Kein Ende
der Sklaverei
Gerd Lüdemann,
FR 6.4.2012
Im frühen Christentum gab es das Ideal, dass alle Menschen -
ob Mann und Frau oder Sklave und freier Mensch - gleich sind. Doch es war kein
geringerer als Paulus, der dieses emanzipatorische Ideal preisgab.
Aufbegehrende Frauen zwang er, im Gottesdienst ein Kopftuch zu tragen.
Das Auftreten Jesu fand durch
seine Hinrichtung in Jerusalem ein Ende. Die Kreuzesinschrift „Der König der
Juden“ liefert das politische Motiv für die Exekution. Pontius Pilatus,
Statthalter von Judäa 26–36 n.Chr., hatte Jesus offenbar für einen Aufrührer
gehalten.
Der Schein, dass damit alles zu Ende war, trog. Dem Schock
von Karfreitag folgte alsbald der Osterjubel. Frauen und Männer aus Jesu Umgebung
sahen ihn in mehreren Visionen lebendig; der Glaube, dass Gott Jesus von den
Toten erweckt habe, verbreitete sich blitzartig. Jetzt konnte man dort
anknüpfen, wo der Meister seinen Auftrag nicht hatte vollenden können, und das
jüdische Volk letztmalig zur Umkehr rufen.
Mehr noch: Die Jerusalemer Christen, deren Muttersprache
aramäisch war, steigerten die Bedeutung Jesu, indem sie Geschichten von seinem
wunderbaren Wirken erzählten, und machten die Taufe Johannes des Täufers zur
Taufe im Namen Jesu. Damit wurden die Gläubigen Jesu kraftvollem Namen
unterstellt, der sie vor der Macht der bösen Geister schützen sollte. Kein
Wunder, dass die Jünger den auferstandenen Jesus nun als „Herrn“ anriefen und
bei gemeinsamen Mahlzeiten, von endzeitlicher Freude erfüllt, seine schnelle
Wiederkunft auf den Wolken des Himmels mit der Gebetsformel erflehten: „Unser
Herr, komm!“ (aramäisch, marana tha).
Trotz der genannten Besonderheiten verstanden sich die
Christen in Jerusalem als Teil des jüdischen Volkes, nahmen am Tempelkult teil
und lebten gemäß der Thora. Von außen gesehen, waren sie eine jüdische
Vereinigung, die sich – wie so viele andere jüdische Gruppen – als die Gemeinde
der Endzeit, als den erwählten Rest Israels ansah.
Fast genauso alt wie die Gemeinde von Jerusalem ist die in
Damaskus, einer Stadt von ca. 45.000 Einwohnern an der östlichen Grenze des
Imperium Romanum – zugleich Außenposten römischer Macht und wichtiger
Umschlagplatz für den internationalen Handel. Mehrere Hauptstraßen führten
durch Damaskus.
Die dortigen griechischsprachigen Judenchristen, die auch
einige Brocken Aramäisch verstanden, kennen wir allein aus den Briefen des
Paulus. Als in Damaskus ansässiger, gesetzestreuer Pharisäer stellte er ihnen
nach. Dann aber bekehrte er sich plötzlich zu dem Glauben, den er vorher
verfolgt hatte, und sah den ihm persönlich unbekannten Jesus in einer Vision.
Kurze Zeit darauf musste er vor dem Oberhaupt der Nabatäer aus Damaskus wegen
missionarischer Aktivitäten fliehen. Christliche Brüder vor Ort ließen ihn
darauf durch ein Fenster in einem Korb sicher durch die Stadtmauer der
syrischen Metropole hinunter.
Zur Zeit des Paulus gab es in Damaskus ca. 18.000 Juden. Sie
lebten in Synagogengemeinschaften und Haussynagogen. Das damaszenische Judentum
war weltoffen. Dem jüdischen Historiker Josephus zufolge fand die jüdische
Religion unter fast allen nichtjüdischen Einwohnerinnen Zulauf.
Die Verkündigung der Judenchristen fiel so in Damaskus auf
fruchtbaren Boden. Sie hatten die im Entstehen begriffene Jesusbewegung bei
einer Wallfahrt nach Jerusalem kennen gelernt und sich ihr angeschlossen, ohne
Jesus begegnet zu sein. Nun trugen sie die Botschaft der Jerusalemer in die
Synagogen von Damaskus. Indem sie deren Praxis in einer hellenistischen Polis
verbreiteten, verwandelte sich diese Praxis fast automatisch.
Der wichtigste Punkt war die Öffnung gegenüber Nichtjuden.
Der weitere Umformungsprozess betraf die Stellung zum „Herrn“ (griechisch
„kyrios“) Jesus sowie die beiden Riten Taufe und Abendmahl.
a) Das Gebet zum „Herrn“, er möge bald wiederkommen, hatten
die Judenchristen aus Jerusalem und aus Damaskus gemeinsam; die Damaszener
ergänzten es um das Bekenntnis „Kyrios Jesus.“ Für sie zählte vor allem der
himmlische, jetzt gegenwärtige Herr. Zudem kannten sie ebenso wie ihr Zögling
Paulus fast keine Worte des irdischen Jesus, sie schienen an ihnen
desinteressiert, während Jerusalemer Christen schon bald Jesussprüche und
Erzählungen seiner Taten zu sammeln begannen. Anders als Paulus und die
Damaszener, waren die meisten Christen Jerusalems ihrem Meister als Mensch
begegnet.
b) Die gemeinsamen Mahlzeiten in Jerusalem, die dortige
Christen in endzeitlicher Freude auf das Kommen des Herrn abhielten,
entwickelten die Damaszener zu heiligen Mählern, bei denen der auferstandene
Kyrios als Kultherr gegenwärtig war und den Gläubigen durch die göttlichen
Substanzen Brot und Wein – sein Leib und sein Blut – Anteil an sich selbst gab.
c) Die in Jerusalem auf den Namen Jesu erfolgende Taufe, die
dem Schutz vor bösen Mächten diente, wurde in Damaskus zu einem mystischen Akt
in das göttliche Wesen Christus Jesus hinein. Die dabei ausgesprochene programmatische
Formel – „Hier ist weder Jude noch Heide, weder Sklave noch Freier, weder
männlich noch weiblich; denn ihr alle seid eins in Christus Jesus“ – spiegelt
antike Utopien von der einen Menschheit wider.
Die Aussagen zu den drei Gruppen von Menschen, welche die
Taufe empfangen, sind im damaligen gesellschaftlichen Kontext revolutionär. Sie
proklamieren das Ende der Sklaverei, reißen Schranken zwischen Juden und
Nichtjuden nieder und heben die sozialen, gesellschaftlich bedingten
Unterschiede zwischen den Geschlechtern auf. Wahrscheinlich haben die Christen
in Damaskus ihre große Vision sogar in die Tat umgesetzt.
Indes ergaben sich für Paulus daraus, dass „in Christus
Jesus“ die Unterschiede zwischen Mann und Frau, Sklave und Freier aufgehoben
sind, keine Konsequenzen für die Stellung von Frauen oder Sklaven in Gemeinde
und Gesellschaft. Unter Hinweis auf den Konsens mit den anderen Gemeinden
Gottes zwang Paulus später in Korinth aufbegehrende Frauen, im Gottesdienst
einen Schleier zu tragen; die Sklaven wies er an, die Freiheit auch dann nicht
zu suchen, wenn sich dazu eine Möglichkeit ergebe. Einzig die Gleichstellung
von Juden und Heiden setzte Paulus in seinen Gemeinden durch.
So gab Paulus, der ehemalige Verfolger und berühmteste
Schüler der Gemeinde von Damaskus, deren emanzipatorischen Ideale preis; er
machte langfristig nicht nur Frauenunterdrückung, sondern auch Sklaverei in
Christentum und Gesellschaft hoffähig. Die große Vision der Christen von
Damaskus aber ist geblieben.
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