wege genauer bestimmen um was es in ,der Politik’, von der Steiner nur im Allgemeinen spricht, eigentlich ging.

2. Saint-Simon und Saintsimonismus

Da sich die vorliegende Untersuchung mit den Einflüssen beschäftigt, die von Saint-Simon und Fourier auf Heine und Benjamin ausgegangen sind, sich also der Rezeptionsgeschichte widmet, erhebt folgende kurze Zusammenfassung der wichtigsten Grundmotive dieses Autors, und die, die dem Kapitel über Fourier vorangestellt ist, keinen Anspruch auf Vollständigkeit. [22]
Henri-Claude Saint-Simons (1760-1825) theoretische Arbeiten sind vor dem Hintergrund der Entstehung der frühindustriellen Gesellschaft und der diesen Prozess begleitenden Deutungsversuche zu sehen. Als Produkt dieser Zeit sind sie der Versuch, die sich entfaltende bürgerliche Gesellschaftsordnung zu beschreiben. Das Resultat dieser Anstrengungen ist eine Theorie der „société industrielle“ und ein optimistischer Ausblick auf ihre Entwicklungsmöglichkeiten, in dem die utopische Antizipation oft die präzise Analyse überlagert. Dennoch, oder besser, gerade deswegen bietet sie einen guten Eindruck der gesellschaftlichen Situation, in der sie entstanden ist. „Sie vermittelt einen Einblick in jenen kurzen historischen Moment, in dem sich die Möglichkeit einer bisher ungekannten Entfaltung materieller Ressourcen bietet, in dem die Gesellschaft vernünftiger Planung und Gestaltung zugänglich erscheint und der Fortschritt der Vernunft und der wissenschaftlichen Erkenntnis verspricht, die hierzu notwendigen Mittel bereitzustellen: les moens existent, il ne faut que l´emplyoer.“[23] Seine Zeit versteht Saint-Simon als „époque de crise et de transition“[24], als eine Phase des Übergangs vom zerschlagenen „système féodal et théologique“ zur Gesellschaft der Zukunft, dem „système industriel et scientifique“. Dieser Begriff der zukünftigen Gesellschaft als `industriellem und wissenschaftlichen System´ zeigt auch schon die beiden Interessenschwerpunkte Saint-Simons an: Bis etwa 1813 galt sein Bemühen einer methodischen und inhaltlichen Reorganisation der Wissenschaften, ab 1813 bis 1825 verschiebt sich sein Erkenntnisinteresse in Richtung der „industrie“, als der Gesamtheit der produktiven Potenzen der Gesellschaft. Von ihrer Entwicklung und der Steigerung ihrer Bedeutung erwartet er jetzt die Überwindung der postrevolutionären Widersprüche und Krisen.
a) Saint-Simons Vorschläge zur Reorganisation des „système des idées“ zielen darauf, den Gesetzen der Gesellschaft auf die Spur zu kommen, er gab damit Anstoß zur Entwicklung der Soziologie als wissenschaftlicher Disziplin, sie wurde von seinem Schüler Auguste Comte begründet. In Fortsetzung der Arbeiten der Wissenschaftsrevolutionäre der Neuzeit wie Newton, Descartes und der Enzyklopädisten, möchte er einen Neuaufbau des gesamten „système général de nos connaissances“. Ein einheitliches, von aller Metaphysik freies, nur auf Fakten, Beobachtungen und Experiment basierendes Welterklärungssystem, in dem alle natürlichen und sozialen Phänomene aus einem einzigen Prinzip ableitbar sind. Dieses Prinzip, die Weltformel, meint er in der Schwerkraft erkannt zu haben. Mit dieser Entdeckung sei auch die bisherige Annahme, Gott sei `der letzte Grund´, überholt und mit ihr die bisherige Theologie und Kirche. Es müsse nun die „organisation d´une nouvelle religion“ auf die Tagesordnung, eine neue, säkulare, Vernunft-Religion müsse entwickelt werden, ihr Personal solle sich aus Wissenschaftlern rekrutieren: „le clergé doit être le corps scientifique“.[25]
b) Nach 1813 begreift es Saint-Simon als Aufgabe des Philosophen, das beste System sozialer Organisation zu entwerfen und sich für dessen Verwirklichung einzusetzen. Als Triebkraft einer neuen Gesellschaft sieht er die „classe industrielle“. Zu ihr rechnet er alle „producteurs“, deren Interessen verteidigt er in seiner sog. Parabel gegen die „unproduktiven“ Schichten Adel und Klerus. Habe sich die „industrie“ erst durchgesetzt stehe der Gesellschaft eine goldene Zukunft bevor: Sie werde zu einer „grande société d´industrie“ oder auch einer „société des traveilleurs“, die auf arbeitsamem, friedlichem Wettbewerb der Produzenten beruhe und durch einen „état actif“ charakterisiert sei, einem Zustand ruhelosen Planens, Organisierens und Produzierens. Allerdings impliziert das Bild dieser Gesellschaft als einer solidarischen „association de travailleurs“ eine Hierarchie der Fähigkeiten und Kompetenzen: An der Spitze sollten die führenden Köpfe aus Wissenschaft, „industrie“ und Künsten stehen. Diese sollten zwar der „classe industrielle“ zugehörig sein, aber doch eine elitäre Rolle als „chefs naturels et permaments“ spielen. Ihre Funktion solle die optimale Planung und Organisation der Produktion sein, ihr Regieren nicht willkürlich sondern „par des principes“ durchgeführt werden. Da Saint-Simon die sinnstiftende und integrierende Funktion der Religion als gesellschaftlich notwendig erkannt hatte, die überlieferte allerdings für wissenschaftlich nicht mehr haltbar hält, postuliert er in seiner letzten Schrift Le Nouveau Christianisme, eine neue, säkulare Wertestruktur eine „morale terrestre“, die ohne Transzendenz auskommen müsse, zu nützlichem, produktivem Verhalten verpflichte und auf die diesseitige Realisierung des Glücks der „majorité de la société“ ausgerichtet sei.
c) Mit dem Tode Saint-Simons begann die Wirkungsgeschichte seiner Schule, diese entwickelte in kurzer Zeit zwei voneinander abweichende Positionen, die von Saint-Amand Bazard (1791-1832) auf der einen und Barthélemy Prosper Enfantin (1796-1864) auf der anderen Seite vertreten wurden. Die Bewegung spaltete sich im Jahre 1831. Gleichwohl gibt es eine Art Programmschrift der saint-simonistischen Lehre, die Exposition de la Doctrine de Saint-Simon[26]. Diese Schrift wurde in Deutschland am meisten rezipiert und als repräsentativ angesehen. Seine Schüler entwickelten die Lehre Saint-Simons weiter. Auch sie nahmen ihre Gegenwart als krisenhaft und chaotisch wahr, beschrieben aber die Gründe für die Krise genauer. Sie lägen im gesellschaftlichen Widerspruch zwischen „bourgeois“ und „prolétaire“, sowie in der Konkurrenz der Bürger untereinander und dem unbeschränkten Privateigentum. Das geltende Eigentums- und Erbrecht wollten sie ändern, denn: „nach dieser Verfassung, werden Menschen mit dem Vorrecht geboren, ohne etwas zu arbeiten, d.h. auf Kosten der anderen zu leben, und das ist nichts anderes als das Fortdauern der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen.“ Einzig legitimer Rechtstitel für Eigentum könne Arbeit und Verdienst sein. So heißt es in einer berühmten Formel: „Chacun selon sa capacité, chaque capacité selon ses oeuvres!“[27]
Wenn Saint-Simon eine säkulare Religion entwickeln wollte, so vollziehen seine Nachfolger nun eine Wendung zurück zu Gott, eine Wendung weg von der kritischen Vernunft hin zu Gefühl und Glauben. Allerdings kritisieren sie das Christentum weiterhin, nun vor allem wegen der Vernachlässigung der Materie zugunsten des Geistes. Die neue Religion müsse diese Überwinden, und also eine Rehabilitierung der Materie einleiten um eine religiöse Zukunft der Menschheit hier auf Erden zu verwirklichen.

3. Heine und der Saint-Simonismus

In folgendem Abschnitt geht es nicht um Heines Wahrnehmung sozialer Missstände. Solche schilderte Heine von den zwanziger bis in die fünfziger Jahre und kritisierte damit Armut in England (Englische Fragmente), die Behandlung der Schwarzen in den USA ( Ludwig Börne, Das Sklavenschiff), sowie das Elend in Deutschland (am Beispiel von Auswanderern in der Vorrede zum ersten Band des Salon und in Die schlesischen Weber) und in Paris.[28] Auch geht es weder um Heines Kritik an der deutschen, politischen Misere, an Nationalismus und Antisemitismus[29] noch um sein Verhältnis zu Karl Marx und dem Kommunismus seit Marx, also seit ungefähr 1842. Dieses wurde in den 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts viel diskutiert.[30] Ein guter Aufsatz zu diesem Thema ist der von Kreuzer.[31] Er beschreibt vor dem Hintergrund der Geschichte der sozialen Bewegung in Frankreich[32] Heines Kritik an den Republikanern in den dreißiger Jahren, an den Anhängern Babeufs ab 1840, nennt dann als Zeitpunkt der größten Übereinstimmung mit Marx das Jahr 1844, in dem beide befreundet waren, um dann die späte Kritik an der kommunistischen Bewegung[33] in diese Entwicklung einzuordnen: Heine habe sie als beständiger Kritiker der rousseauistischen-robespierreschen Traditionslinie der Verächtlichmachung von Kunst und Luxus angreifen müssen, weil sie, auch nachdem Marx sie mit Hegel verbannt hatte, in der Linken lebendig geblieben war.[34] Kreuzer betont zwar, dass Heines Auseinandersetzung mit dem Frühsozialismus auch seine Stellung zur fortgeschrittenen kommunistischen Bewegung prägte.[35] Allerdings versäumt er es, neben dem Verhältnis Heines zu den Anhängern Babeufs auch das zum Saintsimonismus zu bestimmen. Und erwähnt also auch die Spuren nicht, die dieser in Heines Lyrik hinterließ. Folgende Abschnitte sollen also zunächst die Wirkung Saint-Simons, das 6. Kapitel dann die Babeufs, in Heines Prosa und Lyrik aufspüren, dabei der Chronolgie folgend vorgehen und, trotz der Nachwirkung darüber hinaus, mit dem Jahre 1844 enden.
Heinrich Heine scheint zwischen der Juli-Revolution von 1830 und seiner Reise nach Paris (Mai 1831) erstmals auf Saint-Simonsche Ideen gestoßen zu sein. In einem Brief vom 10. Februar 1831 berichtet er über seine Lektüre des Première Année der Doctrine de Saint-Simon und bezeichnet diese im „tiefste[n] Ernst“ als sein „neue[s] Evangelium“.[36] Die Faszination hält an: am 1. April ’31 schreibt er schlecht gelaunt aus München: „Ich (...) träume jede Nacht, ich packe meinen Koffer und reise nach Paris, um frische Luft zu schöpfen, ganz den heiligen Gefühlen meiner neuen Religion mich hinzugeben, und vielleicht als Priester derselben die letzten Weihen zu empfangen.“[37] Die Lektüre der Doctrine dürfte also eine Rolle gespielt haben bei der Entscheidung nach Paris zu gehen. Dort angekommen macht er persönlich Bekanntschaft mit ausgewiesenen Saint-Simonisten, z.B. mit Michel Chevalier und Prosper Enfantin und wird in deren Umfeld freundlich aufgenommen.[38]
In Französische Maler, seinem Bericht über eine Gemälde-Ausstellung im Louvre, verfasst im Sommer ’31, widmet er einen Teil dem Monumentalgemälde La Liberté von Delacroix. Die entblößte Allegorie der Freiheit deutet Heine nicht nur als Bild für den heroischen Freiheitskampf der Julitage, sondern auch für den Sieg von Diesseitigkeit und Sinnlichkeit. Dem Leser bringt Heine seine Vorstellung von befreiter Sinnlichkeit durch erotische Anspielungen nahe. Die „Freiheitsgöttin“ vergleicht er mit griechischen Hetären, die ihn, den Berichterstatter, an „jene peripatetischen Philosophinnen, an jene Schnellläuferinnen der Liebe oder Schnellliebende“ erinnerten, denen er abends auf den Pariser Straßen begegne.[39] Die saint-simonistische Zeitschrift Globe, die sich schon mehrmals mit Heine beschäftigt hatte, feiert Heine daraufhin in einer redaktionellen Einführung in die französische Übersetzung (gedruckt am 2.1.1832) als sozialen Dichter-Denker einer neuen Epoche.[40] Mit Verweis auf diesen Artikel im Globe schreibt Iggers, dass Heine, weil er Kunst als Ausdruck des Wandels von Geschichte und Gesellschaft sah, „followed closely Saint-Simonian methods of criticism.“[41] Zwar schreibt Heine, gegen die „missverstandene Romantik“[42], dass „die jetzige Kunst zu Grunde gehen muss, weil ihr Prinzip noch im abgelebten, alten Regime, in der alten römischen Reichsvergangenheit wurzelt,“ oder dass die Werke der griechischen und florentinischen Künstler nur das „träumende Spiegelbild ihrer Zeit“ waren[43], inwieweit aber diese „materialistische“ Kunsttheorie[44] mit den Kunstauffassungen der Saint-Simonisten korrespondierte belegt Iggers nicht. Mangels des genannten Globe Artikels kann die These hier nicht überprüft werden. Auch die Frage ob Heines Kunstauffassung schon von der der Saint-Simonisten beeinflusst war muss offen bleiben. Jedenfalls dürfte der langsame Wandel in Heines politischer Einstellung nicht nur seiner Bekanntschaft mit diesen geschuldet sein. Vielmehr sah er die französischen Verhältnisse nach seiner Ankunft in Paris mit anderen Augen. Der Enthusiasmus, mit dem er auf Norderney die Julirevolution begrüßt hatte, wich der Einsicht, dass von dieser vor allem eine neue privilegierte Klasse, die Bourgeoisie profitierte,[45] große Teiler der Bevölkerung aber weiterhin in Armut leben mussten. Deswegen erinnert er an die Zeit unter Napoleon. Und verbindet diesen mit denjenigen Zeitgenossen die weiterhin an der Abschaffung der Armut festhalten, den Saint-Simonisten:
In gewisser Hinsicht war Napoleon ein saintsimonistischer Kaiser; wie er selbst vermöge seiner geistigen Superiorität zur Obergewalt befugt war, so beförderte er nur die Herrschaft der Kapazitäten, und erzielte die physische und moralische Wohlfahrt der zahlreichern und ärmern Klassen. Er herrschte weniger zum besten des dritten Standes, des Mittelstandes, des Justemilieu, als vielmehr zum besten der Männer, deren Vermögen nur in Herz und Hand besteht; und gar seine Armee war eine Hierarchie, deren Ehrenstufen nur durch Eigenwert und Fähigkeit erstiegen wurden. Der geringste Bauernsohn konnte dort, ebenso wie der Junker aus dem ältesten Hause, die höchsten Würden erlangen und Gold und Sterne erwerben. Darum hängt des Kaisers Bild in der Hütte jedes Landmannes, an der selben Wand, wo das Bild des eigenen Sohnes hängen würde, wenn dieser nicht auf irgend einem Schlachtfelde gefallen wäre.[46]
Auch wenn im letzten Satz Distanz zur Sache der Saint Simonisten mitzuschwingen scheint, benennt Heine doch zustimmend ihr wichtigstes Anliegen, die Wohlfahrt der ärmeren Klassen. Die Formel von den „zahlreichern und ärmern Klassen“ hat Heine aus dem Globe übernommen. Dieser war am 19.1.1831 mit folgender Losung auf dem Titelblatt erschienen: „Alle gesellschaftlichen Einrichtungen müssen die moralische, intellektuelle und physische Verbesserung der zahlreichsten und ärmsten Klasse zum Zwecke haben. Alle Vorrechte der Geburt, ohne Ausnahme, sind aufgehoben. Jedem nach seinen  Fähigkeiten, jeder Fähigkeit nach ihren Werken.“ [47] 1833 schreibt Heine an Heinrich Laube, dass die entscheidende politische Frage nicht die Regierungsform sei, sondern das materielle Wohlergehen des Volks.[48] Es scheint sich also in dieser Zeit sein Interessenschwerpunkt von der Politik zur Sozialen Frage verschoben zu haben.[49]
Dieses Interesse an den wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen war auch sechs Jahre später noch wach: In seinem Parisbuch Lutetia, das Hauptwerk des politischen Publizisten Heine und sein umfangreichstes Buch überhaupt, bietet eine Fülle von Aufsätzen dar, die zwischen 1843 und 1854 teilweise wieder als Korrespondenzberichte für die Augsburger Allgemeine entstanden. Mit wachsender zeitlicher Distanz zur Julirevolution, die ihn einst nach Paris gelockt hatte, und mit schwindendem Abstand zur 48er Revolution, entwerfen die Berichte ein nahezu vollständiges Bild der Julimonarchie im Scheitelpunkt ihrer Existenz. Den Grund für die sich ankündigenden sozialen Konflikte benennt Heine deutlich: Die eigentlichen Sieger der Julirevolution seien nicht die Handwerker und Arbeiter, die sie durchgefochten hatten, sondern das Großbürgertum. 1839 schrieb er:
Nicht für sich, seit undenklicher Zeit, nicht für sich hat das Volk geblutet und gelitten, sondern für andre. Im Juli 1830 erfocht es den Sieg für jene Bourgeoisie, die eben so wenig taugt wie jene Noblesse, an deren Stelle sie trat, mit demselben Egoismus. Das Volk hat nichts gewonnen durch seinen Sieg, als Reue und größere Not. Aber seid überzeugt, wenn wieder die Sturmglocke geläutet wird und das Volk zur Flinte greift, diesmal kämpft es für sich selber und verlangt den wohlverdienten Lohn.[50]
An der Macht war also das Großbürgertum, die ,aristocratie financiér’ (Marx) oder ,neue Aristokratie’ (Börne, 1830) über die Heine, ebenfalls im Herbst 1830, an Karl August Varnhagen schrieb, dass er diese ,aristocratie bourgeoise’ noch mehr hasse als Adel und Kirche. Und zwischen dieser ,Aristokratie des Besitzes’ auf der einen und den Besitzlosen auf der anderen Seite, sieht Heine in seinem Buch Lutetia den neuen entscheidenden Gegensatz. In Deutschland ist zum gleichen Zeitpunkt immer noch der Gegensatz zwischen Fürsten und Volk bestimmend. Die fortgeschrittenere Konstellation in Frankreich wird von Heine in Lutetia beschrieben und begrüßt, treibt doch die Bewegung der modernen kapitalistischen Gesellschaft auf eine neue Revolution zu, die von 1848.
Trotz der Kritik an den ungleichen sozialen Verhältnissen blieb Heine aber der liberalen und republikanischen Sache treu. Im Vorwort zu den Französischen Zuständen, einer Sammlung von Artikeln die Heine vom 28.12.1831 bis zum 20.8.1832 für die Augsburger Allgemeine Zeitung schrieb, heißt es:
Wenn wir es dahin bringen, dass die große Menge die Gegenwart versteht, so lassen die Völker sich nicht mehr von den Lohnschreibern der Aristokratie zu Haß und Krieg verhetzen, das große Völkerbündnis, die Heilige Allianz der Nationen, kommt zu Stande, wir brauchen aus wechselseitigem Misstrauen keine stehenden Heere von vielhunderttausend Mördern mehr zu füttern, wir benutzen zum Pflug ihre Schwerter und Rosse, und wir erlangen Friede und Wohlstand und Freiheit.[51]
Ein Programm das noch eher an Immanuel Kants Entwurf Zum ewigen Frieden erinnert als an die Schriften Saint-Simons. Doch einen Widerspruch sah Heine zwischen beiden nicht. Wenn er Louis Phillippe am Ideal einer liberalen, konstitutionellen Monarchie misst, und ihm vorwirft er habe vergessen, dass seine Regierung durch Volkssouveränität entstanden sei[52], dann steht wiederum die politische Kritik im Vordergrund. Die an den soziale Verhältnissen ist in den Französischen Zuständen kein großes Thema, findet aber schon Erwähnung.[53]
Im Jahr 1833 verfasste Heine ein Gedicht ohne Titel, das in manchen Anthologien Saint-Simonistisches Gedicht überschrieben ist. 

Auf diesem Felsen bauen wir
Die Kirche von dem dritten,
Dem dritten neuen Testament;
Das Leid ist ausgelitten.

Vernichtet ist das Zweierlei,
Das uns so lang betöret;
Die dumme Leiberquälerei
Hat endlich aufgehöret.

Hörst du den Gott im finstern Meer?
Mit tausend Stimmen spricht er.
Und siehst du über unserm Haupt
Die tausend Gotteslichter?

Der heil’ge Gott, der ist im Licht
Wie in den Finsternissen;
Und Gott ist alles, was da ist;
Er ist in unsern Küssen.[54]

Was ist das Programm, das hier entworfen und zugleich sprachlich realisiert wird? In der Form dieses vierstrophigen Gedichts formuliert Heine die Vision eines „dritten Testaments“, d.h. eines neuen Zeitalters, das die körper- und sinnenfeindliche Tendenz der überkommenen christlichen Kirchenlehre ablösen soll und eine neue Gottesvorstellung, die den Widerspruch von Geist und Materie aufhebt, an die Stelle der alten setzt. Es ist zugleich erotisches Gedicht und politische Verkündigung.
Das Gedicht beginnt mit einem verfremdeten Bibelzitat[55]. Der Felsen ist nun aber nicht mehr Petrus und wird losgelöst von der Passions- und Leidensgeschichte Jesu, deren erste Ankündigung bei Matthäus den Worten Jesu an Petrus nach wenigen Zeilen folgt. Der Fels, der „Schlüssel zum Himmelreich“ (Mt 16,19), ist nun, wie sich im Verlaufe des Gedichts zeigt, ein Fels der Küsse. Für Heine sind Opfer (und als Opfer, wenn auch als letztes, alle anderen überflüssig machendes, brachte sich Jesus dar) nicht mehr notwendige Bedingung für Erlösung. Damit ist er nahe am säkularen Messianismus Walter Benjamins und löst in seinem Gedicht ein, was Benjamin in der ersten seiner Thesen Über den Begriff der Geschichte zum Verhältnis von Materialismus und Theologie fordert:
Gewinnen soll immer die Puppe, die man „historischen Materialismus“ nennt. Sie kann es ohne weiteres mit jedem aufnehmen, wenn sie die Theologie in ihren Dienst nimmt, die heute bekanntlich klein und hässlich ist und sich ohnehin nicht darf blicken lassen.[56]
Heine bewahrt, wenn er vom „dritten neuen Testament“ spricht, das Heilsversprechen des alten und neuen Testament, möchte deren Theologie also nicht „ausmerzen“ wie Paul Peters schreibt, sondern aufheben![57] „Das Leid ist ausgelitten“, in diesem „prophetischen Perfekt“ (Dolf Sternberger) fordert er aber nicht nur das Ende des „materiellen Elends“[58] sondern sogleich in der zweiten Strophe, über die Beschränkungen des Christentums hinauszugehen und dessen körperfeindliche Tradition zu überwinden, die z.B. im Paulus-Brief an die Römer zum Ausdruck kommt.[59] Dubios und nicht nachzuvollziehen ist die Leugnung dieser Tradition durch den Dichter Paul Zech (1881-1946). Er unterstellt Heine einen „schier unbegreiflich(en) Irrtum“ bei der Einschätzung „des Saint-Simonisten Enfantin.“[60]
Könnte man Heines Heilsbotschaft universellen irdischen Glücks noch als inspiriert von der Aufklärung und Lessings Schrift Erziehung des Menschengeschlechts deuten, so ist in dritter und vierter Strophe der Einfluss der Saint-Simonisten deutlich zu spüren. Gott in Licht und Finsternis anzusiedeln entspricht ganz deren Pantheismus. „Dieu est tout ce qui est“ heißt es in der Saintsimonistischen Schrift die Heine hier zitiert.[61] Heine zitiert den Lehrsatz des Enfantin häufig, erstmals in Französische Maler und in zeitlicher Nähe zum hier behandelten Gedicht lobt er den Maler Jan Steen, der begriffen habe, „daß auf der Erde ewig Kirmes sein sollte; er begriff, daß unser Leben nur ein farbiger Kuß Gottes sey, und er wusste, daß der heilige Geist sich am herrlichsten offenbart im Licht und Lachen.“[62]
Zugespitzt wird die Auffassung von der Allgegenwart Gottes und der Legitimität des körperlichen Begehrens im Reimpaar der letzten Strophe: „Finsternisse“ und „Küsse“ gehören zusammen und sind als Materie nicht mehr verworfen sondern mit dem Geist, dem „Licht“ versöhnt. So wie am Anbeginn, im paradiesischen Urzustand, als Licht und Finsternis in ihrer Scheidung „gut“ (Gen 1,31) waren, könnte es wieder werden, meint Heine.
Dass der Erfüllung dieser Möglichkeit, der Einlösung des Glücksversprechens, einiges entgegensteht ist ihm bewusst. Davon zeugt der Zyklus Seraphine, in den unser saintsimonistisches Gedicht eingebettet ist, denn trotz der Absage an alte Topoi wie Idealität, Beständigkeit, Einmaligkeit, Unverbrüchlichkeit und Treue zugunsten einer neuen Sprache der Liebe, bei der Autonomie, Begehren, Abenteuer, Urbanität und Neugier im Mittelpunkt stehen, sind die Gedichte nicht unbeschwert oder optimistisch. Vielmehr überwiegen Ernüchterung, Enttäuschung und die Trauer über das Flüchtige und Vorübergehende der Liebe. So lässt sich zurecht ein Kommentar Walter Benjamins über einige Motive bei Charles Baudelaire auf diesen Zyklus beziehen: „So blickt der Gegenstand einer Liebe, wie nur der Großstädter sie erfährt [...] und von der man nicht selten wird sagen dürfen, die Erfüllung sei ihr weniger versagt als erspart geblieben.“[63]
Von der Lyrik nun zurück zur Prosa.[64] In Die romantische Schule, geschrieben 1833 und in Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland von 1835, ein Aufsatz den Heine auf Anregung von Prosper Enfantin schrieb und den er diesem auch widmete[65], werden die Einflüsse der Saint-Simonisten ähnlich deutlich wie im besprochenen Gedicht, und deutlicher als in den Französischen Zuständen. Es findet sich wieder der sensualistisch-hedonistische Grundzug, der nun aber stärker politisch akzentuiert wird, z.B. in folgendem Zitat:
Die politische Revoluzion, die sich auf die Prinzipien des französischen Materialismus stützt, wird in den Pantheisten keine Gegner finden, sondern Gehülfe (...).Wir befördern das Wohlseyn der Materie, das materielle Glück der Völker, nicht weil wir gleich den Materialisten den Geist mißachten, sondern weil wir wissen, daß die Göttlichkeit des Menschen sich sich auch in seiner leiblichen Erscheinung kund giebt, und das Elend den Leib, das Bild Gottes, zerstört oder avilirt (...). Wir kämpfen nicht für die Menschenrechte des Volks, sondern für die Gottesrechte des Menschen. (...) Die Saint-Simonisten haben etwas von der Art begriffen und gewollt.[66]
Interessant ist die Formel von den „Gottesrechten des Menschen“, die Heine von den Rechten des Volks abgrenzt. Es geht ihm also weniger um das Kollektiv, erst recht nicht um das der Nation, sondern um das Glück aller Einzelnen, um das Glück der Gattung und des Individuums. Dieser universalistische Gedanke ist es was ihn an den Saint-Simonisten interessiert und der später seine Kritik an den Sozialisten begründet, als er befürchtet das Individuum stehe nicht mehr im Mittelpunkt der emanzipatorischen Bemühungen.[67] Distanziert ist das Interesse schon 1835: „Schlecht unterrichtete oder mir übelwollende Landsleute haben seit längerer Zeit die Nachricht verbreitet, ich sei zu den Saint-Simonisten übergelaufen“ schreibt er an einen Freund.[68] Ähnlich der obigen ist folgende Stelle, in der Heine die Sprache auch auf die Mittel bringt, mit denen das universale Glück erreicht werden könnte. Er bleibt in dieser Hinsicht vage und macht sich die Forderung einer „association universelle“ nicht zu eigen:
Denn ich glaube an den Fortschritt, ich glaube die Menschheit ist zur Glückseligkeit bestimmt, und ich hege also eine größere Meinung von der Gottheit als jene frommen Leute, die da wähnen, er hab den Menschen nur zum Leiden erschaffen. Schon hier auf Erden möchte ich, durch die Segnungen freyer politischer und industrieller Instituzionen, jene Seeligkeit etabliren, die, nach der Meinung der Frommen, erst am Jüngste Tage, im Himmel, statt finden soll.[69]
Wie die freien politischen und industriellen Institutionen aussehen könnten wird nicht präzisiert. Das unterscheidet Heine von den präzisen, Detailversessenen Entwürfen Fouriers, die Walter Benjamin faszinierte. Heine bleibt im Allgemeinen, immer wieder bringt er z.B. die Formel von der Abschaffung der „exploitation de l´homme par l´homme“.[70] Die einfache aber der unmittelbaren Evidenz der Vernunft geschuldete Forderung nach der Abschaffung der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, die Forderung die Menschen schon „auf Erden zu beseligen“ und die „größere und ärmere Klasse nicht länger an den Himmel zu verweisen“ ähnelt in ihrem Minimalismus der Kommunismus Definition der kritischen Theorie Adornos.

4. Babeuf und Nachfolger

François Noël (genannt Gracchus) Babeuf (1760-1797), Zeitgenosse von Danton, Robespierre und St. Just, war in seiner Theorie bereits 1787 über die Grenzen der bürgerlichen Revolution hinausgelangt. Schon vor 1789 hatte er angesichts des Hungeralltags der Masse der kleinen Produzenten nach Lösungen gesucht, die nicht nur die politischen Strukturen, sondern drüber hinaus das soziale Gefüge der Gesellschaft verändern würden. Als Naturrecht aller Menschen
verfocht er einen für alle geltenden gleichen Anteil an den Lasten und gleichen Anspruch auf die Genüsse des Lebens. In seiner Zeitschrift „La Tribune du peuple“ bekämpfte er den Abbau der Demokratie durch den nachthermidorianischen Konvent, forderte die Verfassung von 1793 in Kraft zusetzen und bezeichnete das bourgeoise Kabinett des Direktoriums als Bande von Blutsaugern und Volksfeinden. Am Vorabend eines geplanten Aufstands wurde er verhaftet und ein Jahr später guilliotiniert.[71]
1828 erschien in Brüssel die Geschichte der Konspiration des Babeuf, aufgeschrieben von seinem Kampfgefährten Filippo Buonarroti (1761-1837). Der Gleichheitskommunismus Babeufs erfuhr nun durch Buonarrotis Buch in den 30er Jahren eine breite Rezeption in der oppositionellen Bewegung und dominierte seit 1833 das Zentralkomitee der „Société des Droits de l´Homme et du Citoyan“. Diese Gesellschaft war die Nachfolgerorganisation der revolutionären „Amis du peuple“ bei denen z.B. Auguste Blanqui aktiv war.

5. Heine und Babeuf (Blanc, Leroux, Weitling, Fourier)

Heine berichtete in seinen Artikeln für die Allgemeine Zeitung Anfang der 40er Jahre über die verschiedenen oppositionellen Strömungen. Über Radikaldemokraten, Republikaner, Frühsozialisten. 1852 schreibt Heine an Campe:
In meinem Geiste formiert sich ein Buch, welches Blüte und Frucht, die ganze Ausbeute meiner Forschungen während einem Vierteljahrhundert in Paris sein wird und wo nicht als Geschichtsbuch, doch gewiß als eine Chrestomathie guter publizistischer Prosa, sich in der deutsche Literatur erhalten wird.[72]
So stellte sich Heine sein Parisbuch vor, das er nach dem alten lateinischen Namen Lutetia nennen wird. An den Lutetia-Berichten lässt sich nachvollziehen, wie sich Heines Kenntnis der Programme und Ziele der frühsozialistischen Strömungen zwischen 1840 und 1842 zunehmend konkretisierte. Am 30.4.1840 berichtet er von der subversiven Stimmung in den Werkstätten der Pariser Vorstädte. Die von ihm angeführten Agitationsschriften sind sowohl republikanischer als auch frühsozialistischer Herkunft: „Dort fand ich nemlich mehrer neue Ausgaben von den Reden des alten Robespierre, auch von Marats Pamphleten, die Revoluzionsgeschichte des Cabet, Cormenins giftige Libelle, Babeufs Lehre und Verschwörung von Buonarotti.“[73] Die Anhänger Babeufs rechnet er allerdings noch der republikanische Strömung zu, denn einige Zeilen weiter heißt es, aus der Saat der Propaganda werde in Frankreich „früh oder spät die Republik hervorbrechen“.[74] Heine differenziert hier noch nicht, spricht er noch vom „eifersüchtigen Gleichheitssinn“[75] in einer Republik, diesen kritisiert er als antiindividualistisch.
Am 3.10.1840 schreibt er, die Revolution sei „noch ein und dieselbe“[76], also die von 1789. Wenige Wochen später aber unterschied er genauer. Im Artikel vom 4.11.1840 heißt es:
Die Bourgeoisie, nicht das Volk hat die Revolution von 1789 begonnen und 1830 vollendet, sie ist es welche jetzt regiert, obgleich viele ihrer Mandatarien von vornehmem Geblüt sind, und sie ist es welche das andringende Volk, das nicht bloß Gleichheit der Gesetze, sondern auch Gleichheit der Genüsse verlangt, bis jetzt im Zaum hielt.[77]
„Die unteren Klassen“ seien nun besser organisiert, von klarerem Bewusstsein und zur sozialen, nicht nur zur politischen Revolution bereit. Die französische Bourgeoisie sei „gefährdet zu gleicher Zeit durch (...) die Prädikanten einer Babeufschen Republik“[78] schreibt Heine zwei Monate später am 6.1.1841. Heine unterscheidet also vom bisherigen, bürgerlichen Republikanismus einen sozialrevolutionären Republikanismus in der Folge Babeufs. Letzteren kritisiert er, wie schon im Artikel vom 30.4.40[79], für seinen „eifersüchtigen Gleichheitssinn“ nun für seinen „blödsinnigen Gleichheitstaumel“, der „alles was schön und erhaben auf dieser Erde ist, zerstören und namentlich gegen Kunst und Wissenschaft (seine) bilderstürmende Wut auslassen würde.“[80] Buonarotti hatte in seiner „Analyse der Lehre Babeufs“ gefragt: „Täten uns übrigens Glanz der Künste und Flitterwerk des Luxus not, wenn wir das Glück hätten, unter den Gesetzen der Gleichheit zu leben?“[81] Heine nahm die asketisch-kunstfeindliche Tendenz des Babeufschen Gleichheitskommunismus ernst und sah in ihr ein Moment der Tradition Rousseau-Robespierre, das im widerstrebte.[82] Diese Kritik prägte seine Sicht auf die Sozialistische Bewegung auch nach seiner Begegnung mit Marx, der die Kritik teilte, und erklärt seine Position in den Geständnissen und z.B. dem Gedicht die Wanderratten.
Von Babeuf nun aber noch zu zwei weiteren historischen Figuren, die in Lutetia ebenfalls eine Rolle spielen: Louis Blanc (1811-1882) und Pierre Leroux (1797-1871). Im oben schon genannten Artikel vom 30.4.1840 lenkt Heine die Aufmerksamkeit erstmals auf Louis Blanc. Er unterstreicht dessen Weitblick, der „tief in die Abgründe“ reiche, „wo die sozialen Fragen nisten und lauern“, und prophezeit ihm, weil er die Vergangenheit begreife, eine „große Zukunft“. Im Artikel vom 12.1.1840 würdigt er ihn erneut als „einen der größten Denker Frankreichs“. Ein Teil dieses Artikels wurde zensurbedingt nicht in der Allgemeinen Zeitung abgedruckt und von Heine als er Lutetia zusammenstellte, also nach 1852, geändert und auf den 6.11.1840 vordatiert.[83] An den vorgenommenen Änderungen lässt sich ein Wandel in der Einschätzung des Republikaners ablesen. 1842 lobt Heine Blanc anlässlich dessen Schrift L`Organisation du travail (von 1839), für seine Empathie mit den leidenden Arbeitern, so kritisiert er wie an den Anhängern Babeufs, dessen asketisches Element.
Glühende Sympathie für die Leiden des Volks, zeigt sich in jeder Zeile dieses kleinen Opus, und es bekundet sich darin zu gleicher Zeit jene Vorliebe für unbeschränkte Herrscherey, jene gründliche Abneigung gegen genialen Personalismus. (...) Ja vielleicht schon wegen seiner Taille ist ihm jede große Persönlichkeit zuwider, und er schielt an sie hinauf mit jenem Misstrauen, das er mit einem anderen Schüler Rousseaus, dem seligen Robespierre, gemein hat. Ich glaube, der Knirps möchte jeden Kopf abschlagen lassen, der das vorgeschriebene Rekrutenmaß überragt, versteht sich im Interesse des öffentlichen Heils, der allgemeinen Gleichheit, des socialen Volksglücks. Er selbst ist mäßig, scheint dem eigenen kleinen Körper keine Genüsse zu gönnen, und er will daher im Staate allgemeine Küchengleichheit einführen, wo für uns alle dieselbe spartanische schwarze Suppe gekocht werden soll, und was noch schrecklicher, wo der Riese auch dieselbe Portion bekäme, deren sich Bruder Zwerg zu erfreuen hätte.[84]
Weniger als ein Lob „aristokratischer Lebensart“[85] oder die Konsequenz „einer gewissen antiliberalistischen Konstante in Heines politischen Anschauungen“[86] scheint hier wiederum Heines Sorge um das Glück des Individuums zu sprechen, also das genaue Gegenteil von Antiliberalismus. Richtig an der Bewertung[87] von Hauschild ist allerdings, dass Heine sich nicht auf die Details von Louis Blancs Programm einließ, dessen Schrift L`Organisation du travail er z.B. gar nicht las.[88] Mit dem Argument des „Mangels an Wissenschaft und Gelahrtheit“[89] machte sich Heine die Kritik der bürgerlichen Nationalökonomen zu Eigen,[90] ohne sich selber für die ökonomischen Aspekte von Blancs Auffassungen wirklich zu interessieren.
Anders als bei Louis Blanc war Heine bei Pierre Leroux von dessen Gelehrtheit überzeugt. Leroux hatte in seinem Aufsatz Du cours de philosophie de Schelling (vom Mai 1842) nicht nur einen Satz Heines aus De l`Allemagne über Kants vernichtende Attacke gegen den Himmel zitiert und hinzugefügt, Hegel habe diese Entwicklung vollendet. Heine war für Leroux ein Garant und Wegweiser zu einer linken, atheistischen Hegelinterpretation.[91] In diesem Falle war Heine also die Vermittlung revolutionärer deutscher Philosophie nach Frankreich gelungen. Der zunehmende Einfluss der Linkshegelianer markiert für Heine dann auch den Übergang vom Frühsozialismus der Saint-Simonisten und Anhänger Babeufs zum ,Communismus.’ Er beschreibt diesen Übergang im Artikel Communismus, Philosophie und Clerisey, der im Anhang von Lutetia veröffentlicht wurde.[92] Dieser Aufsatz enthält auch ein Porträt Pierre Lerouxs, den er als Kirchenvater dieser Bewegung bezeichnet. Überhaupt wimmelt es darin von Analogien zur „Ecclesia pressa des ersten Jahrhunderts“, der noch kleinen kommunistischen Bewegung stehe ähnlicher Erfolg bevor wie dem Christentum im ersten Jahrhundert. Bei aller Sympathie kritisiert er ihn ähnlich wie Louis Blanc, Leroux sei ein „ascetischer Entsagungsmensch, dem Luxus und jedem Sinnenreitz abhold“[93]. Und ein weiterer Einwand kommt hinzu: „An der, immortalité de l´âme’ kaut Leroux beständig, ohne davon satt zu werden; es ist dies nichts als ein perfektioniertes Wiederkäuen der ältern Perfektibilitätslehre.“[94] Leroux hielt entschieden an der Unendlichkeit des menschlichen Fortschritts und an der Vorstellung einer religiösen Transzendenz fest. Ersterem scheint Heine, obwohl er dem Kommunismus eine rosige Zukunft voraus sagt, skeptisch gegenüber zustehen, letztere, den Glauben an das Leben nach dem Tod, scheint er Leroux nicht ganz abgenommen zu haben, hatte er ihn doch schon, etwas unpräzise, in die postreligiöse Etappe der Philosophiegeschichte eingeordnet.[95]
Ebenfalls in Communismus, Philosophie und Clerisey findet Charles Fouriers (1772-1837) Erwähnung, allerdings nur oberflächlich. Er habe ihn früher oft gesehen, wie er „in seinem grauen, abgeschabten Rocke, längs den Pfeilern des Palais-Royal hastig dahinschritt, die beiden Rocktaschen schwer belastet, so daß aus der einen der Hals einer Flasche und aus der andern ein langes Brod hervorguckten.“[96] Heine nimmt Fouriers durchschnittliches und ärmliches Äußeres als Beleg seiner kommunistischen Authentizität. Walter Benjamin war diese kurze Stelle über Fourier aufgefallen. Er schreibt: „Heine kannte den Sozialismus sehr gut. Er hatte Fourier noch persönlich gesehen. In seinen Berichten über Französische Zustände schreibt er einmal (15.Juni 1843): (...)“ Es folgt das Zitat, das er in seiner Materialiensammlung, im Konvolut W [Fourier] ablegte.[97]
Zuletzt soll auch ein deutscher Frühsozialist noch erwähnt werden, Wilhelm Weitling (1808-1871).[98] Dessen Werk Garantien der Harmonie und der Freiheit bezeichnete Heine in Geständnisse als „Katechismus der deutschen Kommunisten“.[99] Interessant ist eine kritische Anmerkung in Lutetia, die das langlebige Ressentiment gegen Reiche und das mit diesem oft verbundene gegen die Juden, satirisch bloßstellt. Zugleich wird Weitlings religiöse Argumentation aufs Korn genommen:
Ein Kamel wird eher durch ein Nadelöhr gehen, als daß ein Reicher ins Himmelreich käme“ dieses Wort des göttlichen Communisten ist ein furchtbares Anathema und zeugt von seinem bittern Haß gegen die Börse und haute finance von Jerusalem.[100]
Heine beweist hier Gespür für die Tradition der Judenfeindschaft, die schon im Mittelalter oft eng mit den Vorstellungen von ökonomischen Zusammenhängen verwoben war. Karl Marx widmet zu gleicher Zeit seine Abhandlung zur Judenfrage diesem Thema.
Der einflussreiche Frühsozialist Proudhon (1809-1865) findet bei Heine erstaunlicherweise keine Erwähnung, allerdings hat seine These, Eigentum sei Diebstahl, Eingang gehalten in das Versepos Atta Troll (1841).
  
6. Fourier
Charles Fouriers (1772-1837) Schriften, in denen er seine neue Gesellschaftslehre entwickelt hatte, blieben bis zum Zusammenbruch des Saint-Simonismus unbeachtet.[101] Neben der in seinen Augen parasitären Zirkulationssphäre, dem Handel, galt sein Hauptinteresse der Kritik der Geschlechterbeziehungen. Der Fehler in deren bisheriger Gestaltung liege darin, dass sie die Leidenschaften unterdrückten, statt ihnen die richtige und für die Gesellschaft nützliche Befriedigungsart zuzuweisen. Den Weg zu letzterer sieht Fourier in der Errichtung von „phalanstères“, locker föderierte, agrarisch-gewerbliche Lebensgemeinschaften. Darin sollten je etwa 1600 Menschen verschiedenster Charaktertypen in harmonisch konkurrierenden Gruppen abwechslungsreiche und attraktive Arbeit und Muße finden, ihre Passionen frei entfalten und einfache, aber gute Produkte genießen können. Entsprechend scharf kritisierte Fourier die Entfremdungsphänomene der entstehenden Warengesellschaft wie asketische Moral, Selbstverleugnung, Langeweile, Industriedisziplin und lebenslängliche Ehe, als allesamt unvereinbar mit den sinnlichen Leidenschaften der Menschennatur. Die „Fortschritte in der Befreiung der Frau“ betrachtete er als Maßstab und „Grundlage allen sozialen Fortschritts“.[102]

7. Benjamin und Fourier

Für sein geplantes großes Buch über Paris, die Hauptstadt des 19. Jahrhunderts, schrieb Walter Benjamin 1935 ein Exposé. Dessen erstes Kapitel ist überschrieben mit „Fourier oder die Passagen“.[103] Darin stellt Benjamin die These auf, dass sich im Kollektivbewusstsein im Übergang von zwei Epochen, diese beiden verflechten. Diese Verflechtung vollziehe sich anhand von Bildern, in denen „das Neue sich mit dem Alten durchdringt“.[104] Z.B. bildeten die Baumeister in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts, Träger aus Eisen „der pompejanischen Säule“ nach. Das Neue Baumaterial kommt noch nicht rein funktional zum Einsatz, seine Verwendung ist von Bildern aus der Vergangenheit beeinflusst. So ging es nach Marx auch den bürgerlichen Produktionsverhältnissen, die im Schoße der alten heranwuchsen. Wie in der Architektur die Eisen-Säule, so ist auch in der Fourierschen Utopie das ,phalanstère’ ein Wunschbild in dem sich Neu und Alt durchdringen (in einem bestimmten historischen Moment des Übergangs.) Benjamin behauptet, dass das Alte aus dem sich die „Bildphantasie“ speist, die Erinnerung der Menschen an eine „Urgeschichte“ sei. An die klassenlose Gesellschaft, an ein goldenes Zeitalter. Diese längst vergangenen „Erfahrungen, welche im Unbewussten des Kollektivs ihr Depot haben, erzeugen in Durchdringung mit dem Neuen die Utopie.“[105] Das Neue, die zweite Quelle und „Anstoß“ zur Utopie sei das „Auftreten der Maschinen“. Der Impuls der von diesen ausgeht liegt in Fouriers Schriften aber nicht offen zutage. Die Verbindung zwischen (technischer) Neuerung und altem Bild begründet Benjamin so:
Das phalanstère soll die Menschen zu Verhältnissen zurückführen, in denen die Sittlichkeit sich erübrigt. Seine höchst komplizierte Organisation erscheint als Maschinerie. Die Verzahnung der passions, das verwickelte Zusammenwirken der passions mécanistes mit der passion cabaliste sind primitive Analogiebildungen zur Maschine im Material der Psychologie. Diese Maschinerie aus Menschen produziert das Schlaraffenland, das uralte Wunschsymbol, das Fouriers Utopie mit neuem Leben erfüllt hat.[106]
In seiner Einleitung zu einer von ihm veranstalteten italienischen Ausgabe von Schriften Fouriers, nimmt Italo Calvino diese materialistische Reflexion Benjamins über die historischen Bedingungen von Fourieres Utopie auf. Möglicherweise der ungenauen Übersetzung geschuldet, die aus der „Verzahnung der passions“ ein „Zahnradgetriebe der Leidenschaften“[107] machte, liest er Benjamins Ausführungen als Kritik, der er sich anschließt: „...und die Phalange setzt einen Computer voraus, der ständig arbeitet, damit die notwendigen Berechnungen für die perfekte Abstimmung der Serien durchgeführt werden. Fourier hat sein ganzes Leben lang daran gearbeitet, die Daten zu ermitteln, mit denen das Glück der Menschheit auf Lochkarten festgehalten werden kann.“[108] Dem Vorwurf Fouriers utopische Gesellschaft sei bürokratisch, mechanisch und unspontan entgegnet Wolfgang Asholt, dass die „Gesamtheit der Attraktionen und Passionen im Phalansterium wie das benjaminsche Uhrwerk funktioniert, also systemimmanent sich selbst reguliert“, also „die Fremdbestimmung durch einen Distributionsapparat überflüssig“ ist.[109] Die ersten These, über die unbewusste Virulenz der vergangenen zu Beginn der bürgerlichen Epoche, bringt Benjamin mit einem Zitat auf den Punkt: „Chaque époque rêve la suivante.“
Die zweite These ist die, dass Fourier sich bei der Planung seiner phalanstères von der Architektur der Pariser Passagen hat beeinflussen lassen: „In den Passagen hat Fourier den architektonischen Kanon des phalanstère gesehen. Ihre reaktionäre Umbildung durch Fourier ist bezeichnend: während sie ursprünglich geschäftlichen Zwecken dienen, werden sie bei ihm Wohnstätten. Das phalanstère wird eine Stadt aus Passagen.“ Diese Behauptung bezweifelt Asholt, weil sich der „sonst detailbesessene Fourier relativ selten zur architektonischen Gestalt der Phalansterien äußert“, gibt aber zu, dass die Passagen für Fourier einen komfortablen Rückzugsort von den Unbilden der gewöhnlichen Straßen dieser Zeit darstellten.[110]
Außer dem ersten Kapitel im Exposé widmet Benjamin Fourier ein umfangreiches Konvolut. Auf den 36 Seiten dieser Material- und Zitate-Sammlung finden sich viele Stellen aus Texten Fouriers und der Fourieristen.[111] Timo Skrandies nennt Benjamins Befassung mit Fourier „zentral für die Passagenarbeit“, da sich bei diesem Autor „wesentliche Motive des Projekts bündeln.“[112] Er nennt als ein solches z.B. die Kritik der Arbeit.[113] Hier sollen nun zwei Motive beleuchtet werden, bei denen Benjamin zu ähnlichen Einschätzungen kam, wie Heine in seinen Kommentaren zu Saint-Simon und anderen Frühsozialisten: Hedonismus und Kritik des Antisemitismus. Benjamin:
Fourier missbilligt (...) die Ächtung der Gastronomie. „Cette gaucherie est encore une des pruesses de la morale tendant à nous rendre ennemis de nos sens, et amis du commerce qui ne travaille qu´à provoquer les abus du plaisir sensuel” Fourier sieht hier also im unmoralischen handeln ein Komplement der idealistischen Moral. Beiden stellt er seinen hedonistischen Materialismus gegenüber. Seine Position erinnert von fern an die Georg Büchners. Die zitierten Worte könnte vielleicht sein Danton gesprochen haben.[114]
Benjamin scheint dieses hedonistische Moment zu schätzen. Was Heine als asketische Tradition in der Folge Rousseaus und Robespierres an Frühsozialisten wie Louis Blanc und den Anhängern Babeufs kritisierte, nennt Fourier hier „les abus du plaisir sensuel“. Überhaupt verwundert, warum Heine Fourier nicht mehr rezipierte, wäre ihm dessen „hedonistischer Materialismus“ doch ähnlich entgegen gekommen wie der von Saint-Simon.
Und so wie Heine den „bittern Haß gegen die Börse und haute finance von Jerusalem“ bei Wilhelm Weitling befremdet zur Kenntnis nahm, so Benjamin, möglicherweise auch angesichts der Rede von den „amis du commerce qui ne travaille“, das gleiche Ressentiment bei Fourier: „Fourier war Chauvinist; Er haßte die Engländer und die Juden. In den Juden sah er nicht Zivilisierte sondern Barbaren, die die patriarchalischen Sitten beibehalten haben“[115] Eine andere Notiz lautet: „Filiation des Antisemitismus mit dem Fourierismus, 1845 erschien Les Juifs rois von Toussenel.“[116] Auch wenn mit „Filiation“ wohl eher eine Abfolge als ein kausaler Zusammenhang zwischen den Schriften Fouriers und der antisemitischen Verschwörungstheorie Toussenels gemeint ist, beweist die Bemerkung doch Sensibilität für die Stimmung der Zeit und die „Unvollkommenheit“ (Marx)[117] Fouriers. Trotz dieser Kritik gefiel Benjamin das undogmatische, phantasievolle der Ideen Fouriers, das auch Adorno ohne expliziten Verweis auf Benjamin, in seinem Vorwort zu Fouriers „Theorie der vier Bewegungen“ gegen den versteinerten Realsozialismus stark macht. [118] Pierre Klossowski, der zusammen mit Benjamin dessen Aufsatz über das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit ins Französische übersetzt hatte, schreibt in einem Brief aus dem Jahre 1952:
A confirmed Marxist – but with an ever-wakeful suspicion of all dogmatic applications an with caustic irony for all overly zealous discriminations, denouncing numerous missteps – he was intent on safeguarding, in his vast erudition (…), what in the past had constituted for him the “shadow of the goods to come.” Among these goods to come figured the vision of a society blossoming in the free play of the passions. His nostalgia aspired to reconcile Marx an Fourier.[119]
Mitte der dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts gab es in Paris einen kritischen Kreis, der sich um die Verteidigung Nietzsches gegen dessen Vereinnahmung durch die Nazis wehrte. Diese Gruppe um Georges Bataille, André Breton und Pierre Klossowski nannte sich Acéphale und gab eine gleichnamige Zeitschrift heraus. Über Gespräche, die dieser Zusammenschluss mit Benjamin führte, schreibt Klossowski:
We questioned him with all the more insistence about what we sensed to be his most authentic basis – his personal version of a “phalansterian” renaissance. He sometimes spoke of it as an “esoterism” that would be both “erotic an artisan”, subtending his explicit Marxist conceptions. With the common ownership of the means of production, the abolished social classes could be substituted by a redistribution of society into affective classes. Instead of enslaving affectivity, a free industrial production would expand its forms and organize their exchange; in this sense, work would become the accomplice of desires an cease to be their punitive compensation.

8. Vergleich und Resümee

Heine entdeckt zwischen 1830 und 1831 den Saint-Simonismus, einer der Gründe für seine Reise nach Paris. Dort macht sich seine Rezeption der Ideen Saint-Simons schon in den ersten Artikel bemerkbar, z.B. wenn Heine das Gemälde La Liberté von Delacroix als Allegorie für den Sieg von Diesseitigkeit und Sinnlichkeit deutet. Mit dem Wunsch nach Verbesserung der Lage der zahlreichsten und ärmsten Klasse, greift Heine ebenfalls schon 1931 ein zweites Motiv auf. Diese Sorge, angesichts der Not der Massen, ist verbunden mit der Kritik am bourgeoisen Gewinner der Juli-Revolution; Die Abneigung gegen die alte Aristokratie bleibt darüber aber erhalten.
Im ,saint-simonistischen Gedicht’ von 1833, kommen beide Motive zusammen: Die Forderung nach dem Ende des materiellen Elends und die Sehnsucht nach einem glücklichen, lustvollen Leben im Hier und Jetzt. Auch 1835 bezeichnet Heine das als „Gottesrecht des Menschen“[120] und verleiht seiner Zuversicht Ausdruck, es könnte etabliert werden. Fünf Jahre später beschreibt Heine die Veränderungen in den frühsozialistischen Strömungen, ihre fortschreitende Organisierung, begrüßt die „glühende Sympathie für die Leiden“ der Massen bei den Anhängern Babeufs, bei Blanc und Leroux, kritisiert aber zugleich deren asketische Tendenz, ihren „eifersüchtigen Gleichheitssinn“ und beim deutschen Frühkommunist Weitling dessen Hass auf Reiche und die Finanzsphäre.
Walter Benjamin erkennt in Charles Fouriers Utopie die (durch die neue technische Entwicklung) aktualisierte Erinnerung an eine längst vergangene, bessere Gesellschaft. Was Heine anknüpfend an Saint-Simon als Naturrecht verstand, ein Leben ohne Hunger und Leid schon in dieser Welt, dieses messianische Versprechen möchte auch Benjamin einlösen und begrüßt deswegen Fourier, der es phantasievoll erneuerte. Und so wie Heine bei den Frühsozialisten seiner Zeit Antiindividualismus und Ressentiment wahrnahm, so kritisiert Benjamin an Fourier dessen Chauvinismus und Antisemitismus.
Heinrich Heine und Walter Benjamin – beide waren undogmatische Kritiker, standen den Verhältnissen und deren frühsozialistischen Gegnern distanziert gegenüber.


[1] Die Begriffe Frühsozialismus oder utopischer Sozialismus werden im Folgenden nicht als minderwertige Vorformen eines ,wissenschaftlichen Sozialismus’ gehandelt, diesen Begriff aus der Tradition des ,Marxismus-Leninismus’ verwendet Marx selber gar nicht. Für den Materialismus von Karl Marx war der frühe Kommunismus, der Kommunismus des proletarischen Naturrechts eine ebenso wichtige Quelle wie der deutsche Idealismus und die englische Nationalökonomie. Denn weder die ,freie Assoziation’ noch der ,kategorische Imperativ’, weder Begriff noch Sache der Kritik lassen sich aus Hegel oder Smith herleiten, sondern vielmehr aus Babeuf, Buonarotti, Weitling, Dézamy, Bakunin, Fourier, aus eben dem Sozialismus, den der ,wissenschaftliche’ des ML als ,utopisch’ abtat.
[2] Gershom Sholem, Ahnen und Verwandte Walter Benjamins, in: ders. Walter Benjamin und sein Engel. Vierzehn Aufsätze und kleine Beiträge, Frankfurt am Main 1983, S. 136 und S. 140.
[3] Hans Mayer, Der Weg Heinrich Heines. Versuche, Frankfurt am Main 1998. In dieser Aufsatzsammlung finden sich Auszüge aus Hans Mayers Buch Außenseiter.
[4] Heine allerdings beabsichtigte den fragmentarischen Charakter, siehe: Ralf Schnell, Heinrich Heine zur Einführung, Hamburg 1996, S. 192 ff.
[5] Joseph A. Kruse, „Nur mein Herze brach“, Zu einigen Parallelen zwischen Walter Benjamin und Heinrich Heine, in: René Buchholz (Hg.), „Magnetisches Hingezogensein oder schaudernde Abwehr“, Walter Benjamin, Stuttgart/Weimer 1994, S. 35
[6] Uwe Steiner, Wahlverwandtschaft, Bemerkungen zu Benjamin und Heine, In: Achiv für das Studium der neueren Sprachen und Literaturen, Jg. 146/Bd. 341, Berlin 1994, S. 23 ff.
[7] Ebd. S. 24.
[8] Kraus, zitiert nach Steiner, S. 23.
[9] Walter Benjamin, Die Zeitung, in: Gesammelte Schriften (im Folgenden abgekürzt mit GS), Band II, S. 629.
[10] Benjamin, Karl Kraus, GS II, S. 348.
[11] Albrecht Betz, Commodity and modernity in Heine an Benjamin, in: New German Critique Nr. 33, Milwaukee 1984, S. 180.
[12] Ebd. S. 188.
[13] Walter Benjamin Briefe, herausgegeben von Gershom Scholem und Theodor W. Adorno, Frankfurt am Main 1966, Bd. 2, S. 705.
[14] Ebd. S. 188.
[15] Steiner verwendet den Begriff „negative Aktualität“.
[16] Heinrich Heine, Historisch-kritische Gesamtausgabe der Werke (im Folgenden abgekürzt mit DHA, für Düsselldorfer-Heine-Ausgabe), hgg. von Manfred Windfuhr, Hamburg 1973 ff., Band 10, S. 301.
[17] Benjamin, GS I, S. 694. Dazu, wie in Fouriers Utopie Vergangenes virulent ist, s.u. 8. Kapitel.
[18] Ralf Schnell, Heinrich Heine, Hamburg 1996, S. 181 ff. Zu Heines Vorbehalt gegen Pierre Leroux’ Vorstellung vom immerwährenden Fortschritt, s.u. S. 19. Benjamin nimmt übrigens auch bei Fourier ein pessimistisches Moment war, GS V, S. 794.
[19] Benjamin, GS V, S. 48.
[20] Steiner, S. 38.
[21] Benjamin GS I, S. 466; Steiner, S. 42.
[22] Einen Bericht zum Stand der Forschung samt Bibliografie verfasste Manfred Hahn. Siehe: Manfred Hahn, Präsozialismus: Claude-Henri de Saint-Simon, Stuttgart 1970.
[23] Thomas Petermann, Der Saint-Simonismus in Deutschland, Bemerkungen zur Wirkungsgeschichte, Frankfurt am Main 1983, S. 2. Auf dieser Darstellung baut die Folgende auf. Zur historischen Situation, in der die Utopisten schrieben, bemerkt Benjamin: „Nur in der sommerlichen Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, nur unter seiner Sonne kann man Fouriers Phantasie sich verwirklicht denken.“ GS V, S. 785.
[24] Zitiert nach: Petermann, S. 2. (Es liegt auf deutsche keine Gesamtausgabe der Werke Saint-Simons vor.)
[25] Petermann, S. 13.
[26] Die Doctrine erschien in zwei Teilen 1829 und 1830. Gottfried Salomon-Delatour (Hg.), Die Lehre Saint-Simons, Neuwied 1962. Benjamin schreibt über diesen Vorgang im Konvolut U [Saint-Simon, Eisenbahnen] des Passagen-Werks: „Den Anlaß zum Schisma unter den Saint-Simonisten bildete Enfantins Lehre von der Emanzipation des Fleisches. Es kam hinzu, daß andere wie Pierre Leroux, schon vorher Anstoß an der öffentlichen Beichte genommen hatten.“ GS V, S. 733.
[27] Ebd. S. 103.
[28] Zusammengestellt sind solche Texte z.B bei: Hedwig Walwei-Wiegelmann (Hg.), Gesellschaftskritik im Werk Heinrich Heines. Ein Heine-Lesebuch. Paderborn 1974, S. 32-37.
[29] Diese Thematik untersucht am ausführlichsten das Buch von: Walter Hinck, Die Wunde Deutschland, Heinrich Heines Dichtung im Widerstreit von Nationalidee, Judentum und Antisemitismus, Frankfurt am Main 1990.
[30] Einen Überblick über die Diskussion gibt: Jost Hermand, Streitobjekt Heine, Ein Forschungsbericht 1945-1975, Frankfurt am Main 1975.
[31] Leo Kreuzer, Heine und der Kommunismus, Göttingen 1970.
[32] Kreuzer bezieht sich dabei auf: Lorenz Stein, Der Socialismus und Comunnismus des heutigen Frankreichs, Leipzig 1848, 3 Bände.
[33] In: Die Wanderratten (zwischen 48 und 56), Geständnisse (1854), Lutetia (Anhang, 1854), Französische Vorrede zu Lutetia (1855).
[34] Marx’ sehr umfangreiche Auseinandersetzung mit dem Frühsozialismus spiegelt sich in den ersten Bänden der Marx-Engels-Werke. Sie kann hier, auch wo Marx und Heine zu gleichen Einschätzungen kamen, nicht berücksichtigt werden. S.a. Karl Marx, Die Frühschriften, hg. von Siegfried Landshut, Stuttgart 1968.
[35] Zu diesem Ergebnis kommen auch Jean-Christoph Hauschild / Michael Werner, Heinrich Heine, Eine Biographie, Köln 1997, S. 219-247. „Auch die Begegnung mit Marx vermochte Heines Sozialismusauffassung nicht entscheidend modifizieren.“ Ebd., S. 243.
[36] Heinrich Heine, Briefe, hgg. Von Friedrich Hirth, Mainz 1950, Bd. 1, S. 476; Georg G. Iggers, Heine and the Saint-Simonians: a re-examination, in: Comparative Literature, Vol. X, Eugene, Oregon 1958, S. 295.
[37] Briefe Bd. 1, S. 478. Zur Beziehung Heine – Enfantin, s.u., S. 14.
[38] Friedrich Hirth, Vorwort, in: Heinrich Heine, Briefe, Bd. 1, hgg. von Friedrich Hirth, Mainz 1950, S. XXXI; Iggers, S. 297.
[39] Heine, DHA 12/1, S. 20.
[40] Gerhard Höhn, Heine Handbuch, Stuttgart 2004, S. 280.
[41] Iggers, S. 297.
[42] Heine, DHA 12/1, S. 11.
[43] Heine, DHA 12/1, S. 61.
[44] Heine bemerkt die neuen materiellen Bedingungen unter denen die Maler arbeiten, sie markieren den Beginn freier, moderner Kunst: „Jeder Maler malt jetzt auf eigene Hand und für eigene Rechnung.“ Heine, 12/1, S. 11.
[45] Heine, Ludwig Börne, DHA 11, S. 56.
[46] Tagesberichte, 20.8.1831. Heine, DHA 12/1, S. 217f. Walter Benjamin zitiert diesen Kommentar über Napoleon: „Enfantin begrüßt den Staatsstreich Louis-Napoléons als Werk der Vorsehung.“ Benjamin, GS V, S. 741. „Die Continentalsperre war gleichsam die erste Probe auf das Exempel des Saint-Simonismus. Heine (Französische Zustände, 155) nennt Napoleon I einen saintsimonistischen Kaiser.“ GS V, S. 744.
[47] Heinrich Heine, Sämtliche Schriften in sieben Bänden, hgg. von Klaus Briegleb, 1968-1976 Darmstadt. Bd. 4, S. 715. Kommentar, Dokumente zur Börne-Schrift. (Hervorhebung von mir.)
[48] Heine, Briefe, Bd. 2, S. 40. (10.7.1833) „Sie (die Saint-Simonisten) stehen höher als alle anderen, die nur das Äußerliche der Revolution und nicht die tieferen Fragen der selben verstehen. Diese Fragen betreffen weder Formen noch Personen, weder die Einführung der Republik noch die Beschränkung einer Monarchie. Sondern sie betreffen das materielle Wohlsein des Volkes. Die bisherige spiritualistische Religion war heilsam und notwendig, solange der größt Teil der Menschen im Elend lebte und sich mit der himmlischen Religion vertrösten mußte. Seit aber durch die Fortschritte der Industrie und der Ökonomie es möglich geworden, die Menschen aus ihrem materiellen Elend herauszuziehen und auf Erden zu beseligen, seitdem – sie verstehen mich. Und die Leute werden uns schon verstehen, wenn wir ihnen sagen, daß sie in der Folge alle Tage Rindfleisch statt Kartoffel essen sollen und weniger arbeiten und mehr tanzen werden. – Verlassen sie sich darauf, die Menschen sind keine Esel. – ”
[49] Laut Iggers, S. 299 weißt Margaret Clarke einen solchen Wandel schon in den Französischen Zuständen nach. Ihr Buch Heine et la monarchie de Juillet. Étude sur les Franzoesische Zustaende suivie d´un étude sur le saint-simonisme chez Heine, Paris 1927, ist mir leider nicht zugänglich.
[50] Heine DHA 13/1, S.
[51] Heine, DHA 12/1, S. 65.
[52] Heine, DHA 12/1, S. 82.
[53] Heine, DHA 12/1, S. 181. „(...) wenn dieses Volk (...) neues Brod und neue Spiele verlangt (...)“
[54] Heine DHA 2, S. 34. Im Zyklus Seraphine, der Sammlung Verschiedene, im Band Neue Gedichte. Eine Interpretation von Paul Peters findet sich in: Gedichte von Heinrich Heine, hgg. von Bernd Kortländer, Stuttgart 1995, S. 86 ff. Erläuterungen bei: Heine DHA 2, S. 445 ff.
[55] Matthäus 16, 18: „Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen.“
[56] Walter Benjamin, Über den Begriff der Geschichte, GS I,2, S. 693.
[57] Paul Peters, in: Kortländer, S. 92.
[58] Briefe, Bd. 2, S. 40.
[59] „Denn fleischlich gesinnet sein ist eine Feindschaft wider Gott.“ (Röm. 8,7)
[60] „Nie hat sich die religiöse Vorschrift der christlichen Kirche an sich gegen die ,Sünde des Fleisches’ gestellt. (...) Welche gut geformte Frau mit gesundem Blut hätte jemals anders gedacht als die vom Enfantinismus (...) neu ins Leben gerufene Eva (...).“ Paul Zech, Heinrich Heine und der Saint-Simonismus, in: Paul Zech, Heinrich Heine – Versuche zu einer biographischen Darstellung. Literarische Essays aus dem Exil, hgg. Von Hans W. Panthel, Frankfurt am Main 1992, S. 59.
[61] Zitiert nach Paul Peters, S. 95.
[62] Schnabelewobski, DHA 2, S. 448.
[63] Benjamin, GS I, 2, S. 623 f. Dieser Hinweis findet sich bei Paul Peters, S. 101.
[64] Um die Frage zu beantworten, ob auch eventuelle Kritik an den Frühsozialisten sich in Heines Lyrik niederschlägt, soll später zu dieser Gattung zurück zukommen sein.
[65] Dazu findet sich bei Benjamin eine kurze Notiz: „Heines ,Deutschland’ ist Enfantin gewidmet.“ GS V, S. 741. Und eine längere: „Heine widmete Enfantin ,Deutschland’. Enfantin schrieb ihm darauf einen Brief, der von Duguet in einem Sonderdruck „Heine à Prosper Enfantin, en Egypt“- auf dem Umschlag „De l´Allemagne“- 8°M.Pièce. 3319 (Cote der Bibliotheque Nationale) – 1835 veröffentlicht wurde. Der Brief ermahnt Heine, seinen Sarkasmus, vor allem in religiösen Dingen zu mäßigen. Heine solle kein Buch über den deutschen Gedanken sondern über die – von Enfantin im wesentlichen als Idylle betrachtete – deutsche Wirklichkeit schreiben, über das Herz Deutschlands.“ GS V, S. 738.
[66] Heine, DHA 12/1, S. 61.
[67] (s.u. das Kapitel zu Heine und Babeuf).
[68] Am 7.4.1835 an Julius Campe. Heine, Briefe Bd. 2, S. 79 ff.
[69] Heine, DHA 8/1, S. 17. Siehe auch die bekannten Strophen ähnlichen Inhalts aus dem Wintermärchen.
[70] Noch im 1855/56 verfassten Vorwort zur französischen Ausgabe der Reisebilder.
[71] Michael Vester (Hg.), Die Frühsozialisten 1789-1848, Reinbeck bei Hamburg 1970, Band. 1, S. 233 ff.; Thilo Ramm (Hg.), Der Frühsozialismus, Ausgewählte Quellentexte, Stuttgart 1956, S. 2 ff.
[72] Heine, Briefe, Bd. 3, S. 391. S.o., S. 11.
[73] Heine, DHA 13/1, S. 31.
[74] Ebd., S.31.
[75] Ebd., S.32.
[76] Ebd., S. 91
[77] Ebd., S. 95.
[78] Ebd., S. 106.
[79] Also nicht „erstmals“ wie Kreuzer schreibt. Kreuzer, S. 12.
[80] Heine, DHA 13/1, S. 107.
[81] Zitiert nach Kreuzer, S. 18.
[82] Kreuzer, S. 20.
[83] Heine, DHA 13/2, S. 1282.
[84] Heine, DHA 13/1, S. 99.
[85] So die Interpretation der Erläuterungen in DHA 13/2, S. 1282.
[86] Hauschild, S. 233. Entgegengesetzt die Interpretation von Iggers, der in Heine einen Vorzeige Liberalen sieht: „(...) Heine, the champion of freedom of thought ans political liberty.“, S. 290.
[87] Hauschild, S. 233.
[88] Heine, DHA 13/1, S.99.
[89] Heine im Waterloo Fragment, DHA 15, S. 191.
[90] Hauschild, S. 234.
[91] Hauschild, S. 235.
[92] Heine, DHA 14/1, S. 99 ff.
[93] Heine, DHA 14/1, S. 105.
[94] Heine, DHA 14/1, S. 104.
[95] Hauschild, S. 238.
[96] Heine, DHA 14/1, S. 106.
[97] Benjamin, GS V, S 771.
[98] Hinweise zu Heines Bild von Weitling gab folgender kurze Aufsatz:  Walter Grab, Heine und die kommunistischen Volkstribunen Jan von Leyden und Wilhelm Weitling, in: „Ich Narr des Glücks“, hgg. von Joseph A. Kruse, Stuttgart/Weimar 1997, S. 67-71.
[99] Heine, DHA 15, S. 33.
[100] Heine, DHA 14/1, S. 61.
[101] Die beste Einführung in das Denken Fouriers gibt Elisabeth Lenk in ihrer Einleitung zur Theorie der vier Bewegungen. In: Charles Fourier, Theorie der vier Bewegungen und der allgemeinen Bestimmungen, hgg. Von Theodor W. Adorno, Frankfurt am Main 1966, S. 7-41.
[102] Thilo Ramm, S. 106.
[103] Benjamin, GS V, S. 45. Timo Skrandies, unterwegs in den Passagen-Konvoluten, in: Walter Benjamin Handbuch, Stuttgart/Weimar 2006, S. 280 ff.
[104] Benjamin, GS V, S. 46.
[105] Ebd., S. 47.
[106] Ebd. S. 47.
[107] Italo Calvino, Für Fourier, in: Kybernetik und Gespenster, Überlegungen zu Literatur und Gesellschaft, München/Wien 1984, S.66.
[108] Calvino, S. 67.
[109] Wolfgang Asholt, Benjamin und Fourier, in: Klaus Garber/Ludger Rehm (Hg.), global benjamin, 3 Bde, München 1999, S. 1031-1044.
[110] Asholt, S. 1035.
[111] Benjamin, GS V, Konvolut W [Fourier] S. 764-799. Wurde wohl noch nirgends systematisch ausgewertet.
[112] Skrandies, S. 281.
[113] Eines der wenigen Motive zu denen schon, mit dem Aufsatz von Asholt (S. 1036 ff.), Untersuchungen vorliegen. Zu Marx Kritik an Fouriers Arbeitsbegriff: GS V, S. 779.
[114] Benjamin, GS V, S. 773.
[115] Benjamin, GS V, S. 795.
[116] Benjamin, GS V, S. 781. Gemeint ist der Traktat Les Juifs, rois de l'epoque („Die Juden, Könige der Epoche“), den Alphonse Toussenel in Paris veröffentlichte und der bald in viele Sprachen übersetzt wurde.
[117] Benjamin, GS V, S. 779.
[118] Theodor W. Adorno, Vorwort, in: Charles Fourier, Theorie der vier Bewegungen und der allgemeinen Bestimmungen, hgg. von Theodor W. Adorno, Frankfurt am Main 1966, S. 5.
[119] Pierre Klossowski, Between Marx an Fourier, in: Gary Smith (Hg.), On Walter Benjamin. Critical essays ans recollections, Cambridge, Mass. (usw.) 1988, S. 368. Dort findet sich leider kein Hinweis auf den Erscheinungsort des französischen Originals. Auch eine deutsche Übersetzung scheint nicht vorzuliegen.
[120] Heine, Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland, DHA 8/1, S. 61.

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