Walter Benjamin
Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten.
Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht.
Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, Band I, Seite 1241.
Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht.
Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, Band I, Seite 1241.
23.03.14
Figaros Hochzeit
Figaro und Susanna in der Inszenierung der Kölner Kammeroper
W.A. Mozart und Lorenzo da Ponte schwächten die adelskritischen Spitzen etwas ab, erreichten so aber, dass Beaumarchais´ La Folle Journée ou le Mariage de Figaro nach einigen Jahren des Verbots 1786 schließlich doch aufgeführt werden konnte.
Ihr habt noch nichts gesehen
Zum Tode des großen französischen Regisseurs Alain Resnais.
von Dominik Graf DIE ZEIT Nº 11/2014
von Dominik Graf DIE ZEIT Nº 11/2014
19.03.14
workers against work
Der amerikanische Geschichtsprofessor Michael
Seidman hat in seinem 1991 erschienenen Buch „Workers against work.
Labor in Paris and Barcelona During the Popular Fronts“, das erst 2011
als „Gegen die Arbeit. Über die Arbeiterkämpfe in Barcelona und Paris
1936-38“ auf deutsch erschienen ist, zwei historische Beispiele
untersucht, in denen die politische Linke die Macht übernommen hat und
sich anschließend mit massiven Arbeiterwiderstand auseinandersetzen
musste. Jens Benicke hat zu diesem Buch eine Besprechung verfasst.
Der siebente Kontinent
"Der siebente Kontinent" aus dem Jahr 1989 ist der erste Kinofilm von Michael Haneke, dem radikalsten und intelligentesten Regisseur unserer Zeit. Das Alltagsleben in der kapitalistischen Gesellschaft lässt sich nicht schärfer kritisieren, als es dieser Film tut.
über den Historiker Veit Valentin
Veit Valentin war Republikaner und Weltbürger – vor
allem aber: Ein deutscher Historiker, der schreiben konnte. Sein
klassisches Buch über die Deutsche Revolution sollte jeder
Geschichtsstudent kennen. von Ralf Zerback DIE ZEIT Nº 12/2014
15.03.14
Éric Rohmer, 1969
Meine Nacht bei Maud, Regie: Éric Rohmer, 1969
Der Evangelische Filmbeobachter (Kritik Nr. 143/1970) hatte vollkommen Recht, als er schrieb: „Ein geistvoll gemachter Film, gerade in seiner kühl distanzierten Betrachtungsweise anregend zu Gedanken und Gesprächen über den Wert von Moralprinzipien und verschiedene Aspekte der Liebe. Erwachsenen zu empfehlen.“
05.03.14
Wirtschaft vor 2000 Jahren
Zur Bedeutung des Handelsverkehrs im römischen
Kaiserreich
Von einer Marktwirtschaft, im Sinne eines sich selbst
regulierenden Systems von Märkten, kann in Bezug auf des römische Kaiserreich
nicht gesprochen werden. Der Markt war im Imperium Romanum nur eine Form der
Verteilung von Gütern neben anderen. Diese anderen Formen, Subsistenzwirtschaft
und Redistribution sollen kurz skizziert werden, um im Vergleich mit ihnen die
spezifische Funktion der Märkte und Händler innerhalb eines Systems verschiedenartiger
Austauschbeziehungen analysieren zu können.
Wilhelm Reich
Der Fall Wilhelm Reich, Regie: Antonin Svoboda, Österreich 2012
Der Film ist recht konventionell aufgebaut, entwickelt aber dennoch Spannung, was der historischen Figur W. Reich und dem Schauspieler K.M. Brandauer zu verdanken ist. Es ist schon erstaunlich, dass heute überhaupt ein Film über den ziemlich vergessenen Wilhelm Reich gedreht wurde, über den es in den 70ern noch hieß, dass eine Kritik des Faschismus ohne seine Massenpsychologie des Faschismus nicht zu denken sei. Svoboda hat auch schon 2009 einen wohlwollenden Dokumtarfilm über Reich gemacht, der der DVD beiliegt. In dieser Doku wird auch Reichs Engagement in der KPD erwähnt.
Der Film ist recht konventionell aufgebaut, entwickelt aber dennoch Spannung, was der historischen Figur W. Reich und dem Schauspieler K.M. Brandauer zu verdanken ist. Es ist schon erstaunlich, dass heute überhaupt ein Film über den ziemlich vergessenen Wilhelm Reich gedreht wurde, über den es in den 70ern noch hieß, dass eine Kritik des Faschismus ohne seine Massenpsychologie des Faschismus nicht zu denken sei. Svoboda hat auch schon 2009 einen wohlwollenden Dokumtarfilm über Reich gemacht, der der DVD beiliegt. In dieser Doku wird auch Reichs Engagement in der KPD erwähnt.
Schamoni vs. Lemke
Ein großer graublauer Vogel, Regie: Thomas Schamoni, Deutschland 1969
Der erste Film des Filmverlags der Autoren. Die Handlung geht in diesem Film leider in einem Wust von Künstlertum und überambitioniertem Experimentieren unter. Das versteht kein Arbeiter.
Rocker, Regie: Klaus Lemke, Deutschland 1971
Im Mittelpunkt stehen eigentlich nicht die Rocker, sondern der jugendliche Mark, der seinen großen Bruder Ulli und Rocker (wie z.B. Gerd) bewundert. Die Form, grobschlächtige Sprache und grobkörnige Bilder, verdeckt hier nicht die Geschichte, sondern hebt sie hervor. Diese Geschichte erzählt von Marks Einstieg in die schöne aber auch rohe, raue und brutale Welt der Älteren
.
Der erste Film des Filmverlags der Autoren. Die Handlung geht in diesem Film leider in einem Wust von Künstlertum und überambitioniertem Experimentieren unter. Das versteht kein Arbeiter.
Rocker, Regie: Klaus Lemke, Deutschland 1971
Im Mittelpunkt stehen eigentlich nicht die Rocker, sondern der jugendliche Mark, der seinen großen Bruder Ulli und Rocker (wie z.B. Gerd) bewundert. Die Form, grobschlächtige Sprache und grobkörnige Bilder, verdeckt hier nicht die Geschichte, sondern hebt sie hervor. Diese Geschichte erzählt von Marks Einstieg in die schöne aber auch rohe, raue und brutale Welt der Älteren
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Filme gegen Erwachsene
Paradies: Hoffnung, Regie: Ulrich Seidl, Österreich 2013
Die Mutter der 13-jährigen Melanie ist im Urlaub in Kenia und telefonisch nicht erreichbar, der Fitnesscoach im Camp ist eine Karikatur, der Arzt nähert sich ihr zunächst an, als sei er im gleichen Alter, und distanziert sich kurz darauf, als sich Melanie in ihn verliebt, ohne Erklärungsversuch. Die Erwachsenen sind hier keine Vorbilder.
Fish Tank, Regie: Andrea Arnold, GB 2009
Die 15-jährige Mia verliebt sich in Connor den Freund ihrer Mutter. Diese Mutter ist selbst noch nicht ganz erwachsen und unternimmt wenig mit ihren Töchtern, davon hebt sich Connor angenehm ab. Doch auch er erweist sich als Enttäuschung, als er Mia eines Abends verführt und vergewaltigt und sich am nächsten Morgen aus dem Staub macht.
Während bei Paradies: Hoffnung durch die Art und Weise, wie das Diät-Camp konzipiert ist, das Satirische überwiegt, ist Fish Tank ein sehr trauriger Film, in dem Hoffnung zerschlagen wird und am Ende nur die Flucht bleibt.
Die Mutter der 13-jährigen Melanie ist im Urlaub in Kenia und telefonisch nicht erreichbar, der Fitnesscoach im Camp ist eine Karikatur, der Arzt nähert sich ihr zunächst an, als sei er im gleichen Alter, und distanziert sich kurz darauf, als sich Melanie in ihn verliebt, ohne Erklärungsversuch. Die Erwachsenen sind hier keine Vorbilder.
Fish Tank, Regie: Andrea Arnold, GB 2009
Die 15-jährige Mia verliebt sich in Connor den Freund ihrer Mutter. Diese Mutter ist selbst noch nicht ganz erwachsen und unternimmt wenig mit ihren Töchtern, davon hebt sich Connor angenehm ab. Doch auch er erweist sich als Enttäuschung, als er Mia eines Abends verführt und vergewaltigt und sich am nächsten Morgen aus dem Staub macht.
Während bei Paradies: Hoffnung durch die Art und Weise, wie das Diät-Camp konzipiert ist, das Satirische überwiegt, ist Fish Tank ein sehr trauriger Film, in dem Hoffnung zerschlagen wird und am Ende nur die Flucht bleibt.
Wirtschaftspolitik um 1500
Der Ratschlag über die Monopolien als Beispiel
für Wirtschaftspolitik auf Reichsebene an der Wende vom Mittelalter zur Neuzeit
02.03.14
W. Waiblinger über evangelische Schulen
Nun mag es wohl auch
die Art, wie man Wissenschaft und Sprachen treibt und lehrt, gewesen sein, was
unserm ungeduldigen, besser begabten Jünglinge harte Fesseln anlegte. Man mag
über dererlei Erziehungsanstalten sagen, was man will, so bleibt immerhin wahr,
dass dem einzelnen Lehrer zuviel Gewalt überlassen ist. Sieht man, wie oft ein
solcher von äußerst beschränktem Geiste, wenn auch von vielem Wissen ist, wie
unklar, zwecklos, mit welchen Umwegen zum Ziele gearbeitet wird, wie man alles
erschwert, wie selten die Lehrer Männer von hellem Kopf und Urteil sind, wie
wenig sie die Mittel verstehen, um die Jugend zu leiten, wie wenig sie Talent
und Kraft haben, um aufkeimende Fähigkeiten zu wecken, zu nähren, auf guten Weg
zu bringen, wie gänzlich solche Stubenmenschen mit dem Leben unbekannt sind,
wie wenig sie den Menschen kennen, so kann man begreifen, wie es möglich ist,
dass oft Talente von Bedeutung gänzlich irre geleitet und in Gefahr gebracht
werden, nie mehr durch eigene Selbsterziehung verbessern zu können, was in
frühern Jahren durch die Engbrüstigkeit und Unfähigkeit der Lehrer an ihnen
verdorben wurde. Statt dass dieser im Stande sein sollte, jede Eigentümlichkeit
der Schüler herauszufinden, und je nach der Beschaffenheit des Individuums so
oder anders auf seine Rezeptivität zu wirken, macht man keinen Unterschied,
sondern treibt sie mechanisch auf eine Art zu einer Arbeit an, als wenn sie nichts als gleich gebaute Uhren wären, deren
Stahlfeder der Lehrer nach Belieben aufzöge. Diese traurige Erfahrung mag auch
auf das ohnedies so verletzbare und empfindliche Wesen unsers jungen Dichters
gewirkt haben. Jedoch studierte er mit Eifer die alten Sprachen, gehörte zu
den Besten, und war besonders für das Griechische eingenommen.
aus: Wilhelm Waiblinger: Friedrich Hölderlins Leben, Dichtung und Wahnsinn, Winter 1827/28.
12.02.14
Filmgenres
Woody
Allen, Blue Jasmin, 2013
Tragikomödie
Jim
Jarmusch, Only Lovers Left Alive, 2013
Barocke Rocknummer
Christoph Hochhäusler, Unter dir die Stadt, 2010
„Realismus ist immer Neo-, Sur-, Super-, Hyper-.“ (Frieda
Grafe)
Justin
Chadwick, The Other Boleyn Girl, 2008
So wie der Banker in Hochhäuslers Film seinen Angestellten
nach Jakarta befördert, so verpasst Henry VIII. den Ehemännern der Boleyn Girls
Aufgaben abseits des Hofes, um die Frauen für sich zu haben. Ein biblisches
Motiv.
Rainer Werner Fassbinder, Die Sehnsucht der Veronika Voss, 1982
Krimi
Terrence
Malik, Badlands, 1973
Roadmovie
Robert Altmann, McCabe & Mrs. Miller, 1971
Western: „McCabe
& Mrs. Miller ist zur
Blütezeit des New Hollywood entstanden, jener kurzen Phase in der Geschichte
der Traumfabrik, in der die alten Studiobosse abdankten und die neuen
Konzernbosse noch nicht die Zügel fest in der Hand hatten - und junge Autoren
und Regisseure das Machtvakuum nutzten und ihre künstlerischen Vorstellungen
fast ohne Intervention durchsetzen konnten. McCabe hat einen Traum. Er will in
der gerade entstehenden Stadt ein Bordell mit einem Badehaus einrichten und
schnell reich werden. Es gibt Bodenschätze hier, Bergwerke entstehen, und
McCabe hält bald Beteiligungen. Auftritt Mrs. Miller (Julie Christie): Sie hat
ihre Träume längst hinter sich. Pragmatisch macht sie McCabe klar, dass er als
Mann für das Unternehmen Bordell dringend eine Geschäftspartnerin braucht.
Hier, wo eine Liebesbeziehung keimen könnte, die Frau den wilden Westerner zu
domestizieren hätte, signalisiert Altman bereits durch das ,,&“ im Titel,
dass es um etwas anderes geht – eine Firma, eine Beziehung zwischen Mann und
Frau, die auf Geld beruht. Selbst wenn der Romantiker McCabe später zu Mrs.
Miller ins Bett steigt, wird sie immer wieder auf ihre Geldschatulle auf dem
Nachttisch deuten. Die Illusion der Liebe und andere zivilisatorische Annehmlichkeiten
sind nur gegen blanke Dollars zu haben. Doch der Aufstieg des Kleinunternehmens
McCabe & Miller ist im nach Westen expandierenden Kapitalismus
zugleich der Anfang vom Ende. Eine anonyme Bergwerksgesellschaft schickt
bezahlte Killer, die McCabe, der sich selbst mit einem Westernheroen
verwechselt, gerade noch erledigen kann. Er stirbt dabei – ähnlich sinnlose und
einsame Western-Tode gibt es nur noch bei Sam Peckinpah.“ (Bodo Fründt
im Klappentext der DVD)
Éric Rohmer, La
Collectionneuse, 1966
Essay darüber, wie sich Intellektuelle die Gründe für ihr
Handeln zurechtlegen.
Benjamin Christensen, Das geheimnisvolle X, 1914
Spionagethriller
21.01.14
drei Filme von Elio Petri (1929-1982)
A ciascuno il suo / Zwei Särge auf Bestellung (1967)
Ein Krimi: “Erst bekommen zwei Honoratioren des besseren
Mittelstandes von Cefalù anonyme Drohbriefe, dann sind sie tot. (...) Die
Bürger der kleinen, sizilianischen Stadt wollen das Ganze auf sich beruhen
lassen, wie man das halt so tut – nur nicht Paolo Laurana, der glaubt, dass es
hier um ganz andere Dinge als bloße Ehrenhändel ging.“ (Aus dem Beiblatt zur
DVD)
Un tranquillo posto di campagna / das verfluchte Haus (1969)
Ein Gruselfilm: “Leonardo Ferri braucht Ruhe, um seine Kunst
zu schaffen. So zieht er aufs Land, in ein Haus, in dem während des Krieges
eine Frau ermordet wurde. Dort findet er aber auch nicht zu sich, wird immer
nervöser, unbeherrschter, unberechenbarer...Ein viel zu wenig bekanntes Hauptwerk
Petris – halb Schauerstück in krass atonalen Tönen, halb Sozialgroteske von
(...) melancholischer Art.“ (Aus dem Beiblatt)
Eine Erzählung: “Das Prägewerk Fabrik: Gefangen, lärmbombardiert, ausgesetzt dem Fließband und beziehungslos zur hergestellten Ware, mutieren die Arbeiter zu Parodien dessen, was Menschen waren oder sein könnten. Gian Maria Volonté, ohnmächtig zitternder Held des Films, ist das robotende Ass der Fabrik, das seine Produktivität selbst noch durch sexuelle Träume zu steigern weiß. Der Job bringt ihn um einen Finger, der Streik um den Job, der Verlust beider zur Einsicht, dass die Fabrik sein Leben verpfuscht hat. Seine Wiedereinstellung, von der Gewerkschaft als Sieg gefeiert, gerät im Licht der Erkenntnis zur Verdammnis.“ (aus dem Beiblatt) Der Film gewann 1972 die Goldene Palme in Cannes. Die kongeniale Musik (von Ennio Morricone) und der Schnitt zeigen den Rhythmus der Maschinen, der den Arbeitern den Takt vorgibt. Die Inszenierung der Fabrik erinnert an Modern Times oder Dancer in the Dark.
16.01.14
Das Erbe
„Das Erbe“ von Rutu Modan ist eine kleine
Erzählung, die ich in einem Zug gelesen habe, sie ist facettenreich: weil sie ziemlich spannend ist,
man will wissen, wie die Liebesgeschichte zwischen Mika und ihrem polnischen
Verehrer ausgeht, weil sie witzig ist, dafür sorgen die liebenswert sture, alte
Dame Regina Segal und der dubiose, unbeholfene Herr Jagodnik, weil sie darüber
reflektiert, wie man mit der Vergangenheit umgehen kann, durch die Figur der Leiterin
der Gesellschaft zur Erinnerung an die polnischen Juden und weil sie traurig
stimmt, z.B. wenn es um die Vergangenheit von Regina und Roman geht.
05.01.14
Rosa Luxemburg
1908 veröffentlichte Rosa Luxemburg auf polnisch eine Artikelfolge über "Nationalitätenfrage und Autonomie". Sie erschien 2012 erstmals vollständig auf deutsch, was Olaf Kistenmacher zum Anlass nahm Luxemburgs Kritik
am Nationalismus zusammenzufassen. Weitere Texte, auf die er sich dabei
beruft, sind "Die Akkumulation des Kapitals" (1913), "Die Krise der
Sozialdemokratie" (1915) und "Die russische Revolution" (1922 veröffentlicht), die alle im
Internet zu finden sind.
11.12.13
Lorenz Brentano
Von der Paulskirche ins Kapitol
Die Deutschen und die USA verbindet eine lange,
innige Geschichte. Das Leben des badischen Demokraten und Chicagoer
Republikaners Lorenz Brentano ist ein schönes Beispiel dafür. Eine
Erinnerung zu seinem 200. Geburtstag von Alfred Georg Frei aus der Zeit vom 31.10.2013
16.11.13
12.11.13
carlos - der film
Christoph Bach als Hans-Joachim Klein, genannt „Angie“ im Film Carlos, der Schakal
Regie: Olivier Assayas, 2010
Hans Joachim Klein schreibt in dieser Filmszene ein Brief an die Presse, um seinen Ausstieg zu erklären. Einen solchen Brief veröffentlichte der Spiegel im Mai 1977 tatsächlich. Klein schreibt darin, er wolle zwei Morde verhindern, es seien Anschläge auf Heinz Galinski und auf den Präsidenten der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt Ignaz Lipinski geplant. Die Revolutionären Zellen veröffentlichten darauf in der Zeitschrift Pflasterstrand (vom 2.6.77) eine Antwort, in der sie Klein zunächst mehrfach vorwerfen er lüge und er unterstelle ihnen "faschistische Überlegungen für menschenverachtende Aktionen". Man denkt nun beim Lesen, im nächsten Schritt würden die Autoren den Versuch unternehmen, zu beweisen, dass der Antisemitismus nicht zum politischen Programm der Revolutionären Zellen gehöre. Das Gegenteil ist der Fall: Sie fordern auf "zu überlegen, welche RolleGalinski spielt für die Verbrechen des Zionismus, für die Grausamkeiten der imperialistischen Armee Israels, welche Propaganda- und materielle Unterstützungsfunktion dieser Typ hat, der alles andere ist als nur jüdischer Gemeindevorsitzender, und: was man in diesem Land dagegen machen kann."
Carlos, der Bündnispartner der RZ, konvertierte laut wikiepdia in der Haft zum Islam. Er trat in einen Briefwechsel mit dem venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez ein und veröffentlichte im Juni 2003 das Buch Revolutionärer Islam, in dem er versucht, Terrorismus als ein Mittel des Freiheitskampfes zu erklären und zu verteidigen. Er äußerte auch seine Unterstützung für Osama bin Laden und die Terroranschläge am 11. September 2001.
08.11.13
Schule des Sehens
Für ein Filmfestival in Brasilien schrieb Georg Seeßlen diese Zwischenbilanz zu den Filmen der sogenannten Berliner Schule. Zuletzt sah ich die in diesem Kreis entstandene Triologie Dreileben: ein klassenkämpferischer Liebesfilm von Christian Petzold, ein nostalgischer von Dominik Graf und ein rückwärts gewickelter Krimi von Christoph Hochhäusler spielen alle am selben Ort und auch die Figuren treten in den Filmen des jeweils anderen auf. So ensteht, wie in Fernsehserien, ein kleiner Kosmos, allerdings nicht durch die Dehnung der erzählten Zeit, sondern durch die dreifache Perspektive auf die Protagonisten: In jedem der drei Filme stehen andere im Vordergrund.
03.11.13
Provinz
ANDREAS FANIZADEH, Taz 03.06.2011
Die Welt in die Provinz geholt
"Die Wolke", Buchhandlung in Ravensburg, gibt auf
Die Buchhandlung "Wolke" in Ravensburg gehörte zu dem Netz engagierter Buchhandlungen, die sich in Westdeutschland im Gefolge der außerparlamentarischen Bewegungen gründete. Als Matthias Bräuning und Bärbel Magin ihren kleinen Laden 1980 in der Ravensburger Altstadt eröffneten, gab es kein Internet, zum Plattenladen fuhr man nach Stuttgart, Zürich oder München, und Kneipen schlossen in der 50.000 Einwohner zählenden Stadt um 23 Uhr.
Der Zugang zur Welt war medial mühsam, man musste selber etwas dafür tun. Die Buchhandlung in der Ravensburger Altstadt wurde neben Jugendhaus oder Gasthaus Räuberhöhle zum Treff lokaler Außenseiter. Punk und existenzialistische Literatur erweiterten Anfang der 1980er Jahre den provinziellen Blick. Es war kein kleines Kunststück, in dieser tendenziell kultur- und intellektuellenfeindlichen Umgebung ein Geschäft wie "Die Wolke" zu etablieren. Sie brachte Buch- und Subkultur in den frühen 1980er Jahren zusammen und pflegte eine literarisch-snobistische Haltung, die mit einfachen Klassen- oder Parteidogmen nichts zu tun hatte. Selber kaum mehr als Hartz IV zu verdienen, aber dennoch selbstbestimmt zu bleiben und mit Wohlhabenden Wein zu trinken, es schließt sich nicht aus.
An Orten wie Ravensburg waren die Grünen schon früh sehr stark, doch war die Stadt lange eine Hochburg des unaufgeklärten Flügels der baden-württembergischen CDU. Da stellten schon etwas anders gestaltete Schaufenster eine unglaubliche Provokation dar, speziell wenn es um Moral- und Sexualvorstellungen ging, und zogen Steine und Brandsätze nach sich. Doch heute ist vieles anders. Mit dem biologischen Ableben der NS-geprägten Generation ist auch auf dem Land das Leben liberaler geworden. Die Butzenfenster sind aus den Wirtshäusern verschwunden und Gedenksteine erinnern auch in Oberschwaben an ermordete Juden und Sinti und Roma. Doch mit den gepflegten Fußgängerzonen und der schönen neuen Amazon-Welt verschwinden auch die einst im Gegensatz zur alten Welt errichteten Territorien.
Das neue Offene, es wird auch anonymer werden und vielleicht ist das auch gut so. Jedenfalls sind es die Bräunings und Magins, deren - welch antikes Wort - Basisarbeit den geistigen Umschwung im Ländle Richtung Kretsch und Grün-Rot erst mit ermöglichte. Ein Toast auf die letzten Bohemiens dieser untergehenden temporären autonomen Zonen, die nicht in die Großstädte flüchteten und dennoch Großstädter waren, die im Sommer auf der Alm Vieh hüteten, um im Winter den Höhlenbewohnern der Stadt gute Literatur zu verkaufen. Die gibt es, falls Sie in der Nähe sein sollten, noch bis 11. Juni zum halben Preis.
Ein Toast auf die letzten Bohemiens dieser untergehenden autonomen Zonen!
Die Welt in die Provinz geholt
"Die Wolke", Buchhandlung in Ravensburg, gibt auf
Die Buchhandlung "Wolke" in Ravensburg gehörte zu dem Netz engagierter Buchhandlungen, die sich in Westdeutschland im Gefolge der außerparlamentarischen Bewegungen gründete. Als Matthias Bräuning und Bärbel Magin ihren kleinen Laden 1980 in der Ravensburger Altstadt eröffneten, gab es kein Internet, zum Plattenladen fuhr man nach Stuttgart, Zürich oder München, und Kneipen schlossen in der 50.000 Einwohner zählenden Stadt um 23 Uhr.
Der Zugang zur Welt war medial mühsam, man musste selber etwas dafür tun. Die Buchhandlung in der Ravensburger Altstadt wurde neben Jugendhaus oder Gasthaus Räuberhöhle zum Treff lokaler Außenseiter. Punk und existenzialistische Literatur erweiterten Anfang der 1980er Jahre den provinziellen Blick. Es war kein kleines Kunststück, in dieser tendenziell kultur- und intellektuellenfeindlichen Umgebung ein Geschäft wie "Die Wolke" zu etablieren. Sie brachte Buch- und Subkultur in den frühen 1980er Jahren zusammen und pflegte eine literarisch-snobistische Haltung, die mit einfachen Klassen- oder Parteidogmen nichts zu tun hatte. Selber kaum mehr als Hartz IV zu verdienen, aber dennoch selbstbestimmt zu bleiben und mit Wohlhabenden Wein zu trinken, es schließt sich nicht aus.
An Orten wie Ravensburg waren die Grünen schon früh sehr stark, doch war die Stadt lange eine Hochburg des unaufgeklärten Flügels der baden-württembergischen CDU. Da stellten schon etwas anders gestaltete Schaufenster eine unglaubliche Provokation dar, speziell wenn es um Moral- und Sexualvorstellungen ging, und zogen Steine und Brandsätze nach sich. Doch heute ist vieles anders. Mit dem biologischen Ableben der NS-geprägten Generation ist auch auf dem Land das Leben liberaler geworden. Die Butzenfenster sind aus den Wirtshäusern verschwunden und Gedenksteine erinnern auch in Oberschwaben an ermordete Juden und Sinti und Roma. Doch mit den gepflegten Fußgängerzonen und der schönen neuen Amazon-Welt verschwinden auch die einst im Gegensatz zur alten Welt errichteten Territorien.
Das neue Offene, es wird auch anonymer werden und vielleicht ist das auch gut so. Jedenfalls sind es die Bräunings und Magins, deren - welch antikes Wort - Basisarbeit den geistigen Umschwung im Ländle Richtung Kretsch und Grün-Rot erst mit ermöglichte. Ein Toast auf die letzten Bohemiens dieser untergehenden temporären autonomen Zonen, die nicht in die Großstädte flüchteten und dennoch Großstädter waren, die im Sommer auf der Alm Vieh hüteten, um im Winter den Höhlenbewohnern der Stadt gute Literatur zu verkaufen. Die gibt es, falls Sie in der Nähe sein sollten, noch bis 11. Juni zum halben Preis.
Ein Toast auf die letzten Bohemiens dieser untergehenden autonomen Zonen!
02.11.13
Filme IV
Zero Dark Thirty, Regie: Kathryn Bigelow, 2012
Ein nicht kitschiger Film, weil er Widersprüche zeigt. Ausgehend von der islamistischen Gewalt des 11.9.2001 zeigt er die Jagd auf Osama bin Laden und rückt damit die staatlichte Gewalt in den Blick. Die CIA-Agentin Maya, deren Privatleben und deren Gefühle nicht gezeigt werden, personifiziert den Staat.
Lornas Schweigen, Regie: Jean-Pierre und Luc Dardenne, 2008
Ebenfalls ein sehr guter Film. Er erinnert an die Filme von Michael Haneke und Christian Petzold. Wikipedia zitiert einige treffende Pressestimmen:
Die Filmzeitschrift epd Film schrieb, das Kino der Brüder Dardennes sei eine „elliptische Kunst“. Was nicht wichtig sei für die innere Wahrheit einer Sequenz, werde ausgespart. Kein Bild, kein Ton scheine bei ihnen überflüssig. Die großen dramatischen Gesten verkneife man sich. Keine „aufstöhnende Musik, keine langwierigen Tränenausbrüche, keine ausgespielten inneren Abgründe. Und dennoch geht es um alles und das in jeder Einstellung. Um Sterben und Leben, Schuld und Unschuld. Und nichts davon ist eine Sache von Märtyrertum oder höherer Gerichtsbarkeit.“
Cinema bezeichnete den Film als „radikalen Realismus für Cineasten: Der Zuschauer als nüchterner Beobachter einer unsentimentalen Erzählung, die Durchhaltevermögen erfordert“, und kam zu dem Fazit „beklemmendes Kunstkino mit toller Darstellerin“.
Michael Ranze schrieb im Hamburger Abendblatt, der Film sei „eine hoch moralische und doch sehr einfache Geschichte über den Warenwert menschlicher Beziehungen.“ Lange habe man keinen Film mehr gesehen, in dem so oft Geld gezählt und übergeben, versteckt und gezahlt werde. Lorna lade dadurch, ihrem Traum von einem besseren Leben alles unterzuordnen, Schuld auf sich.
Ein nicht kitschiger Film, weil er Widersprüche zeigt. Ausgehend von der islamistischen Gewalt des 11.9.2001 zeigt er die Jagd auf Osama bin Laden und rückt damit die staatlichte Gewalt in den Blick. Die CIA-Agentin Maya, deren Privatleben und deren Gefühle nicht gezeigt werden, personifiziert den Staat.
Lornas Schweigen, Regie: Jean-Pierre und Luc Dardenne, 2008
Ebenfalls ein sehr guter Film. Er erinnert an die Filme von Michael Haneke und Christian Petzold. Wikipedia zitiert einige treffende Pressestimmen:
Die Filmzeitschrift epd Film schrieb, das Kino der Brüder Dardennes sei eine „elliptische Kunst“. Was nicht wichtig sei für die innere Wahrheit einer Sequenz, werde ausgespart. Kein Bild, kein Ton scheine bei ihnen überflüssig. Die großen dramatischen Gesten verkneife man sich. Keine „aufstöhnende Musik, keine langwierigen Tränenausbrüche, keine ausgespielten inneren Abgründe. Und dennoch geht es um alles und das in jeder Einstellung. Um Sterben und Leben, Schuld und Unschuld. Und nichts davon ist eine Sache von Märtyrertum oder höherer Gerichtsbarkeit.“
Cinema bezeichnete den Film als „radikalen Realismus für Cineasten: Der Zuschauer als nüchterner Beobachter einer unsentimentalen Erzählung, die Durchhaltevermögen erfordert“, und kam zu dem Fazit „beklemmendes Kunstkino mit toller Darstellerin“.
Michael Ranze schrieb im Hamburger Abendblatt, der Film sei „eine hoch moralische und doch sehr einfache Geschichte über den Warenwert menschlicher Beziehungen.“ Lange habe man keinen Film mehr gesehen, in dem so oft Geld gezählt und übergeben, versteckt und gezahlt werde. Lorna lade dadurch, ihrem Traum von einem besseren Leben alles unterzuordnen, Schuld auf sich.
Denis Diderot
Matthias Greffrath veröffentlichte in der Zeit vom 2.10. ein Porträt Diderots. Interessant ist, dass die Aufklärer des 18. Jahrhunderts die Encyclopédie auf eine recht parteiische Weise schrieben. Sie bemühten sich nicht, das Wissen ihrer Zeit als außenstehende Beobachter zu sammeln und in ihrem Lexikon aufzuschreiben. Wahrheit war für sie nicht neutral und objektiv, nicht auf Pluralismus bedacht, wahr war die Kritik an den bestehenden Verältnissen.
30.10.13
zu Georg Büchner
zu Georg Büchners 200. Geburtstag erschienen einige Artikel, der von Manfred Koch aus der NZZ war der beste:
Als Georg Büchner am 19. Februar 1837 23-jährig in Zürich starb, hinterliess er ein schmales, eminentes literarisches Werk. Er gehörte aber auch zu den Stichwortgebern des revolutionären Umbruchs in Hessen. Schuldgefühle wegen der Inhaftierung seiner Gesinnungsfreunde verfolgten ihn bis zuletzt.
Als Georg Büchner am 19. Februar 1837 23-jährig in Zürich starb, hinterliess er ein schmales, eminentes literarisches Werk. Er gehörte aber auch zu den Stichwortgebern des revolutionären Umbruchs in Hessen. Schuldgefühle wegen der Inhaftierung seiner Gesinnungsfreunde verfolgten ihn bis zuletzt.
Filme III
The Thomas
Crown Affair, Regie: Norman Jewison, 1968
Mit Steve McQueen und Faye Dunaway und schöner Musik von
Michel Legrand.
Noch cooler geht es nicht. Dieser Film ist sicherlich heute
noch das große Vorbild für Filme wie oceans eleven. Es geht um einen wohlhabenden
Unternehmer, der sich die Zeit nicht nur damit vertreibt Golf und Polo zu
spielen und zu fliegen, sondern auf der Suche nach Spannung und Abenteuer auch Banken
überfällt. Das bürgerliche Leben und seine Formen des Zeitvertreibs kommen also
tatsächlich nicht allzu gut weg, selbst ihre exklusiveren Formen sind so
langweilig, dass man was Aufregendes wo anders suchen muss.
Teorema, Regie:
Pasolini, 1968
Musik von Ennio Morricone und Mozart
Das ist ein ziemlich artifizieller Film. Es geht um die
Frage, was Leute daraus machen, wenn sie die Liebe erfahren. Diese Erfahrung
wird im Film personifiziert durch die Figur des namenlosen Gasts einer
großbürgerlichen Familie. Der Film zeigt in seiner zweiten Hälfte fünf
Möglichkeiten, mit der Erfahrung umzugehen: Die Tochter wird sprachlos, die
Mutter versucht die Erfahrung zu wiederholen, die Haushälterin interpretiert
das Erlebte religiös und wird zur Märtyrerin, der Sohn fühlt sich zur Kunst
ermutigt und der Vater verschenkt seine Fabrik an die Arbeiter. Es ist also nicht ausgemacht,
dass aus Erfahrung Erkenntnis folgt, geschweige denn Glück. (sehenswert war
auch der Dokumentarfilm Die Akte Pasolini, der die Rolle Pasolinis im Italien
der 60er und 70er Jahr beleuchtete.)
Possession, Regie: Andrzej Zulawski, 1981
Mit Sam Neill und Isabelle Adjani, die für ihr Spiel in
diesem Film in Cannes 1981 als beste Schauspielerin ausgezeichnet wurde, was
sehr nachvollziehbar ist.
West-Berlin 1981, das sieht in diesem Film aus wie eine
Sciencefiction-Filmkulisse. David Lynch trifft auf Alien, plus Action: ein
düsteres Spektakel. Inhaltlich geht es auch wieder um die Liebe, Mark glaubt an
seine Frau Anna, obwohl sie sich mit dem Bösen einlässt. Leider sterben am
Schluss beide.
William S.
Burroughs a man within, Regie: Yony Leyser, 2010
Das ist das sehr gelungene Dokumentarfilm-Debut dieses
jungen Regisseurs. Es geht um das Leben von Burroughs und um seinen Einfluss
auf die Subkultur im 20. Jahrhundert.
00 Schneider im Wendekreis der Eidechse, Regie: Helge
Schneider, 2013
Ein sehr nostalgischer, lässiger und poetischer Film, es
dominieren herbstlichen Farben und Jazzmusik. Immmer wieder sieht man in langen
Einstellungen, wie sich der Hund des Kommissars auf dem Sofa rekelt oder Helge
Schneider tanzt im braunen Ledermantel mehrere Minuten in einer Tiefgarage. Die
surreale Komik ist eher ein Nebeneffekt. Per Schnitt erhält das Ruhrgebiet einen
Strand am Mittelmeer, das ist zunächst einfach schön und eben auch witzig.
29.09.13
kleine Filmschau II
La règle du jeu (die Spielregel), Regie: Jean Renoir, 1939
Eine viel gelobte Komödie, Renoir spielt selbst mit. Der
Film hinterlässt aber nicht solchen Eindruck wie die Große Illusion oder
Bestie Mensch.
Katzelmacher, Regie: Rainer Werner Fassbinder, 1969
Besser als erwartet. Kleinstädtische Langeweile und
Borniertheit werden einem beim Zuschauen aufgezwungen. Fassbinder schrieb das
Drehbuch und spielt selber mit. Auf der DVD findet sich zudem der witzige
Kurzfilm Das kleine Chaos.
Das verfluchte Haus, Regie: Elio Petri, 1970
Mit Franco Nero,
dem original Django. Hier spielt er einen sehr erfolgreichen
italienischen Künstler, der vor den Freunden seiner Kunst und vor seiner
geschäftstüchtigen Frau in eine alte Villa flieht. Dort spukt es, weil eine
junge Frau vor den Mauern des Anwesens ums Leben kam. Der Künstler versucht dem
Schicksal dieses Mädchens auf die Spur zu kommen und beschäftigt sich immer
obsessiver mit ihr, bis er am Ende versucht seine Frau umzubringen und in der
Irrenanstalt landet. Es bleibt unklar, ob der Spuk seinen Träumen entspringt
oder ob ein realer Spuk ihn in den Wahnsinn treibt.
Long hello
& short goodbye, Regie: Rainer Kaufmann, 1999
Eine schöne Liebesgeschichte und für einen deutschen Krimi (es spielen
Axel Milberg und Katja Riemann mit) erstaunlich unterhaltsam und formal unkonventionell.
Der Bulle ist der Bösewicht.
23.09.13
Dimitri Kirsanoff
Ménilmontant (1926), Regie: Dimitri Kirsanoff
Diesen Stummfilm kann man sich bei youtube anschauen. Auf den Film und den vergessenen Regisseur Kirsanoff machte neulich Stefan Ripplinger unter der Überschrift Halb Unglück, halb Hoffnung in der Zeitschrift Konkret aufmerksam, weil in der Edition Text und Kritik ein Buch über Kirsanoff erschienen ist. Vorallem Schnitt- und Kameratechnik überzeugen auch noch nach über 80 Jahren.
16.09.13
Léon Morin, prêtre
Jean-Paul Belmondo und Emmanuelle Riva in
Eva und der Priester (Léon Morin, prêtre) 1961, Regie: Jean-Pierre Melville
Ein dialogreicher, sehr spannender Film. "Léon Morin, Priest is not the big, variegated canvas of the Resistance that Melville first imagined; that came later, in 1969, with Army of Shadows. It is an exquisitely circumscribed and powerful picture of how people cope in a world devoid of certainty." Schreibt Gary Indiana am Schluss eines interessanten Aufsatzes, der auf der Seite des amerikanischen Criterion-Labels zu finden ist.
03.09.13
La silence de la mer
La silence de la mer (1947), Drehbuch und Regie: Jean-Pierre Melville
Melville orientiert sich in seinem ersten Film stark an der gleichnamigen Novelle, die von "Vercor" 1942 veröffentlicht wurde. Schade, dass eine Erzählstimme die Geschichte erzählt (im Buch erzählt der französische Hausherr die Geschichte aus der Ich-Perspektive), an vielen Stellen wäre dies gar nicht nötig gewesen, da das, was die Stimme erklärt, ohnehin zu sehen ist, z.B. Werners nervöse Hand. Dennoch ein schöner, ruhiger, zur Diskussion anregender Film.
01.09.13
El Topo
El Topo (1970), Regie und Drehbuch: Alejandro Jodorowsky
Im Trailer heißt es, der Film sei kein Spektakel, dennoch will er vorallem Aufsehen erregen. Die Flut an Bilder und Ideen ist recht strapaziös, wie Esther Buss schreibt; der gleichzeitige Mangel an stringenter Handlung ermüdet. Die Gewaltszenen erinnern an Pasolinis fünf Jahre später enstandenen 120 Tage von Sodom.
Der letzte Mann
Der letzte Mann (1924) Regie: Friedrich Murnau
Eine Kritik an der Überflüssigkeit des Menschen
Ein alternder Hotelportier verrichtet seinen Dienst an der Tür des „Hotel Atlantic“ in Berlin. In seiner prächtigen Uniform, mit stattlichem Schnurrbart und jovialem Lächeln begrüßt er dort die Gäste. Als er eines Tages beim Abladen eines schweren Koffers einen Schwächeanfall erleidet, wird er vom Hoteldirektor mit Verweis auf sein hohes Alter in die Herrentoilette versetzt. Ein Jüngerer nimmt seinen Platz ein. Der Portier verkraftet diese Demütigung nicht. Des Nachts entwendet er seine alte Uniform und führt nun ein Doppelleben: Tagsüber verrichtet er traurig seinen Dienst in der Hoteltoilette. Nach Feierabend zieht er sich heimlich die Uniform an, um seiner Familie und seinen Nachbarn vorzuspielen, es sei alles wie früher. Doch der Schwindel fliegt bald auf und Familie und Nachbarn wenden sich von ihm ab. Die Welt des Portiers bricht endgültig zusammen, nur der Nachtwächter des Hotels schaut noch nach ihm.
Nach einem Zwischentitel (dem einzigen), der die bisherige Handlung als alltäglich aber unerträglich bezeichnet, erhält die Geschichte am Ende eine positive Wendung: ein Hotelgast vermacht auf der Herrentoilette sterbend dem einstigen Portier sein gesamtes Vermögen. Der einst Gedemütigte kann nun als souveräner, gut gelaunter und großzügiger Gast im „Atlantic“ einkehren und den Nachtwächter zu einem Festmahl einladen, worüber sich die restlichen Hotelgäste, die die Geschichte in der Zeitung gelesen haben, köstlich amüsieren.
26.08.13
Lafayette
Gilbert Motier the Marquis De La Fayette as a Lieutenant General, 1791
Portrait of Joseph-Désiré Court (1797-1865)
Amerikas Unabhängigkeit, Europas Freiheit: Der Marquis von Lafayette kämpfte auf beiden Kontinenten für die Menschen- und Bürgerrechte. Ein Artikel von Ronald Gerste aus der ZEIT vom 11. Juli 2013
03.07.13
26.06.13
Olivier Assayas: Après mai
Christine (Lola Créton) und Gilles (Clément Métayer) sehen sich in Florenz Laos, images sauvées von Madeleine Riffaud an, der Film wird auf offener Straße vorgeführt:
Zuvor haben sie sich in einem Kino, das Joe Hill von Bo Widerberg zeigte, geküsst.
Après mai erinnert an die Filme von Larry Clark und an The Dreamers (2003) von Bernardo Bertolucci. Allerdings ironisiert im Gegensatz zu diesen Assayas die eigene Beschäftigung mit (rebellischen) Jugendlichen:
Laure, l'égérie de Gilles, lui offre, en guise de cadeau de rupture, le recueil Gasoline du poète anglais Gregory Corso. Gilles s'empare alors d'un passage de I am 25 : "Je déteste les vieux poètes, et spécialement les vieux poètes qui parlent de leur jeunesse en murmurant : j'ai fait cela alors, mais c'était alors..." .
21.06.13
Querelle des Anciens
Lars Quadfasel berichtet über eine Auseinandersetzung darüber, woher die richtigen Ideen der Menschen
kommen: "Benjamin behauptet, orthodox marxistisch, aber das äußerst
eigenwillig: aus der Steigerung der Produktivkräfte; Adorno antwortet
ihm, ganz leninistisch, aber ebenso eigenwillig: aus der theoretischen
Arbeit – genauer gesagt: aus der philosophischen und künstlerischen
Durchdringung der Widersprüche des geistigen Überbaus"
14.05.13
"Alles ist so gewesen. Nichts war genau so."
Nadja Uhl und Bibiana Beglau in
Die Stille nach dem Schuss, Regie: Volker Schlöndorff, Dtl. 2000
Wie Georg Seesslen geschrieben hat, ist der Mittelteil deutlich besser als Anfang und Schluss.
Wie lange die DDR ohne Alkohol durchgehalten hätte?
10.05.13
Sisyphos als glücklicher Mensch
Der diskrete Charme der Bourgeoisie
Regie: Louis Bunuel, Frankreich/Spanien 1972
Einige untereinander bekannte Bürger versuchen immer wieder gemeinsam zu essen. Jedesmal werden sie, kurz nach dem sie gerade begonnen haben, unterbrochen. Glück und Geselligkeit zu organisieren gelingt ihnen nicht. Sie sprechen das Scheitern ihrer Bemühungen aber nie an, sondern unternehmen unverdrossen bald einen neuen Versuch. Absurd ist der Optimismus, mit dem sie dem nächsten Treffen entgegen sehen.
28.04.13
Einhorn, Phoenix, Drache
In seinem Buch "Einhorn, Phoenix, Drache, woher unsere Fabeltiere kommen" (Frankfurt a. M. 2012) bietet der Biologe Josef H. Reichholf zoologische Erklärungen für Fabelwesen aus der antiken und mittelalterlichen Sagenwelt. Kulturwissenschaftliche oder psychologische Erklärungsversuche werden nicht erwähnt. Im Gegensatz zu Reichholfs Buch "Warum die Menschen sesshaft wurden", das auf 300 Seiten eine These entfaltet, handelt es sich bei seinem neuen Buch um einen Sammelband, dessen Kapitel auch einzeln gelesen werden können. Überzeugend sind das Kapitel über den Phoenix, dessen natürliches Vorbild laut Reichholf der Flamingo gewesen sei, das Kapitel über die zwölf Aufgaben des Herakles, das ausführliche, aber schon andernorts veröffentlichte Kapitel über das Einhorn, das mit der ostafrikanischen Oryxantilope in Verbindung gebracht wird und die sehr kurzen Kapitel über Pan und die Zyklopen. Das Kapitel über den Drachen wirft eher Fragen für ein Forschungsprogramm auf, als dass es eine schon fertige, schlüssige Argumentation liefert. Reichholfs These lautet, dass man von den chinesischen Drachen, die auf Prozessionen von Menschen gespielt werden, ausgehen müsse. Möglicherweise diente ein ähnliches Schauspiel im Europa der Völkerwanderungszeit, in welcher z.B. die Nibelungensage entstand, zur Abschreckung. Der Autor wirft die Frage auf, ob sich umherziehende Gruppen, die auf der Suche nach Edelmetallen Bergbau betrieben, als Drachen maskierten und einen Budenzauber veranstalteten, um die lokale Bevölkerung einzuschüchtern. Reichholf gibt zu, dass hier nun Geschichtsforscher weitermachen müssten.
24.04.13
Gertrud
Gertrud, Carl Theodor Dreyer, Dänemark 1964
Das ist der letzte Film von Dreyer, der nach dem Zweiten Weltkrieg nur zwei Filme drehte, insgesamt 14.
Der Film ist von langen Einstellungen geprägt, die Räume sind nüchtern ausgestattet, das Schauspiel ist sehr reduziert. Diese protestantische Nüchternheit steht in radikalem Gegensatz zum aufgewühlten Seelenleben der Figuren, über das diese in den langen Dialogen Auskunft geben. Gertrud ist die treibende Kraft dieser Gespräche, Gustav Kanning, ihr Mann, sagt an einer Stelle sinngemäß "einer Frau sollte es nicht erlaubt sein so frei zu sprechen". Sie fordert Offenheit und Wahrheit in der Diskussion über die Liebe. Nachdem Gertruds Hoffnung auf erfüllte Liebe scheitert, wofür ich nicht das Idealhafte ihrer Vorstellungen verantwortlich machen würde, zieht Getrud die Einsamkeit einer pragmatischen Zweisamkeit vor. (Darin, dass es hier auch um vergangene Liebe geht, ähnelt der Film Theodor Stoms Novelle Immensee.)
18.04.13
kleine Filmschau
In guten Historienfilmen stehen nicht die Kulissen im Vordergrund, sondern die Figuren und ihre Geschichte. Eine Auswahl:
Das Gelübde, Regie: Dominik Graf, 2008
Angesichts der Methoden der aufgeklärten preußischen Ärzte schlägt man sich automatisch auf die Seite der Nonne Anne Katharina Emmerick und des romantischen Dichters Clemens Brentano, der deren Visionen notiert. (Zum Glauben heutzutage siehe den Film Paradies. Glaube von Ulrich Seidl, in dem er alle religiösen Hoffnungen, Missverständnisse und Borniertheiten der Welt eindampft und sie bei einem Paar, in einem Haus zeigt.)
A Dangerous Method, Regie: David Cronenberg, mit: Viggo Mortensen und Keira Knightley, 2011
Otto Gross, anarchistischer Psychoanalytiker und Freund Franz Jungs, hat einen wichtigen Auftritt: durch seine Theorien fühlt sich C.G. Jung legitimiert das Verhältnis mit seiner Patientien Sabina Spielrein einzugehen.
Der flüsternde Tod, Regie: Jürgen Goslar, 1976
"Die untergehende Sonne, die (KameramannWolfgang) Treu hier so gerne einsetzte, das ist auch die Sonne, die - während sie drehten - über der Kolonialwelt Afrikas untergeht. Rhodesien (...) ging unter. Und es ensteht Simbabwe." schreibt Dominik Graf in einer Lobeshymne für die FAZ. Der Film ist sicherlich handwerklich gut gemacht, die Handlung aber doch konventionell, nicht zu vergleichen mit Dogville, in dem Lars von Trier das Rape´n´ Revenge-Motiv 2003 nochmals aufgriff.
Milk, Regie: Gus van Sant, mit: Sean Penn, 2008
Ein Bürgerrechtsbewegungsfilm. Stark sind manche der Reden, die Milk/Penn hält, interessant ist auch die Figur des Möders Dan White. Dass Harvey Milk als Erzähler, die eigene Geschichte einem Diktiergerät erzählt, ist doppeltgemoppelt, weil das, was er erzählt, anschließend meist auch gezeigt wird oder vor der Diktiergerät-Session schon gezeigt wurde.
Barbara, Regie: Christian Petzold, 2012
Petzold ist derzeit sicherlich der beste Regisseur in Deutschland. Mit minimalitischen Mitteln gelingt es ihm, auch im Film Barbara über eine Ärztin in der DDR, Spannung zu erzeugen. Z.B. werden durch den fast vollständigen Verzicht auf Filmmusik das Rauschen der Blätter, das Summen eines Schlaflieds, das Klavierspiel der Protagonistinals Musik erst wahrnehmbar. Neorealismus auf der Höhe der Zeit.
Das Gelübde, Regie: Dominik Graf, 2008
Angesichts der Methoden der aufgeklärten preußischen Ärzte schlägt man sich automatisch auf die Seite der Nonne Anne Katharina Emmerick und des romantischen Dichters Clemens Brentano, der deren Visionen notiert. (Zum Glauben heutzutage siehe den Film Paradies. Glaube von Ulrich Seidl, in dem er alle religiösen Hoffnungen, Missverständnisse und Borniertheiten der Welt eindampft und sie bei einem Paar, in einem Haus zeigt.)
A Dangerous Method, Regie: David Cronenberg, mit: Viggo Mortensen und Keira Knightley, 2011
Otto Gross, anarchistischer Psychoanalytiker und Freund Franz Jungs, hat einen wichtigen Auftritt: durch seine Theorien fühlt sich C.G. Jung legitimiert das Verhältnis mit seiner Patientien Sabina Spielrein einzugehen.
Der flüsternde Tod, Regie: Jürgen Goslar, 1976
"Die untergehende Sonne, die (KameramannWolfgang) Treu hier so gerne einsetzte, das ist auch die Sonne, die - während sie drehten - über der Kolonialwelt Afrikas untergeht. Rhodesien (...) ging unter. Und es ensteht Simbabwe." schreibt Dominik Graf in einer Lobeshymne für die FAZ. Der Film ist sicherlich handwerklich gut gemacht, die Handlung aber doch konventionell, nicht zu vergleichen mit Dogville, in dem Lars von Trier das Rape´n´ Revenge-Motiv 2003 nochmals aufgriff.
Milk, Regie: Gus van Sant, mit: Sean Penn, 2008
Ein Bürgerrechtsbewegungsfilm. Stark sind manche der Reden, die Milk/Penn hält, interessant ist auch die Figur des Möders Dan White. Dass Harvey Milk als Erzähler, die eigene Geschichte einem Diktiergerät erzählt, ist doppeltgemoppelt, weil das, was er erzählt, anschließend meist auch gezeigt wird oder vor der Diktiergerät-Session schon gezeigt wurde.
Barbara, Regie: Christian Petzold, 2012
Petzold ist derzeit sicherlich der beste Regisseur in Deutschland. Mit minimalitischen Mitteln gelingt es ihm, auch im Film Barbara über eine Ärztin in der DDR, Spannung zu erzeugen. Z.B. werden durch den fast vollständigen Verzicht auf Filmmusik das Rauschen der Blätter, das Summen eines Schlaflieds, das Klavierspiel der Protagonistinals Musik erst wahrnehmbar. Neorealismus auf der Höhe der Zeit.
07.04.13
Das Verschwinden des Philip S.
Im Roman "Das Verschwinden des Philip S." erzählt eine namenlose Ich-Erzählerin von ihrem Leben mit Philip S., den sie 1967 kennlernt und der 1975 von der Polizei erschossen wird. Die Erzählerin sichtet über 25 Jahre später die Dinge, Filme und Fotos, die von ihrem Freund blieben und erinnert sich an die gemeinsame Zeit. Die Vergangenheit wird Gegenwart, so notiert sie ihre Erinnerungen (im Präsens), damit sein Verschwinden kein vollständiges wird. Mit ihrem Bericht geht es ihr um etwas, was Philip in einem Gespräch über ihre Fotografien beschreibt: "Er spürt darin eine Anziehungskraft, entdeckt ein Dabeisein, jene festgehaltenen Momente, die ein Vorher und ein Nachher aufschließen und Geschichte sichtbar machen." (S. 45)
Im Roman "Agnes" von Peter Stamm sind die Rollen vertauscht, ein Er-Erzähler erinnert sich, als er Videoaufnahmen eines gemeinsamen Ausflugs anschaut, der verschwundenen Agnes. Während aber Agnes Spuren hinterlassen will, weil sie sich vor dem Verschwinden, das der Tod bedeutet, fürchtet, sorgt Philip dafür, dass er möglichst wenig hinterlässt.
Im Roman tauchen einige Personen und Ereignisse aus der realen Geschichte auf, Philip Werner Sauber war tatsächlich Filmstudent und wurde 1975 tatsächlich erschossen, insofern handelt es sich nicht nur um einen Roman sondern auch um einen Nachruf für Philip Sauber und um eine autobiografische Skizze der Autorin Ulrike Edschmid. Sie versucht zu ergründen, warum ihr Freund in den Untergrund ging. Die Phase, in der sie sich auseinanderleben, beschreibt sie so:
"Die Dinge verändern sich schleichend. Jeder von uns hat die Wochen hinter Gittern anders durchlebt. Philip S. hat sich dagegen aufgelehnt, eingesperrt zu sein. Ich habe mich in mich selbst zurückgezogen. Er ist laut geworden. Ich wurde leise. Er hat den Aufstand geprobt, hat die anderen Gefangenen aufgewiegelt, sich den Anweisungen der Wärter zu widersetzen. Ich habe mit den Wärterinnen gesprochen. Ihn haben die Wärter mit Judogriffen niedergerungen. Mich hat keine Wärterin jemals berührt. Er zieht jetzt eine scharfe Linie zwischen sich und denjenigen, die er als Feinde begreift. Ich kann nicht in Feindschaft leben, auch wenn ich vieles als feindlich empfinde. Er hat geschworen, sich nie wieder einsperren zu lassen. Ich habe geschworen, mich nie mehr für etwas einsperren zu lassen, für das ich nicht geradestehen kann. Er glaubt, dass er dem Gefängnis nur entkommen kann, wenn er ein anderer wird. Ich glaube, dass ich es nur aushalten kann, wenn ich bei mir selber bleibe. Er ist rausgekommen, um wegzugehen. Ich bin in mein Leben zurückgekehrt. Er hat mich im Gefängnis an seiner Seite gesehen. Aber ich war nicht dort, ich war bei meinem Kind. An dieser Unvereinbarkeit zerbricht das gemeinsame Leben. Es geschieht in kleinen Schritten, von uns selbst unbemerkt."(S. 112)
Einige Regisseure werden erwähnt, z.B. Godard (S. 20), Alain Resnais (S. 32), Pasolini (S. 40), Fellini (S. 43), Hitchcock (S. 63) und Dziga Vertov (S.81). Philip wird angeboten, die Erinnerungen des russischen Revolutionärs Boris Savinkov fürs Fernsehen zu verfilmen. (S. 113)
Im Roman "Agnes" von Peter Stamm sind die Rollen vertauscht, ein Er-Erzähler erinnert sich, als er Videoaufnahmen eines gemeinsamen Ausflugs anschaut, der verschwundenen Agnes. Während aber Agnes Spuren hinterlassen will, weil sie sich vor dem Verschwinden, das der Tod bedeutet, fürchtet, sorgt Philip dafür, dass er möglichst wenig hinterlässt.
Im Roman tauchen einige Personen und Ereignisse aus der realen Geschichte auf, Philip Werner Sauber war tatsächlich Filmstudent und wurde 1975 tatsächlich erschossen, insofern handelt es sich nicht nur um einen Roman sondern auch um einen Nachruf für Philip Sauber und um eine autobiografische Skizze der Autorin Ulrike Edschmid. Sie versucht zu ergründen, warum ihr Freund in den Untergrund ging. Die Phase, in der sie sich auseinanderleben, beschreibt sie so:
"Die Dinge verändern sich schleichend. Jeder von uns hat die Wochen hinter Gittern anders durchlebt. Philip S. hat sich dagegen aufgelehnt, eingesperrt zu sein. Ich habe mich in mich selbst zurückgezogen. Er ist laut geworden. Ich wurde leise. Er hat den Aufstand geprobt, hat die anderen Gefangenen aufgewiegelt, sich den Anweisungen der Wärter zu widersetzen. Ich habe mit den Wärterinnen gesprochen. Ihn haben die Wärter mit Judogriffen niedergerungen. Mich hat keine Wärterin jemals berührt. Er zieht jetzt eine scharfe Linie zwischen sich und denjenigen, die er als Feinde begreift. Ich kann nicht in Feindschaft leben, auch wenn ich vieles als feindlich empfinde. Er hat geschworen, sich nie wieder einsperren zu lassen. Ich habe geschworen, mich nie mehr für etwas einsperren zu lassen, für das ich nicht geradestehen kann. Er glaubt, dass er dem Gefängnis nur entkommen kann, wenn er ein anderer wird. Ich glaube, dass ich es nur aushalten kann, wenn ich bei mir selber bleibe. Er ist rausgekommen, um wegzugehen. Ich bin in mein Leben zurückgekehrt. Er hat mich im Gefängnis an seiner Seite gesehen. Aber ich war nicht dort, ich war bei meinem Kind. An dieser Unvereinbarkeit zerbricht das gemeinsame Leben. Es geschieht in kleinen Schritten, von uns selbst unbemerkt."(S. 112)
Einige Regisseure werden erwähnt, z.B. Godard (S. 20), Alain Resnais (S. 32), Pasolini (S. 40), Fellini (S. 43), Hitchcock (S. 63) und Dziga Vertov (S.81). Philip wird angeboten, die Erinnerungen des russischen Revolutionärs Boris Savinkov fürs Fernsehen zu verfilmen. (S. 113)
11.03.13
Wagner
ein interessanter Artikel über den deutschen Sozialist Richard Wagner (aus der Zeit vom 28.2.2013):
Dresden ist für viele vor allem ein Museum des Barock. Doch die Geschichte der sächsischen Residenzstadt kennt noch ganz andere Seiten. So wird sie in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts, als Hauptstadt des ökonomisch am weitesten entwickelten deutschen Staates, zu einem Laboratorium der Moderne. Nicht zuletzt im politischen Sinne: Denn der wirtschaftliche Aufschwung weckt Forderungen nach Emanzipation – im Bürgertum wie in den Unterschichten. Das Königreich Sachsen wird zur Hochburg der Demokratie und zur Wiege der Arbeiterbewegung in Deutschland. Im Vormärz findet die "deutschkatholische" Bewegung des charismatischen Priesters Johannes Ronge regen Zulauf: Ronge lehnt den Zölibat ab und den päpstlichen Absolutismus. Ebenfalls vor 1848 wirken in Sachsen bereits etliche demokratische Organisationen, zum Beispiel Robert Blums Leipziger "Redeübungsverein". Wie sonst nur in Baden und Berlin gewinnen die Demokraten hier echten Einfluss. In dieser politisch avantgardistischen Atmosphäre wirkt auch Richard Wagner.
Dresden ist für viele vor allem ein Museum des Barock. Doch die Geschichte der sächsischen Residenzstadt kennt noch ganz andere Seiten. So wird sie in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts, als Hauptstadt des ökonomisch am weitesten entwickelten deutschen Staates, zu einem Laboratorium der Moderne. Nicht zuletzt im politischen Sinne: Denn der wirtschaftliche Aufschwung weckt Forderungen nach Emanzipation – im Bürgertum wie in den Unterschichten. Das Königreich Sachsen wird zur Hochburg der Demokratie und zur Wiege der Arbeiterbewegung in Deutschland. Im Vormärz findet die "deutschkatholische" Bewegung des charismatischen Priesters Johannes Ronge regen Zulauf: Ronge lehnt den Zölibat ab und den päpstlichen Absolutismus. Ebenfalls vor 1848 wirken in Sachsen bereits etliche demokratische Organisationen, zum Beispiel Robert Blums Leipziger "Redeübungsverein". Wie sonst nur in Baden und Berlin gewinnen die Demokraten hier echten Einfluss. In dieser politisch avantgardistischen Atmosphäre wirkt auch Richard Wagner.
Der Fall Tulajew
André Breton, Victor Serge, Benjamin Péret und dessen Frau, 1939.
«Der Fall Tulajew», der 1948 postum erschienene Roman des Schriftstellers Victor Serge über die stalinistischen Säuberungen der dreissiger Jahre, ist eine sentationelle Wiederentdeckung. In einer erzählerischen Montageform, in der französische und russische Tradition sich gegenseitig ergänzen, hat das Buch für den unbeschreiblichen Terror eine zwingende moderne Form gefunden, schreibt Stefana Sabin in der NZZ vom 9.3.2013
07.03.13
Hannah Arendt im Kino
Die mad-men-mäßige sixties Atmosphäre ist nett und es ist clever nur einen kurzen Abschnitt aus Arendts Biografie zu erzählen. Barbara Sukowa spielt eine sympatische, schlagfertige Arendt. Spannend sind aber vorallem die Diskussionen zwischen dieser und Hans Jonas, der das Konzept von der Banalität des Bösen von Beginn an kritisiert.
04.03.13
Dr. Caligari
Das Cabinet des Dr. Caligari, D 1920, Regie: Robert Wiene
Man merkt den Bildern an, dass es ein sehr früher Film ist, z.B. sind die Gesichter tendenziell überbelichtet. Der Film ist nicht zu lang, sodass es spannend bleibt. Der Schluss ist verblüffend, Martin Scorsese hat sich hier wohl für Shutter Island bedient. Die Bauten erinnern stark an Theaterkulissen und an Gemälde von Ernst Ludwig Kirchner.
02.03.13
eine andere Ausstellung
Die Schenkung einer ungewöhnlichen Sammlung ist der Anlass für eine ebenso ungewohnte Ausstellung im Museum Rietberg: Maos Mango-Kult und die Politpropaganda der Kulturrevolution stehen im Zentrum dieser neuen Sonderschau. Philipp Meier in der NZZ vom 22.2.2013
eine Ausstellung
Volker Ulrich bespricht in der Zeit vom 21.2.2013 eine Ausstellung zur
Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung:
Es waren nur zwölf Delegierte aus elf Städten, die am 23. Mai 1863 in Leipzig
zusammenkamen, um unter Führung Ferdinand Lassalles den Allgemeinen Deutschen
Arbeiterverein (ADAV) zu gründen. Aus kleinen Anfängen entwickelte sich im
Laufe der Jahrzehnte eine bedeutende gesellschaftliche und politische Kraft –
die sozialdemokratische Arbeiterbewegung, ohne die Freiheit, Demokratie und
Sozialstaat in Deutschland nicht zu denken wären.
26.02.13
Marokko
Marokko, USA 1930, Regie: Josef von Sternberg
Ein Film aus der guten alten Kolonialzeit. Den Gin trinkt der Fremdenlegionär gerne auch pur und ungekühlt. Der Plot ist eher banal, aber es gibt schöne Szenen und es spielen berühmte Schauspieler mit.
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