Ich habe den Schlußpunkt der Burgtheaterherrlichkeit entdeckt. Den toten Punkt, über den kein Burgtheaterrektor hinaus kommt. Nichts hilft dieser Punkt trägt an allem Schuld. Man glaubt natürlich, daß ich den „Dunklen Punkt“ meine, der jetzt im Burgtheater gespielt wird. Aber die schlechte Literatur hat das Burgtheater nicht herunter gebracht; das behaupten nur jene theaterfremden Kritiker, denen es nicht gelungen ist, ihre eigene schlechte Literatur dem Burgtheater anzuhängen. Was ich nun meine, wird man erst verstehen, wenn man sich vor die front des Burgtheaters stellt und dort hinaufschaut, wo Apollo, bekanntlich einer der beliebtesten Götter Wiens, seinen Wohnsitz hat. Zu seinen Füßen wird man in mannshohen Lettern die Aufschrift finden:
K. K. HOFBURGTHEATER .
Punkt! darüber komme ich nicht
weg. Diesem Punkt gebe ich die Schuld, daß die künstlerische Entwicklung ins
Stocken geraten ist. (...)
Karl Kraus, Der Punkt, in: Die Katastrophe der Phrasen. Glossen 1910-1918, Frankfurt 1994,S. 10.
Karl Kraus, Der Punkt, in: Die Katastrophe der Phrasen. Glossen 1910-1918, Frankfurt 1994,S. 10.
Leave Your
Language Alone!
Robert A. Hall, 1950
Die Diskussion über das Für und Wider sprachlicher
Normierung durchzog fast alle Sitzungen unseres Linguistik Seminars im
Wintersemester. Während die eine Fraktion immer wieder für den
neutralen Blick auf die Alltagssprache eintrat und betonte, dass Sprachwandel
nicht gleich Sprachverfall sei, vielmehr die Sprache so sei, wie sie ist und
also kein Grund bestehe für überhebliche Kritik und konservativen
Normierungswahn, meldeten andere Bedenken an. Sie erhoben Einspruch gegen diese
Wertungsallergie, etwa indem sie sagten, es bestehe doch ein öffentliches
Interesse an einer intakten und gemeinsamen Sprache und daher sei es durchaus
notwendig, korrigierend und in kritischer Absicht einzugreifen, dieser Flügel
bezog sich dann in Referaten z.B. auf aktuell prominente Sprachkritiker wie
Bastian Sick.
Dass sich diese
beiden Positionen, vertreten von der Sprachwissenschaft auf der einen, und von
der feuilletonistischen Sprachkritik auf der anderen Seite, seit 60 Jahre
gegenüberstehen, war mir im Seminar nicht klar geworden. Dieter Zimmer,
langjähriger Zeit-Redakteur, Übersetzer und Nabokov-Herausgeber nimmt
diesen Dissens, Linguistik vs. Sprachkritik, als Aufhänger für sein 2005 erschienenes Buch über Sprache in Zeiten ihrer Unverbesserlichkeit.
Ihren Beginn
nimmt die Fehde in den sechziger Jahren, bei dem Streit über die
„unmenschlichen“ Wörter. In der Sprachglossensammlung Das Wörterbuch des
Unmenschen hatte gleich nach dem Krieg der Publizist Dolf Sternberger
fünfunddreißig Wörter als nazistisch und in einem allgemeineren Sinn als
unmenschlich gebrandmarkt, allerdings keine echten Naziwörter wie Endlösung,
Gefolgschaft oder Rassenschande, sondern heute recht unverdächtig
wirkende Vokabeln wie Anliegen, erarbeiten oder betreuen. Sternberger
erklärte damals, der „Unmensch“ habe, mit Hilfe der Vorsilbe be-, die
Unterwerfung signalisiere, aus dem zutiefst menschlichen Wort Treue ein
transitives, zupackendes Verb abgeleitet, das sein personales Akkusativobjekt
des eigenen Willens beraube. Betreuung sei etwas, das dem Menschen angetan werde
und ihn „als eigenes Wesen auslöscht“. Vorher habe man nur jemandem treu
sein können, Dativ; jetzt sei er betreut und damit entpersönlicht worden. Es ist
nicht klar, ob bei Sternberger die Sprache oder die Wirklichkeit oder beides das Ziel der
Kritik war. „Der Verderb der Sprache ist der Verderb des Menschen“, stellte er fest und brachte damit zum Ausdruck, dass die Sprache nicht nur die
gesellschaftlichen Verhältnisse widerspiegle, sondern auf sie zurückwirke.
Genauer bestimmte er diesen Zusammenhang allerdings nicht. Der Einspruch der
Linguistik kam 14 Jahre später, als Herbert Kolb den Akkusativ von der Anklage
der Unmenschlichkeit freisprach. Er wies nach, dass es im Deutschen seit
Jahrhunderten einen Hang zur Transitivierung der Verben und damit weg von
Genitiv und Dativ, hin zum Akkusativ gibt und begründete diese Entwicklung mit
den Vorteilen des Akkusativs.
Zimmer zeichnet
den Verlauf der Debatte, die damit ihren Anfang nahm, zu Beginn seines Buches
nach. Sie führte dazu, dass die Linguistik sich auf den Standpunkt
wissenschaftlicher Neutralität zurückzog, um fürderhin wertneutral die Sprache
zu beobachten. Normative Eingriffe in des Objekt der Untersuchung lehnte sie
als überflüssig ab. Zimmer sieht darin die „apologetische Tendenz“ der
Sprachwissenschaft und entwickelt Kriterien mit denen sich Sprache durchaus
bewerten lässt, z.B. das der Verständlichkeit. Um eine Sprache ausdrucksstark
und präzise zu halten, seien normative Eingriffe durchaus legitim und
erforderlich. Davon überzeugt die Auswertung eines größeren Textkorpus aus dem
Internet, dessen Alltagsdeutsch nicht mehr nur ungenau ist. Die notwendigen
Bemühungen um Präzision seien allerdings nicht zu verwechseln mit
Sprachpurismus wie ihn z.b. der Verein deutsche Sprache propagiert.
Eine einfühlsame
Verteidigung der Qualitätsunterschiede und des philologischen Eros gegen die
reine Beschreibung von Sprachstrukturen ist es, die Zimmers Buch seine Richtung
gibt. Nicht die Norm des Oberlehrers sondern die Feinheit des Sprachgebrauchs
liegt ihm am Herzen. Dies gibt ihm Gelegenheit, in unterschiedlichen Kapiteln
über die faktische Situation unserer Sprache ebenso zu unterrichten wie über
Theorien zur Erklärung der menschlichen Sprache überhaupt. Nach ausführlicher
Beschäftigung mit Noam Chomskys Lehre von der allen gleichermaßen angeborenen
Sprachkompetenz kann er dann am Schluss um so eleganter zustoßen: Wer Sprache
nur als „Naturphänomen“ betrachte, der falle auch im Kampf um die
Ausdrucksvielfalt und angemessene Verwendung der einzelnen Sprachen aus.
Auf dem Weg zu
diesem Urteil lesen wir von Zimmer ein ausgewogenes Kapitel über das Reizthema
der Anglizismen - hier wie überall hat er eine anschauliche Beispielsammlung
zur Hand („Wenn wir das Paper so submitten, machen wir einen schönen Punkt.“)
Er plädiert dafür, die alte Integrationskraft des Deutschen zu beleben, anstatt
den unsinnigen Versuch zu unternehmen, die englischen Fremdwörter wieder
auszuweisen. Bedenkenswert und gegenüber den Neuerungen aufgeschlossen ist auch
Zimmers Abschnitt über die Rechtschreibreform. Nüchtern wägt er Vorteile und
Mängel gegeneinander ab und fügt eine tabellarische Chronik der Veränderungen
vom 17. Jahrhundert bis heute an. Zu begrüßen seien beispielsweise die Eindeutschung von Fremdwörtern (Delfin), falsch sind Ethymologien die
Änderungen zu Grunde gelegt wurden, so heißt es nun belämmert statt wie
bisher belemmert, obwohl es nichts mit dem Lamm zu tun hat.
Sowenig wie einbläuen, ehemals einbleuen, von blau
abstammt.
Da fährt Andreas
Thalmayr - alias Hans Magnus Enzensberger - in seinem Buch Heraus mit der
Sprache andere Kaliber auf: „Es haben sich die Didaktiker und Agenten des
Duden-Monopols vor Jahren in irgendwelchen Hinterzimmern zusammengerottet“,
heißt es da, „um mit der deutschen Sprache gründlich aufzuräumen. Ein Kreis von
Legasthenikern, der es zu Ministerämtern gebracht hat, deckt, vermutlich aus
Größenwahn und Eitelkeit, diese Leute und möchte uns vorschreiben, wie wir zu
schreiben haben.“
Trotz der
Schärfe in dieser Sache handelt es sich bei Heraus mit der Sprache um
das harmlosere Buch. Nur einen längeren Spaziergang will der Autor machen, auf
dem alle möglichen Phänomene der deutschen Sprache von der Anredeform über das
Tempus bis zu den Volksethymologien besehen und erläutert werden. Auch das
obligatorische Kapitel über die Anglizismen fehlt nicht. Während es Zimmer
gelingt, Sprachwissenschaft flüssig darzustellen, geht Tahlmayr ein Bündnis ein
mit allen, denen grammatische Fachbegriffe nichts sagen: „Ein Leser, der sich das
nicht merken kann oder will, hat das volle Verständnis des Verfassers.“
Dennoch ist Heraus mit der Sprache ein ebenso kurzweiliges wie
lehrreiches Buch, das dazu anstößt, den eigenen Wortschatz zu erweitern, z.B.
mit den Beschimpfungen des Barock-Dichters Johann Fischart: Schnudelbutzen,
Lungkitzlige Backenhalter und Schwappelschwäble. Solche Sammlungen
verlorengegangener und vergessener Formeln finden sich einige in diesem Buch.
Noch einfallsreicher als die Schimpfwörter waren Möglichkeiten Briefe zu beenden:
Niemand kann
Sie mit mehrerer Verehrung anerkennen als Ihr ergebenster...
Schenken Sie
ferner Ihr Wohlwollen Ihrem stets treu angehörigen...
Der das
Vergnügen hat, mit vorzüglicher Achtung zu sein ganz der Ihre...
Ich habe die
Ehre zu sein, mein Herr, Alles, wozu Pflicht und Zuneigung mich verbinden...
Dezidiert pädagogischer Art ist dagegen das Anliegen der
Zwiebelfisch-Kolumnen von Bastian Sick, die bei Spiegel-Online
erscheinen. Sie liegen inzwischen in zwei erfolgreichen Taschenbüchern vor. Auf
jeweils drei bis fünf Seiten beschreibt Sick in kurzen Essays je ein
alltägliches Problem oder einen Zweifelsfall des Sprachgebrauchs, erklärt die
Regeln und fast sie am Ende jedes Kapitels stichwortartig zusammen.
Wer also schon immer wissen wollte ob es die oder das Nutella heißt, was
die Mehrzahl von Espresso ist, ob wegen den Dativ oder den Genitiv nach
sich zieht, wann man den Apostroph setzt (wie geht’s oder wie gehts` ?)
oder ob es im Irak oder in Irak heißt, der kann sich hier auf
unterhaltsame Weise belehren lassen. Eher oberflächlich bleiben die Aufsätze
dort, wo sie sich an der Kritik von Phrasen (Wir bitten um Verständnis),
verunglückten Redewendungen (Geschickt
fährt er zurzeit zweigleisig auf der Medienschiene) oder Stilblüten (brutalst
möglich) versucht. Das gerät häufig zur Aneinanderreihung von sprachlichen
Mißgriffen, die einem schon häufig genug in Zeitungen und Reden von Politikern
begegnen. Dass es, ließt man
ungerechterweise zum Vergleich die Glossen von Karl Kraus, die Sprach -
und Ideologiekritik vereinten, den Beobachtungen von Sick an Tiefe mangelt und
seine Formulierungen oft banal oder platt daher kommen, kontrastiert mit dem
überheblichen Ton, den er zuweilen anschlägt. Etwa wenn im Klappentext
angekündigt wird, Sick werde den Sprachmüll sortieren oder wenn er das
verdoppelte Perfekt (das hab ich mir fast schon gedacht gehabt) als
„Hausfrauen-Perfekt“ denunziert. Die Selbststilisierung zum Stilgärtner der
alle Hände voll zu tun hat, Unkraut, schlimmer als Quecke, herauszureißen
(197) und sich im Kampf befindet gegen wuchernde Plagen, stimmt
mißtrauisch. An dieser Stelle hat es der Autor auf das harmlose Wörtchen durch
abgesehen, das in manchen Sätzen überflüssig sein mag (Bücher werden durch
Autoren geschrieben). Solche Invektiven erweisen der Sache - d.h. der
Sprache - einen Bärendienst und sind wohl nicht geeignet, die Kluft zwischen
Sprachwissenschaft und Sprachkritikern, in diesem Fall wäre wohl eher von einem
Sprachpolizisten zu reden, abzubauen.
Andreas Thalmayr, Heraus mit der Sprache. Ein bisschen
Deutsch für Deutsche, Österreicher, Schweizer und andere Aus- und Inländer.
Hanser Verlag, München und Wien 2005. 192 Seiten.
Dieter E. Zimmer, Sprache in Zeiten ihrer
Unverbesserlichkeit, Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2005. 377 Seiten.
Bastian Sick, Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod. Ein
Wegweiser durch den Irrgarten der deutschen Sprache. Die Zwiebelfisch Kolumnen
von Spiegel Online, Kiepenheuer & Witsch Köln 2004.
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