Walter Benjamin

Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten.
Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht.

Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, Band I, Seite 1241.

16.02.12

Biographische Skizze über J. M. Afsprung

Bürger ohne Land
DIE ZEIT, 27.03.2008
Ruhelos und verfolgt zog er durch Deutschland und die Schweiz, auf der Suche nach der Freiheit, nach der Republik: Der Ulmer Demokrat Johann Michael Afsprung, gestorben im März 1808

09.02.12

Isabell Lorey: Figuren des Immunen

Plebejer ohne Eigenheim


In „Figuren des Immunen“ entwirft Isabell Lorey ein Modell des politischen Widerstands, das Stärke im Sich-Entziehen sucht

28.01.12

Otto Rühle über 1848/49

 



















Diese rund hundertseitige Einführung erschien erstmals 1927 in Rühles Buch "Die Revolutionen Europas". Leider finden sich darin keine Auszüge aus Originalquellen, Rühle scheint sich vorallem auf Darstellungen von Marx und Engels zu stützen, die er öfters zitiert. Dadurch ist das Buch aber gut lesbar. Rühle schildert einige Situationen in denen die Ereignisse auch anders hätten laufen können, z.B. als das Vorparlament es ablehnte, sich in Permanenz zu erklären. Das hätte eher dem Geschehen im Frankreich des Jahres 1789 geähnelt, wo sich die Ständeversammlung zur Nationalversammlung machte und auch im Folgenden die Initiative nicht aus der Hand gab. Letzteres geschah aber in Deutschland, laut Rühle v.a. deswegen, weil es sich das Bürgertum aus Angst vor dem Proletariat nicht mit den Fürsten verscherzen wollte.
"Die Nationalversammlung hatte aus dem Schwert der Revolution eine Kaiserkrone geschmiedet, die sie der Reaktion anbot. Aber die Reaktion machte aus der Krone wieder ein Schwert, das sie gegen die nationalversammlung führte." (S.91)


Adolph Menzel: Aufbahrung der Märzgefallenen

16.01.12

Tu will kämpfen lernen und lernt sitzen

Tu kam zu Me-ti und sagte: Ich will am Kampf der Klassen teilnehmen. Lehre mich. Me-ti sagte: Setz dich. Tu setzte sich und fragte: Wie soll ich kämpfen? Me-ti lachte und sagte: Sitzt du gut? Ich weiss nicht, sagte Tu erstaunt, wie soll ich anders sitzen? Me-ti erklärte es ihm. Aber, sagte Tu ungeduldig, ich bin nicht gekommen, sitzen zu lernen. Ich weiß, du willst kämpfen lernen, sagte Me-ti geduldig, aber dazu musst du gut sitzen, da wir jetzt eben sitzen und sitzend lernen wollen. Tu sagte: Wenn man immer danach strebt, die bequemste Lage einzunehmen und aus dem Bestehenden das Beste herauszuholen, kurz, wenn man nach Genuss strebt, wie soll man da kämpfen? Me-ti sagte: Wenn man nicht nach Genuss strebt, nicht das Beste aus dem Bestehenden herausholen will und nicht die beste Lage einnehmen will, warum sollte man da kämpfen? (Bert Brecht)

09.01.12

Paranoid Park

USA 2007

Auch ein Film über Jugendliche. Sie sind aber weniger idealistisch als in "auf der anderen Seite". "Paranoid Park" ist kürzer und die Handlung klarer. In beiden Filmen geht es um Gewalt mit Todesfolge.

auf der anderen Seite

Dtl. / Türkei 2007

Lukian: Der Cyniker

"Was willst Du denn damit, mein Freund, daß Du Haare und Bart wachsen lässest, ohne Unterkleid und Schuhe in der Welt umhergehest, ein unstetes, ungeselliges, bestiales Leben führest, und statt Deinen Leib zu pflegen, wie andere Leute thun, ihn kasteyest und die Nächte auf der harten Erde zubringst, wie man an dem vielen Schmutze Deines rauhen, groben und mißfarbigen Mantels sieht?" (weiter)

07.01.12

Die Mörder sind unter uns

Deutschland 1946
Der erste deutsche Film nach dem Zweiten Weltkrieg und erstaunlicherweise zugleich der erste über das Nachleben des Nationalsozialismus. Während in "Rom-offene Stadt" eine Widerstandsgruppe im Mittelpunkt steht, ist es hier der Arzt Dr. Mertens, der als Soldat gegen eine Massenerschießung protestierte und nun im Berlin des Jahres 1945 darunter leidet, dass dies erfolglos war. Als er am Ende des Films den Täter bestrafen will, hält ihn Susanne Wallner (gespielt von Hildegard Knef) davon ab.

05.01.12

Christentum und antike Sklaverei

Paulus schickt den entlaufenen Sklaven Onesimus zurück zu dessen Besitzer Philemon, schreibt aber diesem:
"...Vielleicht aber ist er darum eine Zeitlang von dir gekommen, daß du ihn ewig wieder hättest, nun nicht mehr als einen Knecht, sondern mehr denn einen Knecht, als einen lieben Bruder, sonderlich mir, wie viel mehr aber dir, beides, nach dem Fleisch und in dem HERRN."
Ein Plädoyer, ihn freizulassen?

Das Teufelsauge

Schweden 1959

Ein guter, moralkritischer Film. Am Ende fragt der Teufel Don Juan, der sich zum erstenmal und außerdem vergeblich verliebt hat: "Tut es sehr weh?" Don Juan: "Falls es euch Vergnügen bereitet, ja. Aber ich werden nicht darunter zusammenbrechen, dazu finde ich euch viel zu lächerlich mit euren bestrafungen hier in der Hölle und auch dort oben. Ich verachte euch alle. Nie werdet ihr Don Juan beugen können, in alle Ewigkeit nicht. Auch wenn ihr mir schlimmere Qualen auferlegt als die, die gerade mein Herz zerreißen. ich bleibe, was ich immer war: ein Verächter von Gott & Teufel, und erlaube mir, euch vor die Füße zu spucken. Gute Nacht."

04.01.12

ROMA citta aperta

Italien 1945
Ein guter, moralischer Film. Don Pietro handelt richtig ohne dies zu begründen oder begründen zu können.

Filippo Buonarroti


Die Pflicht zum Aufstand
Vom Sturm auf die Bastille zum modernen Sozialismus: Ein Porträt des legendären italienischen Revolutionärs Filippo Buonarroti
Die Männer sitzen in vergitterten Käfigen. Wie Schlachtvieh werden sie in der Nacht auf den 27. August 1796 von Paris in das über 150 Kilometer entfernte Vendôme gekarrt. Dort, weitab von der unberechenbaren Hauptstadt, soll der Prozess stattfinden. Die Gefangenen sind angeklagt, unter Führung von François »Gracchus« Babeuf eine Verschwörung geplant zu haben – mit dem Ziel einer radikaldemokratischen Revolution, mit dem Ziel gar, die Diktatur der Jakobiner fortzusetzen, die zwei Jahre zuvor beendet worden ist.
Die Angeklagten nutzen den drei Monate dauernden Prozess als Tribüne für eine leidenschaftliche Verteidigung ihrer Vorstellungen von politischer und sozialer Gerechtigkeit. Besonders furchtlos und brillant agiert dabei ein Mann mit einem klingenden Namen: Filippo Buonarroti. Der Nachfahre aus der Familie des großen Michelangelo, geboren vor genau 250 Jahren am 11. November 1761 in Pisa als Sohn eines toskanischen Patriziers, ist seit 1793 Citoyen von Frankreich. »Die Toskana hat mich zur Welt gebracht, Frankreich aber ist mein Vaterland«, erklärt er stolz. »Mein Leben ist ein andauernder Kampf für die Freiheit [...], damit ganz Europa frei wird und ich zufrieden sterben kann.«

23.09.11

Wir sind Gefangene

Ein sehr gutes Buch von 1927. Graf beschreibt auf lustige Art traurige Dinge. Anders als bei Franz Jung, um den man sich meist nur seiner selbst wegen Sorge macht, hat man beim jüngeren Graf den Eindruck, dass er von den Ereignissen 1914-1919 manchmal überrumpelt und mitgerissen wurde, irgendwie mischte er mit, wusste aber wohl selbst nicht immer, wie er das machen sollte.

05.07.11

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Vor einigen Jahren in der Tübinger Mensa gekauft, nun endlich gelesen: DER WEG NACH UNTEN von Franz Jung. Chronik von unten, Jung lässt die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts Revue passieren, und bescheidene und melancholische Autobiographie eines Ruhelosen.

27.03.11

Kritik des Vitalismus

Die Legende vom großen Draußen
Was tut die Kritik, wenn sie keine Kritik mehr sein will? Sie erzählt vom wilden, echten, wahren Leben

09.03.11

Tim B. Müller: Marcuse und die Denksysteme im Kalten Krieg

http://www.sehepunkte.de/2011/02/18411.html

P. Blom: A Wicked Company

http://www.philipp-blom.eu/html/Books_02.html

01.02.11

Radiosendungen über Walter Benjamin

http://audioarchiv.blogsport.de/2010/10/03/walter-benjamin-zum-70-todestag/

späte Schriften von Friedrich Engels

Revolution in Portionen
Die späten Schriften von Friedrich Engels zeigen: Im Alter vertraute Karl Marx Kampfgefährte der Sozialdemokratie

07.11.10

Vernunft und Mystik im Mittelalter

'Davon allein bin ich selig, dass Gott vernünftig ist und ich das erkenne'
Viele verehren Meister Eckhart als großen Mystiker. Aber stimmt das überhaupt? Eine Klarstellung zu seinem 750. Geburtstag

26.10.10

Akteure des Umbruchs

Was sind das für Lumpenhunde!

»Akteure eines Umbruchs«: Eine Porträtgalerie führt uns mitten hinein in die politischen Leidenschaften des 19. Jahrhunderts.
Wem unsere Bundesbelletristik etwas zu sansohaft und ennuyant erscheint, wer es praller, schicksalsheftiger, wer es politischer, leidenschaftlicher und kühner mag, der wird hieran Freude finden: ein Geschichtsbuch, eine Sammlung von Porträts deutscher Frauen und Männer des 19. Jahrhunderts. Revolutionäre und Reaktionäre, Sozialisten, Liberale, behutsame Reformer und widerständige Archivare – allesamt Akteure eines Umbruchs.

20.07.10

Marquis de Condorcet, Daniel Schulz (Hg.): »Freiheit, Revolution, Verfassung«



Das Gemälde von Carl Wendlin
g (1910) zeigt Pfälzer Freiheitsfreunde zur Zeit der Revolution. Das Bild hängt im Rathaus von Landau
Schon der französische Philosoph und Revolutionär Condorcet wusste, dass ein Parlament allein noch keine Demokratie macht.
Wie viel Mitsprache der Bürger braucht der Staat? Wie viel direkte Demokratie verträgt die Republik? Und vor allem: Wie ist das zu organisieren? Das sind die entscheidenden Fragen, die uns immer wieder zurückführen zu den Anfängen der modernen Demokratie in Europa, in die Tage der Französischen Revolution. Seit einiger Zeit findet dabei ein Denker erneut Beachtung, der die Revolution mit einer Reihe von wichtigen Texten begleitet hat und auch als politisch Handelnder eine bedeutende Rolle einnahm. Die Rede ist vom Marquis de Condorcet, dem Citoyen Caritat.

13.07.10

Kurt Flasch im Radiointerview

Jochen Rack interviewte Flasch für die Sendung "Zeitgenossen" (vom 24.9.2006) und sprach mit ihm u.a. über das katholische Mainz im Nationalsozialismus, über die Einteilung der Geschichte in Epochen, über Augustinus und über die Uni Frankfurt zu Beginn der 60er.

Herbert Marcuse im Interview

Aufnahme: 11.11.1976, BR
Gesprächspartner: Ivo Frenzel, Willy Hochkeppel

http://www.youtube.com/watch?v=Ri9WozzxiDo

11.07.10

Franziska Gräfin zu Reventlow





Sex, Macht und Größenwahn
Dieser Schwabing-Faktor ist nicht zu toppen: Franziska Gräfin zu Reventlow war die heidnische Madonna, die letzte Bohèmienne, die moderne Hetäre - und sie hatte sie alle. Nicht nur alle Ehrentitel, die man in München um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert einsammeln konnte, sondern auch alle geistigen Voraussetzungen, um ihre männlichen Bohème-Spezis locker zu übertrumpfen. Gegen ihre verkniffene adlige Familie rebellierte die Reventlow früh; es folgten Mädchenpensionat, Lehrerinnenseminar und Nietzsche-Begeisterung.


Der große Bohème-Durchbruch gelingt ihr in München, dort ließ sie sich zur Malerin ausbilden und veröffentlichte erste Prosaskizzen. Ludwig Klages, Karl Wolfskehl, Alfred Schuler, Stefan George, Oscar H. Schmitz und Franz Hessel zählten zu ihren Schwabinger Bekannten; ihre Briefe und Tagebücher sind eine unschätzbare Quelle zur intellektuell-erotischen Betriebsdynamik um 1900. 'Warum gehen Liebe und Erotik für mich so ganz auseinander', seufzt die Gräfin in ihrem Tagebuch - und ergreift in Aufsätzen immer Partei für 'das lasterhafte Weib'. Den Schlüsselroman 'Herrn Dames Aufzeichnungen oder Begebenheiten aus einem merkwürdigen Stadtteil' muss man gerade in Zeiten grassierender George-Hysterie nur preisen: Reventlow durchschaut das geschraubte 'Wir'-Pathos und den 'Personenkultus' der 'Wahnmochinger' - so heißen die Schwabinger, die einen auf dionysisch machen. Vor allem aber nimmt sie den mystisch bemäntelten Antisemitismus auseinander, den Klages und Schuler verbreiteten.


Ihr Roman 'Der Geldkomplex' (Untertitel: 'Meinen Gläubigern zugeeignet') vereint analytische Ironie mit lässiger Eleganz: Eine bankrotte Schriftstellerin lässt ihren schmerzhaften Geldkomplex von einem Freudianer behandeln. Psychologie des Geldes, Warencharakter und Geschlechterbeziehungen: Reventlow bringt auf den Punkt, wie Sex, Macht und Größenwahn zusammenhängen. Fast alle Psychosen, meint ihre frivol-scharfsinnige Icherzählerin, seien 'in erster Linie mit Geld zu heilen'.Jutta Person

Franziska Gräfin zu Reventlow: Sämtliche Werke in sechs Bänden. Igel Verlag, Oldenburg 2010. 198 Euro.
sz vom 7.7.2010

08.07.10

I Read Some Marx (And I Liked It)

http://www.youtube.com/watch?v=wyqJ9wxZ9L0

Johannes Agnoli, Subversive Theorie

Im Wintersemester 1989/90 hielt Johannes Agnoli seine letzte Vorlesung an der FU Berlin. Sie wurde zu einer Summe seines Denkens, zum Einspruch gegen die Hoffnungslosigkeit einer linken Bewegung, der die Tradition und damit das historische Selbstbewußtsein abhanden gekommen ist. In subversiver Absicht gibt er die Geschichte der kommunistischen Utopie und beweist die Produktivität noch der Niederlagen. Beginnend mit dem alten Griechenland und dem Spartakusaufstand, über die Bauernkriege, die Renaissance und die Aufklärung hinweg, über Wilhelm Weitling, Karl Marx und Michail Bakunin bis in die Gegenwart hinein, zeigt Agnoli, was es heißt, den Antagonismus gegen Ausbeutung und Herrschaft zu organisieren und ihn zugleich zu denken.
“Die Subversion ist die Arbeit, die die Revolution vorbereitet. Sie ist nicht selbst die Revolution – und diese Arbeit ist notwendig, um der Revolution behilflich zu sein in der schwierigen Zeit ihrer Überwinterung.”

Radiogespräch mit Max Horkheimer

Philosophie als Kulturkritik
http://www.youtube.com/watch?v=cEKVGRyp_k8

07.07.10

06.07.10

Über Knigge


Kennen Sie den? Ein Schiff mit dem Freiherrn von Knigge geht auf hoher See unter. Knigge klammert sich an eine Planke und sucht sich schwimmend zu retten. Da kommt ein großer Hai auf ihn zu; Knigge zückt sein Taschenmesser, bereit, um sein Leben zu kämpfen. Der Hai, der es sieht, schüttelt den Kopf und meint: 'Aber Herr Knigge, Fisch mit Messer?'

Der Witz funktioniert deshalb so gut, weil er die Energien der Schadenfreude entbindet. Der Name des Adolph Freiherrn von Knigge steht ein für das, was Sigmund Freud das Unbehagen in der Kultur nennt, und zwar in seiner schärfsten und starrsten Form. Das Verbot, Fisch mit dem Messer zu essen, kann als pars pro toto für alle möglichen Benimmregeln gelten, für die es keinerlei sachlichen Grund zu geben scheint und die in ihrer daseinserschwerenden Willkür offenbar nur einen Zweck verfolgen: jene feinen Unterschiede zu zementieren, durch die die je höhere gesellschaftliche Schicht sich von der niedrigeren abzusetzen strebt, indem sie deren Manieren der Verachtung preisgibt. Gern hört man da die erfundene Geschichte, wie der archetypische Vertreter solchen Denkens in elementare Nöte gerät, bei denen ihm seine delikaten Künste leider, leider gar nichts helfen.

Burke, Goethe, Benjamin


Dialektik der Aufklärung
1789 gab es in Europa jenseits des reaktionären Lagers zwei bedeutende Intellektuelle, die vom ersten Moment an Feinde der großen Revolution in Frankreich waren: Der Engländer Edmund Burke und der Deutsche Johann Wolfgang Goethe. Burke entwickelte seine Einwände gleichzeitig mit dem sich überstürzenden Geschehen, in dauernder Gefahr, überholt und widerlegt zu werden - doch erwiesen sich seine Einsichten als so scharfsinnig, dass er sogar die Entwicklungen des schnellsten Geschehens aller bisherigen Weltgeschichte voraussagen konnte: So prophezeite er schon 1790 den Umschlag der Revolution in den Terror und ihren Ausgang in die Militärdiktatur eines einzelnen Tyrannen.

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