Walter Benjamin

Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten.
Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht.

Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, Band I, Seite 1241.

07.11.10

Vernunft und Mystik im Mittelalter

'Davon allein bin ich selig, dass Gott vernünftig ist und ich das erkenne'
Viele verehren Meister Eckhart als großen Mystiker. Aber stimmt das überhaupt? Eine Klarstellung zu seinem 750. Geburtstag

Von des Meisters Hand existiert nur ein einziges authentisches Blatt: Ein Brief, datiert vom 11. September. Die Jahreszahl lautet 1305, markiert also einen Abstand von genau 696 Jahren zum heute legendären 9-11, und keinem Kundigen wird entgehen, dass die Quersumme von 696 dieselbe ist wie die von 2001, nämlich 3.
Das wäre ein Angebot an mystische Neigungen, wie sie heutzutage grassieren. Es ist die wenig erfreuliche Form, in der Mystik heute überlebt, Kramerei im Mysteriösen, geheime Bedeutung, an der vor allem Eines wichtig ist: dass sich um Gottes willen gar nichts damit klärt. Dunkel muss es bleiben, sonst ist es nichts mit dem reizvoll vagen Gefühl tieferen Sinns. Das gehorcht dem starken Wunsch, dass Dinge letztlich unerklärt bleiben, und dem Reflex, das Unerklärte für etwas Höheres zu halten: 'Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde ...' und gut so. Zu nichts könnte die Mystik ihrer großen Zeit in krasserem Gegensatz stehen. Die Schulweisheit, die da so lässig abgetan wird, für Meister Eckhart ist sie das Medium, jene Dinge zwischen Himmel und Erde gerade zu klären.
Mit der Mystik beginnt es im selben Augenblick, als sich Religion vom antiken Götterglauben absetzt. Das Adjektiv mystikos bezieht sich zunächst auf die Mysterienkulte, als deren einer auch das Christentum entsteht. Vom Schweigen abgeleitet, bezeichnet es alles das, was den Eingeweihten heilig ist, heilig und geheim, und von diesem kultischen Geheimnis zehrt noch die moderne Vorliebe für mystisches Dunkel. Ursprünglich jedoch war dieses Geheimnis gebreitet über einen bestimmten Inhalt, über Riten und Lehren, die gewusst werden und durchaus nicht mit Unklarheit umschmeicheln sollten. Erst mit dem 17. Jahrhundert beginnt sich der Gedanke des Verborgenseins als solcher abzulösen von dem des darunter Verborgenen, des geheimen, aber klaren Inhalts, und damit kommt auch erst das neue Hauptwort auf: Mystik.Da hat sie ihre hohe Zeit bereits hinter sich, eine Zeit, in der sie so sehr darauf bedacht war, Licht anstatt Dunkel zu verbreiten, dass sich bei einem ihrer Größten die Frage stellt, ob er überhaupt zur Mystik zählt: 'Davon allein bin ich selig, dass Gott vernünftig ist und ich das erkenne', heißt es bei Meister Eckhart. In seiner jüngst erschienenen, maßgeblichen Eckhart-Monografie wiederholt Kurt Flasch seine Überzeugung, dass der Begriff Mystik für die Deutung Eckharts nicht nur entbehrlich, sondern geradezu irreführend sei.

Trotzdem wurde Meister Eckhart als großer Mystiker verehrt und trotzdem werden seine Verehrer ihn auch weiterhin so lesen. Was ist daran richtig? Ohne Zweifel gehört Eckhart in den Zusammenhang jener großen Bewegung nach 1200, mit der insbesondere die Mystiker so bedeutend für die deutsche Sprache wurden, und zwar eben dadurch, dass sie nicht geschwiegen haben. Ihr Versuch, Unsagbares dennoch in Worte zu fassen, es zu worten, es immer noch einmal neu und anders auszusprechen, hat dem Deutschen unzählige Wörter eingetragen, die einmal das Höchste sagen sollten und dabei tief eindrangen ins Herz des Alltäglichen. Was im Lateinischen leichter zu leisten war, die Mystiker - und Eckhart - haben es in die Volkssprache geholt und so das Deutsche bereichert mit zahllosen Ableitungen auf -lich, -ung, -heit oder -keit, mit Wörtern wie 'bildlich' oder 'Anschauung', 'Unwissenheit' und 'Empfänglichkeit', aber auch mit dem 'Eindruck' und dem 'Einfluss', dem 'Wesen' und dem 'All'. Wunderbare Verben wie 'einleuchten' haben hier ihren Ursprung oder Adjektive wie 'gelassen'. Selbst unser unscheinbares kleines 'bloß' zeugt noch vom Alltäglichwerden eines ursprünglich anspruchsvoll-mystischen Gedankens. Denn die Gottheit 'nackt und bloß' zu schauen, diesen Wunsch beschwören mystische Schriften jener Zeit immer und immer wieder - bis es darüber gängig wurde zu sagen, dass etwas 'bloß', nämlich nur dies oder jenes sei, ohne etwas dazu.


Ein solcher Meister der Sprache, das war Eckhart. Doch das allein macht ihn nicht zum Mystiker - wenn man in dem jemanden sieht, der ganz für sich seinen Visionen und Eingebungen nachhängt und ihnen Ausdruck verleiht. Das wäre eine Figur, streng entgegengesetzt dem Scholastiker, dem Gelehrten, der Denkkonventionen bedient, von denen der Mystiker entweder gar nichts weiß oder aber nichts wissen will. Meister Eckhart aber war scholastischer Gelehrter. Der 'Meister' prägt seinen Namen nicht etwa deshalb, weil er Jünger um sich geschart und sie erweckt hätte zu bevorzugter Gottesschau mit den Augen des Herzens oder ganz vor Liebe zerfließend. Nicht Guru war er, sondern als Dominikaner ist er bis zum magister actu regens aufgestiegen, zum ausübenden Ordinarius auf dem höchsten Lehrstuhl des Ordens, in Paris. Den hatte man nur für ein Jahr inne, Eckhart jedoch widerfährt die Ehre, die sonst nur Thomas von Aquino zuteil wurde, dass man ihn noch ein zweites Mal beruft. Magister Eckhart also war hoch offizieller Klerikaler, und was er schreibt, das vertritt er ex cathedra und 'in der schuole'.


Selbst dass wir 1260 als sein Geburtsjahr annehmen und so auf 750 Jahre kommen, die uns heute von ihm trennen, ist dieser Offizialität geschuldet. Denn am 18. April 1294 schreibt ein Zuhörer in der Pariser Predigerkirche St. Jacques die Osterpredigt des 'Bruder Ekhardus, Lektor der Sentenzen' mit, und da es Statuten der Pariser Fakultät gibt, die für den Lektor ein Mindestalter von 33 Jahren vorschreiben, wird er wohl 1260 geboren sein. Genauer wird es für uns nicht.


Zuletzt hat ihm die christliche Inquisition das Leben vergällt. Einen Ketzerprozess gegen seine Person kann Eckhart nur dadurch zum Zensurprozess entschärfen, dass er einen Blanko-Widerruf aller sich möglicherweise bei ihm findenden Irrtümer formuliert. 1328 stirbt er rechtzeitig vor der Verurteilung, die der Papst noch postum gegen einige seiner Sätze anstrengt - mitsamt der Vorschrift, Eckharts Schriften zu verbrennen. Dennoch: Er lehrte als bestallter Prediger und anerkannte Autorität. Schon das verbietet es, ihn zur Figur eines Mystikers zu stilisieren, der dunkel visionär und, wie es eine berüchtigte Zeit lang heißt, ganz aus seiner deutscher Seele heraus gegen dürr rationale Scholastiker anschreibt.


Kurt Flasch kann auf die Intention verweisen, die Eckhart in seinen Schriften verfolgt und zu der er sich unmissverständlich bekennt: den christlichen Glauben darzulegen per rationes naturales philosophorum, mit Beweisgründen also, die nicht auf Eingebungen oder unsagbaren Gotteserlebnissen beruhen, ja nicht einmal auf der offenbarten Wahrheit der Schrift, sondern darauf, wie allein das Durchdenken der Natur alles in seiner notwendigen Gegebenheit erschließt. Das ist eine Anstrengung wider alle Mystik. Gleichwohl liegt in ihr beschlossen, weshalb Eckhart beides ist: nicht Mystiker für die Einen, weil er so weit geht, seine Erkenntnis zu beweisen, doch Mystiker für die Anderen, weil er mit seiner Erkenntnis so weit geht.


Denn gerade Eckharts philosophisch scharfes und zuweilen haarscharfes Denken führt ihn in Höhen der Spekulation, in denen einem sehr wohl schwindlig werden kann, wo die Luft so dünn wird, dass Metaphern für Nährstoff zu sorgen haben und dann etwa 'das Leben' in typisch mystischem Klang zu etwas wird, 'das in sich anschwillt', 'sich in seiner ganzen Tiefe versenkt', 'bevor es sich ausgießt und nach außen überwallt'. Auf diese Weise ergibt sich bei Eckhart ein mystisches Dunkel zweiter Art, jenes Erbteil der frühen Kulte, das dort, wo es sein Schweigen bricht, einhergeht mit dem gewissesten Sprechen gerade vom Unerfahrbaren - selbst Eckhart kennt eine Wahrheit, 'diu komen ist ûz dem herzen gotes sunder mittel', ohne Vermittlung und ohne dass sie vermittelt werden könnte.


'Als ich in dem Grunde, in dem Boden, in dem Fluss und in der Quelle der Gottheit stand, da fragte mich niemand, wohin ich wollte oder was ich täte: da war niemand, der mich fragte. Als ich floss, da sprachen alle Kreaturen Gott. - Und warum sprechen sie nichts von der Gottheit? Alles, was in der Gottheit ist, ist eins, und davon ist nichts zu sprechen.' Hier jedoch nicht, weil des Sagens nie genug wäre, weil kein Wort hinreichen würde, sondern weil es in diesem Eins einfach keine Bestimmungen geben kann. Wie man von einem Gerechten die Gerechtigkeit unterscheiden kann, so unterscheidet Eckhart von Gott die Gottheit: als unveränderliches Wesen über und in all seinem Wirken, als Eins und Erstbestimmung
.

Für Eckhart haben die Erstbestimmungen zugleich höchste, allererste Realität, und so real, wie sie demnach wären, müssen auch die Geschöpfe an ihnen teil haben. Das aber heißt: 'Gott und ich, wir sind eins.' Und so geleitet Eckhart, nüchtern philosophisch, aus einem leersten Begriff der Eins und der Absenz aller Unterscheidung dennoch ins Zentrum aller Mystik, die Einheit mit einem Gott, unio mystica
.

Der vergöttlichte Mensch: Gerade die Strenge, mit der ihn Eckhart aufstellt, verleiht ihm die Kraft, über die Jahrhunderte hinweg immer wieder lebendig zu werden, gerufen auch von Geistern unterschiedlichster Couleur. Im frühen 20. Jahrhundert, Zeit einer wahren Eckhart-Renaissance mit Namen wie Musil, Lukács, Buber und Heidegger, kündet er einem
Alfred Rosenberg, dem grausigen Ideologen des Nationalsozialismus, von deutschem Wesen und Auftrag. Gustav Landauer dagegen, dem Philosophen des Anarchismus und Mitglied der Münchner Räteregierung, verkündet er mystisch den Menschen jenseits von Herrschaft. Teufelssaat war er für den Papst und, unwiderrufen, ist er es bis heute.

ESKE BOCKELMANN
(SZ vom 06.11.2010)

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