Walter Benjamin

Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten.
Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht.

Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, Band I, Seite 1241.

28.04.13

Einhorn, Phoenix, Drache

In seinem Buch "Einhorn, Phoenix, Drache, woher unsere Fabeltiere kommen" (Frankfurt a. M. 2012) bietet der Biologe Josef H. Reichholf zoologische Erklärungen für Fabelwesen aus der antiken und mittelalterlichen Sagenwelt. Kulturwissenschaftliche oder psychologische Erklärungsversuche werden nicht erwähnt. Im Gegensatz zu Reichholfs Buch "Warum die Menschen sesshaft wurden", das auf 300 Seiten eine These entfaltet, handelt es sich bei seinem neuen Buch um einen Sammelband, dessen Kapitel auch einzeln gelesen werden können. Überzeugend sind das Kapitel über den Phoenix, dessen natürliches Vorbild laut Reichholf der Flamingo gewesen sei, das Kapitel über die zwölf Aufgaben des Herakles, das ausführliche, aber schon andernorts veröffentlichte Kapitel über das Einhorn, das mit der ostafrikanischen Oryxantilope in Verbindung gebracht wird und die sehr kurzen Kapitel über Pan und die Zyklopen. Das Kapitel über den Drachen wirft eher Fragen für ein Forschungsprogramm auf, als dass es eine schon fertige, schlüssige Argumentation liefert. Reichholfs These lautet, dass man von den chinesischen Drachen, die auf  Prozessionen von Menschen gespielt werden, ausgehen müsse. Möglicherweise diente ein ähnliches Schauspiel im Europa der Völkerwanderungszeit, in welcher z.B. die Nibelungensage entstand, zur Abschreckung. Der Autor wirft die Frage auf, ob sich umherziehende Gruppen, die auf der Suche nach Edelmetallen Bergbau betrieben, als Drachen maskierten und einen Budenzauber veranstalteten, um die lokale Bevölkerung einzuschüchtern. Reichholf gibt zu, dass hier nun Geschichtsforscher weitermachen müssten.

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