Walter Benjamin

Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten.
Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht.

Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, Band I, Seite 1241.

31.10.12

Über die Sprachkritik zur Linguistik


Ich habe den Schlußpunkt der Burgtheaterherrlichkeit entdeckt. Den toten Punkt, über den kein Burgtheaterrektor hinaus kommt. Nichts hilft dieser Punkt trägt an allem Schuld. Man glaubt natürlich, daß ich den „Dunklen Punkt“ meine, der jetzt im Burgtheater gespielt wird. Aber die schlechte Literatur hat das Burgtheater nicht herunter gebracht; das behaupten nur jene theaterfremden Kritiker, denen es nicht gelungen ist, ihre eigene schlechte Literatur dem Burgtheater anzuhängen. Was ich nun meine, wird man erst verstehen, wenn man sich vor die front des Burgtheaters stellt und dort hinaufschaut, wo Apollo, bekanntlich einer der beliebtesten Götter Wiens, seinen Wohnsitz hat. Zu seinen Füßen wird man in mannshohen Lettern die Aufschrift finden:
K. K. HOFBURGTHEATER .
Punkt! darüber komme ich nicht weg. Diesem Punkt gebe ich die Schuld, daß die künstlerische Entwicklung ins Stocken geraten ist. (...) 
Karl Kraus, Der Punkt, in: Die Katastrophe der Phrasen. Glossen 1910-1918, Frankfurt 1994,S. 10.

Leave Your Language Alone!
Robert A. Hall, 1950

Die Diskussion über das Für und Wider sprachlicher Normierung durchzog fast alle Sitzungen unseres Linguistik Seminars im Wintersemester. Während die eine Fraktion immer wieder für den neutralen Blick auf die Alltagssprache eintrat und betonte, dass Sprachwandel nicht gleich Sprachverfall sei, vielmehr die Sprache so sei, wie sie ist und also kein Grund bestehe für überhebliche Kritik und konservativen Normierungswahn, meldeten andere Bedenken an. Sie erhoben Einspruch gegen diese Wertungsallergie, etwa indem sie sagten, es bestehe doch ein öffentliches Interesse an einer intakten und gemeinsamen Sprache und daher sei es durchaus notwendig, korrigierend und in kritischer Absicht einzugreifen, dieser Flügel bezog sich dann in Referaten z.B. auf aktuell prominente Sprachkritiker wie Bastian Sick.
Dass sich diese beiden Positionen, vertreten von der Sprachwissenschaft auf der einen, und von der feuilletonistischen Sprachkritik auf der anderen Seite, seit 60 Jahre gegenüberstehen, war mir im Seminar nicht klar geworden. Dieter Zimmer, langjähriger Zeit-Redakteur, Übersetzer und Nabokov-Herausgeber nimmt diesen Dissens, Linguistik vs. Sprachkritik, als Aufhänger für sein 2005 erschienenes Buch über Sprache in Zeiten ihrer Unverbesserlichkeit.
Ihren Beginn nimmt die Fehde in den sechziger Jahren, bei dem Streit über die „unmenschlichen“ Wörter. In der Sprachglossensammlung Das Wörterbuch des Unmenschen hatte gleich nach dem Krieg der Publizist Dolf Sternberger fünfunddreißig Wörter als nazistisch und in einem allgemeineren Sinn als unmenschlich gebrandmarkt, allerdings keine echten Naziwörter wie Endlösung, Gefolgschaft oder Rassenschande, sondern heute recht unverdächtig wirkende Vokabeln wie Anliegen, erarbeiten oder betreuen. Sternberger erklärte damals, der „Unmensch“ habe, mit Hilfe der Vorsilbe be-, die Unterwerfung signalisiere, aus dem zutiefst menschlichen Wort Treue ein transitives, zupackendes Verb abgeleitet, das sein personales Akkusativobjekt des eigenen Willens beraube. Betreuung sei etwas, das dem Menschen angetan werde und ihn „als eigenes Wesen auslöscht“. Vorher habe man nur jemandem treu sein können, Dativ; jetzt sei er betreut und damit entpersönlicht worden. Es ist nicht klar, ob bei Sternberger die Sprache oder die Wirklichkeit oder beides das Ziel der Kritik war. „Der Verderb der Sprache ist der Verderb des Menschen“, stellte er fest und brachte damit zum Ausdruck, dass die Sprache nicht nur die gesellschaftlichen Verhältnisse widerspiegle, sondern auf sie zurückwirke. Genauer bestimmte er diesen Zusammenhang allerdings nicht. Der Einspruch der Linguistik kam 14 Jahre später, als Herbert Kolb den Akkusativ von der Anklage der Unmenschlichkeit freisprach. Er wies nach, dass es im Deutschen seit Jahrhunderten einen Hang zur Transitivierung der Verben und damit weg von Genitiv und Dativ, hin zum Akkusativ gibt und begründete diese Entwicklung mit den Vorteilen des Akkusativs.
Zimmer zeichnet den Verlauf der Debatte, die damit ihren Anfang nahm, zu Beginn seines Buches nach. Sie führte dazu, dass die Linguistik sich auf den Standpunkt wissenschaftlicher Neutralität zurückzog, um fürderhin wertneutral die Sprache zu beobachten. Normative Eingriffe in des Objekt der Untersuchung lehnte sie als überflüssig ab. Zimmer sieht darin die „apologetische Tendenz“ der Sprachwissenschaft und entwickelt Kriterien mit denen sich Sprache durchaus bewerten lässt, z.B. das der Verständlichkeit. Um eine Sprache ausdrucksstark und präzise zu halten, seien normative Eingriffe durchaus legitim und erforderlich. Davon überzeugt die Auswertung eines größeren Textkorpus aus dem Internet, dessen Alltagsdeutsch nicht mehr nur ungenau ist. Die notwendigen Bemühungen um Präzision seien allerdings nicht zu verwechseln mit Sprachpurismus wie ihn z.b. der Verein deutsche Sprache propagiert.
Eine einfühlsame Verteidigung der Qualitätsunterschiede und des philologischen Eros gegen die reine Beschreibung von Sprachstrukturen ist es, die Zimmers Buch seine Richtung gibt. Nicht die Norm des Oberlehrers sondern die Feinheit des Sprachgebrauchs liegt ihm am Herzen. Dies gibt ihm Gelegenheit, in unterschiedlichen Kapiteln über die faktische Situation unserer Sprache ebenso zu unterrichten wie über Theorien zur Erklärung der menschlichen Sprache überhaupt. Nach ausführlicher Beschäftigung mit Noam Chomskys Lehre von der allen gleichermaßen angeborenen Sprachkompetenz kann er dann am Schluss um so eleganter zustoßen: Wer Sprache nur als „Naturphänomen“ betrachte, der falle auch im Kampf um die Ausdrucksvielfalt und angemessene Verwendung der einzelnen Sprachen aus.
Auf dem Weg zu diesem Urteil lesen wir von Zimmer ein ausgewogenes Kapitel über das Reizthema der Anglizismen - hier wie überall hat er eine anschauliche Beispielsammlung zur Hand („Wenn wir das Paper so submitten, machen wir einen schönen Punkt.“) Er plädiert dafür, die alte Integrationskraft des Deutschen zu beleben, anstatt den unsinnigen Versuch zu unternehmen, die englischen Fremdwörter wieder auszuweisen. Bedenkenswert und gegenüber den Neuerungen aufgeschlossen ist auch Zimmers Abschnitt über die Rechtschreibreform. Nüchtern wägt er Vorteile und Mängel gegeneinander ab und fügt eine tabellarische Chronik der Veränderungen vom 17. Jahrhundert bis heute an. Zu begrüßen seien beispielsweise die Eindeutschung von Fremdwörtern (Delfin), falsch sind Ethymologien die Änderungen zu Grunde gelegt wurden, so heißt es nun belämmert statt wie bisher belemmert, obwohl es nichts mit dem Lamm zu tun hat. Sowenig wie einbläuen, ehemals einbleuen, von blau abstammt.
Da fährt Andreas Thalmayr - alias Hans Magnus Enzensberger - in seinem Buch Heraus mit der Sprache andere Kaliber auf: „Es haben sich die Didaktiker und Agenten des Duden-Monopols vor Jahren in irgendwelchen Hinterzimmern zusammengerottet“, heißt es da, „um mit der deutschen Sprache gründlich aufzuräumen. Ein Kreis von Legasthenikern, der es zu Ministerämtern gebracht hat, deckt, vermutlich aus Größenwahn und Eitelkeit, diese Leute und möchte uns vorschreiben, wie wir zu schreiben haben.“
Trotz der Schärfe in dieser Sache handelt es sich bei Heraus mit der Sprache um das harmlosere Buch. Nur einen längeren Spaziergang will der Autor machen, auf dem alle möglichen Phänomene der deutschen Sprache von der Anredeform über das Tempus bis zu den Volksethymologien besehen und erläutert werden. Auch das obligatorische Kapitel über die Anglizismen fehlt nicht. Während es Zimmer gelingt, Sprachwissenschaft flüssig darzustellen, geht Tahlmayr ein Bündnis ein mit allen, denen grammatische Fachbegriffe nichts sagen: „Ein Leser, der sich das nicht merken kann oder will, hat das volle Verständnis des Verfassers.“ Dennoch ist Heraus mit der Sprache ein ebenso kurzweiliges wie lehrreiches Buch, das dazu anstößt, den eigenen Wortschatz zu erweitern, z.B. mit den Beschimpfungen des Barock-Dichters Johann Fischart: Schnudelbutzen, Lungkitzlige Backenhalter und Schwappelschwäble. Solche Sammlungen verlorengegangener und vergessener Formeln finden sich einige in diesem Buch. Noch einfallsreicher als die Schimpfwörter waren Möglichkeiten Briefe zu beenden:
Niemand kann Sie mit mehrerer Verehrung anerkennen als Ihr ergebenster...
Schenken Sie ferner Ihr Wohlwollen Ihrem stets treu angehörigen...
Der das Vergnügen hat, mit vorzüglicher Achtung zu sein ganz der Ihre...
Ich habe die Ehre zu sein, mein Herr, Alles, wozu Pflicht und Zuneigung mich verbinden...

Dezidiert pädagogischer Art ist dagegen das Anliegen der Zwiebelfisch-Kolumnen von Bastian Sick, die bei Spiegel-Online erscheinen. Sie liegen inzwischen in zwei erfolgreichen Taschenbüchern vor. Auf jeweils drei bis fünf Seiten beschreibt Sick in kurzen Essays je ein alltägliches Problem oder einen Zweifelsfall des Sprachgebrauchs, erklärt die Regeln und fast sie am Ende jedes Kapitels stichwortartig zusammen.
Wer also schon immer wissen wollte ob es die oder das Nutella heißt, was die Mehrzahl von Espresso ist, ob wegen den Dativ oder den Genitiv nach sich zieht, wann man den Apostroph setzt (wie geht’s oder wie gehts` ?) oder ob es im Irak oder in Irak heißt, der kann sich hier auf unterhaltsame Weise belehren lassen. Eher oberflächlich bleiben die Aufsätze dort, wo sie sich an der Kritik von Phrasen (Wir bitten um Verständnis), verunglückten Redewendungen (Geschickt fährt er zurzeit zweigleisig auf der Medienschiene) oder Stilblüten (brutalst möglich) versucht. Das gerät häufig zur Aneinanderreihung von sprachlichen Mißgriffen, die einem schon häufig genug in Zeitungen und Reden von Politikern begegnen. Dass es, ließt man  ungerechterweise zum Vergleich die Glossen von Karl Kraus, die Sprach - und Ideologiekritik vereinten, den Beobachtungen von Sick an Tiefe mangelt und seine Formulierungen oft banal oder platt daher kommen, kontrastiert mit dem überheblichen Ton, den er zuweilen anschlägt. Etwa wenn im Klappentext angekündigt wird, Sick werde den Sprachmüll sortieren oder wenn er das verdoppelte Perfekt (das hab ich mir fast schon gedacht gehabt) als „Hausfrauen-Perfekt“ denunziert. Die Selbststilisierung zum Stilgärtner der alle Hände voll zu tun hat, Unkraut, schlimmer als Quecke, herauszureißen (197) und sich im Kampf befindet gegen wuchernde Plagen, stimmt mißtrauisch. An dieser Stelle hat es der Autor auf das harmlose Wörtchen durch abgesehen, das in manchen Sätzen überflüssig sein mag (Bücher werden durch Autoren geschrieben). Solche Invektiven erweisen der Sache - d.h. der Sprache - einen Bärendienst und sind wohl nicht geeignet, die Kluft zwischen Sprachwissenschaft und Sprachkritikern, in diesem Fall wäre wohl eher von einem Sprachpolizisten zu reden, abzubauen.

Andreas Thalmayr, Heraus mit der Sprache. Ein bisschen Deutsch für Deutsche, Österreicher, Schweizer und andere Aus- und Inländer. Hanser Verlag, München und Wien 2005. 192 Seiten.

Dieter E. Zimmer, Sprache in Zeiten ihrer Unverbesserlichkeit, Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2005. 377 Seiten.


Bastian Sick, Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod. Ein Wegweiser durch den Irrgarten der deutschen Sprache. Die Zwiebelfisch Kolumnen von Spiegel Online, Kiepenheuer & Witsch Köln 2004.

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