Walter Benjamin
Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten.
Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht.
Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, Band I, Seite 1241.
Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht.
Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, Band I, Seite 1241.
16.11.13
12.11.13
carlos - der film
Christoph Bach als Hans-Joachim Klein, genannt „Angie“ im Film Carlos, der Schakal
Regie: Olivier Assayas, 2010
Hans Joachim Klein schreibt in dieser Filmszene ein Brief an die Presse, um seinen Ausstieg zu erklären. Einen solchen Brief veröffentlichte der Spiegel im Mai 1977 tatsächlich. Klein schreibt darin, er wolle zwei Morde verhindern, es seien Anschläge auf Heinz Galinski und auf den Präsidenten der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt Ignaz Lipinski geplant. Die Revolutionären Zellen veröffentlichten darauf in der Zeitschrift Pflasterstrand (vom 2.6.77) eine Antwort, in der sie Klein zunächst mehrfach vorwerfen er lüge und er unterstelle ihnen "faschistische Überlegungen für menschenverachtende Aktionen". Man denkt nun beim Lesen, im nächsten Schritt würden die Autoren den Versuch unternehmen, zu beweisen, dass der Antisemitismus nicht zum politischen Programm der Revolutionären Zellen gehöre. Das Gegenteil ist der Fall: Sie fordern auf "zu überlegen, welche RolleGalinski spielt für die Verbrechen des Zionismus, für die Grausamkeiten der imperialistischen Armee Israels, welche Propaganda- und materielle Unterstützungsfunktion dieser Typ hat, der alles andere ist als nur jüdischer Gemeindevorsitzender, und: was man in diesem Land dagegen machen kann."
Carlos, der Bündnispartner der RZ, konvertierte laut wikiepdia in der Haft zum Islam. Er trat in einen Briefwechsel mit dem venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez ein und veröffentlichte im Juni 2003 das Buch Revolutionärer Islam, in dem er versucht, Terrorismus als ein Mittel des Freiheitskampfes zu erklären und zu verteidigen. Er äußerte auch seine Unterstützung für Osama bin Laden und die Terroranschläge am 11. September 2001.
08.11.13
Schule des Sehens
Für ein Filmfestival in Brasilien schrieb Georg Seeßlen diese Zwischenbilanz zu den Filmen der sogenannten Berliner Schule. Zuletzt sah ich die in diesem Kreis entstandene Triologie Dreileben: ein klassenkämpferischer Liebesfilm von Christian Petzold, ein nostalgischer von Dominik Graf und ein rückwärts gewickelter Krimi von Christoph Hochhäusler spielen alle am selben Ort und auch die Figuren treten in den Filmen des jeweils anderen auf. So ensteht, wie in Fernsehserien, ein kleiner Kosmos, allerdings nicht durch die Dehnung der erzählten Zeit, sondern durch die dreifache Perspektive auf die Protagonisten: In jedem der drei Filme stehen andere im Vordergrund.
03.11.13
Provinz
ANDREAS FANIZADEH, Taz 03.06.2011
Die Welt in die Provinz geholt
"Die Wolke", Buchhandlung in Ravensburg, gibt auf
Die Buchhandlung "Wolke" in Ravensburg gehörte zu dem Netz engagierter Buchhandlungen, die sich in Westdeutschland im Gefolge der außerparlamentarischen Bewegungen gründete. Als Matthias Bräuning und Bärbel Magin ihren kleinen Laden 1980 in der Ravensburger Altstadt eröffneten, gab es kein Internet, zum Plattenladen fuhr man nach Stuttgart, Zürich oder München, und Kneipen schlossen in der 50.000 Einwohner zählenden Stadt um 23 Uhr.
Der Zugang zur Welt war medial mühsam, man musste selber etwas dafür tun. Die Buchhandlung in der Ravensburger Altstadt wurde neben Jugendhaus oder Gasthaus Räuberhöhle zum Treff lokaler Außenseiter. Punk und existenzialistische Literatur erweiterten Anfang der 1980er Jahre den provinziellen Blick. Es war kein kleines Kunststück, in dieser tendenziell kultur- und intellektuellenfeindlichen Umgebung ein Geschäft wie "Die Wolke" zu etablieren. Sie brachte Buch- und Subkultur in den frühen 1980er Jahren zusammen und pflegte eine literarisch-snobistische Haltung, die mit einfachen Klassen- oder Parteidogmen nichts zu tun hatte. Selber kaum mehr als Hartz IV zu verdienen, aber dennoch selbstbestimmt zu bleiben und mit Wohlhabenden Wein zu trinken, es schließt sich nicht aus.
An Orten wie Ravensburg waren die Grünen schon früh sehr stark, doch war die Stadt lange eine Hochburg des unaufgeklärten Flügels der baden-württembergischen CDU. Da stellten schon etwas anders gestaltete Schaufenster eine unglaubliche Provokation dar, speziell wenn es um Moral- und Sexualvorstellungen ging, und zogen Steine und Brandsätze nach sich. Doch heute ist vieles anders. Mit dem biologischen Ableben der NS-geprägten Generation ist auch auf dem Land das Leben liberaler geworden. Die Butzenfenster sind aus den Wirtshäusern verschwunden und Gedenksteine erinnern auch in Oberschwaben an ermordete Juden und Sinti und Roma. Doch mit den gepflegten Fußgängerzonen und der schönen neuen Amazon-Welt verschwinden auch die einst im Gegensatz zur alten Welt errichteten Territorien.
Das neue Offene, es wird auch anonymer werden und vielleicht ist das auch gut so. Jedenfalls sind es die Bräunings und Magins, deren - welch antikes Wort - Basisarbeit den geistigen Umschwung im Ländle Richtung Kretsch und Grün-Rot erst mit ermöglichte. Ein Toast auf die letzten Bohemiens dieser untergehenden temporären autonomen Zonen, die nicht in die Großstädte flüchteten und dennoch Großstädter waren, die im Sommer auf der Alm Vieh hüteten, um im Winter den Höhlenbewohnern der Stadt gute Literatur zu verkaufen. Die gibt es, falls Sie in der Nähe sein sollten, noch bis 11. Juni zum halben Preis.
Ein Toast auf die letzten Bohemiens dieser untergehenden autonomen Zonen!
Die Welt in die Provinz geholt
"Die Wolke", Buchhandlung in Ravensburg, gibt auf
Die Buchhandlung "Wolke" in Ravensburg gehörte zu dem Netz engagierter Buchhandlungen, die sich in Westdeutschland im Gefolge der außerparlamentarischen Bewegungen gründete. Als Matthias Bräuning und Bärbel Magin ihren kleinen Laden 1980 in der Ravensburger Altstadt eröffneten, gab es kein Internet, zum Plattenladen fuhr man nach Stuttgart, Zürich oder München, und Kneipen schlossen in der 50.000 Einwohner zählenden Stadt um 23 Uhr.
Der Zugang zur Welt war medial mühsam, man musste selber etwas dafür tun. Die Buchhandlung in der Ravensburger Altstadt wurde neben Jugendhaus oder Gasthaus Räuberhöhle zum Treff lokaler Außenseiter. Punk und existenzialistische Literatur erweiterten Anfang der 1980er Jahre den provinziellen Blick. Es war kein kleines Kunststück, in dieser tendenziell kultur- und intellektuellenfeindlichen Umgebung ein Geschäft wie "Die Wolke" zu etablieren. Sie brachte Buch- und Subkultur in den frühen 1980er Jahren zusammen und pflegte eine literarisch-snobistische Haltung, die mit einfachen Klassen- oder Parteidogmen nichts zu tun hatte. Selber kaum mehr als Hartz IV zu verdienen, aber dennoch selbstbestimmt zu bleiben und mit Wohlhabenden Wein zu trinken, es schließt sich nicht aus.
An Orten wie Ravensburg waren die Grünen schon früh sehr stark, doch war die Stadt lange eine Hochburg des unaufgeklärten Flügels der baden-württembergischen CDU. Da stellten schon etwas anders gestaltete Schaufenster eine unglaubliche Provokation dar, speziell wenn es um Moral- und Sexualvorstellungen ging, und zogen Steine und Brandsätze nach sich. Doch heute ist vieles anders. Mit dem biologischen Ableben der NS-geprägten Generation ist auch auf dem Land das Leben liberaler geworden. Die Butzenfenster sind aus den Wirtshäusern verschwunden und Gedenksteine erinnern auch in Oberschwaben an ermordete Juden und Sinti und Roma. Doch mit den gepflegten Fußgängerzonen und der schönen neuen Amazon-Welt verschwinden auch die einst im Gegensatz zur alten Welt errichteten Territorien.
Das neue Offene, es wird auch anonymer werden und vielleicht ist das auch gut so. Jedenfalls sind es die Bräunings und Magins, deren - welch antikes Wort - Basisarbeit den geistigen Umschwung im Ländle Richtung Kretsch und Grün-Rot erst mit ermöglichte. Ein Toast auf die letzten Bohemiens dieser untergehenden temporären autonomen Zonen, die nicht in die Großstädte flüchteten und dennoch Großstädter waren, die im Sommer auf der Alm Vieh hüteten, um im Winter den Höhlenbewohnern der Stadt gute Literatur zu verkaufen. Die gibt es, falls Sie in der Nähe sein sollten, noch bis 11. Juni zum halben Preis.
Ein Toast auf die letzten Bohemiens dieser untergehenden autonomen Zonen!
02.11.13
Filme IV
Zero Dark Thirty, Regie: Kathryn Bigelow, 2012
Ein nicht kitschiger Film, weil er Widersprüche zeigt. Ausgehend von der islamistischen Gewalt des 11.9.2001 zeigt er die Jagd auf Osama bin Laden und rückt damit die staatlichte Gewalt in den Blick. Die CIA-Agentin Maya, deren Privatleben und deren Gefühle nicht gezeigt werden, personifiziert den Staat.
Lornas Schweigen, Regie: Jean-Pierre und Luc Dardenne, 2008
Ebenfalls ein sehr guter Film. Er erinnert an die Filme von Michael Haneke und Christian Petzold. Wikipedia zitiert einige treffende Pressestimmen:
Die Filmzeitschrift epd Film schrieb, das Kino der Brüder Dardennes sei eine „elliptische Kunst“. Was nicht wichtig sei für die innere Wahrheit einer Sequenz, werde ausgespart. Kein Bild, kein Ton scheine bei ihnen überflüssig. Die großen dramatischen Gesten verkneife man sich. Keine „aufstöhnende Musik, keine langwierigen Tränenausbrüche, keine ausgespielten inneren Abgründe. Und dennoch geht es um alles und das in jeder Einstellung. Um Sterben und Leben, Schuld und Unschuld. Und nichts davon ist eine Sache von Märtyrertum oder höherer Gerichtsbarkeit.“
Cinema bezeichnete den Film als „radikalen Realismus für Cineasten: Der Zuschauer als nüchterner Beobachter einer unsentimentalen Erzählung, die Durchhaltevermögen erfordert“, und kam zu dem Fazit „beklemmendes Kunstkino mit toller Darstellerin“.
Michael Ranze schrieb im Hamburger Abendblatt, der Film sei „eine hoch moralische und doch sehr einfache Geschichte über den Warenwert menschlicher Beziehungen.“ Lange habe man keinen Film mehr gesehen, in dem so oft Geld gezählt und übergeben, versteckt und gezahlt werde. Lorna lade dadurch, ihrem Traum von einem besseren Leben alles unterzuordnen, Schuld auf sich.
Ein nicht kitschiger Film, weil er Widersprüche zeigt. Ausgehend von der islamistischen Gewalt des 11.9.2001 zeigt er die Jagd auf Osama bin Laden und rückt damit die staatlichte Gewalt in den Blick. Die CIA-Agentin Maya, deren Privatleben und deren Gefühle nicht gezeigt werden, personifiziert den Staat.
Lornas Schweigen, Regie: Jean-Pierre und Luc Dardenne, 2008
Ebenfalls ein sehr guter Film. Er erinnert an die Filme von Michael Haneke und Christian Petzold. Wikipedia zitiert einige treffende Pressestimmen:
Die Filmzeitschrift epd Film schrieb, das Kino der Brüder Dardennes sei eine „elliptische Kunst“. Was nicht wichtig sei für die innere Wahrheit einer Sequenz, werde ausgespart. Kein Bild, kein Ton scheine bei ihnen überflüssig. Die großen dramatischen Gesten verkneife man sich. Keine „aufstöhnende Musik, keine langwierigen Tränenausbrüche, keine ausgespielten inneren Abgründe. Und dennoch geht es um alles und das in jeder Einstellung. Um Sterben und Leben, Schuld und Unschuld. Und nichts davon ist eine Sache von Märtyrertum oder höherer Gerichtsbarkeit.“
Cinema bezeichnete den Film als „radikalen Realismus für Cineasten: Der Zuschauer als nüchterner Beobachter einer unsentimentalen Erzählung, die Durchhaltevermögen erfordert“, und kam zu dem Fazit „beklemmendes Kunstkino mit toller Darstellerin“.
Michael Ranze schrieb im Hamburger Abendblatt, der Film sei „eine hoch moralische und doch sehr einfache Geschichte über den Warenwert menschlicher Beziehungen.“ Lange habe man keinen Film mehr gesehen, in dem so oft Geld gezählt und übergeben, versteckt und gezahlt werde. Lorna lade dadurch, ihrem Traum von einem besseren Leben alles unterzuordnen, Schuld auf sich.
Denis Diderot
Matthias Greffrath veröffentlichte in der Zeit vom 2.10. ein Porträt Diderots. Interessant ist, dass die Aufklärer des 18. Jahrhunderts die Encyclopédie auf eine recht parteiische Weise schrieben. Sie bemühten sich nicht, das Wissen ihrer Zeit als außenstehende Beobachter zu sammeln und in ihrem Lexikon aufzuschreiben. Wahrheit war für sie nicht neutral und objektiv, nicht auf Pluralismus bedacht, wahr war die Kritik an den bestehenden Verältnissen.
30.10.13
zu Georg Büchner
zu Georg Büchners 200. Geburtstag erschienen einige Artikel, der von Manfred Koch aus der NZZ war der beste:
Als Georg Büchner am 19. Februar 1837 23-jährig in Zürich starb, hinterliess er ein schmales, eminentes literarisches Werk. Er gehörte aber auch zu den Stichwortgebern des revolutionären Umbruchs in Hessen. Schuldgefühle wegen der Inhaftierung seiner Gesinnungsfreunde verfolgten ihn bis zuletzt.
Als Georg Büchner am 19. Februar 1837 23-jährig in Zürich starb, hinterliess er ein schmales, eminentes literarisches Werk. Er gehörte aber auch zu den Stichwortgebern des revolutionären Umbruchs in Hessen. Schuldgefühle wegen der Inhaftierung seiner Gesinnungsfreunde verfolgten ihn bis zuletzt.
Filme III
The Thomas
Crown Affair, Regie: Norman Jewison, 1968
Mit Steve McQueen und Faye Dunaway und schöner Musik von
Michel Legrand.
Noch cooler geht es nicht. Dieser Film ist sicherlich heute
noch das große Vorbild für Filme wie oceans eleven. Es geht um einen wohlhabenden
Unternehmer, der sich die Zeit nicht nur damit vertreibt Golf und Polo zu
spielen und zu fliegen, sondern auf der Suche nach Spannung und Abenteuer auch Banken
überfällt. Das bürgerliche Leben und seine Formen des Zeitvertreibs kommen also
tatsächlich nicht allzu gut weg, selbst ihre exklusiveren Formen sind so
langweilig, dass man was Aufregendes wo anders suchen muss.
Teorema, Regie:
Pasolini, 1968
Musik von Ennio Morricone und Mozart
Das ist ein ziemlich artifizieller Film. Es geht um die
Frage, was Leute daraus machen, wenn sie die Liebe erfahren. Diese Erfahrung
wird im Film personifiziert durch die Figur des namenlosen Gasts einer
großbürgerlichen Familie. Der Film zeigt in seiner zweiten Hälfte fünf
Möglichkeiten, mit der Erfahrung umzugehen: Die Tochter wird sprachlos, die
Mutter versucht die Erfahrung zu wiederholen, die Haushälterin interpretiert
das Erlebte religiös und wird zur Märtyrerin, der Sohn fühlt sich zur Kunst
ermutigt und der Vater verschenkt seine Fabrik an die Arbeiter. Es ist also nicht ausgemacht,
dass aus Erfahrung Erkenntnis folgt, geschweige denn Glück. (sehenswert war
auch der Dokumentarfilm Die Akte Pasolini, der die Rolle Pasolinis im Italien
der 60er und 70er Jahr beleuchtete.)
Possession, Regie: Andrzej Zulawski, 1981
Mit Sam Neill und Isabelle Adjani, die für ihr Spiel in
diesem Film in Cannes 1981 als beste Schauspielerin ausgezeichnet wurde, was
sehr nachvollziehbar ist.
West-Berlin 1981, das sieht in diesem Film aus wie eine
Sciencefiction-Filmkulisse. David Lynch trifft auf Alien, plus Action: ein
düsteres Spektakel. Inhaltlich geht es auch wieder um die Liebe, Mark glaubt an
seine Frau Anna, obwohl sie sich mit dem Bösen einlässt. Leider sterben am
Schluss beide.
William S.
Burroughs a man within, Regie: Yony Leyser, 2010
Das ist das sehr gelungene Dokumentarfilm-Debut dieses
jungen Regisseurs. Es geht um das Leben von Burroughs und um seinen Einfluss
auf die Subkultur im 20. Jahrhundert.
00 Schneider im Wendekreis der Eidechse, Regie: Helge
Schneider, 2013
Ein sehr nostalgischer, lässiger und poetischer Film, es
dominieren herbstlichen Farben und Jazzmusik. Immmer wieder sieht man in langen
Einstellungen, wie sich der Hund des Kommissars auf dem Sofa rekelt oder Helge
Schneider tanzt im braunen Ledermantel mehrere Minuten in einer Tiefgarage. Die
surreale Komik ist eher ein Nebeneffekt. Per Schnitt erhält das Ruhrgebiet einen
Strand am Mittelmeer, das ist zunächst einfach schön und eben auch witzig.
29.09.13
kleine Filmschau II
La règle du jeu (die Spielregel), Regie: Jean Renoir, 1939
Eine viel gelobte Komödie, Renoir spielt selbst mit. Der
Film hinterlässt aber nicht solchen Eindruck wie die Große Illusion oder
Bestie Mensch.
Katzelmacher, Regie: Rainer Werner Fassbinder, 1969
Besser als erwartet. Kleinstädtische Langeweile und
Borniertheit werden einem beim Zuschauen aufgezwungen. Fassbinder schrieb das
Drehbuch und spielt selber mit. Auf der DVD findet sich zudem der witzige
Kurzfilm Das kleine Chaos.
Das verfluchte Haus, Regie: Elio Petri, 1970
Mit Franco Nero,
dem original Django. Hier spielt er einen sehr erfolgreichen
italienischen Künstler, der vor den Freunden seiner Kunst und vor seiner
geschäftstüchtigen Frau in eine alte Villa flieht. Dort spukt es, weil eine
junge Frau vor den Mauern des Anwesens ums Leben kam. Der Künstler versucht dem
Schicksal dieses Mädchens auf die Spur zu kommen und beschäftigt sich immer
obsessiver mit ihr, bis er am Ende versucht seine Frau umzubringen und in der
Irrenanstalt landet. Es bleibt unklar, ob der Spuk seinen Träumen entspringt
oder ob ein realer Spuk ihn in den Wahnsinn treibt.
Long hello
& short goodbye, Regie: Rainer Kaufmann, 1999
Eine schöne Liebesgeschichte und für einen deutschen Krimi (es spielen
Axel Milberg und Katja Riemann mit) erstaunlich unterhaltsam und formal unkonventionell.
Der Bulle ist der Bösewicht.
23.09.13
Dimitri Kirsanoff
Ménilmontant (1926), Regie: Dimitri Kirsanoff
Diesen Stummfilm kann man sich bei youtube anschauen. Auf den Film und den vergessenen Regisseur Kirsanoff machte neulich Stefan Ripplinger unter der Überschrift Halb Unglück, halb Hoffnung in der Zeitschrift Konkret aufmerksam, weil in der Edition Text und Kritik ein Buch über Kirsanoff erschienen ist. Vorallem Schnitt- und Kameratechnik überzeugen auch noch nach über 80 Jahren.
16.09.13
Léon Morin, prêtre
Jean-Paul Belmondo und Emmanuelle Riva in
Eva und der Priester (Léon Morin, prêtre) 1961, Regie: Jean-Pierre Melville
Ein dialogreicher, sehr spannender Film. "Léon Morin, Priest is not the big, variegated canvas of the Resistance that Melville first imagined; that came later, in 1969, with Army of Shadows. It is an exquisitely circumscribed and powerful picture of how people cope in a world devoid of certainty." Schreibt Gary Indiana am Schluss eines interessanten Aufsatzes, der auf der Seite des amerikanischen Criterion-Labels zu finden ist.
03.09.13
La silence de la mer
La silence de la mer (1947), Drehbuch und Regie: Jean-Pierre Melville
Melville orientiert sich in seinem ersten Film stark an der gleichnamigen Novelle, die von "Vercor" 1942 veröffentlicht wurde. Schade, dass eine Erzählstimme die Geschichte erzählt (im Buch erzählt der französische Hausherr die Geschichte aus der Ich-Perspektive), an vielen Stellen wäre dies gar nicht nötig gewesen, da das, was die Stimme erklärt, ohnehin zu sehen ist, z.B. Werners nervöse Hand. Dennoch ein schöner, ruhiger, zur Diskussion anregender Film.
01.09.13
El Topo
El Topo (1970), Regie und Drehbuch: Alejandro Jodorowsky
Im Trailer heißt es, der Film sei kein Spektakel, dennoch will er vorallem Aufsehen erregen. Die Flut an Bilder und Ideen ist recht strapaziös, wie Esther Buss schreibt; der gleichzeitige Mangel an stringenter Handlung ermüdet. Die Gewaltszenen erinnern an Pasolinis fünf Jahre später enstandenen 120 Tage von Sodom.
Der letzte Mann
Der letzte Mann (1924) Regie: Friedrich Murnau
Eine Kritik an der Überflüssigkeit des Menschen
Ein alternder Hotelportier verrichtet seinen Dienst an der Tür des „Hotel Atlantic“ in Berlin. In seiner prächtigen Uniform, mit stattlichem Schnurrbart und jovialem Lächeln begrüßt er dort die Gäste. Als er eines Tages beim Abladen eines schweren Koffers einen Schwächeanfall erleidet, wird er vom Hoteldirektor mit Verweis auf sein hohes Alter in die Herrentoilette versetzt. Ein Jüngerer nimmt seinen Platz ein. Der Portier verkraftet diese Demütigung nicht. Des Nachts entwendet er seine alte Uniform und führt nun ein Doppelleben: Tagsüber verrichtet er traurig seinen Dienst in der Hoteltoilette. Nach Feierabend zieht er sich heimlich die Uniform an, um seiner Familie und seinen Nachbarn vorzuspielen, es sei alles wie früher. Doch der Schwindel fliegt bald auf und Familie und Nachbarn wenden sich von ihm ab. Die Welt des Portiers bricht endgültig zusammen, nur der Nachtwächter des Hotels schaut noch nach ihm.
Nach einem Zwischentitel (dem einzigen), der die bisherige Handlung als alltäglich aber unerträglich bezeichnet, erhält die Geschichte am Ende eine positive Wendung: ein Hotelgast vermacht auf der Herrentoilette sterbend dem einstigen Portier sein gesamtes Vermögen. Der einst Gedemütigte kann nun als souveräner, gut gelaunter und großzügiger Gast im „Atlantic“ einkehren und den Nachtwächter zu einem Festmahl einladen, worüber sich die restlichen Hotelgäste, die die Geschichte in der Zeitung gelesen haben, köstlich amüsieren.
26.08.13
Lafayette
Gilbert Motier the Marquis De La Fayette as a Lieutenant General, 1791
Portrait of Joseph-Désiré Court (1797-1865)
Amerikas Unabhängigkeit, Europas Freiheit: Der Marquis von Lafayette kämpfte auf beiden Kontinenten für die Menschen- und Bürgerrechte. Ein Artikel von Ronald Gerste aus der ZEIT vom 11. Juli 2013
03.07.13
26.06.13
Olivier Assayas: Après mai
Christine (Lola Créton) und Gilles (Clément Métayer) sehen sich in Florenz Laos, images sauvées von Madeleine Riffaud an, der Film wird auf offener Straße vorgeführt:
Zuvor haben sie sich in einem Kino, das Joe Hill von Bo Widerberg zeigte, geküsst.
Après mai erinnert an die Filme von Larry Clark und an The Dreamers (2003) von Bernardo Bertolucci. Allerdings ironisiert im Gegensatz zu diesen Assayas die eigene Beschäftigung mit (rebellischen) Jugendlichen:
Laure, l'égérie de Gilles, lui offre, en guise de cadeau de rupture, le recueil Gasoline du poète anglais Gregory Corso. Gilles s'empare alors d'un passage de I am 25 : "Je déteste les vieux poètes, et spécialement les vieux poètes qui parlent de leur jeunesse en murmurant : j'ai fait cela alors, mais c'était alors..." .
21.06.13
Querelle des Anciens
Lars Quadfasel berichtet über eine Auseinandersetzung darüber, woher die richtigen Ideen der Menschen
kommen: "Benjamin behauptet, orthodox marxistisch, aber das äußerst
eigenwillig: aus der Steigerung der Produktivkräfte; Adorno antwortet
ihm, ganz leninistisch, aber ebenso eigenwillig: aus der theoretischen
Arbeit – genauer gesagt: aus der philosophischen und künstlerischen
Durchdringung der Widersprüche des geistigen Überbaus"
14.05.13
"Alles ist so gewesen. Nichts war genau so."
Nadja Uhl und Bibiana Beglau in
Die Stille nach dem Schuss, Regie: Volker Schlöndorff, Dtl. 2000
Wie Georg Seesslen geschrieben hat, ist der Mittelteil deutlich besser als Anfang und Schluss.
Wie lange die DDR ohne Alkohol durchgehalten hätte?
10.05.13
Sisyphos als glücklicher Mensch
Der diskrete Charme der Bourgeoisie
Regie: Louis Bunuel, Frankreich/Spanien 1972
Einige untereinander bekannte Bürger versuchen immer wieder gemeinsam zu essen. Jedesmal werden sie, kurz nach dem sie gerade begonnen haben, unterbrochen. Glück und Geselligkeit zu organisieren gelingt ihnen nicht. Sie sprechen das Scheitern ihrer Bemühungen aber nie an, sondern unternehmen unverdrossen bald einen neuen Versuch. Absurd ist der Optimismus, mit dem sie dem nächsten Treffen entgegen sehen.
28.04.13
Einhorn, Phoenix, Drache
In seinem Buch "Einhorn, Phoenix, Drache, woher unsere Fabeltiere kommen" (Frankfurt a. M. 2012) bietet der Biologe Josef H. Reichholf zoologische Erklärungen für Fabelwesen aus der antiken und mittelalterlichen Sagenwelt. Kulturwissenschaftliche oder psychologische Erklärungsversuche werden nicht erwähnt. Im Gegensatz zu Reichholfs Buch "Warum die Menschen sesshaft wurden", das auf 300 Seiten eine These entfaltet, handelt es sich bei seinem neuen Buch um einen Sammelband, dessen Kapitel auch einzeln gelesen werden können. Überzeugend sind das Kapitel über den Phoenix, dessen natürliches Vorbild laut Reichholf der Flamingo gewesen sei, das Kapitel über die zwölf Aufgaben des Herakles, das ausführliche, aber schon andernorts veröffentlichte Kapitel über das Einhorn, das mit der ostafrikanischen Oryxantilope in Verbindung gebracht wird und die sehr kurzen Kapitel über Pan und die Zyklopen. Das Kapitel über den Drachen wirft eher Fragen für ein Forschungsprogramm auf, als dass es eine schon fertige, schlüssige Argumentation liefert. Reichholfs These lautet, dass man von den chinesischen Drachen, die auf Prozessionen von Menschen gespielt werden, ausgehen müsse. Möglicherweise diente ein ähnliches Schauspiel im Europa der Völkerwanderungszeit, in welcher z.B. die Nibelungensage entstand, zur Abschreckung. Der Autor wirft die Frage auf, ob sich umherziehende Gruppen, die auf der Suche nach Edelmetallen Bergbau betrieben, als Drachen maskierten und einen Budenzauber veranstalteten, um die lokale Bevölkerung einzuschüchtern. Reichholf gibt zu, dass hier nun Geschichtsforscher weitermachen müssten.
24.04.13
Gertrud
Gertrud, Carl Theodor Dreyer, Dänemark 1964
Das ist der letzte Film von Dreyer, der nach dem Zweiten Weltkrieg nur zwei Filme drehte, insgesamt 14.
Der Film ist von langen Einstellungen geprägt, die Räume sind nüchtern ausgestattet, das Schauspiel ist sehr reduziert. Diese protestantische Nüchternheit steht in radikalem Gegensatz zum aufgewühlten Seelenleben der Figuren, über das diese in den langen Dialogen Auskunft geben. Gertrud ist die treibende Kraft dieser Gespräche, Gustav Kanning, ihr Mann, sagt an einer Stelle sinngemäß "einer Frau sollte es nicht erlaubt sein so frei zu sprechen". Sie fordert Offenheit und Wahrheit in der Diskussion über die Liebe. Nachdem Gertruds Hoffnung auf erfüllte Liebe scheitert, wofür ich nicht das Idealhafte ihrer Vorstellungen verantwortlich machen würde, zieht Getrud die Einsamkeit einer pragmatischen Zweisamkeit vor. (Darin, dass es hier auch um vergangene Liebe geht, ähnelt der Film Theodor Stoms Novelle Immensee.)
18.04.13
kleine Filmschau
In guten Historienfilmen stehen nicht die Kulissen im Vordergrund, sondern die Figuren und ihre Geschichte. Eine Auswahl:
Das Gelübde, Regie: Dominik Graf, 2008
Angesichts der Methoden der aufgeklärten preußischen Ärzte schlägt man sich automatisch auf die Seite der Nonne Anne Katharina Emmerick und des romantischen Dichters Clemens Brentano, der deren Visionen notiert. (Zum Glauben heutzutage siehe den Film Paradies. Glaube von Ulrich Seidl, in dem er alle religiösen Hoffnungen, Missverständnisse und Borniertheiten der Welt eindampft und sie bei einem Paar, in einem Haus zeigt.)
A Dangerous Method, Regie: David Cronenberg, mit: Viggo Mortensen und Keira Knightley, 2011
Otto Gross, anarchistischer Psychoanalytiker und Freund Franz Jungs, hat einen wichtigen Auftritt: durch seine Theorien fühlt sich C.G. Jung legitimiert das Verhältnis mit seiner Patientien Sabina Spielrein einzugehen.
Der flüsternde Tod, Regie: Jürgen Goslar, 1976
"Die untergehende Sonne, die (KameramannWolfgang) Treu hier so gerne einsetzte, das ist auch die Sonne, die - während sie drehten - über der Kolonialwelt Afrikas untergeht. Rhodesien (...) ging unter. Und es ensteht Simbabwe." schreibt Dominik Graf in einer Lobeshymne für die FAZ. Der Film ist sicherlich handwerklich gut gemacht, die Handlung aber doch konventionell, nicht zu vergleichen mit Dogville, in dem Lars von Trier das Rape´n´ Revenge-Motiv 2003 nochmals aufgriff.
Milk, Regie: Gus van Sant, mit: Sean Penn, 2008
Ein Bürgerrechtsbewegungsfilm. Stark sind manche der Reden, die Milk/Penn hält, interessant ist auch die Figur des Möders Dan White. Dass Harvey Milk als Erzähler, die eigene Geschichte einem Diktiergerät erzählt, ist doppeltgemoppelt, weil das, was er erzählt, anschließend meist auch gezeigt wird oder vor der Diktiergerät-Session schon gezeigt wurde.
Barbara, Regie: Christian Petzold, 2012
Petzold ist derzeit sicherlich der beste Regisseur in Deutschland. Mit minimalitischen Mitteln gelingt es ihm, auch im Film Barbara über eine Ärztin in der DDR, Spannung zu erzeugen. Z.B. werden durch den fast vollständigen Verzicht auf Filmmusik das Rauschen der Blätter, das Summen eines Schlaflieds, das Klavierspiel der Protagonistinals Musik erst wahrnehmbar. Neorealismus auf der Höhe der Zeit.
Das Gelübde, Regie: Dominik Graf, 2008
Angesichts der Methoden der aufgeklärten preußischen Ärzte schlägt man sich automatisch auf die Seite der Nonne Anne Katharina Emmerick und des romantischen Dichters Clemens Brentano, der deren Visionen notiert. (Zum Glauben heutzutage siehe den Film Paradies. Glaube von Ulrich Seidl, in dem er alle religiösen Hoffnungen, Missverständnisse und Borniertheiten der Welt eindampft und sie bei einem Paar, in einem Haus zeigt.)
A Dangerous Method, Regie: David Cronenberg, mit: Viggo Mortensen und Keira Knightley, 2011
Otto Gross, anarchistischer Psychoanalytiker und Freund Franz Jungs, hat einen wichtigen Auftritt: durch seine Theorien fühlt sich C.G. Jung legitimiert das Verhältnis mit seiner Patientien Sabina Spielrein einzugehen.
Der flüsternde Tod, Regie: Jürgen Goslar, 1976
"Die untergehende Sonne, die (KameramannWolfgang) Treu hier so gerne einsetzte, das ist auch die Sonne, die - während sie drehten - über der Kolonialwelt Afrikas untergeht. Rhodesien (...) ging unter. Und es ensteht Simbabwe." schreibt Dominik Graf in einer Lobeshymne für die FAZ. Der Film ist sicherlich handwerklich gut gemacht, die Handlung aber doch konventionell, nicht zu vergleichen mit Dogville, in dem Lars von Trier das Rape´n´ Revenge-Motiv 2003 nochmals aufgriff.
Milk, Regie: Gus van Sant, mit: Sean Penn, 2008
Ein Bürgerrechtsbewegungsfilm. Stark sind manche der Reden, die Milk/Penn hält, interessant ist auch die Figur des Möders Dan White. Dass Harvey Milk als Erzähler, die eigene Geschichte einem Diktiergerät erzählt, ist doppeltgemoppelt, weil das, was er erzählt, anschließend meist auch gezeigt wird oder vor der Diktiergerät-Session schon gezeigt wurde.
Barbara, Regie: Christian Petzold, 2012
Petzold ist derzeit sicherlich der beste Regisseur in Deutschland. Mit minimalitischen Mitteln gelingt es ihm, auch im Film Barbara über eine Ärztin in der DDR, Spannung zu erzeugen. Z.B. werden durch den fast vollständigen Verzicht auf Filmmusik das Rauschen der Blätter, das Summen eines Schlaflieds, das Klavierspiel der Protagonistinals Musik erst wahrnehmbar. Neorealismus auf der Höhe der Zeit.
07.04.13
Das Verschwinden des Philip S.
Im Roman "Das Verschwinden des Philip S." erzählt eine namenlose Ich-Erzählerin von ihrem Leben mit Philip S., den sie 1967 kennlernt und der 1975 von der Polizei erschossen wird. Die Erzählerin sichtet über 25 Jahre später die Dinge, Filme und Fotos, die von ihrem Freund blieben und erinnert sich an die gemeinsame Zeit. Die Vergangenheit wird Gegenwart, so notiert sie ihre Erinnerungen (im Präsens), damit sein Verschwinden kein vollständiges wird. Mit ihrem Bericht geht es ihr um etwas, was Philip in einem Gespräch über ihre Fotografien beschreibt: "Er spürt darin eine Anziehungskraft, entdeckt ein Dabeisein, jene festgehaltenen Momente, die ein Vorher und ein Nachher aufschließen und Geschichte sichtbar machen." (S. 45)
Im Roman "Agnes" von Peter Stamm sind die Rollen vertauscht, ein Er-Erzähler erinnert sich, als er Videoaufnahmen eines gemeinsamen Ausflugs anschaut, der verschwundenen Agnes. Während aber Agnes Spuren hinterlassen will, weil sie sich vor dem Verschwinden, das der Tod bedeutet, fürchtet, sorgt Philip dafür, dass er möglichst wenig hinterlässt.
Im Roman tauchen einige Personen und Ereignisse aus der realen Geschichte auf, Philip Werner Sauber war tatsächlich Filmstudent und wurde 1975 tatsächlich erschossen, insofern handelt es sich nicht nur um einen Roman sondern auch um einen Nachruf für Philip Sauber und um eine autobiografische Skizze der Autorin Ulrike Edschmid. Sie versucht zu ergründen, warum ihr Freund in den Untergrund ging. Die Phase, in der sie sich auseinanderleben, beschreibt sie so:
"Die Dinge verändern sich schleichend. Jeder von uns hat die Wochen hinter Gittern anders durchlebt. Philip S. hat sich dagegen aufgelehnt, eingesperrt zu sein. Ich habe mich in mich selbst zurückgezogen. Er ist laut geworden. Ich wurde leise. Er hat den Aufstand geprobt, hat die anderen Gefangenen aufgewiegelt, sich den Anweisungen der Wärter zu widersetzen. Ich habe mit den Wärterinnen gesprochen. Ihn haben die Wärter mit Judogriffen niedergerungen. Mich hat keine Wärterin jemals berührt. Er zieht jetzt eine scharfe Linie zwischen sich und denjenigen, die er als Feinde begreift. Ich kann nicht in Feindschaft leben, auch wenn ich vieles als feindlich empfinde. Er hat geschworen, sich nie wieder einsperren zu lassen. Ich habe geschworen, mich nie mehr für etwas einsperren zu lassen, für das ich nicht geradestehen kann. Er glaubt, dass er dem Gefängnis nur entkommen kann, wenn er ein anderer wird. Ich glaube, dass ich es nur aushalten kann, wenn ich bei mir selber bleibe. Er ist rausgekommen, um wegzugehen. Ich bin in mein Leben zurückgekehrt. Er hat mich im Gefängnis an seiner Seite gesehen. Aber ich war nicht dort, ich war bei meinem Kind. An dieser Unvereinbarkeit zerbricht das gemeinsame Leben. Es geschieht in kleinen Schritten, von uns selbst unbemerkt."(S. 112)
Einige Regisseure werden erwähnt, z.B. Godard (S. 20), Alain Resnais (S. 32), Pasolini (S. 40), Fellini (S. 43), Hitchcock (S. 63) und Dziga Vertov (S.81). Philip wird angeboten, die Erinnerungen des russischen Revolutionärs Boris Savinkov fürs Fernsehen zu verfilmen. (S. 113)
Im Roman "Agnes" von Peter Stamm sind die Rollen vertauscht, ein Er-Erzähler erinnert sich, als er Videoaufnahmen eines gemeinsamen Ausflugs anschaut, der verschwundenen Agnes. Während aber Agnes Spuren hinterlassen will, weil sie sich vor dem Verschwinden, das der Tod bedeutet, fürchtet, sorgt Philip dafür, dass er möglichst wenig hinterlässt.
Im Roman tauchen einige Personen und Ereignisse aus der realen Geschichte auf, Philip Werner Sauber war tatsächlich Filmstudent und wurde 1975 tatsächlich erschossen, insofern handelt es sich nicht nur um einen Roman sondern auch um einen Nachruf für Philip Sauber und um eine autobiografische Skizze der Autorin Ulrike Edschmid. Sie versucht zu ergründen, warum ihr Freund in den Untergrund ging. Die Phase, in der sie sich auseinanderleben, beschreibt sie so:
"Die Dinge verändern sich schleichend. Jeder von uns hat die Wochen hinter Gittern anders durchlebt. Philip S. hat sich dagegen aufgelehnt, eingesperrt zu sein. Ich habe mich in mich selbst zurückgezogen. Er ist laut geworden. Ich wurde leise. Er hat den Aufstand geprobt, hat die anderen Gefangenen aufgewiegelt, sich den Anweisungen der Wärter zu widersetzen. Ich habe mit den Wärterinnen gesprochen. Ihn haben die Wärter mit Judogriffen niedergerungen. Mich hat keine Wärterin jemals berührt. Er zieht jetzt eine scharfe Linie zwischen sich und denjenigen, die er als Feinde begreift. Ich kann nicht in Feindschaft leben, auch wenn ich vieles als feindlich empfinde. Er hat geschworen, sich nie wieder einsperren zu lassen. Ich habe geschworen, mich nie mehr für etwas einsperren zu lassen, für das ich nicht geradestehen kann. Er glaubt, dass er dem Gefängnis nur entkommen kann, wenn er ein anderer wird. Ich glaube, dass ich es nur aushalten kann, wenn ich bei mir selber bleibe. Er ist rausgekommen, um wegzugehen. Ich bin in mein Leben zurückgekehrt. Er hat mich im Gefängnis an seiner Seite gesehen. Aber ich war nicht dort, ich war bei meinem Kind. An dieser Unvereinbarkeit zerbricht das gemeinsame Leben. Es geschieht in kleinen Schritten, von uns selbst unbemerkt."(S. 112)
Einige Regisseure werden erwähnt, z.B. Godard (S. 20), Alain Resnais (S. 32), Pasolini (S. 40), Fellini (S. 43), Hitchcock (S. 63) und Dziga Vertov (S.81). Philip wird angeboten, die Erinnerungen des russischen Revolutionärs Boris Savinkov fürs Fernsehen zu verfilmen. (S. 113)
11.03.13
Wagner
ein interessanter Artikel über den deutschen Sozialist Richard Wagner (aus der Zeit vom 28.2.2013):
Dresden ist für viele vor allem ein Museum des Barock. Doch die Geschichte der sächsischen Residenzstadt kennt noch ganz andere Seiten. So wird sie in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts, als Hauptstadt des ökonomisch am weitesten entwickelten deutschen Staates, zu einem Laboratorium der Moderne. Nicht zuletzt im politischen Sinne: Denn der wirtschaftliche Aufschwung weckt Forderungen nach Emanzipation – im Bürgertum wie in den Unterschichten. Das Königreich Sachsen wird zur Hochburg der Demokratie und zur Wiege der Arbeiterbewegung in Deutschland. Im Vormärz findet die "deutschkatholische" Bewegung des charismatischen Priesters Johannes Ronge regen Zulauf: Ronge lehnt den Zölibat ab und den päpstlichen Absolutismus. Ebenfalls vor 1848 wirken in Sachsen bereits etliche demokratische Organisationen, zum Beispiel Robert Blums Leipziger "Redeübungsverein". Wie sonst nur in Baden und Berlin gewinnen die Demokraten hier echten Einfluss. In dieser politisch avantgardistischen Atmosphäre wirkt auch Richard Wagner.
Dresden ist für viele vor allem ein Museum des Barock. Doch die Geschichte der sächsischen Residenzstadt kennt noch ganz andere Seiten. So wird sie in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts, als Hauptstadt des ökonomisch am weitesten entwickelten deutschen Staates, zu einem Laboratorium der Moderne. Nicht zuletzt im politischen Sinne: Denn der wirtschaftliche Aufschwung weckt Forderungen nach Emanzipation – im Bürgertum wie in den Unterschichten. Das Königreich Sachsen wird zur Hochburg der Demokratie und zur Wiege der Arbeiterbewegung in Deutschland. Im Vormärz findet die "deutschkatholische" Bewegung des charismatischen Priesters Johannes Ronge regen Zulauf: Ronge lehnt den Zölibat ab und den päpstlichen Absolutismus. Ebenfalls vor 1848 wirken in Sachsen bereits etliche demokratische Organisationen, zum Beispiel Robert Blums Leipziger "Redeübungsverein". Wie sonst nur in Baden und Berlin gewinnen die Demokraten hier echten Einfluss. In dieser politisch avantgardistischen Atmosphäre wirkt auch Richard Wagner.
Der Fall Tulajew
André Breton, Victor Serge, Benjamin Péret und dessen Frau, 1939.
«Der Fall Tulajew», der 1948 postum erschienene Roman des Schriftstellers Victor Serge über die stalinistischen Säuberungen der dreissiger Jahre, ist eine sentationelle Wiederentdeckung. In einer erzählerischen Montageform, in der französische und russische Tradition sich gegenseitig ergänzen, hat das Buch für den unbeschreiblichen Terror eine zwingende moderne Form gefunden, schreibt Stefana Sabin in der NZZ vom 9.3.2013
07.03.13
Hannah Arendt im Kino
Die mad-men-mäßige sixties Atmosphäre ist nett und es ist clever nur einen kurzen Abschnitt aus Arendts Biografie zu erzählen. Barbara Sukowa spielt eine sympatische, schlagfertige Arendt. Spannend sind aber vorallem die Diskussionen zwischen dieser und Hans Jonas, der das Konzept von der Banalität des Bösen von Beginn an kritisiert.
04.03.13
Dr. Caligari
Das Cabinet des Dr. Caligari, D 1920, Regie: Robert Wiene
Man merkt den Bildern an, dass es ein sehr früher Film ist, z.B. sind die Gesichter tendenziell überbelichtet. Der Film ist nicht zu lang, sodass es spannend bleibt. Der Schluss ist verblüffend, Martin Scorsese hat sich hier wohl für Shutter Island bedient. Die Bauten erinnern stark an Theaterkulissen und an Gemälde von Ernst Ludwig Kirchner.
02.03.13
eine andere Ausstellung
Die Schenkung einer ungewöhnlichen Sammlung ist der Anlass für eine ebenso ungewohnte Ausstellung im Museum Rietberg: Maos Mango-Kult und die Politpropaganda der Kulturrevolution stehen im Zentrum dieser neuen Sonderschau. Philipp Meier in der NZZ vom 22.2.2013
eine Ausstellung
Volker Ulrich bespricht in der Zeit vom 21.2.2013 eine Ausstellung zur
Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung:
Es waren nur zwölf Delegierte aus elf Städten, die am 23. Mai 1863 in Leipzig
zusammenkamen, um unter Führung Ferdinand Lassalles den Allgemeinen Deutschen
Arbeiterverein (ADAV) zu gründen. Aus kleinen Anfängen entwickelte sich im
Laufe der Jahrzehnte eine bedeutende gesellschaftliche und politische Kraft –
die sozialdemokratische Arbeiterbewegung, ohne die Freiheit, Demokratie und
Sozialstaat in Deutschland nicht zu denken wären.
26.02.13
Marokko
Marokko, USA 1930, Regie: Josef von Sternberg
Ein Film aus der guten alten Kolonialzeit. Den Gin trinkt der Fremdenlegionär gerne auch pur und ungekühlt. Der Plot ist eher banal, aber es gibt schöne Szenen und es spielen berühmte Schauspieler mit.
19.02.13
Die Büchse der Pandora
"Diese zeitgemäße Psychologie findet sich auch in
seinem bedeutendsten Film: Die Büchse der Pandora. Der aus Ungarn stammende
Drehbuchautor Ladislaus Vajda, der in den folgenden Jahren bis zu seinem Tod
1933 mehrmals für Pabst schrieb, bearbeitete Frank Wedekinds skandalumwitterte
Dramen aus der Zeit der Jahrhundertwende, »Erdgeist« und »Die Büchse der
Pandora«. Für die zentrale Figur der Lulu gewann Pabst die amerikanische
Schauspielerin und Tänzerin Louise Brooks, die so agierte, daß die
Zeitgenossen keine Schauspielkunst wahrnehmen konnten.
17.02.13
(Literatur-)Geschichte
In der Jungle World vom 14. Februar bespricht P. Nowak ein Buch von Dietmar Lange, in dem es um die Streiks des Frühjahrs 1919 geht und darum, wie diese niedergeschlagen wurden. Nach einem offiziellen Bericht des Reichswehrministers Noske (SPD) sind dabei in Berlin 1200 Menschen ums Leben gekommen, was Noske in der Nationalversammlung rechtfertigte: "Da gelten Paragraphen nichts, da gilt lediglich der Erfolg, un der war auf meiner Seite." Die Untersuchung von Dietmar Lange scheint also die Einschätzung zu bestätigen, dass es sich bei den Auseinandersetzungen in den Anfangsjahren der Weimarer Republik um Bürgerkrieg handelte und die SPD diesen nicht, wie Heinrich August Winkler schreibt, verhindern, sondern ihn gewinnen wollte.
Der Rezensent Nowak behauptet nun, dass angesichts der gewaltsamen Etablierung der Weimarer Republik die Nazis ab 1933 gar nicht mehr viel zerstören konnten, da bereits in der Weimarer Zeit das Morden begonnen und gesellschaftliche Vielfalt nicht existiert habe. Nowak unterscheidet also nicht zwischen der Republik und ihren rechtsradikalen Gegnern, ein Fehler, den schon die KPD machte und den Leute wie Georg K. Glaser schon bald einsahen.
Beispiele für die "gesellschaftliche Vielfalt" der Weimarer Republik gibt es aus Film, Theater und Literatur unzählige, in der NZZ fand sich jüngst der Hinweis auf eine gerade wieder aufgelegte Literaturgeschichte:
Manfred Koch in der NZZ vom 13.2.2013
Klabunds Kürzestgeschichte der Dichtung
Die Weimarer Republik war eine tempo- und rekordversessene Zeit, mit Leitfiguren wie den rasenden Rundendrehern der Berliner Sechstagerennen, dem Mercedespiloten Rudolf Caracciola oder der Industriellentochter Eleonore Stinnes, die als erste Frau mit einem PKW die Welt umrundete. Auf dem Gebiet der Kultur führte die allgemeine Beschleunigungseuphorie zu kuriosen Bildungsbüchern im Zeitrafferstil: «Weltgeschichte in einer Stunde»; «Deutsche Literaturgeschichte in einer Stunde»; «Geschichte der Weltliteratur in einer Stunde».
Der Rezensent Nowak behauptet nun, dass angesichts der gewaltsamen Etablierung der Weimarer Republik die Nazis ab 1933 gar nicht mehr viel zerstören konnten, da bereits in der Weimarer Zeit das Morden begonnen und gesellschaftliche Vielfalt nicht existiert habe. Nowak unterscheidet also nicht zwischen der Republik und ihren rechtsradikalen Gegnern, ein Fehler, den schon die KPD machte und den Leute wie Georg K. Glaser schon bald einsahen.
Beispiele für die "gesellschaftliche Vielfalt" der Weimarer Republik gibt es aus Film, Theater und Literatur unzählige, in der NZZ fand sich jüngst der Hinweis auf eine gerade wieder aufgelegte Literaturgeschichte:
Manfred Koch in der NZZ vom 13.2.2013
Klabunds Kürzestgeschichte der Dichtung
Die Weimarer Republik war eine tempo- und rekordversessene Zeit, mit Leitfiguren wie den rasenden Rundendrehern der Berliner Sechstagerennen, dem Mercedespiloten Rudolf Caracciola oder der Industriellentochter Eleonore Stinnes, die als erste Frau mit einem PKW die Welt umrundete. Auf dem Gebiet der Kultur führte die allgemeine Beschleunigungseuphorie zu kuriosen Bildungsbüchern im Zeitrafferstil: «Weltgeschichte in einer Stunde»; «Deutsche Literaturgeschichte in einer Stunde»; «Geschichte der Weltliteratur in einer Stunde».
08.02.13
Die Rote Traumfabrik
Proletarier aller Länder, amüsiert Euch!
Von großen Filmerfolgen, ideologischen
Missverständnissen, von Utopien und von erstaunlicher Blindheit erzählte 2012 die
Retrospektive der Berlinale: "Die Rote Traumfabrik" widmete sich dem deutsch-sowjetischen
Studio Meshrabpom-Film. Ein Artikel von Oksana Bulgakowa aus der TAZ vom 9.2.2012
25.01.13
NZZ zur Kracauer Werkausgabe
Als
Georg Lukács 1966 für den Frankfurter Verlag S. Fischer eine Auswahl
aus seinem Werk «Die Zerstörung der Vernunft» traf, nannte er sie «Von
Nietzsche zu Hitler oder Der Irrationalismus und die deutsche Politik».
Der Haupttitel war als Hommage gedacht an Siegfried Kracauers
bekanntestes und einflussreichstes Buch, das die renommierte Princeton
University Press 1947 als «From Caligari to Hitler. A Psychological
History of the German Film» publiziert hatte. In Lukács' Budapester
Privatbibliothek befindet sich noch heute ein Exemplar der ersten, im
März 1958 erschienenen westdeutschen Ausgabe in Gestalt der Nummer 63
von «Rowohlts deutscher Enzyklopädie», die unverfroren von sich
behauptete, eine «autorisierte Übertragung» aus dem amerikanischen
Original zu sein.
23.01.13
08.01.13
searching for sugar man
All music docs are not created
equal. Yes, some are formulaic. But some are beautiful, some are
singular, some are marvels of storytelling. And some, like Searching for
Sugar Man, are all three.
New Orleans Times Oct 19, 2012
Neben "I´ll never get out of this world alive" von 1993, einer Reportage über Hank Williams, ist "searching for the sugarman" der beste Musikfilm, denn ich bisher gesehen habe. Eine Reise in die USA um 1970, nach Detroit und in das Südafrika der Apartheid. Nicht kitschig.
16.12.12
Lacombe Lucien
Lacombe Lucien, Frankreich 1973, Regie: Louis Malle
Lucien, ein Bauernjunge, der außer seinem Dorf noch nicht viel von der Welt gesehen hat und dessen Vater in Gefangenschaft ist, möchte sich 1944 der Resistance anschließen. Als Eintrittskarte könnte, so malt er es sich aus, ein gewilderter Hase dienen, doch der Lehrer, der den Kontakt vermitteln könnte, lehnt ab. Lucien lernt bald darauf die örtlichen Helfer der Gestapo kennen und schließt sich ihnen an.
Obwohl alle Figuren übertrieben typenhaft gezeichnet sind, dass Lucien ein einfacher Bursche ist, hat man schon nach der ersten Hälfte, der von ihm im ganzen Film abgemurksten Tiere begriffen, ist es ein guter Film, der untersucht, worin die Anziehungskraft des Faschismus gelegen hat.
14.12.12
To Live
Huozhe / Leben, China / Hong Kong 1994, Regie: Zhang Yimou
Zahng Yimou, der später mit martial arts Filmen wie Hero oder House of Flying Dagggers bekannt wurde, drehte mit Leben einen Geschichtsfilm über China zwischen den 40er und den 70er Jahren. Aus der Perspektive einer Familie, die sich durch die vielen Schicksalsschläge als Stehaufmännchen zu bewähren hat, geht es um den Bürgerkrieg zwischen Kommunisten und Kuomintang, um "den großen Sprung nach vorn" und dann um die Kulturrevolution. Familienvater Fui Gui verdient sein Geld mit einem Schattentheater, das zur Metapher für den politischen Wandel wird und als Anachronismus in die neue Zeit hineinragt.
24.11.12
Tragödie in sieben Akten
Mutter Krausen´s Fahrt ins Glück, Deutschland 1929, Regie: Phil Jutzi
Der Film war nun zum erstenmal nach 80 Jahren zu sehen, im Fernsehen zum ersten mal überhaupt.
Die Bildqualität ist dank der Restaurierung durch das Filmmuseum München sehr gut und die neu komponierte Musik ist kongenial.
Beim Anschauen wird klar, wie fortgeschritten die Filmkunst der 20er Jahr war und welchen Verlust es bedeutet, dass ungezählte Filme verloren gingen. Willi Münzenberg der mit der Prometheus Film Mutter Krausen´s fahrt ins Glück produzierte, schuf mit Meschrabpom / Internationale Arbeiterhilfe / IAH immerhin 500 Dokumetar- und Spielfilme. Die Geschichte des proletarischen Films der Weimarer Republik und der frühen Sowjetunion erzählt Alexander Schwarz in seinem Dokumentarfilm Die rote Traumfabrik (Deutschland 2011, 56min).
Phil Jutzi trat 1929 aus der KPD aus und 1933 in die NSDAP ein.
13.11.12
An die Nachgeborenen
Bertolt Brecht spricht "An die Nachgeborenen", die Aufnahme stammt aus dem Jahr 1953.
06.11.12
Jean Améry
"Darf ich denken und handeln auf das hin, was sein soll, dann darf ich auch zumindest erwägen, was hätte sein müssen. Menschenwürde ist der Aufstand gegen ein so und so Gegebenes, ist aber auch Revolte wider ein schon ins Sein eingesunkenes Vergangenes. Widerstand ist erlaubt nicht nur gegen das, was geschieht; auch was geschah, muß nicht hingenommen werden."
aus: Jean Améry, Unmeisterliche Wanderjahre, Werke Bd. 2, Stuttgart 2002, S. 313.
Eine Einordnung dieses Zitats nimmt Birte Hewera in einem 6seitigen Aufsatz über Améry in der ersten Ausgabe der Zeitschrift sans phrase vor.
Eine kürzere biografische Skizze und ein Essay Amérys erschienen in der Zeit vom 31.10.2012.
aus: Jean Améry, Unmeisterliche Wanderjahre, Werke Bd. 2, Stuttgart 2002, S. 313.
Eine Einordnung dieses Zitats nimmt Birte Hewera in einem 6seitigen Aufsatz über Améry in der ersten Ausgabe der Zeitschrift sans phrase vor.
Eine kürzere biografische Skizze und ein Essay Amérys erschienen in der Zeit vom 31.10.2012.
Happy End
das Landestheater Tübingen spielt derzeit Happy End. Das Stück ist als Gemeinschaftswerk entstanden: für Plot und
Dialoge zeichnet Dorothy Lane alias Elisabeth Hauptmann verantwortlich,
die Songtexte zu Kurt Weills Musik lieferte Bertolt Brecht. Uraufgeführt 1929 im Theater am Schiffbauerdamm in Berlin. Lieder die im Stück gesungen werden sind z.B. Surabaya Johnny und der Bilbao-Song. Über Lotte Lenya, die viel mit Brecht und Weill zusammenarbeitete und mit der Dreigroschenoper und Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny bekannt wurde, gibt es eine gute Doku.
31.10.12
Dinge, Waren- und Fetischkritik bei W. Benjamin
Ausgehend von
einem Aufsatz[1] von Dorothee
Kimmich über die Dingwahrnehmung bei Walter Benjamin (1892-1940), der in der
Einleitung (1.) vorgestellt werden soll, wird im Laufe der Arbeit untersucht
werden, wie sich Benjamin seine Dingwahrnehmung aneignete (2.) und wie er sich
diese Wahrnehmung zur Beschreibung und Kritik von Waren (3.) und des diesen
eigenen Fetischismus (4.) zunutze machte. Im Mittelpunkt soll dabei das Passagen-Werk
stehen, und darin vorallem das allererste Exposé (1927) sowie das von
1935. Wichtige Sekundärliteratur sind: das Buch von Susan Buck-Morss[2]
sowie die Bücher von Sven Kramer[3],
Uwe Steiner[4], Burkhard
Lindner[5]
und Hartmut Böhme[6].
Über die Sprachkritik zur Linguistik
Ich habe den Schlußpunkt der Burgtheaterherrlichkeit entdeckt. Den toten Punkt, über den kein Burgtheaterrektor hinaus kommt. Nichts hilft dieser Punkt trägt an allem Schuld. Man glaubt natürlich, daß ich den „Dunklen Punkt“ meine, der jetzt im Burgtheater gespielt wird. Aber die schlechte Literatur hat das Burgtheater nicht herunter gebracht; das behaupten nur jene theaterfremden Kritiker, denen es nicht gelungen ist, ihre eigene schlechte Literatur dem Burgtheater anzuhängen. Was ich nun meine, wird man erst verstehen, wenn man sich vor die front des Burgtheaters stellt und dort hinaufschaut, wo Apollo, bekanntlich einer der beliebtesten Götter Wiens, seinen Wohnsitz hat. Zu seinen Füßen wird man in mannshohen Lettern die Aufschrift finden:
K. K. HOFBURGTHEATER .
Punkt! darüber komme ich nicht
weg. Diesem Punkt gebe ich die Schuld, daß die künstlerische Entwicklung ins
Stocken geraten ist. (...)
Karl Kraus, Der Punkt, in: Die Katastrophe der Phrasen. Glossen 1910-1918, Frankfurt 1994,S. 10.
Karl Kraus, Der Punkt, in: Die Katastrophe der Phrasen. Glossen 1910-1918, Frankfurt 1994,S. 10.
Leave Your
Language Alone!
Robert A. Hall, 1950
Die Diskussion über das Für und Wider sprachlicher
Normierung durchzog fast alle Sitzungen unseres Linguistik Seminars im
Wintersemester. Während die eine Fraktion immer wieder für den
neutralen Blick auf die Alltagssprache eintrat und betonte, dass Sprachwandel
nicht gleich Sprachverfall sei, vielmehr die Sprache so sei, wie sie ist und
also kein Grund bestehe für überhebliche Kritik und konservativen
Normierungswahn, meldeten andere Bedenken an. Sie erhoben Einspruch gegen diese
Wertungsallergie, etwa indem sie sagten, es bestehe doch ein öffentliches
Interesse an einer intakten und gemeinsamen Sprache und daher sei es durchaus
notwendig, korrigierend und in kritischer Absicht einzugreifen, dieser Flügel
bezog sich dann in Referaten z.B. auf aktuell prominente Sprachkritiker wie
Bastian Sick.
Dass sich diese
beiden Positionen, vertreten von der Sprachwissenschaft auf der einen, und von
der feuilletonistischen Sprachkritik auf der anderen Seite, seit 60 Jahre
gegenüberstehen, war mir im Seminar nicht klar geworden. Dieter Zimmer,
langjähriger Zeit-Redakteur, Übersetzer und Nabokov-Herausgeber nimmt
diesen Dissens, Linguistik vs. Sprachkritik, als Aufhänger für sein 2005 erschienenes Buch über Sprache in Zeiten ihrer Unverbesserlichkeit.
30.10.12
Kritik der Pflichtethik
In seinem Buch Ethik
und die Grenzen der Philosophie[1]
entwirft Bernard Williams (1929-2003) im abschließenden 10. Kapitel eine Kritik
der „besonderen Institution Moral“[2]
(242). Diese Moralkritik soll im Folgenden ausführlich vorgestellt
werden um sie anschließenden mit einigen Passagen aus Immanuel Kants ethischen
Schriften zu vergleichen, auf die sich Williams bezieht. Vor diesem Hintergrund
kann dann in einem Resümee versucht werden, den Gehalt von Williams Einwänden
gegen „die Moral“ (242) zu beurteilen.
Was Elias Canetti von Karl Kraus lernte
Meine früheste Erinnerung ist in Rot getaucht. Auf dem Arm eines Mädchens komme ich zu einer Tür heraus, der Boden vor mir ist rot, und zur Linken geht eine Treppe hinunter, die ebenso rot ist. Gegenüber von uns, in selber Höhe, öffnet sich eine Türe und ein lächelnder Mann tritt heraus, der freundlich auf mich zugeht. Er tritt 'ganz nahe an mich heran, bleibt stehen und sagt zu mir: »Zeig die Zunge!« Ich strecke die Zunge heraus, er greift in seine Tasche, zieht ein Taschenmesser hervor, öffnet es und führt die Klinge ganz nahe an meine Zunge heran. Er sagt: »Jetzt schneiden wir ihm die Zunge ab.« Ich wage es nicht, die Zunge zurückzuziehen, er kommt immer näher, gleich wird er sie mit der Klinge berühren. Im letzten Augenblick zieht er das Messer zurück, sagt: »Heute noch nicht, morgen.« Er klappt das Messer wieder zu und steckt es in seine Tasche.
Ich behalte es für mich und frage erst sehr viel später die Mutter danach. Am Rot überall erkennt sie die Pension in Karlsbad, wo sie mit dem Vater und mir den Sommer 1907 verbracht hatte. Für den Zweijährigen haben sie ein Kindermädchen aus Bulgarien mitgenommen, selbst keine fünfzehn Jahre alt. In aller Frühe pflegt sie mit dem Kind auf dem Arm fortzugehen, sie spricht nur bulgarisch, findet sich aber überall in dem belebten Karlsbad zurecht und ist immer pünktlich mit dem Kind zurück.
Schon auf der ersten Seite seiner Autobiographie schildert Canetti eine Erinnerung, die deren erstem Band seinen Titel die gerettete Zunge gibt und die die Bedeutung, die Sprechen und Hören und Sprache für Canetti haben, zum Ausdruck bringt. Sprache ist ihm mehr als Mittel zur Kommunikation; in ihr verdichtet sich dem jungen Canetti die Welt. Seine Erfahrungen sind zuallererst Sprach-Erfahrungen.
Heine und Benjamin über den Frühsozialismus
Angesichts der Ähnlichkeiten in Biografie und Werk von Heinrich Heine (1797-1856) und Walter Benjamin (1892-1940) ist auffallend: erstens, dass Benjamin, dessen Hauptwerk ein Geschichtsbuch über das Paris des 19. Jahrhunderts werden sollte und der über Heines Zeitgenossen Baudelaire ein Buch schrieb und außerdem mit Heines Werk vertraut war, nahezu nichts über diesen schrieb. Und zweitens, dass in der Forschung über diese beiden Schriftsteller, vergleichende Arbeiten sehr rar sind. Mögliche Ursachen für diesen Mangel sollen hier allerdings kein Thema sein. Vielmehr soll versucht werden, den Umgang der Autoren mit einem Thema, das für beide zentrale Bedeutung hatte, vergleichend zu untersuchen: Ihre Rezeption und Kritik des Utopischen- und Frühsozialismus von Henri Claude Saint-Simon, Charles Fourier und anderen.[1]
Die Brücke vom Goldenen Horn
Zu: Emine Sevgi Özdamar, Die Brücke vom Goldenen Horn, Köln 2002.
Sind die sprachlichen Mittel, sind Özdamars sprachschöpferischer Stil, ihre Wortspiele, Metaphern und Bilder nur Ausschmückung und Beiwerk zu einem eigentlichen Thema? Oder geht es der Autorin darum, und so klingt es in manchen Rezensionen, mit einem 300 Seiten langen Sprachexperiment, in einer „Wollust des Benennens”, die deutsche Sprache erfrischend zu erneuern?
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