Walter Benjamin

Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten.
Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht.

Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, Band I, Seite 1241.

19.02.13

Die Büchse der Pandora

Georg Wilhelm Pabst war neben Wilhelm Murnau und Fritz Lang der dritte große Regisseur der Weimarer Republik. Er löste sich von der vom rechten Hugenberg-Konzern bestimmten Ufa und drehte mehrere seiner Filme zwischen 1929 und 1933 für die Nero-Film und ihren Produzenten Seymour Nebenzal. Die Büchse der Pandora von 1929 ist laut Thomas Koebners Artikel im Reclam-Lexikon Regisseure Pabsts bedeutendster Film. Aus dem selben Artikel stammt folgende, plausible Deutung des Films:
  
"Diese zeitgemäße Psychologie findet sich auch in seinem bedeutendsten Film: Die Büchse der Pandora. Der aus Ungarn stam­mende Drehbuchautor Ladislaus Vajda, der in den folgenden Jahren bis zu seinem Tod 1933 mehrmals für Pabst schrieb, bearbei­tete Frank Wedekinds skandalumwitter­te Dramen aus der Zeit der Jahrhundert­wende, »Erdgeist« und »Die Büchse der Pandora«. Für die zentrale Figur der Lulu gewann Pabst die amerikanische Schauspie­lerin und Tänzerin Louise Brooks, die so agierte, daß die Zeitgenossen keine Schau­spielkunst wahrnehmen konnten.
Damit lö­ste sie die Hoffnung von Pabst ein, gleich­sam ein Stück Natur in die Figur einer sonst kaum vorstellbaren >wilden< Femme fatale zu übertragen. Da Pabst zudem die Hand­lung in die Gegenwart verlegt, aktualisiert sich der Weibsteufel der Jahrhundertwende zu einer zeitgenössischen jungen Frau, die mit ihrem Bubikopf spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg zu einer Ikone der Film­geschichte erkoren wird. Auch der Faszina­tion einer Frau, der beinahe alle Männer wehrlos erliegen, nähert sich Pabst nicht als Psychologe, sondern als Soziologe, der die bei den Männern einsetzenden Prozesse scharfsichtig aufzeichnet. Lulu ist in diesem Film nicht von sich aus gefährlich, sie schenkt sich vielmehr der Welt. Eine naive, ungebrochene Hingabe an den Augenblick, an den Partner des Augenblicks, erweckt Hoffnung und Begierde bei den Männern und hat zur Folge, daß die auf solche Art Angeschauten aus ihrer alten Existenz aus­zubrechen bereit sind. Weil Dr. Schön da­zu nicht imstande ist, vielmehr um den Ver­lust seiner gesellschaftlichen Anerkennung fürchtet, will er Lulu, den Katalysator sei­nes Persönlichkeitszerfalls, zum Selbstmord zwingen. Dabei erschießt sie ihn versehent­lich. Der breite und mächtige Rücken Fritz Kortners drängt sich in charakteristischer Weise vor den vergleichsweise schmaleren Körper der Louise Brooks: Symbol massiver Bedrohung durch die herrschende Ord­nung, zugleich wird Lulus Gesamtbild weg­geblendet, das erotische Mysterium dem Blick entzogen, die Verkörperung einer rei­neren, unschuldigeren Natur unterdrückt. Sie kann sich zwar immer wieder aus die­ser zwanghaft hergestellten Enge befreien, doch nicht völlig. Pabst betont das Abge­schlossene der Schauplätze. Zugabteil und Spielsalon auf dem Schiff sind vielkamme­rige Labyrinthe, ähnlich die verwinkelten Straßen in London, in denen der Nebel den Blick ins Weite verbietet. Gerichtssaal wie Dachkammer lassen kaum Luft zum freien Atmen, Zimmer wie Käfige, für Lulu erst golden, später verrottet. Das strahlende Leuchten von Lulus Gesicht scheint eine Utopie zu versprechen, die jenseits dieser verdunkelten und versperrten Welt ihren Platz haben muß. Selbst Jack the Ripper läßt sich von diesem Zauber in Bann ziehen, wirft das Messer fort, um als Unschuldiger mit Lulu zusammenzukommen, er will ein anderer sein. Die intime Stille, die dann beide oben in der Mansarde umgibt, die zärtliche Innigkeit, mit der sie sich unter dem Mistelzweig küssen und wie Kinder in die Kerzenflamme sehen, beruhigt durch den Weihnachtsfrieden, schließt zwei Au­ßenseiter der bürgerlichen Gesellschaft zu­sammen, zwei inkommensurable, unbere­chenbare und unzugängliche Figuren. Pabst inszeniert Lulus Körper, als stamme er aus der Zeit vor dem Sündenfall: Brooks ist ständig in Bewegung, selbst wenn sie steht. Leichte graziöse und anscheinend un­willkürliche Gebärden, Körperdrehungen, Neigungen des Kopfes machen sie zum Sinnbild unverkrampften Lebens, völlig un­beschädigt von Ehrgeiz, kalten Absichten oder rabiaten Gelüsten. Die weit entfernt voneinander ansetzenden Augenbrauen, die schöne Symmetrie ihres Gesichtes, über­wölbt vom schwarzen Helm ihrer Pagenfri­sur, verleihen ihrer Physiognomie Offenheit, Unverstelltheit. Das Schimmern der Augen und das entspannte heitere Lächeln schei­nen den Zwangscharakter der Betrachter, deren Vorbehalte, Grimm oder Neid, aufzu­lösen. Brooks' Gesicht ist frei von melodra­matischen Zügen, sie kann für Momente ernst und besorgt aussehen, doch verfliegen diese Schatten des schweren Lebens schnell wieder. Die Büchse der Pandora fand zunächst keinen starken Publikumszuspruch - viel­leicht, weil der Film eine Art Umschuldung vornimmt, die radikaler als bei Frank Wede­kind ausfällt: Nicht in Lulu ist das Böse zu suchen, sondern in denen, die sie >beherr­schen< wollen."


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