Walter Benjamin

Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten.
Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht.

Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, Band I, Seite 1241.

01.02.11

späte Schriften von Friedrich Engels

Revolution in Portionen
Die späten Schriften von Friedrich Engels zeigen: Im Alter vertraute Karl Marx Kampfgefährte der Sozialdemokratie

Es gibt eine sanfte Entschiedenheit des Alters und der Weisheit. Sie ist das Beste an individueller Kultur. Sie hat auch mit Korrekturen zu tun. Einer, dessen Denkwege in der vielstimmigen Erbengemeinschaft verkannt oder gar nicht reflektiert wurden, war Friedrich Engels. 'General' genannt, weil er als Adjutant in der badisch-pfälzischen Revolutionsarmee den Kampf um Rastatt (1849) mit ausfocht und später für die New York Tribune die militärpolitischen Artikel schrieb. Der Unternehmersohn, der Karl Marx bewunderte ('Ich begreife gar nicht, wie man auf ein Genie neidisch sein kann'). Den Makel, den ihm verschiedene Interpreten anhafteten, nämlich dass er den 'Marxismus' doktriniert habe, ist er bis heute nicht losgeworden. Aber die Schriften seines Spätwerkes (1883 bis 1895), die jetzt vollständig vorliegen, bestätigen dieses Urteil nicht.
Nach dem Tod von Karl Marx hatte sich Engels 'Ruhe für theoretische Arbeiten' ausbedungen, nicht zuletzt um den Nachlass des Freundes und Kampfgefährten zu erschließen. So schaffte er es, im Zeitraum des neuen Bandes I/30 der Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA) aus den zum Teil unfertigen Texten des Verstorbenen ein druckfähiges Manuskript auszufertigen: Das zweite Buch des 'Kapital' - eine Mordsarbeit. Zugleich führte er eine umfangreiche Korrespondenz. Und trotz des Drängens von Liebknecht, Bernstein und anderen, die 'Kritik der politischen Ökonomie', soweit sie Marx zu Papier brachte, endlich der Öffentlichkeit auszuhändigen, versagte er sich nicht, auf die politischen Debatten seiner Zeit Einfluss zu nehmen.
Es sind vor allem Pressebeiträge, streitbare Pamphlete, Vorworte, die der Band vereint. In einigen deutet sich ein Wandel früherer Ansichten Friedrich Engels" an, der bis zu seinem Todesjahr an Kontur gewinnt. Im Vorwort zu einer Verteidigungsrede beispielsweise, die Marx 1849 im Prozess gegen den Ausschuss der rheinischen Demokraten gehalten hatte und die in der 'Sozialdemokratischen Bibliothek' neu ediert wurde, erweitert er den Revolutionsbegriff. 'Die gesammten gegenwärtigen politischen Zustände (sind) das Ergebniß von lauter Revolutionen.' Fast alle europäischen Regierungen: 'Regierungen von Revolutions Gnaden'. Auch 'das deutsche Reich ist eine Schöpfung der Revolution - allerdings einer Revolution eigener Art ...'
Engels hebt hier, in Übereinstimmung mit Eduard Bernstein, auf den bis dahin ungebräuchlichen Begriff 'Revolution von oben' ab. Die regierungsgeleiteten Umbrüche 'waren auch danach', ironisiert er, aber sie waren 'nicht minder' Revolutionen. Deshalb sei es 'grundkomisch', wenn eine bestehende Rechtsordnung einer Partei verbieten wolle, 'revolutionär' zu sein.
Aber die gesellschaftlichen Bedingungen haben sich geändert. Engels trägt der allgemeinen Industrialisierung Rechnung, die den Staat stabilisiert, aber auch der organisierten Arbeiterschaft neue Möglichkeiten eröffnet, sich zu entfalten. Während die rheinischen Demokraten zum bewaffneten Widerstand aufgerufen hatten, galt ihm 1895 die Auffassung von der schnellen, gewaltsamen Revolution als unzeitgemäß. Er gab die Revolution, das 'einzige wirklich "historische Recht"', nicht auf, aber die Sozialisten könnten nur 'in hartem, zähen Kampf von Position zu Position langsam vordringen', schrieb er in der Einleitung zu Marx" 'Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850' (Band I/32). In diesem Ringen um politische Hegemonie käme den Wahlen, der parlamentarischen Tätigkeit eine bedeutende Rolle zu. Engels kann sich vorstellen, dass 'die alte Gesellschaft' unter bestimmten Bedingungen 'friedlich in die neue hineinwachse'. Jedoch nicht ohne zugleich die Opportunisten der Illusion zu überführen, die sich einreden, die heutige Gesellschaft wachse wie von selbst in den Sozialismus hinein, 'ohne sich zu fragen, ob sie nicht damit ebenso nothwendig aus ihrer alten Gesellschaftsverfassung hinaus wachse und diese alte Hülle ebenso gewaltsam sprengen müsse, wie der Krebs die seine ...'
Bemerkenswert ist Friedrich Engels" zunehmende Akzeptanz der Sozialdemokratie, sowohl des Begriffs als auch der Sozialdemokratischen Partei, die allerdings eine andere als die derzeitige war: die nach gesellschaftlichen Alternativen suchende Partei August Bebels und Karl Kautskys.
Zunächst folgt Engels dem Parteivorstand, der sich vom 'Staatssozialismus' à la Bismarck abgrenzen will, und meidet weitgehend das Wort Sozialismus. Stattdessen spricht er von 'unserem Kommunismus'. Aber er hat seine eigene Begründung: Sozialismus sei im 19.Jahrhundert eine Bewegung der Mittelklasse, Kommunismus eine der Arbeiterklasse. In den letzten fünf Jahren vor seinem Tod sind die Kontakte zur deutschen Sozialdemokratie stärker als je zuvor. In ihr sieht er die entscheidende Kraft, die den Kapitalismus überwinden und der großen Emanzipationsbewegung zum Sieg verhelfen kann. Er identifiziert sich mit der Partei, den 'sozialistischen Kollegen', die im Kampf gegen Bismarcks Sozialistengesetz zu einer Macht erstarkt waren, 'der die Zukunft gehört'. Er schreibt 'unsere Partei', 'unser Entwurf' des Erfurter Programms.
Die bedeutendste Arbeit des Bandes ist die umstrittene Schrift 'Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie'. Zum ersten Mal in einer Marx/Engels-Ausgabe wird auf den ambivalenten Charakter dieses Werkes eingegangen. Anlässlich einer Rezension nutzte Engels die Gelegenheit, 'eine unabgetragene Ehrenschuld' einzulösen, indem er Feuerbachs richtungweisenden Einfluss auf Marx und ihn selbst in ihrer 'Sturm- und Drangperiode' herausstellte, und um ihr Verhältnis zur Hegel"schen Philosophie darzulegen.
Eine fundierte Einschätzung Feuerbachs als Schlusspunkt der klassischen deutschen Philosophie gelingt Engels nicht. Zum einen, weil er sich ein neuerliches Quellenstudium ersparte. Zum anderen, weil das eigentliche Anliegen Engels" war, idealisierenden Tendenzen im deutschen Geistesleben, die auch in der Arbeiterklasse Verbreitung fanden, entgegenzuwirken. Die auf sittliche Motivation ausgerichteten Weltverbesserer, zum Beispiel die Wiener Ethikschule oder die Verbände der Freidenker, beriefen sich einseitig und missverständlich auf Feuerbachs 'kopernikanische Wende' (Martin Buber) und dessen 'Liebesphilosophie'. Engels verfolgte also mit der Feuerbach-Schrift einen aktuellen politischen Zweck.
Das Fatale an der Wirkungsgeschichte dieses Spätwerkes besteht darin, dass es in der frühen sozialdemokratischen wie auch der kommunistischen Rezeption zur kanonischen Schrift erhoben wurde. Sie ist mitnichten eine 'systematische Darstellung der Grundlagen des dialektischen und historischen Materialismus', wie es in den blauen Bänden der alten Marx-Engels-Werkausgabe hieß. Engels" Aussagen wurden, vom kleinen Kreis der Feuerbach-Forscher abgesehen, nie hinterfragt. Auf die parteipolitische Instrumentalisierung hinzuweisen, hätte der Einführung nicht geschadet.
Mit äußerster Sorgfalt wurde für die neue Edition das Variantenverzeichnis erarbeitet. Da Engels die bis in unsere Tage heiß diskutierten Bemerkungen 'ad Feuerbach', die Karl Marx 1845 in ein Notizbuch geschrieben (und nicht weiter verwendet) hatte, dem Separatdruck seiner Feuerbach-Schrift hinzufügte, erscheinen die berühmten 'Feuerbach-Thesen' nach der Publikation in der Exzerpte-Abteilung der MEGA hier noch einmal. An diesem Text hat Engels mehr als fünfzig Änderungen vorgenommen.
Wer nun glaubt, ihm ein Missverstehen oder gar vorsätzliche Fälschung anlasten zu können, wird seine Wertung differenzieren müssen. Die meisten Änderungen bessern sprachlich, verdeutlichen oder ergänzen die Aussage. Die wenigen inhaltlichen Varianten geben allerdings Anlass zu allerlei Reflexionen, so wenn er in der dritten These, welche den Wandel der gesellschaftlichen Umstände und der menschlichen Tätigkeit beschreibt, der 'nur als revolutionaire Praxis ... verstanden werden' kann, 'revolutionär' durch 'umwälzend' ersetzt, andererseits das Wort 'Selbstveränderung' (des Menschen) streicht. Was ihn dazu bewogen haben mag, können wir allenfalls vermuten. Auffallend ist aber eine Tendenz, nämlich dass Engels Notate von Marx, die auch als ein Resümee aus Feuerbach verstanden werden können, als gegen Feuerbach formuliert auffasst und - etwa durch ein eingefügtes 'aber' - diesen Gegensatz verschärft. Der Feuerbach-Rezeption hat das nicht gutgetan.
Mithin: Nicht nur Altersweisheit spiegelt der neue Band, sondern auch, dass Peter Watson ('Der deutsche Genius') wohl richtig lag, als er Engels jüngst in seine Aufstellung der 'unterschätzten deutschsprachigen Denker' aufgenommen hat. JENS GRANDT
FRIEDRICH ENGELS: Werke, Artikel, Entwürfe Mai 1883 bis September 1886. Bearbeitet von Renate Merkel-Melis. Bd. I/30 der Marx-Engels-Gesamtausgabe, Akademie Verlag, Berlin 2011. 2 Bände, 1154 Seiten, 178 Euro.
FRIEDRICH ENGELS: Werke, Artikel, Entwürfe März 1891 bis August 1895. Bearbeitet von Peer Kösling, Einführung Till Schelt-Brandenburg. Bd. I/32 der Marx-Engels-Gesamtausgabe, Akademie Verlag, Berlin 2010. 2 Bände, 1590 Seiten, 198 Euro.
SZ vom 01.02.2011

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