Walter Benjamin
Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten.
Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht.
Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, Band I, Seite 1241.
Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht.
Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, Band I, Seite 1241.
16.04.16
Februar 1934: Aufstand in Österreich
Ein kleiner, aber feiner Linolschnitt-Comic über ein in Deutschland weniger bekanntes Geschichtskapitel.
11.04.16
Max Pechstein (1881-1955)
An Pechsteins Gemälden gefallen mir die Farben. Seine Holzschnitte, Tuschezeichnungen und Aquarelle zeigen, dass er ein echter Allrounder war. Aber wahrscheinlich waren das alle großen Künstler.
Emmanuel Carrère: Das Reich Gottes
Nach den ersten hundert Seiten, auf denen der Autor, bzw. sein Ich-Erzähler, erklärt, warum er das Buch schreibt, wird es interessant und man lernt einiges: über Paulus und seinen Streit mit Petrus und Josephus, über Lukas und das Interesse der Römer und Griechen am Judentum, über die wunderlichen Worte und Taten von Jesus, über römische Schrifsteller (Seneca, Martial, Flavius Josephus) und Kaiser (Nero, Titus), über den jüdischen Aufstand und seine Folgen. Carrère gelingt es mit gewagten Vergleichen die Welt des 1. Jahrhunderts lebendig werden zu lassen. Ein aktueller französischen Autor, der seine Bücher, sofern die anderen diesem hier ähneln, recht interessant aufbaut.
10.04.16
Heinz Strunk: Der Goldene Handschuh
Ein wirklich wortgewaltiger und deprimierender Roman. Man könnte über die Frage diskutieren, ob das Buch den Ausgestoßenen, Verwahrlosten und Verlierern ein Denkmal setzt und sich mit ihnen solidarisiert oder ob es sie als Material zur Demonstration von schriftstellerischem Können missbraucht.
Filme
The Hateful Eight (2015) Regie: Quentin Tarantino. Den Film hätte man insgesamt und besonders um einige Gewaltszenen kürzen können. Deutlich subtiler und mehr zur Diskussion anregend erzählt da ein anderer Hinstorienfilm von der Gewalt: a most violent year (2014) von Regisseur J. C. Chandor.
Der Staat gegen Fritz Bauer (2015) Regie: Lars Kraume, mit Burghart Klaußner als Fritz Bauer. Der Film porträtiert Fritz Bauer und zeigt sowohl das politische Klima der Gesellschaft in der BRD, als auch Möbel und Innenausstattung der 1950er- und 1960er-Jahre. Dass der Film auf platte Weise Bauers Homosexualität in den Mittelpunkt stellt, wie es in einer Kritik hieß, kann ich nicht bestätigen. Interessant ist, dass es inzwischen immerhin sieben Filme über Bauer gibt.
Carol (2015) Regie: Todd Haynes. Mit Cate Blanchett und Rooney Mara.
Weil er an Weihnachten lief und es im Film immer schneit, habe ich ihn leider als Weihnachtsfilm an der Grenze zum Kitsch in Erinnerung.
Dämonen und Wunder (Originaltitel: Dheepan) Regie: Jacques Audiard.
Mich wundert, dass ein Film mit einem so schlechten (nämlich guten) Ende die Goldene Palme (2015) gewinnen konnte.
Caravaggio (1986) Regie: Derek Jarman. Mit Tilda Swinton
Leider kann ich nicht sagen, warum mir dieser Film nicht gefallen hat.
Zwei Tage, eine Nacht (2014) Regie: Jean-Pierre und Luc Dardenne
„Nach dem neuen Film der Dardenne-Brüder sieht man klarer, wie der Kapitalismus das Verhalten formt.“– Peter Körte: FAZ vom 25. Oktober 2014
Auf der Internetseite Trajectoires gibt es sogar einen Artikel von einem postmodern angehauchten Studenten, in dem er Christian Petzold mit den Dardenne-Brüdern vergleicht.
Der Staat gegen Fritz Bauer (2015) Regie: Lars Kraume, mit Burghart Klaußner als Fritz Bauer. Der Film porträtiert Fritz Bauer und zeigt sowohl das politische Klima der Gesellschaft in der BRD, als auch Möbel und Innenausstattung der 1950er- und 1960er-Jahre. Dass der Film auf platte Weise Bauers Homosexualität in den Mittelpunkt stellt, wie es in einer Kritik hieß, kann ich nicht bestätigen. Interessant ist, dass es inzwischen immerhin sieben Filme über Bauer gibt.
Carol (2015) Regie: Todd Haynes. Mit Cate Blanchett und Rooney Mara.
Weil er an Weihnachten lief und es im Film immer schneit, habe ich ihn leider als Weihnachtsfilm an der Grenze zum Kitsch in Erinnerung.
Dämonen und Wunder (Originaltitel: Dheepan) Regie: Jacques Audiard.
Mich wundert, dass ein Film mit einem so schlechten (nämlich guten) Ende die Goldene Palme (2015) gewinnen konnte.
Caravaggio (1986) Regie: Derek Jarman. Mit Tilda Swinton
Leider kann ich nicht sagen, warum mir dieser Film nicht gefallen hat.
Zwei Tage, eine Nacht (2014) Regie: Jean-Pierre und Luc Dardenne
„Nach dem neuen Film der Dardenne-Brüder sieht man klarer, wie der Kapitalismus das Verhalten formt.“– Peter Körte: FAZ vom 25. Oktober 2014
Auf der Internetseite Trajectoires gibt es sogar einen Artikel von einem postmodern angehauchten Studenten, in dem er Christian Petzold mit den Dardenne-Brüdern vergleicht.
Krimis
Kriminalhauptkommissar Hanns von Meuffels (Matthias Brandt) und seine Kollegin Constanze Hermann (Barbara Auer) in der "Polizeiruf"-Folge "Kreise" (2015). Der erste Polizeiruf von Christian Petzold. Auf die beiden nächsten und seine Verfilmung von Anna Seghers "Transit" bin ich schon gespannt.
Der sympathischste Polizist der jüngeren Fernsehgeschichte: Hannes Muck (Gerhard Liebmann) in: "Wenn du wüsstest, wie schön es hier ist" (2015) von Regisseur Andreas Prochaska.
02.02.16
Ein besonderer Tag

Regie: Ettore Sola, 1977
Mit Sophia Loren und Marcello Mastroianni in den Hauptrollen.
Während des ganzen Films, der fast nur in den Wohnungen der beiden Protagonisten spielt, hört man aus dem Off die Übertragung von Hitlers Staatsbesuch 1938 in Rom (weil die Hausmeisterin ihr Radio im Innenhof laut aufgedreht hat). Das nervt gewaltig. So entlarvt der Film die pompöse und martialische faschistische Propaganda.
11.01.16
Tag der Rache II
2016 sieht ein Film über Rache etwas anders aus als 1943: The Revenant von Alejandro G. Iñárritu mit Leonardo DiCaprio setzt neue Maßstäbe für Actionszenen im Westernfilm. Man fragt sich, wie es in Zukunft gelingen wird, für nochmehr Authentizität zu sorgen, noch dynamischer und noch näher am Handgemenge kann die Kamera ja nicht geführt werden. Seit Oldboy und A history of violence haben mich keine Kampfszenen so gefesselt. Die Landschaft und die Primitivität der Pioniere zeigten schon andere Western recht gut.
09.01.16
Tag der Rache
Tag der Rache, Regie: Carl Theodor Dreyer, 1943
Zunächst erwartet man bei einem Film, der 1943 gedreht wurde und der von der Hexenverfolgung im 17. Jahrhundert erzählt, dass er die Verfolgung der Juden mit der der Hexen vergleicht. Es ist im Film aber nicht einfach so, dass unschuldige Frauen als Hexen verfolgt werden. Vielmehr wird Anne, die Frau des Pfarrers Absalon, nachdem sie Zeugin einer von ihrem Mann verantworteten Hexenverbrennung wurde, tatsächlich zu einer Hexe. Anne verliebt sich nämlich in Martin, den erwachsenen Sohn des Pfarrers. Martin erwidert ihre Liebe und sie finden sich. Anne wird bewußt, dass sie mit Pfarrer Absalon nicht glücklich war und wünscht, er wäre tot. Und der Tod ereilt ihn, als Anne ihm die Liebe zwischen ihr und Martin gesteht; damit ist die unschuldig hingerichtete alte Frau gerächt. Vor Gericht gibt Anne zu, Absalon mit Hilfe des Teufels umgebracht zu haben. Die Erzählhaltung des Films überschreitet den Denkhorizont der Zeitgenossen nicht. Dass aber der Teufel gar nicht im Spiel ist, dafür steht die Mutter des Pfarrers, die sich von Anne nicht bezaubern lässt. Sie ist immun gegen die Magie der Liebe.
Die Bilder sind inspiriert von Rembrandts Gemälden, wie Dreyer in einem Dokumentarfilm von Jorgen Roos verrät. Darin berichtet Dreyer, wie er seinen Stil, dessen Merkmal die Vereinfachung ist, entwickelte.
08.01.16
Das Lächeln der Alligatoren
Michael Wildenhain erzählt in seinem Roman Das Lächeln der Alligatoren von Politik (der 70er) und Geschichte (des NS). Beide Themen werden durch die Familiengeschichte des Ich-Erzählers und eine Liebesgeschichte zusammengehalten. So ist das Ganze eine unterhaltsame Lektüre.
Lee Morgan - Moanin` (1961)
Auf den Jazz-Trompeter Lee Morgan, der 1972 bei einem Auftritt in New York von seiner Ehefrau erschossen wurde, stieß ich durch den Krimi "Ein Bulle im Zug" von Franz Dobler. Nachdem ich von Dobler vor einigen Jahren "aufräumen" gelesen hatte, wusste ich, dass das Buch gut sein würde.
09.11.15
Heinrich Heine
Heinrich Heine,
Kritiker der modernen Gesellschaft in den "Französischen Zuständen" und "Lutetia"
Heine, dessen
Eintritt in die bürgerliche Gesellschaft Deutschlands aus ökonomischen,
sozialen und politischen Gründen gescheitert war (ausführlich im empfehlenswerten
Handbuch Artikel: Der Außenseiter: Jude, Emigrant, Intellektueller. S. 34),
steht, als er im Mai 1831 nach Paris, „dem neuen Jerusalem“, „der Spitze der
Welt“, geht, vor dem Problem, wie er seinen Lebensunterhalt verdienen soll.
Deswegen erneuert er seine Verbindungen zum Verleger Cotta. Dieser gibt die
1798 in Tübingen gegründete „Augsburger Allgemeine Zeitung“ heraus, die man
wohl „die Allgemeine Zeitung von Europa nennen dürfte“, wie Heine in der
Vorrede zu den „Französischen Zuständen“ meint. In Süddeutschland und
Österreich ist sie die bedeutendste Zeitung und auch in Preußen ein
Spitzenblatt.
I
Der erste Artikel,
den Heine nach Augsburg liefert, ist ein Bericht über den „Salon“ (Sammons, Heinrich Heine, Stuttgart 1991, S.
72), d.h. über eine Gemäldeausstellung im Louvre. Dieser Bericht liefert später
den Titel für vier Sammel-Bände seiner Schriften, die Heine in den dreißiger
Jahren herausgibt.
1832 druckt Cottas
„Augsburger Allgemeine Zeitung“ eine Reihe von Heines Paris-Berichten über das
öffentliche Leben, das Verhältnis der Parteien, die Stimmung des Volkes und die
Julimonarchie samt ihrer politischen Protagonisten. Redakteur dieser Aufsätze
ist bei der Allgemeinen Zeitung Gustav Kolb, ein ernsthafter Liberaler, der
Heine beständig zugetan bleibt und eine ähnlich wichtige Rolle für ihn spielt
wie Campe in Hamburg. Heine begnügt sich nicht mit Einzelbeobachtungen, sondern
versucht sie symbolisch, metaphorisch und allegorisch auszuwerten, im
Bestreben, sich und seinen Lesern Klarheit über die Klassenverhältnisse, die noch
einmal von der bürgerlichen Revolution betrogene Volksmasse, auch über die
Fähigkeiten und das maskierte Wesen Louis-Philippes, zu verschaffen.
Heine begrüßt die
Julirevolution als Fortsetzung des unvollendeten Umsturzes von 1789 (Handbuch,
S.14). Die Julirevolution nimmt für ihn schon deshalb einen wichtigen Platz im
Befreiungskampf der Zeit ein, weil Trikolore und Bürgerkönigtum das Prinzip der
monarchischen Legitimität durchbrochen haben: Loius-Philippe „le roi des
barricades, le roi par la grace du peuple souverain“, verdankt seinen Thron
nicht seiner Geburt, sondern der Volkssouveränität. Zu den weiteren liberalen
Erfolgen von 1830, die Deutsche beeindrucken mußten (siebentausend dt.
Exilanten hielten sich derzeit in Paris auf), gehören die Abschaffung des
Katholizismus als Staatsreligion, das Ende der Pressezensur und die Erweiterung
des Wahlrechts.
Noch 1832 entschließt
sich Heine die ersten neun Artikel und Essays unter dem Titel „Französische
Zustände“ als sein erstes rein politisches Werk in Buchform herauszugeben. Dazu
schreibt er eine scharfe Vorrede. „Von allen Werken Heines hat keines so
gewaltige Ströme polizeilicher Tinte gekostet, wie die Vorrede zu seinen
Französischen Zuständen“ schreibt Heinrich Hubert Houben 1926. In diesem
Vorwort greift er die alle öffentlichen politischen Aktivitäten verbietenden
Bundestagsbeschlüsse (28.6.32) an und bezichtigt den preußischen König
Friedrich Wilhelm III. des Meineids, weil er sein Versprechen nach den sog.
Befreiungskriegen eine Verfassung zu gewähren, nicht erfüllte. Diese Vorrede
führt zu einem Streit mit Campe über die Zensur, mit dem Ergebnis, dass
„Französische Zustände“ gegen den Willen Heines mit einer zensierten Vorrede
erscheint.
Wollte Heine mit den
„Französischen Zuständen“ vorallem dem deutschen Publikum über Kultur und
Gesellschaft der Julimonarchie berichten, so sollte, in umgekehrter Richtung,
mit den zwei Teilen seines Buchs „De l`Allemagne“ deutsche Literatur und
Philosophie in Frankreich vermittelt werden. Während also die Deutschen vom
politischen Fortschritt in Frankreich lernen sollten, versuchte Heine das
revolutionäre und Potential der deutschen idealistischen Philosophie in
Frankreich nach Frankreich zu tragen und war damit ein Vermittler in beide
Richtungen.
II
1852 also 20 Jahre
nach Erscheinen der „Französischen Zustände“ schreibt Heine an Campe: „In
meinem Geiste formiert sich ein Buch, welches Blüte und Frucht, die ganze
Ausbeute meiner Forschungen während einem Vierteljahrhundert in Paris sein wird
und wo nicht als Geschichtsbuch, doch gewiß als eine Chrestomathie guter
publizistischer Prosa, sich in der deutsche Literatur erhalten wird.“ So
stellte sich Heine sein Parisbuch vor, das er nach dem alten lateinischen Namen
„Lutetia“ nennen wird. Dieses Hauptwerk des politischen Publizisten und
Vermächtnis des pacifiken Missionars, sein umfangreichstes Buch überhaupt,
bietet sich in einer Fülle von Aufsätzen dar, die zwischen 1840 und 1854
teilweise wieder als Korrespondenzberichte für die Augsburger Allgemeine entstanden.
Mit wachsender
zeitlicher Distanz zur Julirevolution, die ihn einst nach Paris gelockt hatte,
und mit schwindendem Abstand zur 48er Revolution, entwerfen die Berichte ein
nahezu vollständiges Bild der Julimonarchie im Scheitelpunkt ihrer Existenz.
Der Untertitel „Berichte über Politik, Kunst und Volksleben“ gibt nur eine
grobe Orientierung über die Vielfalt der behandelten Themen und Aspekte des
modernen Frankreichs. Die Berichte, Portraits, Geschichten, Kunstfeuilletons,
Anekdoten und Rezensionen berichten über die Rolle des Königs und der
wichtigsten Politiker, über Außen- und Innenpolitik und sie schildern das
glanzvolle kulturelle Leben in der „Hauptstadt des 19. Jahrhunderts“ (Benjamin)
– ohne die sich ankündigenden sozialen Konflikte zu vergessen: Der Chronist der
Modernität, der seinen Anteil am Paris-Mythos geliefert hat, ist Dialektiker
genug, unter der glänzenden Oberfläche die subversive Kraft der wirtschaftlichen
Expansion wahrzunehmen.
Der eigentliche
Sieger der Julirevolution waren nämlich nicht die Handwerker und Arbeiter, die
sie durchgefochten hatten, sondern war das Großbürgertum. Heine schreibt 1839:
„Nicht für sich, seit undenklicher Zeit, nicht für sich hat das Volk geblutet
und gelitten, sondern für andre. Im Juli 1830 erfocht es den Sieg für jene
Bourgeoisie, die eben so wenig taugt wie jene Noblesse, an deren Stelle sie
trat, mit demselben Egoismus. Das Volk hat nichts gewonnen durch seinen Sieg,
als Reue und größere Not. Aber seid überzeugt, wenn wieder die Sturmglocke
geläutet wird und das Volk zur Flinte greift, diesmal kämpft es für sich selber
und verlangt den wohlverdienten Lohn.“
An der Macht war also
das Großbürgertum. Laut Marx die „aristocratie financiér“ oder wie es Börne
schon 1830 nannte die „neue Aristokratie“ über die Heine, ebenfalls im Herbst
1830 an Varnhagen schrieb, dass er diese „aristocratie bourgeoise“ noch mehr
hasse als Adel und Kirche. Und zwischen dieser „Aristokratie des Besitzes“ auf
der einen und den Besitzlosen auf der anderen Seite sieht Heine in seinem Buch
Lutetia den neuen entscheidenden Gegensatz. In Deutschland ist zum gleichen
Zeitpunkt immer noch der Gegensatz zwischen Fürsten und Volk bestimmend.
Die
fortgeschrittenere Konstellation in Frankreich wird von Heine in Lutetia
beschrieben und begrüßt, treibt doch die Bewegung der modernen kapitalistischen
Gesellschaft auf eine neue Revolution zu, die von 1848.
„Lutetia“ blieb in
Deutschland, das sich in den 50ern nicht mehr für den Vormärz interessierte,
der Erfolg versagt. Beim französischen Publikum landete er mit der Übersetzung
einen Volltreffer und wurde gefeiert.
14.10.15
Dominik Graf: Die geliebten Schwestern (2014)
thüringische Hirten-Szene anno 1788
Wenn ich mich recht erinnere, fordert Schiller in naive und sentimentalische Dichtung, die Idylle nicht in Griechenland und in der Antike zu platzieren, weswegen dann z.B. auch der Tell mit einer idyllischen Szene beginnt. Demnach wären dem Regisseur hier einige idyllische Szenen in Schillers Sinne gelungen, die "den Menschen im Stand der Unschuld, d.h. in einem Zustand der Harmonie und des Friedens mit sich selbst und von außen dar[zu]stellen." Eine gute Sache für die 90 Minuten im Kino, denn "die Idee dieses Zustandes allein und der Glaube an die mögliche Realität derselben kann den Menschen mit allen den Übeln versöhnen, denen er auf dem Weg der Kultur unterworfen ist (...)." Schiller, Über naive und sentimentalische Dichtung, 1795
N.W.A.
N.W.A in March 1989. Back row, from left: DJ Yella, Dr. Dre and M.C. Ren (Kings cap). Front, from left: Ice Cube and Eazy-E.
Neulich habe ich den Film “Straight Outta Compton” gesehen, der einige 20 Jahre alten Vorurteile über den Gangster-Rap ausgeräumt hat. Schade, dass ich Bands wie N.W.A oder Public Enemy damals nicht näher beachtet habe, was vielleicht daran lag, dass ich einige Jahre zu jung bin (die Sachen von Ice-T, die erschienen, als N.W.A. sich schon aufgelöst hatten, habe ich viel gehört).
13.10.15
Drei Männer im Schnee
1955, Regie: Kurt Hoffmann, Drehbuch: Erich Kästner
Einer der in den 50er Jahren in Deutschland beliebten Heimatfilme. Bereits die Uraufführung am 7. September 1934 am Schauspielhaus Bremen (Regie: Fritz Saalfeld) war ein großer Erfolg. Kein Wunder, geht es doch um die Versöhnung der Klassen.
„Heiteres Lustspiel nach
Kästners Erzählung vom reichen Mann, der sich sein menschliches Herz bewahrt
hat. Ob seiner natürlichen Frische als nette Unterhaltung ab 14 gerne zu
empfehlen.“ Evangelischer Film-Beobachter, Kritik Nr.
705/1955
30.08.15
UNTERWERFUNG von Michel Houellbecq
"Übrigens stieß ich bei einer Internetrecherche zu Huysmans
interessanterweise auf einen der bemerkenswertesten Artikel von Rediger, der
Huymans in der Revue européenne als denjenigen Autor bezeichnete, bei dem die Sackgasse
des Naturalismus und des Materialismus am offenkundigsten erkennbar geworden
sei; aber der ganze Artikel war ein einziger Aufruf an seine früheren
traditionalistischen und identitären Freunde. Es sei tragisch, bekundete er
leidenschaftlich, dass eine irrationale Feindseligkeit gegenüber dem Islam sie
daran hindere, die folgende Gewissheit nicht zu erkennen: Sie seien in den
wesentlichen Punkten im völligen Einklang mit den Moslems. Was die Ablehnung
des Atheismus und Humanismus angehe, die notwendige Unterwerfung der Frau und
die Rückkehr des Patriarchats: Ihr Kampf sei in jeder Hinsicht derselbe." (S.
248)
Kritik von G. Scheit in Sans Phrase Nr.6. (S. 186 f.):
Gewalt im Namen der Sharia komme nicht vor, der Islam werde also verharmlost.
Die Sehnsucht nach Befriedung der Gesellschaft durch Gewalt komme nicht vor.
Es werde nicht deutlich, warum François nicht im katholischen Kloster bleibe.
Die ökonomische Neuordnung Frankreichs sei unschlüssig dargestellt.
Der Islam als Einheit stiftende Macht sei angesichts des Zerfalls des Nahen Ostens unglaubwürdig.
Journalistischer, konventioneller Stil.
Der Roman stelle keine Provokation des Islam, sondern der französischen Öffentlichkeit dar.
Der Antisemitismus hätte vom Rand in den Mittelpunkt des Romans gerückt werden müssen.
25.08.15
Victoria
Victoria, Regie: Sebastian Schipper, 2015
Ein Lehrstück anhand dessen man diskutieren kann, was Realismus ist, welche Rolle Musik im Film spielt. Anhand dessen man zeigen kann, was eine Einstellung, ein Schnitt, Erzählzeit und erzählte Zeit sind. Spannend, nicht kitschig, filmgeschichtlich eingebettet. Kritisieren lassen sich nur die überflüssigen Untertitel.
15.08.15
Der Malteser Falke
The Maltese Falcon, 1941, Regie: John Huston
Der Film (mit Humphrey Bogart und Peter Lorre) spielt ausschließlich bei Nacht und gilt als erster Film Noir.
09.06.15
19.05.15
Lothar Fischer (1933-2004)
Die archaisierenden Skulpturen von Lothar Fischer, der 1957 die Gruppe SPUR mitbegründete, erinnern an Filme wie Edipo Re oder Medea von Pasolini.
13.05.15
sympathische Typen
Die Figuren dieser sehr gelungenen Filme stehen (innerhalb der Medienwelt) im Kontrast zu Figuren wie Kim Kardashian, die gerade ein Buch mit ihren besten 300 Selfies herausgegeben hat. Die Filme feiern kaputte, zerbrechliche und (deswegen) humane Männer. Interessant wäre zu wissen, ob es entsprechende Frauenfiguren in jüngeren Filmen gibt.
Philip Seymour Hoffman in: A Most Wanted
Man. Regie: Anton Corbijn, 2014
Joaquin Poenix in: Inherent Vice. Regie: Paul Thomas Anderson, 2014
Timothy Spall in: Mr. Turner. Regie: Mike Leigh, 2014
30.04.15
vier Defa Filme
Die Deutsche Film AG, kurz DEFA, war ein volkseigenes Filmunternehmen der DDR mit Sitz in Potsdam-Babelsberg. Die DEFA drehte etwa 700 Spielfilme, 750 Animationsfilme sowie 2250 Dokumentar- und Kurzfilme.
Der Rat der Götter, Regie Kurt Mätzig, 1950, Musik: Hans Eisler
Reclams Filmführer kritisiert, der Film sei zu "plakativ" und "überdeutlich". Tatsächlich sind die Figuren recht typenhaft gezeichnet. Doch was die Handlung angeht, hat sich Regisseur Kurt Mätzig, wie er im Interview berichtet, strikt an die Prozessakten des I.G.-Farben-Prozesses (14. August 1947 – 30. Juli 1948) gehalten. (Ausnahme: Deutung der Explosion am 28.7.48 im BASF-Werk Ludwigshafen). So wenig weiß ich also über die Rolle der I.G.-Farben im Nationalsozialismus, dass ich manche Fakten für DDR-Propaganda hielt.
Die Vermeidung formaler Eskapaden ist wohl dem sozialistischen Realismus geschuldet.
Der geteilte Himmel, Regie: Konrad Wolf, 1964
Hier handelt es sich um einen Essay in Filmform. Studentin Rita verkörpert die Gründe, die es gibt, in der DDR zu bleiben, ihr Freund Manfred steht für die Option auszuwandern. Die Figuren tragen ihre Argumente nicht explizit vor, sondern man sieht ihnen zu, wie sie im Laufe der Zeit ihre politische Haltung entwickeln und persönliche Konsequenzen ziehen. Dem Film fehlt alles, was man unter Spannung versteht.
Die Legende von Paul und Paula, Regie: Heiner Carow, 1973
Der Film war ein Kassenschlager. Er ist auch nicht ganz schlecht. Aber die Naivität von Paula und der Karierismus und dann die klischeehafte Verliebtheit von Paul nerven. Doch etwas zu kitschig.
Nackt unter Wölfen, Regie Frank Beyer, 1962
Siehe dazu den Artikel von Jens Bisky (SZ, 31.3.2015):
Der Rat der Götter, Regie Kurt Mätzig, 1950, Musik: Hans Eisler
Reclams Filmführer kritisiert, der Film sei zu "plakativ" und "überdeutlich". Tatsächlich sind die Figuren recht typenhaft gezeichnet. Doch was die Handlung angeht, hat sich Regisseur Kurt Mätzig, wie er im Interview berichtet, strikt an die Prozessakten des I.G.-Farben-Prozesses (14. August 1947 – 30. Juli 1948) gehalten. (Ausnahme: Deutung der Explosion am 28.7.48 im BASF-Werk Ludwigshafen). So wenig weiß ich also über die Rolle der I.G.-Farben im Nationalsozialismus, dass ich manche Fakten für DDR-Propaganda hielt.
Die Vermeidung formaler Eskapaden ist wohl dem sozialistischen Realismus geschuldet.
Der geteilte Himmel, Regie: Konrad Wolf, 1964
Hier handelt es sich um einen Essay in Filmform. Studentin Rita verkörpert die Gründe, die es gibt, in der DDR zu bleiben, ihr Freund Manfred steht für die Option auszuwandern. Die Figuren tragen ihre Argumente nicht explizit vor, sondern man sieht ihnen zu, wie sie im Laufe der Zeit ihre politische Haltung entwickeln und persönliche Konsequenzen ziehen. Dem Film fehlt alles, was man unter Spannung versteht.
Die Legende von Paul und Paula, Regie: Heiner Carow, 1973
Der Film war ein Kassenschlager. Er ist auch nicht ganz schlecht. Aber die Naivität von Paula und der Karierismus und dann die klischeehafte Verliebtheit von Paul nerven. Doch etwas zu kitschig.
Nackt unter Wölfen, Regie Frank Beyer, 1962
Siehe dazu den Artikel von Jens Bisky (SZ, 31.3.2015):
31.03.15
zwei Filme zum Verhältnis der Geschlechter
Laurence Anyways, Regie: Xavier Dolan, Kanada 2012
Der erste Filme, den ich von Xavier Dolan, dem jungen Regiestar aus Kanada gesehen habe. Gut gespielt, gute, von Musikvideos inspirierte Schnitte und opulente Bilder. Es geht um die Liebe zwischen Fred (Suzanne Clement; links im Bild) und Laurence (Melville Poupaud), die auf die Probe gestellt wird, als Laurence beschließt, künftig als Frau zu leben.
Du sollst deine Frau ehren, Regie: Carl Theodor Dreyer, Dänemark 1925
Älter, nüchterner, kürzer und klassisch feministischer ist dagegen der Film vom Meister der kargen Form Carl Theodor Dreyer. Der Stummfilm handelt davon, wie eine junge Ehefrau ihren despotischen Mann zur Mithilfe im Haushalt erzieht. Der Film ist lockerer und lustiger als andere Filme von Dreyer.
06.03.15
Great Expectations
Great Expectations von Charles Dickens erschien 1860 bis 1861 als Fortsetzungsroman. Wer erwartet hier was? Der Waisenjunge Pip, er lebt bei seinem Onkel und erlernt von ihm das Schmiedehandwerk, erwartet den sozialen Aufstieg, der im durch die Hochzeit mit einer Adligen gelingen soll. Damit sich diese Erwartung erfüllen kann, gilt es allerdings zunächst die Lebensart des Adels kennenzulernen, was wegen der feinen Unterschiede nicht vollkommen gelingt. Glücklicherweise erweist es sich, dass auch die junge Frau, obwohl reiche Erbin, nicht adlig von Geburt ist, wodurch sich beide am Ende verstehen und Pip die Klassenschranken überwinden kann. Pips Mäzen Magwitch gelingt das nicht, obwohl er mit Schafszucht einiges Geld verdient hat. Die Verfilmung für die BBC ist zunächst effektheischend, dann aber spannend.
Emil Szittya
Ich vagabundierte in meiner Jugend zu Fuß durch Österreich, Deutschland, die Schweiz, Italien, Frankreich, Belgien, Holland und Spanien. Ich kenne in diesen Ländern alle Museen und viele Intellektuelle. Ich gründete 1909 zusammen mit Blaise Cendrars „Les Hommes Nouveaux“ in Paris und wir waren die ersten, die Chagall lancierten. (Ich selbst habe übrigens den ersten Aufsatz, der über Chagall erschien, geschrieben).
1915 hatte ich eine Zeitschrift mit Hugo Kersten in Zürich „Der Mistral“, über die sogar Romain Rolland, wenn auch ablehnend, schrieb. Mitarbeiter an dieser Zeitschrift waren u. a. Apollinaire, Marinetti, Georg Trakl, Hugo Ball und Carl Sternheim. Man betrachtet diese Zeitschrift als Vorläufer des Dadaismus (was sie nicht war) und man behauptet deshalb mit Unrecht, dass ich selbst auch Dadaist war. 1919 hatte ich mit Paul Baudisch eine Zeitschrift in Wien, „Horizont Hefte“, 1934 erschien meine anti-Hitlerische Zeitschrift, „Die Zone“, in Paris.
Das „Kuriositätenkabinett“ wurde missverstanden. Kürzlich nannte es Dr. Raabe in dem Vorwort zu der Neuausgabe von „Die Aktion“, immerhin ein wichtiges Quellenbuch für die Zeitgeschichte. Wie Sie wissen, war ich Mitarbeiter der „Aktion“, aber auch von Querschnitt, Kunstblatt, Weltkunst und einer Anzahl deutscher Zeitungen.
Mein Buch „Selbstmörder“ ist die erste Kulturgeschichte in allen Zeiten und allen Ländern. Mein Roman „Klaps“, der bei Kiepenheuer erschien, ist einer von zwölf Romanen, die ich in den letzten 60 Jahren schrieb. Leider sind die anderen elf Bände noch nicht erschienen.
Seit 1930 schrieb ich meistens französisch, u. a. über Brecht in „Europe“, über Soutine in „Lettres Françaises“ und über Cendrars dort und im „Mercure de France“.
Wissen Sie, dass ich seit über 50 Jahren auch male, aber es bisher immer verschwiegen habe? Ich habe einige Hundert Bilder gemalt. Vor einem Jahr haben mich Freunde gezwungen in Paris auszustellen und später hatte ich eine Ausstellung in Zürich.
Was soll ich Ihnen noch erzählen? In einigen Monaten werde ich 78 Jahre alt und habe immer noch materielle Sorgen. Vielleicht bin ich selbst viel schuld daran. Ich war nie sehr geschickt in Geldsachen.
Es grüßt Sie herzlich Ihr
Emile Szittya
(Brief an Manfred George, in: Aufbau, 18. Dez. 1964.)
04.03.15
Helvétius
Denker der Lust - Der Philosoph Helvétius war selbst den Aufklärern zu
radikal. Die Religion galt ihm als Menschenwerk, der Mensch als bloße
Maschine und die Moral als eine Frage des Nutzens. Vor 300 Jahren
geboren, vermag er noch heute zu provozieren. von Gero von Randow DIE ZEIT Nº 06/2015 5. Februar 2015
11.01.15
Wolfgang Neuss
Wie Herbert Wehner war auch Wolfgang Neuss eine der interessanten Figuren der alten Bundesrepublik. „Das Neuss Testament", ein Film von Rüdiger Daniel (2009, 72 Min.), ist nun im Internet zugänglich.
Herbert Wehner
"Wehner, die unerzählte Geschichte" ist ein Doku-Drama aus dem Jahr 1993. 1. Teil: Die Nacht von Münstereifel, 102 Min., 2. Teil: Hotel Lux, 106 Min., Buch und Regie: Heinrich Breloer. Der zweite Teil, Hotel Lux, beleuchtet die jüngeren Lebensjahre Wehners von seinem frühen politischen Engagement, er war Sekretär von Erich Mühsam und ab 1927 in der KPD, über seine Zeit im Moskauer Exil bis zu seiner Ausreise nach und Haft in Schweden.
15.11.14
Filme
Claires Knie, Eric Rohmer, 1970
Bei Rohmer hat man immer das Gefühl, er habe zuerst einen
philosophischen Aufsatz geschrieben, die Gedanken aus diesem dann mehr oder
weniger willkürlich auf verschiedene Figuren verteilt, womit er das Drehbuch
hatte, das er dann schließlich verfilmte. In diesem Fall redet dann eine
16-Jährige, wenn sie dem narzisstischen Protagonisten Jérôme Paroli bietet, so
lebenserfahren, als wäre sie ihre eigene Mutter. Den Auftrag, einer Freundin
Ideen für einen Roman zu liefern, nimmt Jérôme als willkommenen Anlass für
lässige Flirts mit Laura und Claire. Vielleicht kritisiert der Film, dass er
sich solche Ausreden zurechtlegt.
Baal, Volker Schlöndorff, 1970
Wie Schlöndorff im Interview zugibt, ist der Film heute vor
allem noch sehenswert, weil Fassbinder die Hauptrolle spielt und in dieser sich
selbst.
Night
Moves, Kelly Reichardt 2013
Drei süße, kleine Ökos sprengen einen Staudamm, weil er die
Landschaft verschandelt. Anschließend plagt die Frau in diesem Trio ein
schlechtes Gewissen, weil ein Camper vermisst wird. Daraufhin bringt ihr Kumpel
sie zum Schweigen und zeigt damit, dass er weniger sozial ist, als vom
Zuschauer angenommen. Winter’s Bone (2010) von Debra Granik, der auch
von amerikanischen Provinzlern handelt, fand ich eindrucksvoller.
Phoenix,
Christian Petzold, 2014
Dieser neue und gelungene Film von Christian Petzold verpackt Kritik am
Umgang der Deutschen mit der Vergangenheit als Film Noir. Der Film ist spannend
(weil man sich fragt, ob Jonny seine Frau nicht irgendwann erkennt), zuweilen
gruslig, stilsicher ausgestattet, gut gespielt, nicht zu lang und somit
unterhaltsam. Bewegend ist die Musik. Petzold verwendet Musik ja immer sehr
bewusst, meist nur, wenn die Figuren ein bestimmtes Lied auflegen, spielen oder
singen. Hier ist dieses Verfahren auf die Spitze getrieben, sodass die Musik entscheidende
Bedeutung erhält.
11.11.14
die zwanziger Jahre
In einem Dossier über Berlin in den zwanziger Jahren erschienen neulich zwei gelungene historische Skizzen über Else Lasker-Schüler (von M. Klaue) und die Stadtärztin Käte Frankenthal (von B. Schmidt).
15.10.14
Joachim Lottmann: Endlich Kokain
Während die Titanic in ihrer Humor Kritik Autor und Protagonist in eins warf und Lottmann unterstellte, er stimme in die wohlfeile Kritik der Grünen und Gutmenschen ein, lässt sich das Buch auch als Persiflage dieser Kritik lesen. Die Persiflage wird im Laufe des Romans durch zunehmende Übertreibung erkennbar. Anfangs gönnt man dem Protagonisten seinen Erfolg durchaus, stetig wandelt er sich aber zum Antihelden, bis man diesem lustigen Typ, den man gerade erst kennengelernt hat, doch besser wieder den Rücken zukehrt.
wie über Geschichte schreiben?
Am Beispiel von Joachim Fests Hitler-Biographie (erschienen 1973) gibt Gerhard Henschel Hinweise zu dieser Frage.
12.09.14
Erinnerung an ein gescheitertes Attentat auf Franco
Spanien 1964: Das Franco-Regime verschärft seine
Repressionen. Der Schotte Stuart Christie beschließt zu handeln – und
reist nach Madrid, um sich an einem Bombenattentat auf den Diktator zu
beteiligen. Erinnerungen an ein anarchistisches Abenteuer. aus:
DIE ZEIT Nº 34/2014
21.08.14
Dolomitenkrieg
Dem Buch ist keine Einleitung des Autors vorangestellt. So liest man Uwe Nettelbecks Buch über den Dolomitenkrieg zunächst wie eine spannende Reportage, die chronologisch vom Ersten Weltkrieg im Allgemeinen und insbesondere vom Krieg in den Alpen berichtet. Schon bald befremden einen dann aber der Stil und der affirmative Tonfall: Obwohl das Leiden der Soldaten beschrieben wird, sind es doch meist Heldengeschichten, die hier erzählt werden. Man greift sich wortwörtlich an den Kopf, angesichts der sinnlosen Aktionen. Dieser Effekt wird durch die Art der Darstellung hervorgerufen, sie verdoppelt die Absurdität des Geschehens und führt sie so vor Augen. Nicht nur der Dolomitenkrieg war widersinnig, sondern auch die Art und Weise, wie er beschrieben wurde. Denn dass diese Sätze nicht aus dem Jahr 1976 stammen, wird beim Lesen zunehmend klarer. Nettelbeck hat hier ausschließlich Zitate aus der Kriegs- und Nachkriegszeit montiert. So ist das Buch nicht nur Geschichtsbuch sondern auf zweiter Ebene auch Kritik der Kriegsberichterstattung und der journalistischen Phrasen. Im Nachwort beschreibt dann Detlev Claussen, wie sich Nettelbeck die Methode bei Karl Kraus abgeschaut hat. Das Buch wurde 2014 wieder aufgelegt und enthält Fotografien.
18.08.14
Harun Farocki (1944-2014)
Die Worte des Vorsitzenden, Berlin 1969
Ein Interview zu seinem ersten Film, den man auf youtube ansehen kann, gab Farocki im Juli 2014 der Jungle-World.
06.08.14
Milena Jesenská
An Milena Jesenská, die nicht nur Briefpartnerin Franz Kafkas, sondern
auch Widerstandskämpferin gegen das nationalsozialistische Deutschland
und Kritikerin des Stalinismus war, erinnert Birgit Schmidt.
30.07.14
John Thelwall (1764-1834)
Die Briten liebten ihren König, doch nach 1789 gab es auch auf der Insel Anhänger der Revolution. Ihr lautester Fürsprecher war – radikal, aber wohlgesittet – der zu Unrecht vergessene Demokrat John Thelwall. von Martin Herzog, DIE ZEIT Nº 29/2014
21.06.14
Filme
Die Passion der Jungfrau von Orléans, Regie: Carl Theodor
Dreyer, 1928.
Ein Beispiel dafür, um wie viel radikaler und schöner als
heute die Filmkunst der 20er Jahre war. Formale Strenge (Einheit von Zeit, Ort
und Handlung; schwarzweiße und stumme Bilder; leere Räume) schärft den Blick
für die inhaltliche Auseinandersetzung: der Glaube von Jeanne steht der
(theologischen) Vernunft des Gerichts gegenüber. An der filmischen Gestaltung (geprägt durch halbnahe und
nahe Einstellungen) kritisiert Michael Kienzl: „So oft er das menschliche Antlitz in seiner Bösartigkeit
oder seinem Leiden in den Mittelpunkt rückt, so oft drängt er es auch an den
Bildrand, als Bestandteil fast abstrakter Kompositionen. In den flachen, mit
hohen Brennweiten aufgenommenen Bildern von Kameramann Rudolph Maté finden sich
noch deutliche Spuren des Expressionismus: in den Mustern von Fenstergittern,
extremen Unter- und Aufsichten, den schiefen Einstellungen oder dämonisch
wirkenden Schatten. Die genaue räumliche Anordnung der Figuren bleibt dabei
weitgehend ein Mysterium. Statt sich an Establishing Shots orientieren zu
können, ist der Zuschauer in einem Wirrwarr sich widersprechender Blickachsen
gefangen.“
Beltracchi – Die Kunst der Fälschung, Regie: Arne
Birkenstock, 2014
Dieser Film war eine positive Überraschung. Er ist gut
aufgebaut, unterhaltsam, lustig und wirft Fragen zu Kunst und Gesellschaft auf.
The Counselor, Regie: Ridley Scott, 2013
Der Film zeigt die Gewalt als farbenfrohes Spektakel, Leid
wird zur läuternden Lebenserfahrung aufgeblasen. Ein (was gut ist) verstörender, aber
überambitionierter und letztlich nihilistischer Film.
The Wolf of
Wallstreet, Regie: Martin Scorsese, 2013
Es gibt hier sehr starke Szenen (DiCaprio als Jordan Beldort
fährt unter Drogeneinfluss seinen Sportwagen nach Hause; Jordan Belfort lotet
auf seiner Jacht bei einem Gespräch mit einem Kriminalpolizisten aus, ob er
diesen bestechen kann) allerdings gibt es auch Redundanzen (z.B. wenn die
zehnte wilde Party gezeigt wird).
The Hurt Locker, Regie: Kathryn Bigelow, 2008
Nicht nur extrem spannend, sondern durch den Blick auf die
Männlichkeit der Soldaten auch psychologisch interessant. „Visuelle Poesie für
die Eingeweide.“– A. O. Scott: The New York Times
Brigadistas, Regie: Daniel Burkholz, 2007
Dieser Dokumentarfilm über
Veteranen des spanischen Bürgerkriegs ist leider schlecht gemacht. Statt die
Geschichte in den Mittelpunkt zu rücken, stehen kitschige Festakte im
Vordergrund. Die Interviewten kommen immer nur kurz zu Wort und sind auf Grund
von Hintergrundgeräuschen schlecht zu verstehen. Schade.
13.06.14
Die Ausgewanderten
Vor rund vier Jahren stellte ich diesem Archiv ein Zitat Walter Benjamins voran. Nun stieß ich auf ein Buch, das vollständig im Sinne dieses Zitates geschrieben und gestaltet ist. W.G. Sebald versucht in "Die Ausgewanderten" (1992) das "Gedächtnis der Namenlosen zu ehren" und weiht ihnen eine "historische Konstruktion". Historische Konstruktion sind hier sowohl die Sprache, als auch die Handlung, in der Fiktion und Dokumentation nahtlos ineinander übergehen. Johann Wolfgang Goethes Satz über unserer Welt, die eine Glocke sei, die einen Riß habe und nicht mehr klinge, taucht erst gegen Ende der vierten und letzten Erzählungen auf, könnte aber auch als Thema ganz am Anfang des Buches stehen.
02.06.14
Bakunin zum 200. Geburtstag
Revolutionär, Schnorrer, Enthusiast: Vor 200 Jahren
kam der große Anarchist Michail Bakunin zur Welt. Zeitlebens war er
immer dort, wo es nach Revolte roch. von Gero von Randow DIE ZEIT Nº 22/2014
27.05.14
Uwe Johnson und W.G. Sebald
Über die nach England ausgewanderten Schriftsteller Uwe Johnson und W.G. Sebald erschienen jüngst zwei Essays, in beiden geht es darum, wie diese Autoren die deutsche Geschichte thematisierten.
Thoreau
Der 2012 erschienene Comic über Henry David Thoreau von A. Dan und M. Le Roy verschafft einen ersten Eindruck von Thoreaus Leben und Werk. An die literarische und zeichnerische Qualität eines René Tardi (z.B. Putain de guerre! ) reichen die beiden Nachwuchskünstler noch nicht heran.
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