Walter Benjamin

Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten.
Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht.

Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, Band I, Seite 1241.

30.10.12

Die Brücke vom Goldenen Horn


Zu: Emine Sevgi Özdamar, Die Brücke vom Goldenen Horn, Köln 2002.

Sind die sprachlichen Mittel, sind Özdamars sprachschöpferischer Stil, ihre Wortspiele, Metaphern und Bilder nur Ausschmückung und Beiwerk zu einem eigentlichen Thema? Oder geht es der Autorin darum, und so klingt es in manchen Rezensionen, mit einem 300 Seiten langen Sprachexperiment, in einer „Wollust des Benennens”, die deutsche Sprache erfrischend zu erneuern?

Meiner Meinung nach ist Özdamars Sprache weder bloße Dreingabe zu einem „eigentlichen” Inhalt des Romans, noch Selbstzweck. Vielmehr stehen Inhalt und Sprache auf verschiedene Weise zu einander im Verhältnis:
Die Sprache selbst ist Thema. Das kommt daher, dass Özdamar ihre Beobachtungen fast immer an sprachlichen Phänomenen festmacht. Der Zuwachs an sprachlichen Ausdrucksmöglichkeit verläuft parallel zur Auffächerung ihres topografischen Radius´. Dadurch dass sie ihre Eindrücke dann nicht nur beschreibt, sondern ihre Schilderungen vom bloß Deskriptiven abweichen, prägen sie sich dem Leser ein und beeinflussen wiederum die eigene Wahrnehmung, z.B. wenn einem der Anhalter Bahnhof jetzt tatsächlich „beleidigt” scheint. Zu diesem unmittelbaren Einfluss der Sprache auf die Wahrnehmung des Lesers kommt noch ein vermittelter hinzu.
Dieser indirekte Effekt wird durch zwei Stilmittel erzielt: Verfremdung und Naivität. Den Hinweis, wie der verfremdende Effekt, den die türkischen Elemente in ihrem Deutsch bewirken, gedeutet werden kann, gibt Özdamar, mit den häufigen Verweisen auf Bertolt Brecht im Roman, selbst. (Und in einem Interview: „Meine ersten deutschen Wörter waren: Herr Besson, ich bin gekommen, um von ihnen das Brecht-System zu lernen. Er sagte: Willkommen. Sofort machten meine ersten deutschen Wörter eine gute Erfahrung. Man sagt, die Zunge hat keine Knochen. Ich drehte meine Zunge ins Deutsche, und plötzlich war ich glücklich.” SZ 29.9.02) Brecht schreibt in seinem „kleinen Organon für das Theater” über den Verfremdungseffekt, wie er ihn verwenden möchte: „Die alten V-Effekte entziehen das Abgebildete dem Eingriff des Zuschauers gänzlich, machen es zu etwas Unabänderlichem; die neuen haben nichts Bizarres an sich, es ist der unwissenschaftliche Blick, der das Fremde als bizarr stempelt. Die neuen Verfremdungen sollten nur den gesellschaftlich beeinflußbaren Vorgängen den Stempel des Vertrauten wegnehmen, der sie heute vor dem Eingriff bewahrt.”
Ein Beispiel für einen solchen Effekt bei Özdamar wäre der Satz eines Senatssprechers („je enger der Hühnerhof, um so wilder flattern die Hühner”), der auf mehreren Seiten zerlegt wird, um schließlich in einem Kommentar zum Tod Benno Ohnesorgs zu münden, dessen Sarkasmus kaum zu überbieten ist: „Die Polizei hatte ein Huhn erschossen, aber es lag ein Mensch da.” Der zur Ikone gewordene tote Ohnesorg wird wieder menschlich, das Ereignis wird wieder in seiner Dramatik sichtbar. Die oben genannte Naivität, die in Özdamars Stil mitschwingt, ermöglicht ihr eine augenzwinkernde, häufig ironische Schilderung z.B. der linken Bewegung. In seinem Buch „Theorie des Romans“, in dem er dem Zusammenhang zwischen ästhetischer Form und Gesellschaft auf den Grund geht, erhebt Georg Lukács die Ironie zum Formprinzip des Romans. In der Ironie sieht er die Möglichkeit eines versöhnten Nebeneinanders von Subjekt und Objekt. Im vorliegenden Roman wird deutlich, dass der distanzierte aber doch empathische Blick, der Abstand, den sich die Autorin zu ihren Themen stets bewahrt, durch das Stilmittel der Ironie gewährleistet ist.
Die Reflektiertheit der Schilderung, die kritische Betrachtung der 68er Revolte, der Fabrikarbeit, ihrer Rolle als Frau, der widersprüchlichen türkischen Gesellschaft usw wird also durch die Sprachlichen Mittel ermöglicht.

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