zu Walter Benjamins Thesen Über den Begriff der
Geschichte (GS I, 2)
Und dann...und dann... und dann... Die Zeit verstreicht.
`Das haben wir wenigstens hinter uns´, sagen wir - `aber was haben wir nicht
noch alles vor uns´? Unserem Sprachgebrauch zufolge haben wir das Gesicht der
Zukunft zugewendet und den Rücken der Vergangenheit, so erleben es die meisten.
Die Zukunft liegt vor ihnen, die Vergangenheit hinter ihnen. Für dynamischere
Persönlichkeiten ist die Gegenwart in aller Regel `ein Schiff, das bei rauher
See durch die Wellen der Zukunft pflügt´, für passivere Menschen eher ein Floß,
das auf einem Fluß ruhig mit der Strömung treibt. Beide Vorstellungen haben -
natürlich - ihre Tücken, denn wenn die Zeit eine Bewegung ist, dann muß sie
sich in einer zweiten Zeit bewegen, und so entsteht eine unendliche Zahl von
Zeiten - eine Szenerie, die den Denkern eher mißfällt, aber die Phantasien des
Gefühls richten sich nun einmal nicht unbedingt nachdem Verstand. Wer seine
Zukunft vor sich und seine Vergangenheit hinter sich hat, geht mit der Zeit auf
andere - und ebenfalls schwer zu begreifende - Weise um: für ihn sind die
Ereignisse schon in der Zukunft irgendwie gegenwärtig, erreichen in einem
bestimmten Moment die Gegenwart, um schließlich in der Vergangenheit zur Ruhe
zu kommen. Aber es ist nichts in der Zukunft, sie ist leer, und im nächsten
Moment kann man gestorben sein und hat sein Gesicht also dem Nichts zugewendet,
obwohl doch gerade hinter einem etwas zu sehen war: die Vergangenheit. So, wie
sie das Gedächtnis aufbewahrt hat. Darum sagen die Griechen, wenn sie von der
Zukunft sprechen: `was haben wir nicht noch alles hinter uns´ - und in diesem
Sinne ist Anton Steenwijk Grieche. Auch er stand mit dem Rücken zur Zukunft und
mit dem Gesicht zur Vergangenheit.
(Harry Mulisch, Das Attentat, München/Wien, 1994, S. 199)
In seinem Roman `Das Attentat´ reflektiert der
niederländische Schriftsteller Harry Mulisch über die Geschichte des
Nationalsozialismus, den Widerstand und die Bedingungen des Erinnerns. Es
scheint an Stellen wie der zitierten, als hätte Mulisch Walter Benjamins Thesen
über den Begriff der Geschichte gekannt, in diesem Fall die IX. Sie
verhandeln, 1940 im Exil als Teil des Passagen-Werks verfaßt, ganz
ähnlich Dinge.
Angesichts des beginnenden Krieges, der Herrschaft des
Nationalsozialismus über Deutschland, angesichts des Hitler-Stalin-Pakts und
der Niederlage der Arbeiterbewegung, sucht Benjamin nach den Gründen für deren
Scheitern. Er kritisiert ihren protestantischen Arbeitsbegriff, ihre
technokratische Vorstellung von Naturbeherrschung und verwirft radikal den
deterministischen Fortschritts- und Geschichtsbegriff der sozialdemokratischen
Arbeiterbewegung. Ihr war der technische Forschritt, seitdem durch Kautsky
Darwins Evolutionstheorie in den Marxismus Einzug gehalten hatte, Gewährsmann
für den sozialen. Die Revolution stellte sich die Sozialdemokratie als eine
Lokomotive vor, die die Geschichte voran bringen würde. Benjamin dreht diese
Vorstellung um. Angesichts der Kontinuität des Leids in der Geschichte, und
Benjamin wählt für seinen Blick auf die Vergangenheit, anders als die
historistische Geschichtswissenschaft seiner Zeit, die Perspektive der
Leidenden und Unterdrückten, müßte die Revolution die Geschichte nicht voran
bringen, sondern ihren Fortgang stoppen. Um diesen Gedanken zu
veranschaulichen, macht er als Materialist sich die jüdische Theologie nutzbar.
Der jüdischen Religion bedeutet die Ankunft des Messias, des Erlösers, die
`Stillstellung des Geschehens´, das `Aufsprengen des Kontinuums der Zeit´. Die
Bedingungen dieser Möglichkeit vorzubereiten, sucht Benjamin noch in der
verzweifelsten Lage.
Er legte die Hände auf sein Gesicht, dorthin, wo sie es
berührt hatte, und schloß die Augen. Es ist die Hölle, dachte er, die Hölle.
Selbst wenn morgen der Himmel auf Erden errichtet würde, könnte es nach all
dem, was in der Vergangenheit passiert ist, nicht der Himmel sein. Es war
hoffnungslos. Das Leben auf dieser Welt war ein Mißerfolg, ein großer Reinfall,
und es wäre besser Gewesen, es wäre nie entstanden. Erst wenn es kein Leben
mehr gab, und damit auch keine Erinnerung mehr an die Todesschreie, wäre die
Welt wieder in Ordnung. (H. Mulisch, S. 194)
Gegenüber dem Protagonisten in Mulischs Roman, dem für einen
Moment, wie von einem Blitzlicht beleuchtet, das Leid der Vergangenheit
unmittelbar gewahr wird, hätte Benjamin, zum Zeitpunkt als er die Thesen
verfaßte, verpflichtet durch die Toten, an der Notwendigkeit zu Erinnern und
auch an der Hoffnung auf ein Ende des Leids, auf eine diesseitige, versöhnte
Gesellschaft festgehalten. In diesem Himmel auf Erden wäre zwar das Vergangene
nicht ungeschehen gemacht, aber der `erlösten Menschheit wäre dann ihre
Vergangenheit in jedem ihrer Momente zitierbar.´