Walter Benjamin

Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten.
Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht.

Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, Band I, Seite 1241.

04.03.15

Helvétius

Denker der Lust - Der Philosoph Helvétius war selbst den Aufklärern zu radikal. Die Religion galt ihm als Menschenwerk, der Mensch als bloße Maschine und die Moral als eine Frage des Nutzens. Vor 300 Jahren geboren, vermag er noch heute zu provozieren. von Gero von Randow
Ludwig XV. nahm das Attentat sehr ernst. Er ließ verkünden, jeder werde mit dem Tode bestraft, der Schriften gegen die Religion, die königliche Autorität oder die öffentliche Ordnung verfasse oder drucke. Nicht gerade die Atmosphäre, um ein kritisches Buch zu veröffentlichen. Aber just das hatte ein Pariser Salonlöwe zur selben Zeit im Sinn. Das Lebensziel des am 26. Februar 1715 geborenen Claude Adrien Helvétius bestand darin, sich als Mann der Ideen einen Namen zu machen. Als besonders couragiert galt er zwar nicht, aber ihn lockte der Ruhm: Helvétius war überzeugt, ein Meisterwerk verfasst zu haben, der große Voltaire hatte ihn darin bestätigt.

Und dann gab es noch einen gewissen Charles George Leroy, einen Jugendfreund, einflussreich am Hofe. Er gehörte zu der Gruppe um Diderot, die an einer Enzyklopädie des zeitgenössischen Wissens arbeitete. Ein riskantes Projekt; zwei der Bände waren bereits verboten, weil sie als umstürzlerisch und kirchenfeindlich galten. Leroy indes, der sich für einen Taktiker hielt, kam auf den Einfall, die Schrift seines Freundes Helvétius als eine Art Entlastungsangriff zu nutzen. Das Resultat war der größte Buchskandal des 18. Jahrhunderts.
Leroy drängte Helvétius zur Veröffentlichung, er hatte auch schon einen Zensor gefunden, dem man das Werk vorlegen konnte: Jean-Pierre Tercier, hoher Beamter im Außenministerium und ausgelastet mit der Aufgabe, abgefangene Briefe zu öffnen. Ihm trug Leroy Stöße von Manuskripten vorbei, die harmloseren Passagen natürlich, die der überarbeitete Beamte nächtens zu studieren versprach. Leroy zog alle Register, ließ Bekannte auf den Zensor und dessen Frau einwirken, während immer neue Blätter eintrudelten, bis Tercier am 27. März 1758 entnervt den Druck des Buches De l’Esprit ("Vom Geist") freigab. Es sollte seine Karriere ruinieren. Denn Helvétius hatte es gewagt, eine Ethik ohne Gott zu entwerfen. Das war ungeheuerlich.
Erst recht, weil die Attacke aus der Mitte des Establishments kam. Der Autor entstammte einer bei Hofe angesehenen Medizinerfamilie. In seiner Jugend stach Claude Adrien mehr durch Körperkraft hervor als durch Intelligenz; er soll als Heranwachsender überdies einigermaßen doof ausgesehen haben, weil er wegen eines chronischen Schnupfens stets mit offenem Mund einherging. Aber er hatte Glück, sein Privatlehrer war ebenjener Père Porée, der schon einmal einen sperrigen Schüler gehabt hatte, einen gewissen François-Marie Arouet, genannt Voltaire. Porée begeisterte Claude Adrien für die Autoren der Antike und setzte ihm den Floh ins Ohr, der größte Ruhm sei der literarische.
Nach seiner Schulzeit kommt der Heranwachsende zu einem Steuerpächter in Caen, um etwas Einträgliches zu lernen. Mit 23 Jahren wird Claude Adrien selbst Steuerpächter und ist binnen Kurzem ein gemachter Mann. Er will auch etwas davon haben und wirft sich ins Pariser Vergnügen: Salons, in denen es gilt, geistvoll und maliziös zu sein; Diners, auf denen Poesie, Theater und Gastronomie zelebriert werden; die Oper, der Fechtsaal, vor allem die Schlafzimmer – es ist die Epoche Casanovas. Helvétius, ein bewunderter Tänzer, verehrt und verführt die Frauen, genießt die Libertinage der herrschenden Klasse und lebt, nach dem Zeugnis von Polizeiberichten, seine masochistische Neigung aus.
Als Steuerpächter ist er seriös, hält Maß, verschont die Bedürftigen. Den Traum vom Ruhm gibt er indessen nicht auf. Nach zehn Jahren des Geldverdienens verkauft er seine Pacht und konzentriert sich auf das Schreiben. Am Hof genießt der unermüdliche Netzwerker die Gunst der Pompadour, der Mätresse Ludwigs XV.; seine Mutter wiederum sichert ihm das Wohlwollen der frömmelnden Königin Maria Leszczyńska. Umsichtig verbindet sich Helvétius außerdem mit geistesverwandten Größen wie Montesquieu, Fontenelle und Buffon.
Im Jahr 1751 ehelicht er die Comtesse de Ligneville, eine reine Liebesheirat. Die schöne und kluge Frau wird später durch ihren Salon berühmt werden, den sie nach Helvétius’ Tod weiterführt. Mit ihr verlebt er nun den größten Teil des Jahres auf seinen Landsitzen: Vormittags schreiben, nachmittags jagen, das ist der Tagesablauf. Die Landbevölkerung ist bettelarm.
Als Gutsherr bemüht sich Helvétius um die Ansiedlung von Textilhandwerk und Erzabbau, doch örtliche Konkurrenten verhindern die erforderlichen Genehmigungen. Ansonsten wird von seiner Freigebigkeit berichtet, er hat sich die Sitten der alten Aristokratie zu eigen gemacht, die sich selbst mit ihrer Großzügigkeit schmeichelte. Fuchsteufelswild wird er freilich, ungerecht und kleinlich, wenn ihm Wilderer etwas wegschießen. Diderot wird ihn posthum dafür kritisieren: Was mache es denn schon, wenn die Armen ein paar Hasen nähmen?
Verbringt die Familie ihre Zeit in Paris, so gibt sie philosophische Diners. Helvétius ist weniger Redner denn Zuhörer, er sammelt Ideen; nach ein, zwei Stunden stiehlt er sich davon und besucht die Oper. Und die Tänzerinnen. Ein Leben nach seinem Geschmack. Beunruhigend indes, was um ihn herum geschieht: Der Königshof versinkt in Dekadenz, während der in Rom verankerte Klerus mit der Pariser Staatskaste um die Macht kämpft – und das Volk regelrecht hungert.
Dann das Attentat von 1757, und im Sommer 1758 der Donnerschlag: das Buch.
Wer darin voltaireschen Witz erwartet, wird enttäuscht. Der Autor geht umsichtig vor, pedantisch zuweilen, und sichert sich nach allen Seiten ab: Naiv ist er nicht. Dem heutigen Leser kommt Helvetius’ Vorsicht allerdings modern vor; in einer Fußnote schreibt er, Sätze könnten nur von unterschiedlicher Wahrscheinlichkeit sein, ja selbst das, was wir für gewiss hielten, sei beinahe immer nur sehr wahrscheinlich. Auch die Relativität der moralischen Wirklichkeit ist ihm bewusst; jeder Mensch sei gut und böse zugleich, "der absolut konsequente Mensch existiert noch nicht; nichts Perfektes daher auf der Erde, weder im Laster noch in der Tugend". Da mag er auch an sich selbst gedacht haben.
"Alles reduziert sich auf das Fühlen": Helvétius hat John Locke und Condillac gelesen. Der Geist geht nach dieser Ansicht auf passive Sinneseindrücke zurück. Ein Gedanke sei letztlich nur ein Vergleich aktueller mit einstigen Sinneseindrücken. Das Vergleichen erfordere Aufmerksamkeit, argumentiert Helvétius, und deren Antrieb sei die Leidenschaft. Diese wiederum ergebe sich aus dem Interesse, Lust zu vermehren und Unlust zu mindern.
Freundschaft, Liebe, Ruhm, alles bloß abgeleitete Motive, schreibt er, ihnen liegen Lustgewinn und Schmerzvermeidung zugrunde. Zu den Schmerzen zählt er namentlich die Langeweile, sie bedroht seinesgleichen eben mehr als der Hunger. Und wie aus dem Handgelenk entwirft Helvétius in De l’Esprit eine ganze Psychologie.
Schon aus damaliger Sicht allerdings war die Vorstellung nicht haltbar, das Empfinden sei rein passive Datenaufnahme; heute belegen auch die Neurowissenschaften den konstruktiven Charakter des Denkens. Lesenswert bleibt De l’Esprit gleichwohl, auch wegen seines unbekümmerten Denkoptimismus, der an Texte aus der Pionierzeit der Erforschung Künstlicher Intelligenz erinnert: Alles Komplizierte lasse sich auf Einfaches und daher Verständliches zurückführen, schreibt Helvétius, folglich könne jeder alles verstehen.
Helvétius’ Erkenntnistheorie ist egalitär. Unterschiedliche Anlagen für Intelligenz existieren nicht, alles hängt davon ab, welchen Objekten die sich entwickelnde Intelligenz mehr oder weniger zufällig begegnet. Wie ja überhaupt die Biografie eines jeden mehr vom Zufall bestimmt sei, als seine Eitelkeit akzeptieren könne – ein Gedanke, den sein älterer Freund Fontenelle schon vorher formuliert hat. Zufall?
Bis hierher bewegt sich das Buch auf vom Klerus geduldetem Terrain. Den Bogen überspannt Helvétius, als er sich der Ethik nähert. Denn was Tugend und was Laster sei, schreibt er, bestimme eine Gesellschaft letztlich nach dem öffentlichen Interesse, und das wandele sich mit Ort und Zeit. Das Gute sei nur ein anderes Wort für das Nützliche; die besten Gesetze seien jene, die individuellen und gesellschaftlichen Nutzen mithilfe von Strafe und Belohnung zusammenführten. Gut und Böse werden nicht im Himmel, sondern von der Geschichte definiert: Das musste die Kirche als Frontalangriff auffassen.
Über Religionen schreibt Helvétius, sie seien Menschenwerk und dienten der Priesterschaft bloß dazu, ihr Partikularinteresse zu verfolgen. Mit einer Ausnahme natürlich, der "wahren Religion", wie er sicherheitshalber hinzufügt. An anderer Stelle heißt es gar, Religionen hätten in der Geschichte mehr Unheil angerichtet als Heil gebracht: Oh gewiss, nur ein Zitat, aufgelesen bei einem angesehenen Abt. Es finden sich weitere solcher Passagen. Kaum verhohlen attackiert Helvétius auch die weltliche Macht und geißelt die Ungerechtigkeit und Geistesfeindlichkeit dessen, was wenige Jahrzehnte später nur noch das Ancien Régime heißen wird.
Diese Kombination aus Erkenntnistheorie, Ethik und Gesellschaftskritik macht das Werk zur Bombe. Kirche und Staat (in Gestalt des obersten Gerichtshofes, "Parlament" genannt) verdammen das Buch. Sie überbieten einander auch deshalb, weil sich jede der beiden konkurrierenden Mächte als wahre Verfechterin des Christentums profilieren will. Helvétius muss sein Buch dreimal mit eigenen Worten verurteilen, die Bischöfe wettern von der Kanzel gegen das blasphemische, luziferische Werk, der Papst verbietet seinen Besitz, der Henker von Paris verbrennt es öffentlich – und den Autor selbst nur deswegen nicht gleich mit, weil die Pompadour und der Außenminister zu dessen Gunsten intervenieren.
Helvétius hat mit alledem nicht gerechnet, schwankt zwischen Panik und Depression, verkriecht sich auf seinen Landsitzen und hofft, dass sich der Sturm wieder legt. Die geistigen Kämpfe flauen jedoch nicht mehr ab. Bald indes geht es vorrangig um die Enzyklopädie von Diderot und d’Alembert; Helvétius’ Gegner glauben, mit ihm fertig zu sein. Das stimmt nur halb: Er arbeitet an einem neuen Buch, in dem er keine Kompromisse mehr macht. Es soll nach seinem Tod erscheinen.
1765 reist er nach Potsdam, wo er sich von Friedrich II. feiern lässt. Zurück in Paris, streitet und versöhnt er sich mit anderen Freigeistern, doch allmählich lassen die Kräfte nach. An Voltaire schreibt er im Oktober 1771, er sei es leid, Prosa zu verfassen, die zu seinen Lebzeiten nicht mehr gedruckt werde. Zwei Monate später stirbt Helvétius an einer Gichtniere – es bleiben die bösartigen Kommentare nicht aus, die seinem Lebenswandel die Schuld geben.
De l’Homme erscheint im darauffolgenden Jahr und eröffnet die Partie mit einer vernichtenden Kritik: In Frankreich habe endgültig der Despotismus gesiegt. "Dieses Volk wird nicht mehr unter dem Namen 'Franzosen' wieder berühmt werden", heißt es, und "keine heilsame Krise wird ihm die Freiheit wiedergeben". An eine Revolution denkt Helvétius nicht, 17 Jahre vor dem Sturm auf die Bastille.
Radikaler ist jetzt auch die Philosophie formuliert. Denken sei, wie Magnetismus, eine Seinsweise der Materie. Und wenn La Mettrie noch den "Menschen als Maschine" eher als Gedankenexperiment sah, schreibt Helvétius explizit: "Der Mensch ist eine Maschine, die, durch die körperliche Empfindsamkeit in Bewegung gesetzt, das tun muss, was sie ausführt" – eine Maschine, die er mit einem Wasserrad vergleicht. Für freien Willen ist da kein Platz.
Dann aber findet sich ein sensationeller Gedanke: "Was ist ein humaner Mensch? Jener, für den das Schauspiel fremden Unglücks ein schmerzliches Schauspiel ist." Hier öffnet sich eine neue Tür. "Man zerdrückt ohne Mitleid eine Fliege", heißt es an anderer Stelle, "aber man sieht nicht ohne Schmerz zu, wenn ein Rind abgestochen wird", denn Blut und die Zuckungen riefen schmerzhafte Erinnerungen hervor. Empathie und Eigeninteresse konvergieren also doch! Die heutige Neurowissenschaft spricht von Spiegelneuronen: Mitgefühl hat hirnphysiologische Voraussetzungen. Dass die innerweltliche Begründung der Ethik damit nicht abgeschlossen ist, steht auf einem anderen Blatt, aber in diesem Punkt hat Helvétius die richtige Ahnung gehabt.
Das Buch enthält auch eine Theorie der Machtleidenschaft und mit ihr eine Psychologie der Intoleranz: "Wer mir widerspricht, ruft die Erinnerung an den Gedanken meiner Schwäche wach, zu dem sich stets der Gedanke an eigenes Unglück gesellt." Am schlimmsten, schreibt er, seien intolerante Religionen, "wie die katholische". Sie ruiniere den Staat, wo sie an die Macht komme.
In erstaunlichen Passagen schließt der Autor Utopisches an, sinniert über eine Gesellschaft ohne Ungleichheit, also ohne Geld, wie er meint, ja vielleicht sogar mit Gemeineigentum. Derartiges sei freilich nur auf einer Insel möglich, isoliert von der übrigen Welt. Vielleicht könne ein Monarch so etwas einführen? Die beste Verfassung wäre freilich eine "Regierung aller" – ein umstürzlerischer Gedanke. Helvétius, ein Vorgänger der Frühsozialisten.
Doch spätestens wenn er seine politischen Idealvorstellungen zur "wahren Religion" erhebt, verliert das Buch für uns Heutige seinen unschuldigen Charakter. Zumal es darin heißt: "Um die Bewegungen der menschlichen Puppe zu dirigieren, muss man die Fäden kennen, die sie bewegen [...]. Die Fähigkeit des Kunstreiters besteht darin, zu wissen, wie er das Tier steuert, das er dressiert; die Fähigkeit des Ministers darin, zu wissen, wie er das Volk steuert, das er regiert." Das zusammen mit der Vorstellung, der Staat definiere Gut und Böse: Ist das nicht ein Fundament totalitärer Ideologien?
Der Philosoph Isaiah Berlin sah es so. Allerdings sind die Totalitären ganz gut ohne einen Helvétius zurechtgekommen, der selbst nur selten der Versuchung erlag, absolute Wahrheiten zu verkünden. Jedes Jahrhundert lache über das vorangehende, schrieb er einmal.
Sein zweites Buch, das bessere, fand wenig Resonanz. Vielleicht, weil nun die Tagespolitik die Aufmerksamkeit beherrschte; vielleicht auch, weil die Aufklärer mit Helvétius ihre Probleme hatten. Er hatte Konsequenzen aus ihrem Denken gezogen, die ihnen unheimlich waren. Diderot zum Beispiel, dessen Theorie ebenfalls ohne immaterielle Seele auskommen sollte, wand sich, um irgendwie doch noch den freien Willen zu retten. Die materialistische Ethik Helvetius’ missfiel ihm gleichfalls – soll denn Moral wirklich nur nacktes Interesse sein? Diderot ließ sich den Kunstgriff einfallen, im menschlichen Körper ein Organ zu vermuten, das für die Moral zuständig sei. Gut geraten; heute weiß die Hirnforschung, dass Schädigungen des präfrontalen Kortex die Fähigkeit beeinträchtigen können, moralische Entscheidungen zu treffen.
Die Nachwelt ging mit Helvétius ungerecht um. Der in Paris lebende Baron Grimm, der Aufklärerszene zugehörig, aber mehr Journalist als Denker, schrieb einen Nachruf, der die Grenze zur Gehässigkeit streift. Buffon ätzte, eine Pacht mehr und ein Buch weniger wären vielleicht zuträglicher gewesen. Später verdammte Robespierre, Anhänger des Feuerkopfes Rousseau, den nüchtern wägenden Helvétius. Hegel und nach ihm Marx und Engels widmeten dem Franzosen ein paar dürre, wenngleich anerkennende Worte. Gründlich studiert hatte ihn der russische Marxist Georgi Plechanow, geistiger Ziehvater Lenins, doch im nachfolgenden Marxismus-Leninismus-Klapparatismus finden sich keine Spuren des Freigeistes mehr.
Heute ist Helvétius bloß noch ein Name, der in Aufzählungen erscheint. Zwischen zwei Kommata. Werkausgaben, Biografien, Monografien sind rar. Man hat ihn vergessen.

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