Walter Benjamin

Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten.
Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht.

Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, Band I, Seite 1241.

16.12.12

Lacombe Lucien




















Lacombe Lucien, Frankreich 1973, Regie: Louis Malle

Lucien, ein Bauernjunge, der außer seinem Dorf noch nicht viel von der Welt gesehen hat und dessen Vater in Gefangenschaft ist, möchte sich 1944 der Resistance anschließen. Als Eintrittskarte könnte, so malt er es sich aus, ein gewilderter Hase dienen, doch der Lehrer, der den Kontakt vermitteln könnte, lehnt ab. Lucien lernt bald darauf die örtlichen Helfer der Gestapo kennen und schließt sich ihnen an.
Obwohl alle Figuren übertrieben typenhaft gezeichnet sind, dass Lucien ein einfacher Bursche ist, hat man schon nach der ersten Hälfte, der von ihm im ganzen Film abgemurksten Tiere begriffen, ist es ein guter Film, der untersucht, worin die Anziehungskraft des Faschismus gelegen hat.

14.12.12

To Live



















Huozhe / Leben, China / Hong Kong 1994, Regie: Zhang Yimou

Zahng Yimou, der später mit martial arts Filmen wie Hero oder House of Flying Dagggers bekannt wurde, drehte mit Leben einen Geschichtsfilm über China zwischen den 40er und den 70er Jahren. Aus der Perspektive einer Familie, die sich durch die vielen Schicksalsschläge als Stehaufmännchen zu bewähren hat, geht es um den Bürgerkrieg zwischen Kommunisten und Kuomintang, um "den großen Sprung nach vorn" und dann um die Kulturrevolution. Familienvater Fui Gui verdient sein Geld mit einem Schattentheater, das zur Metapher für den politischen Wandel wird und als Anachronismus in die neue Zeit hineinragt.


24.11.12

Tragödie in sieben Akten



















Mutter Krausen´s Fahrt ins Glück, Deutschland 1929, Regie: Phil Jutzi

Der Film war nun zum erstenmal nach 80 Jahren zu sehen, im Fernsehen zum ersten mal überhaupt.
Die Bildqualität ist dank der Restaurierung durch das Filmmuseum München sehr gut und die neu komponierte Musik ist kongenial.

Beim Anschauen wird klar, wie fortgeschritten die Filmkunst der 20er Jahr war und welchen Verlust es bedeutet, dass ungezählte Filme verloren gingen. Willi Münzenberg der mit der Prometheus Film Mutter Krausen´s fahrt ins Glück produzierte, schuf mit Meschrabpom / Internationale Arbeiterhilfe / IAH immerhin 500 Dokumetar- und Spielfilme. Die Geschichte des proletarischen Films der Weimarer Republik und der frühen Sowjetunion erzählt Alexander Schwarz in seinem Dokumentarfilm Die rote Traumfabrik (Deutschland 2011, 56min).

 Phil Jutzi trat 1929 aus der KPD aus und 1933 in die NSDAP ein.




13.11.12

An die Nachgeborenen

Bertolt Brecht spricht "An die Nachgeborenen", die Aufnahme stammt aus dem Jahr 1953.

06.11.12

Jean Améry

 "Darf ich denken und handeln auf das hin, was sein soll, dann darf ich auch zumindest erwägen, was hätte sein müssen. Menschenwürde ist der Aufstand gegen ein so und so Gegebenes, ist aber auch Revolte wider ein schon ins Sein eingesunkenes Vergangenes. Widerstand ist erlaubt nicht nur gegen das, was geschieht; auch was geschah, muß nicht hingenommen werden."
aus: Jean Améry, Unmeisterliche Wanderjahre, Werke Bd. 2, Stuttgart 2002, S. 313. 

Eine Einordnung dieses Zitats nimmt Birte Hewera in einem 6seitigen Aufsatz über Améry in der ersten Ausgabe der Zeitschrift sans phrase vor.
Eine kürzere biografische Skizze und ein Essay Amérys erschienen in der Zeit vom 31.10.2012.

Happy End

das Landestheater Tübingen spielt derzeit Happy End. Das Stück ist als Gemeinschaftswerk entstanden: für Plot und Dialoge zeichnet Dorothy Lane alias Elisabeth Hauptmann verantwortlich, die Songtexte zu Kurt Weills Musik lieferte Bertolt Brecht. Uraufgeführt 1929 im Theater am Schiffbauerdamm in Berlin. Lieder die im Stück gesungen werden sind z.B. Surabaya Johnny und der Bilbao-Song. Über Lotte Lenya, die viel mit Brecht und Weill zusammenarbeitete und mit der Dreigroschenoper und Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny bekannt wurde, gibt es eine gute Doku.

31.10.12

Dinge, Waren- und Fetischkritik bei W. Benjamin


Ausgehend von einem Aufsatz[1] von Dorothee Kimmich über die Dingwahrnehmung bei Walter Benjamin (1892-1940), der in der Einleitung (1.) vorgestellt werden soll, wird im Laufe der Arbeit untersucht werden, wie sich Benjamin seine Dingwahrnehmung aneignete (2.) und wie er sich diese Wahrnehmung zur Beschreibung und Kritik von Waren (3.) und des diesen eigenen Fetischismus (4.) zunutze machte. Im Mittelpunkt soll dabei das Passagen-Werk stehen, und darin vorallem das allererste Exposé (1927) sowie das von 1935. Wichtige Sekundärliteratur sind: das Buch von Susan Buck-Morss[2] sowie die Bücher von Sven Kramer[3], Uwe Steiner[4], Burkhard Lindner[5] und Hartmut Böhme[6].

Über die Sprachkritik zur Linguistik


Ich habe den Schlußpunkt der Burgtheaterherrlichkeit entdeckt. Den toten Punkt, über den kein Burgtheaterrektor hinaus kommt. Nichts hilft dieser Punkt trägt an allem Schuld. Man glaubt natürlich, daß ich den „Dunklen Punkt“ meine, der jetzt im Burgtheater gespielt wird. Aber die schlechte Literatur hat das Burgtheater nicht herunter gebracht; das behaupten nur jene theaterfremden Kritiker, denen es nicht gelungen ist, ihre eigene schlechte Literatur dem Burgtheater anzuhängen. Was ich nun meine, wird man erst verstehen, wenn man sich vor die front des Burgtheaters stellt und dort hinaufschaut, wo Apollo, bekanntlich einer der beliebtesten Götter Wiens, seinen Wohnsitz hat. Zu seinen Füßen wird man in mannshohen Lettern die Aufschrift finden:
K. K. HOFBURGTHEATER .
Punkt! darüber komme ich nicht weg. Diesem Punkt gebe ich die Schuld, daß die künstlerische Entwicklung ins Stocken geraten ist. (...) 
Karl Kraus, Der Punkt, in: Die Katastrophe der Phrasen. Glossen 1910-1918, Frankfurt 1994,S. 10.

Leave Your Language Alone!
Robert A. Hall, 1950

Die Diskussion über das Für und Wider sprachlicher Normierung durchzog fast alle Sitzungen unseres Linguistik Seminars im Wintersemester. Während die eine Fraktion immer wieder für den neutralen Blick auf die Alltagssprache eintrat und betonte, dass Sprachwandel nicht gleich Sprachverfall sei, vielmehr die Sprache so sei, wie sie ist und also kein Grund bestehe für überhebliche Kritik und konservativen Normierungswahn, meldeten andere Bedenken an. Sie erhoben Einspruch gegen diese Wertungsallergie, etwa indem sie sagten, es bestehe doch ein öffentliches Interesse an einer intakten und gemeinsamen Sprache und daher sei es durchaus notwendig, korrigierend und in kritischer Absicht einzugreifen, dieser Flügel bezog sich dann in Referaten z.B. auf aktuell prominente Sprachkritiker wie Bastian Sick.
Dass sich diese beiden Positionen, vertreten von der Sprachwissenschaft auf der einen, und von der feuilletonistischen Sprachkritik auf der anderen Seite, seit 60 Jahre gegenüberstehen, war mir im Seminar nicht klar geworden. Dieter Zimmer, langjähriger Zeit-Redakteur, Übersetzer und Nabokov-Herausgeber nimmt diesen Dissens, Linguistik vs. Sprachkritik, als Aufhänger für sein 2005 erschienenes Buch über Sprache in Zeiten ihrer Unverbesserlichkeit.

30.10.12

Kritik der Pflichtethik


In seinem Buch Ethik und die Grenzen der Philosophie[1] entwirft Bernard Williams (1929-2003) im abschließenden 10. Kapitel eine Kritik der „besonderen Institution Moral“[2] (242). Diese Moralkritik soll im Folgenden ausführlich vorgestellt werden um sie anschließenden mit einigen Passagen aus Immanuel Kants ethischen Schriften zu vergleichen, auf die sich Williams bezieht. Vor diesem Hintergrund kann dann in einem Resümee versucht werden, den Gehalt von Williams Einwänden gegen „die Moral“ (242) zu beurteilen.

Was Elias Canetti von Karl Kraus lernte

Meine früheste Erinnerung ist in Rot getaucht. Auf dem Arm eines Mädchens komme ich zu einer Tür heraus, der Boden vor mir ist rot, und zur Linken geht eine Treppe hinunter, die ebenso rot ist. Gegenüber von uns, in selber Höhe, öffnet sich eine Türe und ein lächelnder Mann tritt heraus, der freund­lich auf mich zugeht. Er tritt 'ganz nahe an mich heran, bleibt stehen und sagt zu mir: »Zeig die Zunge!« Ich strecke die Zunge heraus, er greift in seine Tasche, zieht ein Taschenmesser hervor, öffnet es und führt die Klinge ganz nahe an meine Zunge heran. Er sagt: »Jetzt schneiden wir ihm die Zunge ab.« Ich wage es nicht, die Zunge zurückzuziehen, er kommt immer näher, gleich wird er sie mit der Klinge berühren. Im letzten Augenblick zieht er das Messer zurück, sagt: »Heute noch nicht, morgen.« Er klappt das Messer wieder zu und steckt es in seine Tasche. 
Ich behalte es für mich und frage erst sehr viel später die Mut­ter danach. Am Rot überall erkennt sie die Pension in Karlsbad, wo sie mit dem Vater und mir den Sommer 1907 verbracht hatte. Für den Zweijährigen haben sie ein Kindermädchen aus Bulgarien mitgenommen, selbst keine fünfzehn Jahre alt. In aller Frühe pflegt sie mit dem Kind auf dem Arm fortzugehen, sie spricht nur bulgarisch, findet sich aber überall in dem be­lebten Karlsbad zurecht und ist immer pünktlich mit dem Kind zurück.  

Schon auf der ersten Seite seiner Autobiographie schildert Canetti eine Erinnerung, die deren erstem Band seinen Titel die gerettete Zunge gibt und die die Bedeutung, die Sprechen und Hören und Sprache für Canetti haben, zum Ausdruck bringt. Sprache ist ihm mehr als Mittel zur Kommunikation; in ihr verdichtet sich dem jungen Canetti die Welt. Seine Erfahrungen sind zuallererst Sprach-Erfahrungen.

Heine und Benjamin über den Frühsozialismus

Angesichts der Ähnlichkeiten in Biografie und Werk von Heinrich Heine (1797-1856) und Walter Benjamin (1892-1940) ist auffallend: erstens, dass Benjamin, dessen Hauptwerk ein Geschichtsbuch über das Paris des 19. Jahrhunderts werden sollte und der über Heines Zeitgenossen Baudelaire ein Buch schrieb und außerdem mit Heines Werk vertraut war, nahezu nichts über diesen schrieb. Und zweitens, dass in der Forschung über diese beiden Schriftsteller, vergleichende Arbeiten sehr rar sind. Mögliche Ursachen für diesen Mangel sollen hier allerdings kein Thema sein. Vielmehr soll versucht werden, den Umgang der Autoren mit einem Thema, das für beide zentrale Bedeutung hatte, vergleichend zu untersuchen: Ihre Rezeption und Kritik des Utopischen- und Frühsozialismus von Henri Claude Saint-Simon, Charles Fourier und anderen.[1]

Die Brücke vom Goldenen Horn


Zu: Emine Sevgi Özdamar, Die Brücke vom Goldenen Horn, Köln 2002.

Sind die sprachlichen Mittel, sind Özdamars sprachschöpferischer Stil, ihre Wortspiele, Metaphern und Bilder nur Ausschmückung und Beiwerk zu einem eigentlichen Thema? Oder geht es der Autorin darum, und so klingt es in manchen Rezensionen, mit einem 300 Seiten langen Sprachexperiment, in einer „Wollust des Benennens”, die deutsche Sprache erfrischend zu erneuern?

25.10.12

zu einem Gedicht von Heinrich Heine

Ich hatte einst ein schönes Vaterland *

 
Ich hatte einst ein schönes Vaterland.
Der Eichenbaum
Wuchs dort so hoch, die Veilchen nickten sanft.
Es war ein Traum.

Das küßte mich auf deutsch und sprach auf deutsch
(Man glaubt es kaum
Wie gut es klang) das Wort: „Ich liebe dich!“
Es war ein Traum.

In der Zeit seiner Emigration in Paris schrieb Heine (1797-1856) dieses Gedicht über Liebe, Heimat und Exil und über Sprache. Gedruckt wurde es erstmals 1934. Inspiriert vom deutschen Volkslied ist es schlicht und wortkarg, doch Heine macht sich Eichenbaum und Veilchen durch leichte Ironie neu nutzbar. Denn ungebrochen könnte er das Loblied aufs Vaterland, das ihn ins Exil trieb, nicht stehen lassen; Zur Abwehr des ungezwungenen Heimwehs der ersten drei Zeilen, endet die erste Strophe mit der Feststellung, das Bild von der Heimat sei ein Traum. Doch ganz gelingt die Abwehr nicht, Erinnerung und Wehmut halten sich die Wage mit dem Realitätssinn. Woher kommt das Recht des als traum-haft im doppelten Sinne, als unwirklich und als schön Erkannten? In der zweiten Strophe kommt zum Ausdruck, was die Erinnerung prägt: nicht anmutige Landschaft oder politischen Misere, sondern nahestehende Menschen und ihre Sprache, ein Kuß und die deutsche Worte der Geliebten. Durch den Einschub in Klammern zögert Heine das entscheidenden „Ich liebe dich!“ hinaus. In keiner anderen Sprache als der Muttersprache, sagt Heine damit, lassen sich die richtigen Worte für Gefühle, Zärtlichkeit und Liebe finden.
Angesichts dessen, daß Heine in Deutschland, vor der kurzen Phase der Emanzipation, Jude war, läßt sich hinzufügen, daß er wohl schon vor dem Exil in Frankreich, in der Sprache einen Rückzugsraum anderer Art gefunden hatte. In der deutschen Sprache fühlte er sich wirklich heimisch. Einige der Verfolgten die in den dreißiger und vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts ins Exil mußten und dann zurückkamen, gaben als Grund für ihre Rückkehr ein ganz ähnliches Verhältnis zu Deutschland und seiner Sprache an wie das, das Heine in seinem Gedicht „Ich hatte einst ein schönes Vaterland“ beschreibt.
  
* In: Sämtliche Schriften in sechs Bänden. Hg. von K. Briegleb, München 1968 ff., Band 4.

24.10.12

Es war 1924

kurze Doku über die frühe Kritische Theorie. (HR 1994)

Ein Lesebuch für Arbeiter

 























1848 Ein Lesebuch für Arbeiter, Einband von Karl Holtz,123 Seiten,
Vereinigung Internationaler Verlagsanstalten G.m.b.H. Berlin (1923)

Inhaltsverzeichnis:
Franz Mehring, 1848
Aus dem Manifest der Kommunistischen Partei
Forderungen der Kommunistischen Partei in Deutschland
Georges Renard, Die Februarrevolution in Paris
Kämpfe in Berlin
Kabinettsordre
An meine lieben Berliner
Der Herzog will "das Beste"
An den sogenannten Deutschen König in Berlin
Der Brunnen in der Breiten Straße
M. Bakunin. April 1848
Ferd. Freiligrath, Die Toten an die Lebenden
Friedrich Engels, Die Pariser Junischlacht
Karl Marx, Die Junischlacht des Pariser Proletariats
M. Bakunin an Georg Herwegh
Karl Marx, Der Aufruf des demokratischen Kongresses
Ferd. Freiligrath, Wien
Das Todesurteil gegen Robert Blum
Verordnung
Kundmachung des Belagerungszustandes
Proklamation der Linken in der Nationalversammlung
Ferd. Lassalle, Passiver Widerstand
Deutschlands größter Schweinehund
Der Urwähler
M. Bakunin an Georg Herwegh
Glasbrenner, Die deutschen Professoren
Ein philosophischer Philister
Im freisten Lande von der Welt.
Karl Marx, Neujahr 1849
Friedr. Engels, Die Neue Rheinische Zeitung
Heinrich Heine, Kobes I . .
Die Frauen in der Revolution
Friedr. Engels, Rheinpreußen
Friedr. Engels, Die Reichsverfassungskampagne
Franz Mehring, Der badische Feldzug
Ferd. Lassalle, Die Justizschmach in Preußen
Heinrich Heine, Michel nach dem März
Aus der Ansprache der Zentralbehörde an den Bund der Kommunisten
Paul Frölich, Die deutsche Sozialdemokratie und die Revolution von 1848
Georg Herwegh, Achtzehnter März



Über den Begriff der Geschichte


zu Walter Benjamins Thesen Über den Begriff der Geschichte (GS I, 2)

Und dann...und dann... und dann... Die Zeit verstreicht. `Das haben wir wenigstens hinter uns´, sagen wir - `aber was haben wir nicht noch alles vor uns´? Unserem Sprachgebrauch zufolge haben wir das Gesicht der Zukunft zugewendet und den Rücken der Vergangenheit, so erleben es die meisten. Die Zukunft liegt vor ihnen, die Vergangenheit hinter ihnen. Für dynamischere Persönlichkeiten ist die Gegenwart in aller Regel `ein Schiff, das bei rauher See durch die Wellen der Zukunft pflügt´, für passivere Menschen eher ein Floß, das auf einem Fluß ruhig mit der Strömung treibt. Beide Vorstellungen haben - natürlich - ihre Tücken, denn wenn die Zeit eine Bewegung ist, dann muß sie sich in einer zweiten Zeit bewegen, und so entsteht eine unendliche Zahl von Zeiten - eine Szenerie, die den Denkern eher mißfällt, aber die Phantasien des Gefühls richten sich nun einmal nicht unbedingt nachdem Verstand. Wer seine Zukunft vor sich und seine Vergangenheit hinter sich hat, geht mit der Zeit auf andere - und ebenfalls schwer zu begreifende - Weise um: für ihn sind die Ereignisse schon in der Zukunft irgendwie gegenwärtig, erreichen in einem bestimmten Moment die Gegenwart, um schließlich in der Vergangenheit zur Ruhe zu kommen. Aber es ist nichts in der Zukunft, sie ist leer, und im nächsten Moment kann man gestorben sein und hat sein Gesicht also dem Nichts zugewendet, obwohl doch gerade hinter einem etwas zu sehen war: die Vergangenheit. So, wie sie das Gedächtnis aufbewahrt hat. Darum sagen die Griechen, wenn sie von der Zukunft sprechen: `was haben wir nicht noch alles hinter uns´ - und in diesem Sinne ist Anton Steenwijk Grieche. Auch er stand mit dem Rücken zur Zukunft und mit dem Gesicht zur Vergangenheit.
(Harry Mulisch, Das Attentat, München/Wien, 1994, S. 199)

In seinem Roman `Das Attentat´ reflektiert der niederländische Schriftsteller Harry Mulisch über die Geschichte des Nationalsozialismus, den Widerstand und die Bedingungen des Erinnerns. Es scheint an Stellen wie der zitierten, als hätte Mulisch Walter Benjamins Thesen über den Begriff der Geschichte gekannt, in diesem Fall die IX. Sie verhandeln, 1940 im Exil als Teil des Passagen-Werks verfaßt, ganz ähnlich Dinge.
Angesichts des beginnenden Krieges, der Herrschaft des Nationalsozialismus über Deutschland, angesichts des Hitler-Stalin-Pakts und der Niederlage der Arbeiterbewegung, sucht Benjamin nach den Gründen für deren Scheitern. Er kritisiert ihren protestantischen Arbeitsbegriff, ihre technokratische Vorstellung von Naturbeherrschung und verwirft radikal den deterministischen Fortschritts- und Geschichtsbegriff der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung. Ihr war der technische Forschritt, seitdem durch Kautsky Darwins Evolutionstheorie in den Marxismus Einzug gehalten hatte, Gewährsmann für den sozialen. Die Revolution stellte sich die Sozialdemokratie als eine Lokomotive vor, die die Geschichte voran bringen würde. Benjamin dreht diese Vorstellung um. Angesichts der Kontinuität des Leids in der Geschichte, und Benjamin wählt für seinen Blick auf die Vergangenheit, anders als die historistische Geschichtswissenschaft seiner Zeit, die Perspektive der Leidenden und Unterdrückten, müßte die Revolution die Geschichte nicht voran bringen, sondern ihren Fortgang stoppen. Um diesen Gedanken zu veranschaulichen, macht er als Materialist sich die jüdische Theologie nutzbar. Der jüdischen Religion bedeutet die Ankunft des Messias, des Erlösers, die `Stillstellung des Geschehens´, das `Aufsprengen des Kontinuums der Zeit´. Die Bedingungen dieser Möglichkeit vorzubereiten, sucht Benjamin noch in der verzweifelsten Lage.

Er legte die Hände auf sein Gesicht, dorthin, wo sie es berührt hatte, und schloß die Augen. Es ist die Hölle, dachte er, die Hölle. Selbst wenn morgen der Himmel auf Erden errichtet würde, könnte es nach all dem, was in der Vergangenheit passiert ist, nicht der Himmel sein. Es war hoffnungslos. Das Leben auf dieser Welt war ein Mißerfolg, ein großer Reinfall, und es wäre besser Gewesen, es wäre nie entstanden. Erst wenn es kein Leben mehr gab, und damit auch keine Erinnerung mehr an die Todesschreie, wäre die Welt wieder in Ordnung. (H. Mulisch,  S. 194)

Gegenüber dem Protagonisten in Mulischs Roman, dem für einen Moment, wie von einem Blitzlicht beleuchtet, das Leid der Vergangenheit unmittelbar gewahr wird, hätte Benjamin, zum Zeitpunkt als er die Thesen verfaßte, verpflichtet durch die Toten, an der Notwendigkeit zu Erinnern und auch an der Hoffnung auf ein Ende des Leids, auf eine diesseitige, versöhnte Gesellschaft festgehalten. In diesem Himmel auf Erden wäre zwar das Vergangene nicht ungeschehen gemacht, aber der `erlösten Menschheit wäre dann ihre Vergangenheit in jedem ihrer Momente zitierbar.´

20.10.12

über Samuel Tzschirner














  


Straßenkampf in Dresden: Gemälde von Julius Scholtz, 1849

"Seine Energie ist im Sachsenland eine unerhörte Erscheinung": Wie der Armenanwalt Samuel Tzschirner 1849 in der Deutschen Revolution zum Volkstribun wurde. Ein Artikel von Christian Jansen aus der "Zeit" vom 8.7.2012.

Das Lied der Matrosen


Deutschland 1958. Regie: Kurt Maetzig und Günter Reisch




























Der Film sollte wohl die deutsche Antwort auf Panzerkreuzer Potemkin sein, er ist allerdings künstlerisch weniger ambitioniert. Man gewinnt den Eindruck, dass sich die beiden Regisseure, nachdem jeder seine Teile gedreht hatte, nicht einigen konnten, welche Szenen nun weggelassen werden könnten. So wurde der Film 118 Minuten lang und es mangelt ihm an Stringenz. Auch wenn manches eindrucksvoll geschildert wird, z.B. der Hass auf die Offiziere, der sich dann im Abreißen der Schulterklappen entlud, bleiben die größeren Zusammenhänge unklar, z.B. wird nicht erwähnt, dass es ab dem 3.10.1918 eine neue Regierung gab, in der auch zwei Sozialdemokraten saßen. Trotz des Friedensgesuchs der neuen Regierung plante die Marineleitung die letzte Offensive, deswegen konnten sich die meuternden Matrosen auf Seiten der Regierung wähnen. Im Film bleiben die Berliner Ereinisse sehr unscharf, ebensowenig wird deutlich, inwiefern sich die Forderungen der jeweiligen Strömungen der Arbeiterbewegung unterschieden.

18.10.12

Brennende Ruhr

Max ( Hans-Peter Reinecke) und Mary (Annelie Scheinert) im Lazarett



















Ein Film des Deutschen Fernsehfunks, hergestellt im DEFA-Studio 1967
nach dem Roman von Karl Grünberg

Obwohl teilweise etwas zu plakativ - der Student fällt beim Abladen von Schrott vom Waggon, der opportunistische Bürgermeister raucht Zigarre und trägt Schmiss, die Reaktionäre stecken in Pelzkrägen - ist der Film gut gespielt und fotografiert und durchaus spannend. Das traurige Ende, das die Einheit der Arbeiter beschwört und zu deutlich auf Legitimation der SED zielt, ist aus heutiger Sicht noch zu optimistisch.


Sozialdemokrat und Bürgermeister bei verräterischen Machenschaften

















06.10.12

Hitlers Gegner, Stalins Opfer

In Berlin wurde erstmals der deutschen Kommunisten und Sozialisten gedacht, die der stalinistischen Verfolgung in der UdSSR zum Opfer fielen. Ein Bericht von Peter Nowak aus der Jungle World vom 2.8.2012.

05.10.12

Der Verlorene



















Der Verlorene, Dtl. 1951, Regie: Peter Lorre

20 Jahre nach Fritz Langs "M" spielte Peter Lorre nochmals einen Serienmörder.
 "Der Verlorene", 1951 unter dem Arbeitstitel "Der Totmacher" in Hamburg produziert , war Lorres erste (und letzte) Regiearbeit und sein erster (und letzter) deutscher Film nach der Rückkehr aus dem amerikanischen Exil. 
 Des weiteren war "Der Verlorene" der erste Film, der von der gerade gegründeten Wiesbadener Filmbewertungsstelle das FSK-Prädikat "wertvoll" verliehen bekam. Das allerdings war dann schon fast die einzige gute Kritik - der Rest bewegte sich zwischen desinteressiert und gehässig. Denn Gegenstand des Films ist die Indolenz der Deutschen, an der Lorre ebenso verzweifelte wie seine Hauptfigur. "Dieser allgemeine Gefühlsmangel, auf jeden Fall aber die offensichtliche Herzlosigkeit, die manchmal mit billiger Rührseligkeit kaschiert wird, ist jedoch nur das auffälligste äußerliche Symptom einer tief verwurzelten, hartnäckigen und gelegentlich brutalen Weigerung, sich dem tatsächlich Geschehenen zu stellen und sich damit abzufinden", hatte Hannah Arendt die psychosoziale Lage bei ihrem Besuch in Deutschland ein Jahr zuvor zusammengefasst. Und Lorre hatte nun den fatalen Fehler begangen, den Deutschen ins Gewissen reden zu wollen. Kein Wunder also, dass auch das Publikum eine weitere filmhistorische Premiere, nämlich den ersten deutschen Film, in dem ein Nazi willentlich getötet wird, lieber verpassen wollte, und dass Lorres Lehre aus der Geschichte, die sein Biograph Felix Hofmann als "Nur ein toter Nazi ist ein guter Nazi" referiert, damals noch weniger mehrheitsfähig war als heute. Der Film wurde nach wenigen Tagen aus Mangel an Zuschauern wieder abgesetzt. Die Filmhistorikerin Lotte Eisner resümiert: "Der beachtliche und ehrliche Film wurde in Deutschland so kalt aufgenommen, dass Lorre enttäuscht nach Amerika zurückging und sich vollends zu Tode soff."

29.09.12

ein DDR-Dokumentarfilm

...über den Roten Frontkämpfer Bund mit seltenen Filmaufnahmen aus den 20er Jahren findet sich hier. Zugleich wirft der Film ein Licht auf das Geschichts- und Selbstverständnis der DDR.



15.09.12

hangmen also die




















USA 1943, Regie: Fritz Lang, Drehbuch: Bert Brecht, Musik: Hans Eisler

ein antifaschistischer Hollywoodfilm. Für die Elemente aus Krimi und Agentenfilm war wohl Fritz Lang verantwortlich, während Brecht dessen Schielen auf den Publikumsgeschmack kritisierte. So gehen die guten Szenen auf Brecht zurück (Dialog zw. Svoboda und Dedic zur Frage, ob sich der Attentäter stellen soll, "Volksszenen"), während Lang für die Spannung und Überraschungseffekte sorgte. Dadurch etwas inkonsistent. Kann mit "Casablanca" oder "Sein oder Nichtsein" nicht ganz mithalten.

13.09.12

geistige und körperliche Arbeit



















Aus dem Jahre 1988 gibt es von Harum Farocki einen rund 45 minütigen Film über "Georg K. Glaser - Schriftsteller und Schmied". Er begleitet Glaser bei der Arbeit an einem Gefäß aus Kupfer, vom Zuschnitt des Kupferblechs bis zur Präsentation des fertigen Stücks im Schaufenster. Anfangs kann man den alten Mann in seiner Werkstatt nicht so recht mit dem jugendlichen Schwererziehbaren, dem Heimkind und Landstreicher, den man aus "Geheimis und Gewalt" kennt, zusammenbringen. Aber wenn Glaser im Gespräch mit dem Interviewer dessen Thesen freundlich und verschmitzt widerspricht, oder wenn er seine Handwerkskunst gegen die geschichtliche Tendenz verteidigt, wird deutlich, dass es noch der selbe Trotz und rebellische Geist sind, die ihn antreiben. Gerne würde man ihm noch länger zuhören.

11.09.12

Georg K. Glaser

Der Roman "Geheimnis und Gewalt" von Georg K. Glaser erschien erstmals 1951 und 1955 in einer Ausgabe der Büchergilde Gutenberg. Der Roman trägt autobiografische Züge und thematisiert die zum Zeitpunkt seiner Entstehung nicht weit zurückliegende Niederlage der kommunistische Bewegung in Deutschland. Schon der Titel verweist darauf, dass es sich bei dieser Niederlage um eine gewaltsame handelt, Glaser schildert Verhaftungen von Kommunisten, Flucht, Verhöre und Prozesse. Allerdings reflektiert er auch eigene Fehler. Er hinterfragt von der Parteileitung gefordete Widerstandsaktionen in den Jahren 1933 und 34, die er angesichts der Stimmung in Deutschland für selbstmörderisch hält. Er kritisiert, dass Kommunisten diese Stimmung leugnen und verdrängen, die doch spätestens die Abstimmung im Saarland so deutlich vor Augen führt.

 "Niemandem schien es wichtig zu wissen, daß Menschen aus einem Mehr an Zwang, Angst und Pflichten eine größere Sicherheit beziehen konnten." S. 334

Er bedauert, die Vorzüge des Rechtsstaats von Weimar nicht erkannt zu haben und im französischen Exil der dreißiger Jahre sagt Albert: "Die Arbeiterbewegung war nie mehr als eine ergänzende Kritik der bürgerlichen Gesellschaft. Seitdem die Gewaltschleicher bewiesen haben, daß die bürgerliche Ordnung anders als durch diese Kritik und zugunsten anderer Gruppen als der Arbeiterklasse verändert werden kann, ist unsere ganze Geschichtsbetrachtung wieder in Frage gestellt, und aus einer notwendigen Entwicklungsstufe wird der Liberalismus zu einem einzigartigen Unfall, einem mißglückten Versuch, die Macht anders als unmittelbar auszuüben. Die Arbeiterbewegung geht an denselben Widerständen zugrunde wie die bürgerliche Gesellschaft. Der letzte Versuch, beide, Liberalismus und Arbeiterbewegung, in die Zukunft zu retten, der Versuch der Volksfront ist gescheitert. Überall da, wo die Bewegung auf eigene Faust ihre Gedanken in die Tat hat umsetzen wollen, ist sie entweder in den blutigsten aller Bürgerkriege zurückgewiesen worden, oder aber, wenn sie gesiegt hat, in eine endlose, elende und tragische Spottposse auf ihre eigenen Ideen ausgemündet." S. 343

Trotz aller Kritik bleibt aber die Abneigung gegen die Gewalt bestehen, sie muss aber neu formuliert werden.

"Ich wußte nicht recht, woran ich war, noch was ich wollte. ich war seit langem ohne Partei und ohne Bewegung, aber ich hoffte doch auf ein Lebenszeichen von deren Seite." (S. 373)

"Geheimnis", der andere Teil des Titels, bezieht sich auf das Private: auf das Geheimnis, wie Schreiben gelingen kann, auf das, was einem an sich selbst nicht erklärlich ist, auf das was man vor anderen verbergen muss, z.B. als kriegsgefangener Arbeiter im Gespräch mit Kollegen oder auf der Flucht.

18.07.12

Götz Aly: Unser Kampf


Alys These: Die revoltierenden Kinder der Dreiunddreißiger-Generation waren ihren Eltern auf elende Weise ähnlich. Sie reformierten nicht die westdeutsche Gesellschaft, sondern verzögerten deren Liberalisierung.
Das erste Kapitel trägt zur Bestätigung dieser Behauptung noch nichts bei, es ist eine Abrechnung mit dem Milieu, aus dem Aly kommt. Er wirft ihm Wohlstand und mangelnden Arbeitseifer vor. Man kann dieses Kapitel also überspringen. Dann wird das Buch besser und der Autor legt seine Argumente dar:

  1. Der Staat war liberaler als seine Bevölkerung und als ihn die 68er wahrnahmen. Z.B. lud Kiesinger liberale Intellektuelle wie Max Horkheimer ein, um mit ihnen über die Sorgen der Jugend offen zu diskutieren.
  2. Die Begeisterung für Mao war schon verbreitet, bevor die K-Gruppen Anfang der 70er Jahre entstanden und das obwohl Leute wie Richard Löwenthal schon 67 auf den Terror in China hinwiesen.
  3. Ebenso verbreitet war die Amerikafeindschaft. 1967 stimmten 81 Prozent  der befragten Studenten der These zu, „dass die deutsche Politik sich von westlicher Bevormundung freimachen sollte“.
  4. Um die NS-Vergangenheit scherten sich die 68er nicht. 1968 schlossen deutsche Schwurgerichte 30 Prozesse gegen NS-Täter ab, sie wurden von den linken Studenten und ihrer Presse nicht thematisiert.
  5. Israelfeindschaft war verbreitet, nicht schon während des Sechstagekrieges, aber ab 68. Höhepunkt war der gescheiterte Anschlag auf das jüdische Gemeindehaus in Berlin am 9. November 1969.
  6. Das vorletzte ist das stärkste Kapitel. Hier vergleicht Aly, dadurch dass er Quellen aus den späten 20er Jahren denen der 68er gegenüberstellt, die nationalsozialistische Studentenbewegung (sie nannte sich auch so) mit der linken Studentenbewegung der BRD. Die Parallelen sind frappant: Aktionismus, Gemeinschaftstümelei, Hass auf den Liberalismus, „Spießbürger“ und „Fachidioten“, revolutionärer Gestus.
Im Schlusskapitel versucht sich Aly an einer sozialpsychologischen Erklärung der oben genannten Erscheinungen, indem er familiäre Kontinuitäten beschreibt und andeutet, wie die Söhne der 33er die deutsche Geschichte verdrängen wollten und dadurch in ihr mehr gefangen blieben, als es ihnen bewusst war.

05.07.12

Durruti - Biographie einer Legende

Aufnahme von der Beerdigung Durrutis, November 1936.
























Im nun auf DVD veröffentlichten Film Durruti – Biographie einer Legende, 1971 von Enzensberger produziert, kommen hauptsächlich Freunde und Bekannte von Durruti zu Wort. Enzensberger interviewte die meist 70 bis 80 Jahre alten Zeitgenossen in ihrem französischen Exil. Die Interviews ordnete er dann durch Zwischenüberschriften in chronologischer Reihenfolge, wodurch sich eine kurze Biographie von Durruti ergibt.
Ebenso fern wie das Spanien der 30er scheint heute das Frankreich der 70er. Die dorthin Geflohenen sind Glasbläser, Möbelschreiner oder arbeiten an schon damals museumsreifen Druckmaschinen. Sie sitzen während der Interviews in kargen Räumen oder hinter großen Papierstapeln. Als letzte Zeugen der Epoche der proletarischen Aufstände, die 1848 begann und 1939 in Spanien endete.

25.06.12

Rosen für den Staatsanwalt




















Deutschland 1959, Regie: Wolfgang Staudte


Nach „Die Mörder sind unter uns“, der schon kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs das Nachleben des NS thematisierte, drehte  Staudte rund 14 Jahre später, und nun in Westdeutschland, mit „Rosen für den Staatsanwalt“ einen Film, der das Thema wieder aufgriff.  Der Film ist sehenswert, nicht nur weil er die deutsche Gesellschaft der 50er Jahre spiegelt, sondern auch weil Martin Held den Staatsanwalt Dr. Schramm sehr  gut spielt. Aus heutiger Sicht ist dieser Staatsanwalt Schramm, vielleicht etwas zu deutlich gezeichnet, sodass die Figur ein wenig didaktisch konstruiert wirkt, allerdings führt gerade das zu den komischen Momenten des Films.  Interessant wäre zu wissen, wie der Film 1959 in Westdeutschland aufgenommen wurde, Staudtes Film „Der Untertan“ war  hier immerhin von 1951 bis 1956 verboten.

23.06.12

Des Teufels General

 

















Deutschland 1955, Regie: Helmut Käutner

In der DVD findet sich eine gute Einordnung von Daniel Sander:

Vielleicht ist Curd Jürgens zu gut. Sein General Harras, dieser Held der deutschen Luftwaffe, ist ein versoffener und charmanter Tausendsassa, mit dem man gerne mal um die Häuser zöge. Ein Zyniker mit Herz, ein Mann von Welt und trotzdem volksnah. Pflichtschuldig tut er im Zweiten Weltkrieg seinen Dienst als General, aber die Nazis mag er nicht. Er gewährt sogar dem netten jüdischen Ehepaar Rosenfeld vorübergehend Unterschlupf. Er ist die ideale Identifikationsfigur für das mit der eigenen Moral hadernde Nachkriegspublikum von 1955: Einer, der da eben reingeraten ist, obwohl er doch gar kein politischer Typ war. Der aber dabei ein guter Mensch geblieben ist. Ist er?

Natürlich nicht, und das ist der Kern von »Des Teufels General«, Helmut Käutners Verfilmung von Carl Zuckmayers Bühnenstück: General Harras ist ein Mitläufer und Opportunist; zu fei­ge, um seine innere Abneigung gegen die Nazis in tatsächlichen Widerstand zu verwandeln. Zu sehr genießt er den Luxus der gehobenen Gesellschaft, den Rest blendet er aus. Doch als Harras spät und schleichend zur Selbsterkenntnis gelangt, da haben ihn Curd Jürgens und Regisseur Käutner längst so menschlich werden lassen, dass man es als Zuschauer schwer hat, diesen Mann als Verbrecher zu begreifen. Doch das kann man diesem Film nicht vorwerfen. »Des Teufels General« ist das packende und schlüssige Porträt eines Menschen, den sein Nicht-Handeln zum Täter gemacht hat. Am Ende zieht er sich per Freitod aus der Affäre, bevor er sich mit der ganzen Dimension seines Nicht-Handelns auseinandersetzen kann. Das liegt nun beim Zuschauer.

29.05.12

Alain Resnais



















nuit et brouillard / Nacht und Nebel, Frankreich 1955.

Der erste Dokumentarfilm über die deutschen Konzentrationslager. Er entfaltete in den fünfziger Jahren große Wirkung, wie z.B. Wolfgang Fritz Haug, damals aktiv in der Anti-Atomtod-Bewegung, berichtet. Das kann man gut nachvollziehen, denn der Film ist sehr dicht gestaltet, er ist auch nur 32 Minuten lang. Musik (von Hans Eisler), Text (dt. Übersetzung von Paul Celan) und Bild sind genau aufeinander abgestimmt. Zum erstenmal wurden auch Aufnahmen von Leichenbergen gezeigt, die heute wohl weniger schockieren als in den Fünfzigern. Komischerweise wird einem eher bei den Farbaufnahmen, die 54/55 enstanden sein müssen und die ehemaligen Lager zeigen, klar, was geschah. Vielleicht weil man merkt, dass es nicht eine andere Welt ist, die des Schwarweißfilms, die genauso weit weg ist wie etwa der Dreißigjährige Krieg, in der das geschah, sondern es passierte unserer Welt in unserer Zeit, in der des Farbfernsehens.
Dass der Film heute anders wirkt, darauf reflektiert auch Christian Petzold in Die innere Sicherheit.
Ebenfalls aus den Fünzigern ist der Spielfilm Die Brücke am Kwai. Und auch er handelt vom Zweiten Weltkrieg, womit aber schon alle Gemeinsamkeiten genannt sind. Denn es ist ein eher belangloser Abenteuerfilm, zugleich ein Requiem für den englischen Kolonialoffizier und seine zivilisatorischen Leistungen.

28.05.12

Der blaue Engel


















Deutschland, 1930. Regie: Josef von Sternberg.
Der Film beginnt harmlos, feuerzangenbowlenhaft. Gymnasial-Professor Rath plagt seine Schüler und sich mit ihnen. Dann verliebt er sich in die Sängerin Lola, das ist für ihn befreiend und er bricht aus seinem bürgerlichen Leben aus. Das bringt ihn aber über kurz oder lang in wirtschaftliche Probleme und auch seine kleinstädtischen, ehemaligen Mitbürger verzeihen ihm seinen Ausbruch nicht, so schlägt der Film zur Tragödie um. Man bleibt verdutzt zurück, der Film bietet Anlass über ihn zu reden. Warum lässt sich Lola auf den Professor überhaupt ein?  Ist seine Weltfremdheit nicht übertrieben? Wer ist Schuld am unglücklichen Ausgang?
Der Roman, der hier verfilmt wurde, Professor Unrat von Heinrich Mann erschien 1904. Einige Jahre zuvor erschien Thomas Manns Novelle Der kleine Herr Friedemann, in der ebenfalls das Motiv der Femme fatal eine gewisse Rolle spielt.

Die Nacht von Lissabon

















Erich Maria Remarques Roman erschien 1962 und wurde 1971 von Zbynek Brynych für das deutsche Fernsehen verfilmt. Er ist nicht zu verwechseln mit Pascal Merciers Nachtzug nach Lissabon, aber in beiden Büchern geht es um Geschichte. Bei Remarque um die Geschichte des Josef Schwarz, die er in Lissabon, wo seine Flucht vor den Nazis endet, einem Unbekannten erzählt. Um diesen als Zuhörer zu gewinnen, verspricht er ihm zwei Schiffstickets. Er muss also dafür bezahlen, dass seine Erlebnisse und er selbst nicht vergessen werden. Der Film, in den herbstlichen Farben und im Stil der siebziger Jahre gedreht, findet passende Bilder für die Situation des Emigranten Schwarz.
Bei Mercier macht sich der schweizerische Lateinlehrer Gregorius auf die Suche nach einem portugiesischen Dichter. Diese Suche führt in nach Lissabon und in dessen Vergangenheit. Es geht um den Widerstand gegen das Salazar-Regime, das philosophische Thema sind die Möglichkeiten, die das Leben einem bietet.

Archilochos (680 - 630 v.u.Z.)

Im ersten Teil eines ABC DER ANDEREN schreibt Stefan Ripplinger in der Konkret eine Würdigung des Dichters Archilochos:

12.05.12

Walter Benjamin

Dokumentarfilm "Geschichten einer Freundschaft" (2010) von David Wittenberg über Walter Benjamin (am 15. Juli 1892 in Berlin geboren, gestorben am 26.9.1940 in Portbou).

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