Walter Benjamin

Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten.
Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht.

Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, Band I, Seite 1241.

27.03.11

Kritik des Vitalismus

Die Legende vom großen Draußen
Was tut die Kritik, wenn sie keine Kritik mehr sein will? Sie erzählt vom wilden, echten, wahren Leben


Die dümmste Abstraktion, die es gibt, heißt: das Leben. Gewiss, es gibt ein Leben, das aus Stoffwechsel, Arbeiten, Telefonieren und Schlafen besteht. Ferner sprießen gerade die ersten Grashalme, die Lastwagen fahren hin und her, in manchen Büros wird Kaffee getrunken, und in Libyen fallen Bomben. Auch das ist Leben. Aber es ist nicht 'das Leben'. Denn dieses soll, wie manch einer meint, zum Beispiel darin bestehen: 'sich eine Gitarre zu packen und ein paar Trommeln und sich halb nackt auf die Veranda zu stellen und die Hüfte zu schwingen und das Leben zu feiern'. Oder darin, sich, wie eine Geistesverwandte vor zwanzig Jahren behauptete, zu zweit in ein Bett zu legen, um sich 'den kosmischen Flutungen, die wir Leben nennen', hinzugeben. Das ist 'das Leben', und weil es immer erst kommen soll oder unwiderruflich vergangen ist oder sich in Gegenden befinden soll, in denen man sich gerade nicht aufhält, in irgendwelchen nostalgischen Überhöhungen einer Jugend, die so nie stattgefunden hat, ist 'das Leben' nie da. Es ist eine Abstraktion, eine schwärmerische Erfindung, eine immer wieder enttäuschte Hoffnung. Dumm ist sie aus zwei Gründen: Sie misst alle Erfahrung am Maßstab einer leeren Abstraktion. Und sie macht sich gegen alle Argumente immun. Denn die Reflexion braucht Abstand, und wo reine Intensität ist, kann das Nachdenken nicht sein. In beiderlei Hinsicht besteht das Leben daher in offenen Widersprüchen: 'Das Leben', das erklärte Gegenteil aller Abstraktionen, ist eben auch eine Abstraktion.
Vom Standpunkt des 'Lebens' betrachtet neuerdings auch die ästhetische Kritik gern ihre Gegenstände. Sie freut sich, wenn 'das Leben selbst' in Gestalt von Arbeitslosen auf der Theaterbühne steht, sie ist ergriffen, wenn ein Buch das biografische Unglück heilt, von dem es berichtet, sie versteht die äußerste Gefährdung als unbedingten Beweis, dass es im Leben um nichts anderes geht als eben um 'das Leben' selber. Und sie ärgert sich, wenn einer beim Sprechen oder Schreiben über Literatur nicht im 'Leben' seinen höchsten Maßstab findet. Eine eigene Kategorie sogar hat die Begeisterung für das 'Leben' erfunden, um alle Literatur zu brandmarken, die ihr nicht lebendig genug vorkommt: Sie nennt sie 'Literatur-Literatur'.

Neulich hat ein Literaturkritiker ein Buch veröffentlicht, in dem er, eher persönlich und abwägend, seine Erfahrungen mit der deutschen Literatur nach 1989 schilderte. Sofort musste er sich von einem Sachwalter des 'Lebens' vorhalten lassen, die Literatur, der er sich mit allzu viel Sympathie zuwende, sei 'wie eine Kleingärtneranlage. Man gießt, man schneidet große oder wilde Blumen zurecht, man liebt es ruhig und übersichtlich, und am liebsten bleibt man unter sich'. Nun ist zwar weder gesagt, dass Kleingärten und sehr gute Bücher sich ausschließen, noch, dass in Kleingärten nichts geschieht. Brigitte Kronauer etwa lässt in einer der besten Geschichten ihres Buchs 'Die Kleider der Frauen' aus dem Jahr 2008 eine größere Menge reichlich verwirrter Erotik ins Kraut schießen - in einem Schrebergarten. Interessanter aber ist, was der Literaturkritiker, wenn er lauthals den Kleingarten verachtet, damit über sich selber sagt: Er gibt sich als der Repräsentant des 'Lebens'. Die andern sind 'System' oder 'Betrieb'. Und wenn seine Redaktion ihn, einen gut und regelmäßig bezahlten Mann, ausschickt, damit er die kritischen Gartenzwerge demütigt und in den staatlich subventionierten Laubenkolonien der Literatur die Legende vom großen Draußen verbreitet, dann ist das, als setzte sich ein bestallter Animateur den Hut von Crocodile Dundee auf.


Das 'Leben', als Kategorie der Geistfeindlichkeit betrachtet, hat eine lange Geschichte. Sie beginnt im späten neunzehnten Jahrhundert mit der Überzeugung, das 'Leben' sei, um seiner selbst willen, von den Fesseln der Konvention und Mäßigung zu befreien. Als esoterische Hoffnung, in jedem Menschen verberge sich nicht nur das Wesen, das dieser Mensch ist, sondern noch ein ganz anderer, wahrerer, lebendigerer Mensch, zog 'das Leben' bald danach in die bürgerliche Psychologie ein. In den vergangenen Jahren ist dieser Glaube indessen zu einer immer lästigeren Angelegenheit geworden, als Gegenbild zu einer weitreichenden Befriedung der sozialen und kulturellen Verhältnisse, das seine wichtigsten Bestimmungen mit dem Urlaub teilt - mit einer befristeten, kontrollierten, von allen existenziellen Risiken befreiten Abwesenheit vom Alltag, der die unermesslich schwere Last aufgebürdet wird, das zu sein, was der Alltag vermeintlich nicht ist: eben 'das Leben'.
Dieses unterscheidet nicht zwischen gut und schlecht, richtig und falsch, sondern misst allein in Kategorien der Wirkung, nach den Maßstäben der größtmöglichen Intensität und Dringlichkeit. In dieser Hinsicht sind die Übergänge zwischen dem Dschungelcamp und der angeblichen 'Radikalität, Sperrigkeit, Unfertigkeit, Unlesbarkeit' eines Buchs wie Helene Hegemanns spektakulärem kleinen Roman aus dem vergangenen Jahr allenfalls graduell, wobei die Prädikate zur Not auch zur Beschreibung eines neuen Albums von Herbert Grönemeyer ('wo steht, wer fragt, der nicht gewinnt') taugen.

Wer 'das Leben' fordert, lässt keine Vorbehalte zu, und intellektuelle Vorbehalte schon gar nicht. Deswegen denkt sich der Lebensmensch seinen Konterpart auch nur aus: Der verknöcherte Buchhalter, der pedantische Verwalter, der akademische 'Etappenjournalist', der harmlose Kleingärtner - all diese wohlfeilen Spottfiguren gibt es nur, weil die Abstraktion 'Leben' einen gleichermaßen konstruierten Gegensatz erforderlich werden lässt. Die Vorstellung, dass da jemand sei, der per Kleingeistigkeit und bürokratischem Verwaltungswahn alles 'Leben' in der Kultur ersticken wolle - diese Idee existiert nur als Fiktion des Lebensanwalts, und ihr entnimmt er die Berechtigung seines eigenen Anspruchs auf das Wilde und Echte. Denn er glaubt unbedingt an seine Abstraktionen: Immer will er da sein, wo 'Aufregung' und 'Faszination' zu spüren sind, immer will er sich befinden, wo auch die 'Gegenwart' sich gerade aufhält - diese ist eine weitere Abstraktion, die sich der Lebensmensch als das 'punctum saliens des Welteis' (Arthur Schopenhauer), ganz und gar zu seiner Sache gemacht hat. Oder er redet von 'Wirklichkeit', denn die Wörter 'Leben', 'Wirklichkeit' und 'Gegenwart' (darüber hinaus gibt es noch 'Leidenschaft' und 'Sinnlichkeit') sind in der Rhetorik des emphatischen Daseins austauschbar und nur durch aus gutem Grund völlig unanschauliche Adjektive wie 'existenziell, 'wahr' und 'absolut' zu steigern. 'Die Wirklichkeit ist wild geworden, wilder als alles, was sich der Mensch ausdenken kann', sagt der Anwalt des 'Lebens'.


Zwar wird kein Leser verstehen, worin die Schwierigkeit liegen soll, sich die wildeste Wildheit vorzustellen - aber gleichwie: Es kommt nicht darauf an, Hauptsache es entsteht dabei möglichst viel 'Gegenwart'. Diese Gier nach Präsenz zeitigt ein schlimmes Mitläufertum: Der 'Hipster', dieses Phantom des vergangenen Jahrzehnts, ist nicht deswegen so unerträglich, weil er der ranzig gewordene Wiedergänger einer modischen Figur ist, die in den fünfziger Jahren einmal New York bevölkert haben soll, sondern weil er in seinem Eifer, nur ja die 'Gegenwart' nicht zu verfehlen, zu einem radikalen Opportunisten der Wirkung wird, zu einem Kenner und Genießer der Kollektivseele und ihrer Zuckungen (weshalb er von 'wir' redet, wenn er sich allein meint, dem Widerspruch von Kennerschaft und Masse zum Trotz). Wo immer sich etwas bewegt, da will er sein, und je mehr sich zu bewegen scheint, desto dringlicher wird dieser Wunsch. Keinen Augenblick kommt es ihm auf Grund oder Inhalt der Bewegung an - nur dass sich überhaupt etwas bewegt, daran liegt ihm unendlich viel, weshalb es in seiner Gegenwart 'historische' Augenblicke nur so zu hageln scheint.


Weil nun aber das 'Leben', das wahre oder eigentliche zumindest, nie da ist, wo es sein soll, muss sein Anhänger ihm in einem fort hinterherlaufen. Das 'Leben' verwandelt sich dadurch nicht nur in eine rast-, ja haltlose Angelegenheit, produziert also nicht nur in einem fort Moden, die ebenso herrisch auftreten, wie sie flüchtig sind (mitsamt dem preziösen und latent bösartigen Insidertum, das zur Mode gehört), sondern entwickelt aus sich heraus ein Formprinzip, das man das 'Gesetz des schärferen Reizes' nennen muss. Denn wenn das Streben nach 'Leben' dieses beständig verfehlt und trotzdem nicht aufgegeben werden soll, muss der Versuch, seiner dennoch habhaft zu werden, etwas ebenso Teleologisches wie Masochistisches annehmen. Diesem Gesetz gehorchen längst alle ästhetischen Formate, die sich das 'Leben' angelegen sein lassen, das Theater ebenso wie die Literatur, in zunehmender Gleichgültigkeit gegenüber dem Schönen und Klugen, in wachsender Begeisterung für den Wahn und den Rausch, die Krankheit und den Tod, das Hässliche und das Eklige - und das geht so weiter, solange der Exzess nur vital genug wirkt, um als Einspruch des 'Lebens' gegen die Form gelten zu können. Dabei waren seit Baudelaire und Flaubert die meisten Autoren, die Krankheit und Tod, das Hässliche und das Abstoßende in die Poesie und in den Roman holten, von einem tiefen Misstrauen gegen die Selbstfeier des Lebens und der Vitalität durchdrungen.


Und noch etwas soll das 'Leben' verbürgen, und wahrlich nicht zuletzt: Der Erfolg, der Zuspruch der Millionen und das Geld gelten als sein unmittelbarer Ausdruck. Das bedeutet umgekehrt, dass alle minder volkstümlichen und minder gut bezahlten Künstler scheinbar zurecht verachtet werden können, eben weil sie dem Geschmack der Vielen -eben dem 'Leben' - nicht entsprechen. Doch das 'Leben', an das man offenbar glauben soll wie an eine übernatürliche Macht, ist so gewöhnlich wie jede Hoffnung, es gäbe einen archimedischen Punkt der Harmonie mit dem Leben. 'Das Leben' ist, anders gesagt, ein Glaube für Spießer.THOMAS STEINFELD


(SZ vom 23.03.2011)

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