Walter Benjamin

Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten.
Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht.

Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, Band I, Seite 1241.

18.07.12

Götz Aly: Unser Kampf


Alys These: Die revoltierenden Kinder der Dreiunddreißiger-Generation waren ihren Eltern auf elende Weise ähnlich. Sie reformierten nicht die westdeutsche Gesellschaft, sondern verzögerten deren Liberalisierung.
Das erste Kapitel trägt zur Bestätigung dieser Behauptung noch nichts bei, es ist eine Abrechnung mit dem Milieu, aus dem Aly kommt. Er wirft ihm Wohlstand und mangelnden Arbeitseifer vor. Man kann dieses Kapitel also überspringen. Dann wird das Buch besser und der Autor legt seine Argumente dar:

  1. Der Staat war liberaler als seine Bevölkerung und als ihn die 68er wahrnahmen. Z.B. lud Kiesinger liberale Intellektuelle wie Max Horkheimer ein, um mit ihnen über die Sorgen der Jugend offen zu diskutieren.
  2. Die Begeisterung für Mao war schon verbreitet, bevor die K-Gruppen Anfang der 70er Jahre entstanden und das obwohl Leute wie Richard Löwenthal schon 67 auf den Terror in China hinwiesen.
  3. Ebenso verbreitet war die Amerikafeindschaft. 1967 stimmten 81 Prozent  der befragten Studenten der These zu, „dass die deutsche Politik sich von westlicher Bevormundung freimachen sollte“.
  4. Um die NS-Vergangenheit scherten sich die 68er nicht. 1968 schlossen deutsche Schwurgerichte 30 Prozesse gegen NS-Täter ab, sie wurden von den linken Studenten und ihrer Presse nicht thematisiert.
  5. Israelfeindschaft war verbreitet, nicht schon während des Sechstagekrieges, aber ab 68. Höhepunkt war der gescheiterte Anschlag auf das jüdische Gemeindehaus in Berlin am 9. November 1969.
  6. Das vorletzte ist das stärkste Kapitel. Hier vergleicht Aly, dadurch dass er Quellen aus den späten 20er Jahren denen der 68er gegenüberstellt, die nationalsozialistische Studentenbewegung (sie nannte sich auch so) mit der linken Studentenbewegung der BRD. Die Parallelen sind frappant: Aktionismus, Gemeinschaftstümelei, Hass auf den Liberalismus, „Spießbürger“ und „Fachidioten“, revolutionärer Gestus.
Im Schlusskapitel versucht sich Aly an einer sozialpsychologischen Erklärung der oben genannten Erscheinungen, indem er familiäre Kontinuitäten beschreibt und andeutet, wie die Söhne der 33er die deutsche Geschichte verdrängen wollten und dadurch in ihr mehr gefangen blieben, als es ihnen bewusst war.

05.07.12

Durruti - Biographie einer Legende

Aufnahme von der Beerdigung Durrutis, November 1936.
























Im nun auf DVD veröffentlichten Film Durruti – Biographie einer Legende, 1971 von Enzensberger produziert, kommen hauptsächlich Freunde und Bekannte von Durruti zu Wort. Enzensberger interviewte die meist 70 bis 80 Jahre alten Zeitgenossen in ihrem französischen Exil. Die Interviews ordnete er dann durch Zwischenüberschriften in chronologischer Reihenfolge, wodurch sich eine kurze Biographie von Durruti ergibt.
Ebenso fern wie das Spanien der 30er scheint heute das Frankreich der 70er. Die dorthin Geflohenen sind Glasbläser, Möbelschreiner oder arbeiten an schon damals museumsreifen Druckmaschinen. Sie sitzen während der Interviews in kargen Räumen oder hinter großen Papierstapeln. Als letzte Zeugen der Epoche der proletarischen Aufstände, die 1848 begann und 1939 in Spanien endete.

25.06.12

Rosen für den Staatsanwalt




















Deutschland 1959, Regie: Wolfgang Staudte


Nach „Die Mörder sind unter uns“, der schon kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs das Nachleben des NS thematisierte, drehte  Staudte rund 14 Jahre später, und nun in Westdeutschland, mit „Rosen für den Staatsanwalt“ einen Film, der das Thema wieder aufgriff.  Der Film ist sehenswert, nicht nur weil er die deutsche Gesellschaft der 50er Jahre spiegelt, sondern auch weil Martin Held den Staatsanwalt Dr. Schramm sehr  gut spielt. Aus heutiger Sicht ist dieser Staatsanwalt Schramm, vielleicht etwas zu deutlich gezeichnet, sodass die Figur ein wenig didaktisch konstruiert wirkt, allerdings führt gerade das zu den komischen Momenten des Films.  Interessant wäre zu wissen, wie der Film 1959 in Westdeutschland aufgenommen wurde, Staudtes Film „Der Untertan“ war  hier immerhin von 1951 bis 1956 verboten.

23.06.12

Des Teufels General

 

















Deutschland 1955, Regie: Helmut Käutner

In der DVD findet sich eine gute Einordnung von Daniel Sander:

Vielleicht ist Curd Jürgens zu gut. Sein General Harras, dieser Held der deutschen Luftwaffe, ist ein versoffener und charmanter Tausendsassa, mit dem man gerne mal um die Häuser zöge. Ein Zyniker mit Herz, ein Mann von Welt und trotzdem volksnah. Pflichtschuldig tut er im Zweiten Weltkrieg seinen Dienst als General, aber die Nazis mag er nicht. Er gewährt sogar dem netten jüdischen Ehepaar Rosenfeld vorübergehend Unterschlupf. Er ist die ideale Identifikationsfigur für das mit der eigenen Moral hadernde Nachkriegspublikum von 1955: Einer, der da eben reingeraten ist, obwohl er doch gar kein politischer Typ war. Der aber dabei ein guter Mensch geblieben ist. Ist er?

Natürlich nicht, und das ist der Kern von »Des Teufels General«, Helmut Käutners Verfilmung von Carl Zuckmayers Bühnenstück: General Harras ist ein Mitläufer und Opportunist; zu fei­ge, um seine innere Abneigung gegen die Nazis in tatsächlichen Widerstand zu verwandeln. Zu sehr genießt er den Luxus der gehobenen Gesellschaft, den Rest blendet er aus. Doch als Harras spät und schleichend zur Selbsterkenntnis gelangt, da haben ihn Curd Jürgens und Regisseur Käutner längst so menschlich werden lassen, dass man es als Zuschauer schwer hat, diesen Mann als Verbrecher zu begreifen. Doch das kann man diesem Film nicht vorwerfen. »Des Teufels General« ist das packende und schlüssige Porträt eines Menschen, den sein Nicht-Handeln zum Täter gemacht hat. Am Ende zieht er sich per Freitod aus der Affäre, bevor er sich mit der ganzen Dimension seines Nicht-Handelns auseinandersetzen kann. Das liegt nun beim Zuschauer.

29.05.12

Alain Resnais



















nuit et brouillard / Nacht und Nebel, Frankreich 1955.

Der erste Dokumentarfilm über die deutschen Konzentrationslager. Er entfaltete in den fünfziger Jahren große Wirkung, wie z.B. Wolfgang Fritz Haug, damals aktiv in der Anti-Atomtod-Bewegung, berichtet. Das kann man gut nachvollziehen, denn der Film ist sehr dicht gestaltet, er ist auch nur 32 Minuten lang. Musik (von Hans Eisler), Text (dt. Übersetzung von Paul Celan) und Bild sind genau aufeinander abgestimmt. Zum erstenmal wurden auch Aufnahmen von Leichenbergen gezeigt, die heute wohl weniger schockieren als in den Fünfzigern. Komischerweise wird einem eher bei den Farbaufnahmen, die 54/55 enstanden sein müssen und die ehemaligen Lager zeigen, klar, was geschah. Vielleicht weil man merkt, dass es nicht eine andere Welt ist, die des Schwarweißfilms, die genauso weit weg ist wie etwa der Dreißigjährige Krieg, in der das geschah, sondern es passierte unserer Welt in unserer Zeit, in der des Farbfernsehens.
Dass der Film heute anders wirkt, darauf reflektiert auch Christian Petzold in Die innere Sicherheit.
Ebenfalls aus den Fünzigern ist der Spielfilm Die Brücke am Kwai. Und auch er handelt vom Zweiten Weltkrieg, womit aber schon alle Gemeinsamkeiten genannt sind. Denn es ist ein eher belangloser Abenteuerfilm, zugleich ein Requiem für den englischen Kolonialoffizier und seine zivilisatorischen Leistungen.

28.05.12

Der blaue Engel


















Deutschland, 1930. Regie: Josef von Sternberg.
Der Film beginnt harmlos, feuerzangenbowlenhaft. Gymnasial-Professor Rath plagt seine Schüler und sich mit ihnen. Dann verliebt er sich in die Sängerin Lola, das ist für ihn befreiend und er bricht aus seinem bürgerlichen Leben aus. Das bringt ihn aber über kurz oder lang in wirtschaftliche Probleme und auch seine kleinstädtischen, ehemaligen Mitbürger verzeihen ihm seinen Ausbruch nicht, so schlägt der Film zur Tragödie um. Man bleibt verdutzt zurück, der Film bietet Anlass über ihn zu reden. Warum lässt sich Lola auf den Professor überhaupt ein?  Ist seine Weltfremdheit nicht übertrieben? Wer ist Schuld am unglücklichen Ausgang?
Der Roman, der hier verfilmt wurde, Professor Unrat von Heinrich Mann erschien 1904. Einige Jahre zuvor erschien Thomas Manns Novelle Der kleine Herr Friedemann, in der ebenfalls das Motiv der Femme fatal eine gewisse Rolle spielt.

Die Nacht von Lissabon

















Erich Maria Remarques Roman erschien 1962 und wurde 1971 von Zbynek Brynych für das deutsche Fernsehen verfilmt. Er ist nicht zu verwechseln mit Pascal Merciers Nachtzug nach Lissabon, aber in beiden Büchern geht es um Geschichte. Bei Remarque um die Geschichte des Josef Schwarz, die er in Lissabon, wo seine Flucht vor den Nazis endet, einem Unbekannten erzählt. Um diesen als Zuhörer zu gewinnen, verspricht er ihm zwei Schiffstickets. Er muss also dafür bezahlen, dass seine Erlebnisse und er selbst nicht vergessen werden. Der Film, in den herbstlichen Farben und im Stil der siebziger Jahre gedreht, findet passende Bilder für die Situation des Emigranten Schwarz.
Bei Mercier macht sich der schweizerische Lateinlehrer Gregorius auf die Suche nach einem portugiesischen Dichter. Diese Suche führt in nach Lissabon und in dessen Vergangenheit. Es geht um den Widerstand gegen das Salazar-Regime, das philosophische Thema sind die Möglichkeiten, die das Leben einem bietet.

Archilochos (680 - 630 v.u.Z.)

Im ersten Teil eines ABC DER ANDEREN schreibt Stefan Ripplinger in der Konkret eine Würdigung des Dichters Archilochos:

12.05.12

Walter Benjamin

Dokumentarfilm "Geschichten einer Freundschaft" (2010) von David Wittenberg über Walter Benjamin (am 15. Juli 1892 in Berlin geboren, gestorben am 26.9.1940 in Portbou).

Nosferatu




















Nosferatu, Friedrich Wilhelm Murnau, 1922

Nosferatu ist als erster Vampirfilm nicht nur historisch interessant, sondern es stimmt hier jede Einstellung, die Musik, die Spannung, so dass man den Film auch nach 90 Jahren noch mit Vergnügen anschaut. Er ist ein Kunstwerk und somit lässt sich auch heute noch darüber diskutieren. Während Siegfried Kracauer den Grafen Orlok als Tyrannenfigur bezeichnete und andere Autoren die Paralelle zum antisemitischen Motiv des Blutsaugers beschrieben, lässt sich die Vampirfigur auch als Manifestation kollektiver Ängste vor Spanischer Grippe, Krieg und Krise deuten. Der Film beeinflusste spätere Regisseure (z.B. sieht Alfred im Tanz der Vampire aus wie Hutter in Nosferatu) und vielleicht auch Kafka. Die DVD enthält ein ausführliches Booklet und einen guten Dokumentarfilm über Murnau.

29.04.12

Christentum und antike Sklaverei II

Kein Ende der Sklaverei

Gerd Lüdemann, FR 6.4.2012

Im frühen Christentum gab es das Ideal, dass alle Menschen - ob Mann und Frau oder Sklave und freier Mensch - gleich sind. Doch es war kein geringerer als Paulus, der dieses emanzipatorische Ideal preisgab. Aufbegehrende Frauen zwang er, im Gottesdienst ein Kopftuch zu tragen.

15.04.12

Melville
















 Armee im Schatten (1969) ist neben Das Schweigen des Meeres (1947) und Eva und der Priester (1961) einer der drei Filme, die Jean-Pierre Melville über die Résistance drehte.
Die Armee, um die es geht, wird als solche nie erkennbar, es steht, anders als in vielen Filmen über den Zweiten Weltkrieg, keine bestimmte Mission oder Aktion im Mittelpunkt. Der Plot ist brüchig, eher steht die Stimmung, der Schatten, im Mittelpunkt. Dieser legt sich über die Akteure, weil die Verhältnisse, und der jeweils eigene Schritt in den Widerstand, sie vor Entscheidungen stellen, die sie, egal wie getroffen, nicht mehr ruhig schlafen lassen. Was ist zu tun, wenn die Aussagen im Verhör der Gestapo, die ein gefangener Freund unter der Folter machen wird, nur durch dessen vorherige Erschießung verhindert werden können? Schuldig werden die Widerstandskämpfer in jedem Fall, was sie auch wissen, und, so sagt Philippe Gerbier (gespielt von Lino Ventura) gleich zu Beginn: alle Schulden werden beglichen. Die Gefahr, der sich die Aktivisten aussetzen, ist ab der ersten Einstellung spürbar, sie sind, mit Eugen Leviné gesprochen "Tote auf Urlaub".

14.04.12

Die Erde ist keine Heimat

Deutsche Geschichte vom Land aus gesehen erzählt der Roman MITTELREICH von Josef Bierbichler. Er hebt an wie ein Heimatroman oder eine Familienchronik, geht aber nicht so weiter. Langsam aber stetig wird es un-heimlich, ohne aber unrealistisch zu werden.

Man denkt beim Lesen der Passagen zum ersten fünftel des letzten Jahrhunderts an Oskar Maria Graf, bei den Szenen im dörflichen Wirtshaus an Gerhard Polt und wenn es um die Friedensbewegung der 80er Jahre geht an Wolfgang Pohrt.

Krimis

Aus der Zeit, als Techno und Ecstasy die Welt bewegten, stammt Der Skorpion (1997) von Dominik Graf. Ziemlich gut wird darin der Sohn des Kommissars gespielt. Beide suchen in München die Leute, die ein Attentat auf Mutter bzw. Ehefrau verübt haben.
Eine Stadt wird erpresst (2006) vom selben Regisseur spielt in Leipzig und der ostdeutschen Provinz, deren Bewohner nicht gut wegkommen. Der Film scheint eine Art Vorübung für die Serie Im Angesicht des Verbrechens (2010) gewesen zu sein, einige Schauspieler und Figuren (der wohlhabende Russe, der Karrierist) tauchen schon auf. Das unsichtbare Mädchen (2011) bündelt einige von Grafs Themen, die Provinz (diesmal Oberfranken), Karriere bei der Polizei und in der Politik, Prostitution. Eine gute Besprechung erschien hier.

11.04.12

Georg Kerner














 

Schwäbischer Rebell und französischer Revolutionär, Journalist gegen Napoleon und Arzt von St. Pauli: Das filmreife Leben des Georg Kerner
Die Freiheit und die Deutschen, da hat der neue Bundespräsident recht, das ist ein schwieriges Kapitel. Anders als die Menschen anderer großer Nationen lieben sie die Freiheitsmänner und -frauen ihrer Geschichte nicht besonders, ja die meisten Deutschen kennen sie kaum, die Vorkämpfer unserer Republik im 18. und 19. Jahrhundert.
Einer dieser Pioniere ist der Arzt und Journalist Georg Kerner, geboren am 9. April 1770 in Ludwigsburg, gestorben am 7. April vor genau 200 Jahren in Hamburg. Zeit seines kurzen Lebens stritt er für Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit und die deutsche Einheit, gegen die Fürstleinwirtschaft des Ancien Régime ebenso wie gegen den Terror der Sansculotten wie gegen Napoleons Despotie. Ein Feuerkopf, ein brillanter Autor, ein engagierter Mediziner. Er sprühe »Freiheit wie ein Vulkan«, beschrieb ihn sein Freund, der Weltreisende Georg Forster, er sei »originell und gutherzig, wie ein junger Schwabe sein muss«, und habe »Kopf und Energie«. Und doch ist es Georg Kerners 16 Jahre jüngerer Bruder, der gemütvolle Biedermeierdichter Justinus Kerner, den die Deutschen bis heute in Ehren halten – Georg scheint vergessen.

04.04.12

Poll













Der Film "Poll" (D, Ö, EST 2010) zeigt, ähnlich wie "Das weisse Band", die ostelbische, spätfeudale Gesellschaft kurz vor dem Ersten Weltkrieg. Die Gewalt im Ort Poll geht vom Gutsherr aus, er herrscht über Frau und Knecht und versteht sich mit den zaristischen Soldaten. Den Anschluss an die Moderne kann er trotz wildester Forschung nicht finden, das zeigt sich beim Besuch eines Professors aus Wien. So wie in "Das weisse Band" der Lehrer außerhalb der Dorfgemeinschaft steht, so hier der Anarchist, dessen Gedankenwelt im Film allerdings nicht dargestellt wird. Er könnte auch ein dichtender Räuber sein. Joseph Conrad hat die anarchistische Szene dieser Epoche in "Der Geheimagent" anschaulicher dargestellt.

25.03.12

Der Verrat





















Im Vergleich zum Buch von Volker Ullrich ist Haffners Buch ausführlicher, bezieht deutlicher Stellung, erhebt Anklage, wagt auch psychologische Vermutungen darüber, was z.B. Ludendorff oder Ebert zu ihren politischen Entscheidungen veranlasste undist dadurch noch spannender. Laut Haffner bestand im Herbst 1918 nicht die Wahl zwischen bürgerlicher Demokratie oder Kommunismus, sondern zwischen der Fortführung des Kaiserreichs unter sozialdemokratischer Regierung, das sei der Wunsch Eberts gewesen, und der Revolution. Die revolutionäre Massenbwegung, die sich Anfang November 1918, dann wieder Anfang Januar 1919 und ein letztes Mal im Frühjahr 1920 erhob, sei weniger kommunistisch gewesen, als vielmehr proletarisch, demokratisch und antimilitaristisch. "Die Massen griffen (...) nach der Staatsmacht, nicht nach der Wirtschaftsmacht. Sie besetzten nicht die Fabriken, sondern die Ämter und Kasernen. Sie wählten als Volksbeauftragte sozialdemokratische Führer." (S. 239) Der kaiserzeitliche Obrigkeitsstaat habe also räte-demokratisch revolutioniert werden sollen. Während Bayerns Ministerpräsident Kurt Eisner sich diese Ziele zu eigen machte und sie vielleicht durchgesetzt hätte, wäre er nicht erschossen worden, rief Ebert die protofaschsitischen Freikorps zur Hilfe um die Revoltion zu ersticken.
Die Sozialisierungsbestrebungen, sie Ullrich beschreibt, bewertet Haffner als weniger bedeutsam.

24.03.12

Wer wenn nicht wir















wer wenn nicht wir (2011, Regie: Andreas Veiel)

Der Film hat einige starke Szenen. Gleich zu Beginn erklärt Nazi-Dichter Will Vesper dem kleinen Bernward auf die liebenswürdigste Art, warum er die Katze dessen Katze erschießen musste. Später erzählt Bernward diese Geschichte einem Psychater, nachdem er seine Inneneinrichtung aus dem Fenster in den Innenhof geworfen hat - auch eine beeindruckende Szene. Bernward tut einem leid, weil er es nicht schafft zwischen seinem Vater als Vater und als Schriftsteller zu unterscheiden, was im Walter Jens empfiehlt. (Interessant, weil Jens seine eigene Mitgliedschaft in der NSDAP immer verschwieg.) So wird B. dann immer wieder mit Anspielungen auf den Vater aufgezogen.
Von Gudrun Ensslin bleibt in Erinnerung, wie sie mit ihrem sympathischen Vater und mit Klaus Röhler streitet. Die Empörung nimmt man der Schauspielerin Lena Lauzemis ab. Und weil Gudrun so aufrichtig moralisch empört ist, möchte sie zur Tat schreiten, wer diesen Tatendrang in Frage stellt, den weist sie rigoros zurecht. Es ist wohl diese ihre Art Kritik abzuwehren, die ihr einen Zug von Überheblichkeit verleiht. (s.a. Film-Titel) Im Film wird nicht deutlich, was Ensslin liest, ob sie auch durch theoretische Überlegungen motiviert ist. Vielleicht findet sich dazu etwas in Gerd Koenens Buch zum Thema.

Willy Huhn

In seinem Aufsatz: Etatismus – "Kriegssozialismus" – “Nationalsozialismus” in der Literatur der deutschen Sozialdemokratie (1952, ca. 50 Seiten) untersucht Willy Huhn die staatsfreundliche Strömung der Sozialdemokratie von den 1860er bis in die 1920er Jahre. Er geht chronologisch vor, beginnt mit Lasalle und endet mit dem Zusammenschluss des rechten USPD Flügels mit der MSPD. Es kommen einige innerparteiliche Kritiker der Staatsfreunde zu Wort, z.B. Julius Vahlteich, Friedrich Engels, Karl Kautsky, Heinrich Ströbel und desöfteren verweist Huhn auf das Buch The Road to Serfdom (1944) des späteren Nobelpreisträgers F.A. Hayek.
Es ist haarsträubend, wie sozialdemokratische Intellektuelle (sie kommen in Huhns Essay reichlich zu Wort) in den Jahren 1914 bis 18 den Krieg rechtfertigten und die damalige staatliche Wirtschaftslenkung begrüßten, während Arbeiter und Arbeiterinnen im Krieg starben bzw. zuhause litten und fluchten, letzters hat z.B. Oskar Maria Graf eindrücklich geschildert. Der Aufsatz hält allerdings nicht ganz, was der Untertitel des Bandes, in dem Huhns Aufsatz zuletzt veröffentlicht wurde, verspricht. Denn um zu belegen, dass es sich beim Etatismus der Sozialdemokratie um die Vorgeschichte des Nazifaschismus handelt, müsste belegt werden, wie die staatssozialistischen Ideen von der SPD auf die NSDAP übergingen, was Huhn erklärtermaßen nicht unternimmt.

18.03.12

Volker Ullrich über die Revolution von 1918/19

 




















Das Buch könnte auch den Titel "Revolution und Gegenrevolution 1918 und 19" tragen, denn Ullrich schildert nicht nur, wie es dazu kam, dass der Kaiser abdankte und eine Republik gegründet wurde, sondern auch, wie alle Bemühungen auch soziale Veränderungen durchzusetzen im Auftrag der MSPD militärisch niedergeschlagen wurden. Die Bemühungen der MSPD die Revolution unter Kontrolle zu bringen begannen schon, als Gustav Noske zu diesem Zweck am 4.11.1918 in Kiel eintraf und sich am nächsten Tag zum Vorsitzenden des Soldatenrats wählen ließ. Weitere Etappen: Am 11.11. ersuchte die Regierung der Volksbeauftragten die Oberste Heeresleitung darum, Disziplin und Ruhe im Heer aufrechtzuerhalten, womit die Befehlsgewalt der Offiziere wiederhergestellt war, die Struktur der Armee blieb unangetastet. Auch der Forderung des Kabinettskollegen Barth, wenigstens Hindenburg zu entlassen, kam Ebert nicht nach. Am 10.12. begrüßt Ebert die zurückgekehrten Gardetruppen, deren Einmarsch der Vollzugsrat der Arbeiter und Soldatenräte hatte verhindern wollen.
Am 24.12. gaben Ebert und Scheidemann dem preußischen Kriegsminister den Befehl, Matrosen aus dem Berliner Schloss zu vetreiben, das diese besetzt hielten. Aus einer Demonstration gegen die Absetzung des Berliner Polizeipräsidenten Emil Eichhorns (USPD) entwickelte sich am 5.1.1919 die Besetzung des Zeitungsviertels, Noske ließ sie militärisch beenden, Parlamentäre, die über die Bedingungen des Abzugs verhandeln wollten, wurden erschossen.
Das Berliner Märzmassaker und die Niederschlagung der Münchner Räterepublik zeigten dann, wie die MSPD auch im Jahre 1919 auf die, z.B. im Ruhrgebiet und in Mitteldeutschland verbreitete, Forderung nach Sozialisierungen, kürzeren Arbeitszeiten und der Auflösung der Freikorps reagierte.
Die Militärs, denen Ebert vertraute, dankten es ihm 1920 mit dem Kapp-Lüttwitz-Putsch.

16.02.12

Biographische Skizze über J. M. Afsprung

Bürger ohne Land
DIE ZEIT, 27.03.2008
Ruhelos und verfolgt zog er durch Deutschland und die Schweiz, auf der Suche nach der Freiheit, nach der Republik: Der Ulmer Demokrat Johann Michael Afsprung, gestorben im März 1808

09.02.12

Isabell Lorey: Figuren des Immunen

Plebejer ohne Eigenheim


In „Figuren des Immunen“ entwirft Isabell Lorey ein Modell des politischen Widerstands, das Stärke im Sich-Entziehen sucht

28.01.12

Otto Rühle über 1848/49

 



















Diese rund hundertseitige Einführung erschien erstmals 1927 in Rühles Buch "Die Revolutionen Europas". Leider finden sich darin keine Auszüge aus Originalquellen, Rühle scheint sich vorallem auf Darstellungen von Marx und Engels zu stützen, die er öfters zitiert. Dadurch ist das Buch aber gut lesbar. Rühle schildert einige Situationen in denen die Ereignisse auch anders hätten laufen können, z.B. als das Vorparlament es ablehnte, sich in Permanenz zu erklären. Das hätte eher dem Geschehen im Frankreich des Jahres 1789 geähnelt, wo sich die Ständeversammlung zur Nationalversammlung machte und auch im Folgenden die Initiative nicht aus der Hand gab. Letzteres geschah aber in Deutschland, laut Rühle v.a. deswegen, weil es sich das Bürgertum aus Angst vor dem Proletariat nicht mit den Fürsten verscherzen wollte.
"Die Nationalversammlung hatte aus dem Schwert der Revolution eine Kaiserkrone geschmiedet, die sie der Reaktion anbot. Aber die Reaktion machte aus der Krone wieder ein Schwert, das sie gegen die nationalversammlung führte." (S.91)


Adolph Menzel: Aufbahrung der Märzgefallenen

16.01.12

Tu will kämpfen lernen und lernt sitzen

Tu kam zu Me-ti und sagte: Ich will am Kampf der Klassen teilnehmen. Lehre mich. Me-ti sagte: Setz dich. Tu setzte sich und fragte: Wie soll ich kämpfen? Me-ti lachte und sagte: Sitzt du gut? Ich weiss nicht, sagte Tu erstaunt, wie soll ich anders sitzen? Me-ti erklärte es ihm. Aber, sagte Tu ungeduldig, ich bin nicht gekommen, sitzen zu lernen. Ich weiß, du willst kämpfen lernen, sagte Me-ti geduldig, aber dazu musst du gut sitzen, da wir jetzt eben sitzen und sitzend lernen wollen. Tu sagte: Wenn man immer danach strebt, die bequemste Lage einzunehmen und aus dem Bestehenden das Beste herauszuholen, kurz, wenn man nach Genuss strebt, wie soll man da kämpfen? Me-ti sagte: Wenn man nicht nach Genuss strebt, nicht das Beste aus dem Bestehenden herausholen will und nicht die beste Lage einnehmen will, warum sollte man da kämpfen? (Bert Brecht)

09.01.12

Paranoid Park

USA 2007

Auch ein Film über Jugendliche. Sie sind aber weniger idealistisch als in "auf der anderen Seite". "Paranoid Park" ist kürzer und die Handlung klarer. In beiden Filmen geht es um Gewalt mit Todesfolge.

auf der anderen Seite

Dtl. / Türkei 2007

Lukian: Der Cyniker

"Was willst Du denn damit, mein Freund, daß Du Haare und Bart wachsen lässest, ohne Unterkleid und Schuhe in der Welt umhergehest, ein unstetes, ungeselliges, bestiales Leben führest, und statt Deinen Leib zu pflegen, wie andere Leute thun, ihn kasteyest und die Nächte auf der harten Erde zubringst, wie man an dem vielen Schmutze Deines rauhen, groben und mißfarbigen Mantels sieht?" (weiter)

07.01.12

Die Mörder sind unter uns

Deutschland 1946
Der erste deutsche Film nach dem Zweiten Weltkrieg und erstaunlicherweise zugleich der erste über das Nachleben des Nationalsozialismus. Während in "Rom-offene Stadt" eine Widerstandsgruppe im Mittelpunkt steht, ist es hier der Arzt Dr. Mertens, der als Soldat gegen eine Massenerschießung protestierte und nun im Berlin des Jahres 1945 darunter leidet, dass dies erfolglos war. Als er am Ende des Films den Täter bestrafen will, hält ihn Susanne Wallner (gespielt von Hildegard Knef) davon ab.

05.01.12

Christentum und antike Sklaverei

Paulus schickt den entlaufenen Sklaven Onesimus zurück zu dessen Besitzer Philemon, schreibt aber diesem:
"...Vielleicht aber ist er darum eine Zeitlang von dir gekommen, daß du ihn ewig wieder hättest, nun nicht mehr als einen Knecht, sondern mehr denn einen Knecht, als einen lieben Bruder, sonderlich mir, wie viel mehr aber dir, beides, nach dem Fleisch und in dem HERRN."
Ein Plädoyer, ihn freizulassen?

Das Teufelsauge

Schweden 1959

Ein guter, moralkritischer Film. Am Ende fragt der Teufel Don Juan, der sich zum erstenmal und außerdem vergeblich verliebt hat: "Tut es sehr weh?" Don Juan: "Falls es euch Vergnügen bereitet, ja. Aber ich werden nicht darunter zusammenbrechen, dazu finde ich euch viel zu lächerlich mit euren bestrafungen hier in der Hölle und auch dort oben. Ich verachte euch alle. Nie werdet ihr Don Juan beugen können, in alle Ewigkeit nicht. Auch wenn ihr mir schlimmere Qualen auferlegt als die, die gerade mein Herz zerreißen. ich bleibe, was ich immer war: ein Verächter von Gott & Teufel, und erlaube mir, euch vor die Füße zu spucken. Gute Nacht."

04.01.12

ROMA citta aperta

Italien 1945
Ein guter, moralischer Film. Don Pietro handelt richtig ohne dies zu begründen oder begründen zu können.

Filippo Buonarroti


Die Pflicht zum Aufstand
Vom Sturm auf die Bastille zum modernen Sozialismus: Ein Porträt des legendären italienischen Revolutionärs Filippo Buonarroti
Die Männer sitzen in vergitterten Käfigen. Wie Schlachtvieh werden sie in der Nacht auf den 27. August 1796 von Paris in das über 150 Kilometer entfernte Vendôme gekarrt. Dort, weitab von der unberechenbaren Hauptstadt, soll der Prozess stattfinden. Die Gefangenen sind angeklagt, unter Führung von François »Gracchus« Babeuf eine Verschwörung geplant zu haben – mit dem Ziel einer radikaldemokratischen Revolution, mit dem Ziel gar, die Diktatur der Jakobiner fortzusetzen, die zwei Jahre zuvor beendet worden ist.
Die Angeklagten nutzen den drei Monate dauernden Prozess als Tribüne für eine leidenschaftliche Verteidigung ihrer Vorstellungen von politischer und sozialer Gerechtigkeit. Besonders furchtlos und brillant agiert dabei ein Mann mit einem klingenden Namen: Filippo Buonarroti. Der Nachfahre aus der Familie des großen Michelangelo, geboren vor genau 250 Jahren am 11. November 1761 in Pisa als Sohn eines toskanischen Patriziers, ist seit 1793 Citoyen von Frankreich. »Die Toskana hat mich zur Welt gebracht, Frankreich aber ist mein Vaterland«, erklärt er stolz. »Mein Leben ist ein andauernder Kampf für die Freiheit [...], damit ganz Europa frei wird und ich zufrieden sterben kann.«

23.09.11

Wir sind Gefangene

Ein sehr gutes Buch von 1927. Graf beschreibt auf lustige Art traurige Dinge. Anders als bei Franz Jung, um den man sich meist nur seiner selbst wegen Sorge macht, hat man beim jüngeren Graf den Eindruck, dass er von den Ereignissen 1914-1919 manchmal überrumpelt und mitgerissen wurde, irgendwie mischte er mit, wusste aber wohl selbst nicht immer, wie er das machen sollte.

05.07.11

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Vor einigen Jahren in der Tübinger Mensa gekauft, nun endlich gelesen: DER WEG NACH UNTEN von Franz Jung. Chronik von unten, Jung lässt die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts Revue passieren, und bescheidene und melancholische Autobiographie eines Ruhelosen.

27.03.11

Kritik des Vitalismus

Die Legende vom großen Draußen
Was tut die Kritik, wenn sie keine Kritik mehr sein will? Sie erzählt vom wilden, echten, wahren Leben

09.03.11

Tim B. Müller: Marcuse und die Denksysteme im Kalten Krieg

http://www.sehepunkte.de/2011/02/18411.html

P. Blom: A Wicked Company

http://www.philipp-blom.eu/html/Books_02.html

01.02.11

Radiosendungen über Walter Benjamin

http://audioarchiv.blogsport.de/2010/10/03/walter-benjamin-zum-70-todestag/

späte Schriften von Friedrich Engels

Revolution in Portionen
Die späten Schriften von Friedrich Engels zeigen: Im Alter vertraute Karl Marx Kampfgefährte der Sozialdemokratie

07.11.10

Vernunft und Mystik im Mittelalter

'Davon allein bin ich selig, dass Gott vernünftig ist und ich das erkenne'
Viele verehren Meister Eckhart als großen Mystiker. Aber stimmt das überhaupt? Eine Klarstellung zu seinem 750. Geburtstag

26.10.10

Akteure des Umbruchs

Was sind das für Lumpenhunde!

»Akteure eines Umbruchs«: Eine Porträtgalerie führt uns mitten hinein in die politischen Leidenschaften des 19. Jahrhunderts.
Wem unsere Bundesbelletristik etwas zu sansohaft und ennuyant erscheint, wer es praller, schicksalsheftiger, wer es politischer, leidenschaftlicher und kühner mag, der wird hieran Freude finden: ein Geschichtsbuch, eine Sammlung von Porträts deutscher Frauen und Männer des 19. Jahrhunderts. Revolutionäre und Reaktionäre, Sozialisten, Liberale, behutsame Reformer und widerständige Archivare – allesamt Akteure eines Umbruchs.

20.07.10

Marquis de Condorcet, Daniel Schulz (Hg.): »Freiheit, Revolution, Verfassung«



Das Gemälde von Carl Wendlin
g (1910) zeigt Pfälzer Freiheitsfreunde zur Zeit der Revolution. Das Bild hängt im Rathaus von Landau
Schon der französische Philosoph und Revolutionär Condorcet wusste, dass ein Parlament allein noch keine Demokratie macht.
Wie viel Mitsprache der Bürger braucht der Staat? Wie viel direkte Demokratie verträgt die Republik? Und vor allem: Wie ist das zu organisieren? Das sind die entscheidenden Fragen, die uns immer wieder zurückführen zu den Anfängen der modernen Demokratie in Europa, in die Tage der Französischen Revolution. Seit einiger Zeit findet dabei ein Denker erneut Beachtung, der die Revolution mit einer Reihe von wichtigen Texten begleitet hat und auch als politisch Handelnder eine bedeutende Rolle einnahm. Die Rede ist vom Marquis de Condorcet, dem Citoyen Caritat.

13.07.10

Kurt Flasch im Radiointerview

Jochen Rack interviewte Flasch für die Sendung "Zeitgenossen" (vom 24.9.2006) und sprach mit ihm u.a. über das katholische Mainz im Nationalsozialismus, über die Einteilung der Geschichte in Epochen, über Augustinus und über die Uni Frankfurt zu Beginn der 60er.

Herbert Marcuse im Interview

Aufnahme: 11.11.1976, BR
Gesprächspartner: Ivo Frenzel, Willy Hochkeppel

http://www.youtube.com/watch?v=Ri9WozzxiDo

11.07.10

Franziska Gräfin zu Reventlow





Sex, Macht und Größenwahn
Dieser Schwabing-Faktor ist nicht zu toppen: Franziska Gräfin zu Reventlow war die heidnische Madonna, die letzte Bohèmienne, die moderne Hetäre - und sie hatte sie alle. Nicht nur alle Ehrentitel, die man in München um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert einsammeln konnte, sondern auch alle geistigen Voraussetzungen, um ihre männlichen Bohème-Spezis locker zu übertrumpfen. Gegen ihre verkniffene adlige Familie rebellierte die Reventlow früh; es folgten Mädchenpensionat, Lehrerinnenseminar und Nietzsche-Begeisterung.


Der große Bohème-Durchbruch gelingt ihr in München, dort ließ sie sich zur Malerin ausbilden und veröffentlichte erste Prosaskizzen. Ludwig Klages, Karl Wolfskehl, Alfred Schuler, Stefan George, Oscar H. Schmitz und Franz Hessel zählten zu ihren Schwabinger Bekannten; ihre Briefe und Tagebücher sind eine unschätzbare Quelle zur intellektuell-erotischen Betriebsdynamik um 1900. 'Warum gehen Liebe und Erotik für mich so ganz auseinander', seufzt die Gräfin in ihrem Tagebuch - und ergreift in Aufsätzen immer Partei für 'das lasterhafte Weib'. Den Schlüsselroman 'Herrn Dames Aufzeichnungen oder Begebenheiten aus einem merkwürdigen Stadtteil' muss man gerade in Zeiten grassierender George-Hysterie nur preisen: Reventlow durchschaut das geschraubte 'Wir'-Pathos und den 'Personenkultus' der 'Wahnmochinger' - so heißen die Schwabinger, die einen auf dionysisch machen. Vor allem aber nimmt sie den mystisch bemäntelten Antisemitismus auseinander, den Klages und Schuler verbreiteten.


Ihr Roman 'Der Geldkomplex' (Untertitel: 'Meinen Gläubigern zugeeignet') vereint analytische Ironie mit lässiger Eleganz: Eine bankrotte Schriftstellerin lässt ihren schmerzhaften Geldkomplex von einem Freudianer behandeln. Psychologie des Geldes, Warencharakter und Geschlechterbeziehungen: Reventlow bringt auf den Punkt, wie Sex, Macht und Größenwahn zusammenhängen. Fast alle Psychosen, meint ihre frivol-scharfsinnige Icherzählerin, seien 'in erster Linie mit Geld zu heilen'.Jutta Person

Franziska Gräfin zu Reventlow: Sämtliche Werke in sechs Bänden. Igel Verlag, Oldenburg 2010. 198 Euro.
sz vom 7.7.2010

08.07.10

I Read Some Marx (And I Liked It)

http://www.youtube.com/watch?v=wyqJ9wxZ9L0

Johannes Agnoli, Subversive Theorie

Im Wintersemester 1989/90 hielt Johannes Agnoli seine letzte Vorlesung an der FU Berlin. Sie wurde zu einer Summe seines Denkens, zum Einspruch gegen die Hoffnungslosigkeit einer linken Bewegung, der die Tradition und damit das historische Selbstbewußtsein abhanden gekommen ist. In subversiver Absicht gibt er die Geschichte der kommunistischen Utopie und beweist die Produktivität noch der Niederlagen. Beginnend mit dem alten Griechenland und dem Spartakusaufstand, über die Bauernkriege, die Renaissance und die Aufklärung hinweg, über Wilhelm Weitling, Karl Marx und Michail Bakunin bis in die Gegenwart hinein, zeigt Agnoli, was es heißt, den Antagonismus gegen Ausbeutung und Herrschaft zu organisieren und ihn zugleich zu denken.
“Die Subversion ist die Arbeit, die die Revolution vorbereitet. Sie ist nicht selbst die Revolution – und diese Arbeit ist notwendig, um der Revolution behilflich zu sein in der schwierigen Zeit ihrer Überwinterung.”

Radiogespräch mit Max Horkheimer

Philosophie als Kulturkritik
http://www.youtube.com/watch?v=cEKVGRyp_k8

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