Alys These: Die revoltierenden Kinder der
Dreiunddreißiger-Generation waren ihren Eltern auf elende Weise ähnlich. Sie
reformierten nicht die westdeutsche Gesellschaft, sondern verzögerten deren Liberalisierung.
Das erste Kapitel trägt zur Bestätigung dieser Behauptung
noch nichts bei, es ist eine Abrechnung mit dem Milieu, aus dem Aly kommt. Er
wirft ihm Wohlstand und mangelnden Arbeitseifer vor. Man kann dieses Kapitel
also überspringen. Dann wird das Buch besser und der Autor legt seine Argumente
dar:
- Der Staat war liberaler als seine Bevölkerung und als ihn die 68er wahrnahmen. Z.B. lud Kiesinger liberale Intellektuelle wie Max Horkheimer ein, um mit ihnen über die Sorgen der Jugend offen zu diskutieren.
- Die Begeisterung für Mao war schon verbreitet, bevor die K-Gruppen Anfang der 70er Jahre entstanden und das obwohl Leute wie Richard Löwenthal schon 67 auf den Terror in China hinwiesen.
- Ebenso verbreitet war die Amerikafeindschaft. 1967 stimmten 81 Prozent der befragten Studenten der These zu, „dass die deutsche Politik sich von westlicher Bevormundung freimachen sollte“.
- Um die NS-Vergangenheit scherten sich die 68er nicht. 1968 schlossen deutsche Schwurgerichte 30 Prozesse gegen NS-Täter ab, sie wurden von den linken Studenten und ihrer Presse nicht thematisiert.
- Israelfeindschaft war verbreitet, nicht schon während des Sechstagekrieges, aber ab 68. Höhepunkt war der gescheiterte Anschlag auf das jüdische Gemeindehaus in Berlin am 9. November 1969.
- Das vorletzte ist das stärkste Kapitel. Hier vergleicht Aly, dadurch dass er Quellen aus den späten 20er Jahren denen der 68er gegenüberstellt, die nationalsozialistische Studentenbewegung (sie nannte sich auch so) mit der linken Studentenbewegung der BRD. Die Parallelen sind frappant: Aktionismus, Gemeinschaftstümelei, Hass auf den Liberalismus, „Spießbürger“ und „Fachidioten“, revolutionärer Gestus.
Im Schlusskapitel versucht sich
Aly an einer sozialpsychologischen Erklärung der oben genannten Erscheinungen,
indem er familiäre Kontinuitäten beschreibt und andeutet, wie die Söhne der 33er
die deutsche Geschichte verdrängen wollten und dadurch in ihr mehr gefangen
blieben, als es ihnen bewusst war.
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