Sex, Macht und Größenwahn
Dieser Schwabing-Faktor ist nicht zu toppen: Franziska Gräfin zu Reventlow war die heidnische Madonna, die letzte Bohèmienne, die moderne Hetäre - und sie hatte sie alle. Nicht nur alle Ehrentitel, die man in München um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert einsammeln konnte, sondern auch alle geistigen Voraussetzungen, um ihre männlichen Bohème-Spezis locker zu übertrumpfen. Gegen ihre verkniffene adlige Familie rebellierte die Reventlow früh; es folgten Mädchenpensionat, Lehrerinnenseminar und Nietzsche-Begeisterung.
Der große Bohème-Durchbruch gelingt ihr in München, dort ließ sie sich zur Malerin ausbilden und veröffentlichte erste Prosaskizzen. Ludwig Klages, Karl Wolfskehl, Alfred Schuler, Stefan George, Oscar H. Schmitz und Franz Hessel zählten zu ihren Schwabinger Bekannten; ihre Briefe und Tagebücher sind eine unschätzbare Quelle zur intellektuell-erotischen Betriebsdynamik um 1900. 'Warum gehen Liebe und Erotik für mich so ganz auseinander', seufzt die Gräfin in ihrem Tagebuch - und ergreift in Aufsätzen immer Partei für 'das lasterhafte Weib'. Den Schlüsselroman 'Herrn Dames Aufzeichnungen oder Begebenheiten aus einem merkwürdigen Stadtteil' muss man gerade in Zeiten grassierender George-Hysterie nur preisen: Reventlow durchschaut das geschraubte 'Wir'-Pathos und den 'Personenkultus' der 'Wahnmochinger' - so heißen die Schwabinger, die einen auf dionysisch machen. Vor allem aber nimmt sie den mystisch bemäntelten Antisemitismus auseinander, den Klages und Schuler verbreiteten.
Ihr Roman 'Der Geldkomplex' (Untertitel: 'Meinen Gläubigern zugeeignet') vereint analytische Ironie mit lässiger Eleganz: Eine bankrotte Schriftstellerin lässt ihren schmerzhaften Geldkomplex von einem Freudianer behandeln. Psychologie des Geldes, Warencharakter und Geschlechterbeziehungen: Reventlow bringt auf den Punkt, wie Sex, Macht und Größenwahn zusammenhängen. Fast alle Psychosen, meint ihre frivol-scharfsinnige Icherzählerin, seien 'in erster Linie mit Geld zu heilen'.Jutta Person
Franziska Gräfin zu Reventlow: Sämtliche Werke in sechs Bänden. Igel Verlag, Oldenburg 2010. 198 Euro. |
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