Walter Benjamin
Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten.
Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht.
Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, Band I, Seite 1241.
Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht.
Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, Band I, Seite 1241.
06.07.10
Über Knigge
Kennen Sie den? Ein Schiff mit dem Freiherrn von Knigge geht auf hoher See unter. Knigge klammert sich an eine Planke und sucht sich schwimmend zu retten. Da kommt ein großer Hai auf ihn zu; Knigge zückt sein Taschenmesser, bereit, um sein Leben zu kämpfen. Der Hai, der es sieht, schüttelt den Kopf und meint: 'Aber Herr Knigge, Fisch mit Messer?'
Der Witz funktioniert deshalb so gut, weil er die Energien der Schadenfreude entbindet. Der Name des Adolph Freiherrn von Knigge steht ein für das, was Sigmund Freud das Unbehagen in der Kultur nennt, und zwar in seiner schärfsten und starrsten Form. Das Verbot, Fisch mit dem Messer zu essen, kann als pars pro toto für alle möglichen Benimmregeln gelten, für die es keinerlei sachlichen Grund zu geben scheint und die in ihrer daseinserschwerenden Willkür offenbar nur einen Zweck verfolgen: jene feinen Unterschiede zu zementieren, durch die die je höhere gesellschaftliche Schicht sich von der niedrigeren abzusetzen strebt, indem sie deren Manieren der Verachtung preisgibt. Gern hört man da die erfundene Geschichte, wie der archetypische Vertreter solchen Denkens in elementare Nöte gerät, bei denen ihm seine delikaten Künste leider, leider gar nichts helfen.
Knigge: Er galt im Haushalt der Großeltern als der Inbegriff dessen, was bei der Erziehung der Enkel verabsäumt worden war und nun, in nachholender Drohgebärde, ihnen doch noch nahegebracht werden sollte, das richtige Hantieren mit dem Essbesteck, das aufrechte Sitzen bei Tisch und Ähnliches. Nichts empörte die Großmutter am sozialdemokratischen Bundespräsidenten Heinemann mehr, als dass er mit Bauarbeitern Bier aus der Flasche trank. (Vater tat das auch, aber da traute sie sich nichts zu sagen, weil sie seinen Spott fürchtete.) Heinemann hielt sich eindeutig nicht an den Knigge! Damit war er erledigt. Knigge: Das war überhaupt keine Person mehr, sondern der Name hatte sich vollkommen verdinglicht, wie Zeppelin ja auch nicht mehr den Erfinder des Luftschiffs meint, sondern dieses selbst. Aber vom Grafen Zeppelin war immerhin noch ein vages Bild übrig geblieben, während Knigge jenen Gipfel des Ruhms erklommen hatte, wo dieser umschlug in sein Gegenteil und der Mann samt seinem Werk sich völlig in der Atmosphäre des Allgemeinen auflöste.
Der Göttinger Wallstein-Verlag, der ja schon viele verdienstvolle Ausgaben halbverschollener Autoren veranstaltet hat, legt jetzt eine vierbändige Edition der Werke Knigges vor. Man erstaunt fast (obwohl man es doch eigentlich wusste), dass es sich dabei um einen richtigen Menschen handelt, einen Menschen von außergewöhnlicher Physiognomie. Sibylle Lewitscharoff, die ein liebevolles, ja zärtliches Vorwort beigesteuert hat, schildert ihn:
'Klein, zäh, dünn, etwas nervös und unbeherrscht, hochsensibel, begabt mit den Kräften, andere zu bezaubern, und von unbändiger Energie sei er gewesen, so wird der Freiherr von Zeitzeugen beschrieben. Will man den überlieferten Portraits Glauben schenken, so steckten kluge, ausdrucksvolle Augen in einem länglichen Gesicht mit großer Nase, besonders lang war der Abstand zwischen Nasenende und Kinnspitze, ja man könnte von einer enorm langen Kinnpartie sprechen, über der ein kleines, mokantes Mündchen saß, welches man sich wiederum sehr beweglich vorstellen muss, denn Knigge war ein lebhafter, in seinen tollen Jugendjahren wohl ein etwas süffisanter Rhetor.'
Unbeherrscht, mokant, toll gar? Das klingt nicht nach dem gravitätischen Pedanten, den man sich wohl erwartet hätte. Nimmt man dann sein oft im Munde geführtes und selten gelesenes Hauptwerk zur Hand, 'Ueber den Umgang mit Menschen', den zweiten Band der Edition, so merkt man schnell, dass sich keine einzige der ihm zugeschriebenen Regeln darin findet, nichts von Fisch mit Messer, nichts davon, wann der Herr der Dame den Vortritt lassen und aus welchem Glas man Weißwein trinken soll. Keine Auskunftei des guten Tons hat er uns hinterlassen, sondern einen Ratgeber des Takts. Er überrascht, enttäuscht gar ein wenig, weil ihm so gar nichts Mechanisches anhaftet. Knigge äußert sich so gut wie überhaupt nicht über die Einzelheiten der bestehenden Konvention; er unternimmt etwas viel Größeres, indem er sie aus einem neuen Geist begründet. Er schreibt: 'Manche Leute glauben, größere Eigenschaften berechtigten sie, die kleinen gesellschaftlichen Schicklichkeiten, die Regeln des Anstands, der Höflichkeit, oder der Vorsicht zu vernachlässigen - Das ist nicht gut gethan. Großer Eigenschaften wegen verzeyht man große Fehler, weil Menschen von feinerm Stoffe heftige Leidenschaften zu haben pflegen; Wo aber keine Leidenschaft im Spiele ist, da soll der bessere Mann auch weiser handeln, als der alltägliche; und es ist nicht weise gehandelt, die unschuldigen Gebräuche der Gesellschaft zu verachten, wenn man in der Gesellschaft leben und würken will.'
Was ist also die Vorschrift wert, man solle den Fisch nicht mit dem Messer essen? Nur so viel, darf man aus der zitierten Passage folgern, wie die Schonung derjenigen, die daran Anstoß nähmen. Knigge würde sie, mit menschenfreundlicher Ironie, zu den 'unschuldigen Gebräuchen' rechnen. Der bessere und der weisere Mann - in ihrer Gleichsetzung gibt sich Knigge als Zeitgenossen der Aufklärung zu erkennen - gibt nach in den kleinen Dingen, aus Rücksicht, und weil es ihn weniger kostet als den minder Einsichtigen. Sie müssen aber dann auch wirklich klein sein; sobald echte Leidenschaften ins Spiel kommen, hat die bloß äußerliche Sitte ihr Recht verloren. Knigge hätte Geduld mit Großmutter gehabt, es ihr aber verwiesen, wenn sie über Heinemann herzieht: Denn auch dieser tat ja das Rechte, indem er sich, die Bierflasche an die Lippen setzend, als Gast den Gebräuchen der Gastgeber fügte.
Knigge stellt fest, dass in Deutschland eine viel größere Unsicherheit in Fragen des Umgangs herrscht als in anderen Ländern, namentlich Frankreich, was er vor allem auf die Abwesenheit eines großen stilbildenden Zentrums zurückführt; so fehle es allerorten am 'Esprit de conduit', wie er das Ding französisch nennt, und es ist bezeichnend, dass ihm hierfür kein völlig passendes deutsches Wort zur Verfügung steht. Als Folge hiervon gerät jeder in die schrecklichste Verlegenheit, sobald er den eigenen kleinen Zirkel verlassen muss. Knigge malt aus, wie es dem biederen Landedelmann ergeht, wenn er in den Vorzimmern der fürstlichen Residenz nicht mit der Leichtigkeit der Höflinge Schritt zu halten vermag, übergangen wird und sich gedemütigt fühlt. Und umgekehrt, was geschähe dem Höfling in einem Dorfgasthaus?
'In der Stadt gilt er für einen angenehmen Gesellschafter; Er spannt alle Segel auf, um auch hier zu glänzen; alein die kleinen Anecdoten, die feinen Züge, worauf er anspielt, sind hier gänzlich unbekannt, gehen verlohren. Man findet ihn medisant, da in der Stadt niemand ihm Verleumdung Schuld giebt; Seine Complimente, die er wahrlich gut meint, hält man für Falschheit; die Süßigkeiten, die er den Frauenzimmern sagt, und die nur höflich und verbindlich seyn sollen, betrachtet man wie Spott. - So groß ist die Verschiedenheit des Tons unter zweyerley Classen von Menschen!'
Das Verhältnis der Begriffe Mensch und Klasse ist bei Knigge ein ganz eigenes. Einen Klassenstandpunkt bezieht er nicht; es kommt ihm nicht in den Sinn, einer Klasse recht gegen eine andere zu geben oder den Unterschied aufheben zu wollen. Knigges Buch erscheint in erster Auflage 1790, in der dritten in seinem Todesjahr 1796, es befindet sich also in genauer Zeitgenossenschaft zur Französischen Revolution, deren Erschütterungen auch in Deutschland mächtigen Widerhall fanden. Aber bei ihm wird das Allgemeinmenschliche nicht zur politischen Grundsatzforderung, wie sie in den Parolen von Fraternité und Egalité erklang. Das Menschliche bedeutet ihm vor allem die Chance der achtungsvollen Verständigung unter Wesen, die ihren Lebensumständen nach sehr verschieden sind und bleiben müssen, aber einander mit der Achtung begegnen sollen, die ein Geschöpf dem anderen schuldet, es stehe hoch oder niedrig. Die wenigen Gelegenheiten, wo der Leser den Autor im Zustand wirklichen Zorns erleben kann, betreffen immer die Arroganz der Herrschenden, die er, auch hier ganz unpolitisch in seiner Wortwahl, als 'die Großen' bezeichnet. Nie sollten sie vergessen, 'daß sie, was sie sind und was sie haben, nur durch Uebereinkunft des Volks sind und haben; daß man ihnen diese Vorrechte wieder nehmen kann, wenn sie Misbrauch davon machen; daß unsre Güter und unsre Existenz nicht ihr Eigenthum ist, weil wir dafür alle ihre und der Ihrigen Bedürfnisse befriedigen und ihnen noch obendrein Rang und Ehre und Sicherheit geben und Geiger und Pfeifer bezahlen'.
Hier machen sich freilich Rousseau und die Idee des Gesellschaftsvertrags geltend; aber Knigge unterlässt nicht hinzuzufügen: 'Es versteht sich, daß diese Wahrheiten einiger Einkleidung bedürfen, wenn sie den verwöhnten Ohren der Großen harmonisch klingen sollen.' Ob dieses Verständigungsproblem auf dem Weg der gehörigen Einkleidung wohl zu lösen wäre? Knigge ehrt die Vernunft; für die Feststellung konfligierender Interessenlagen hat er kein Instrumentarium. Er selbst gehört dem verarmten Landadel an; niemals gelingt es ihm, die verschuldeten väterlichen Güter zurückzugewinnen, er muss sich ohne Erbe durchschlagen und tut dies erst, indem er sich an verschiedenen kleinen deutschen Fürstenhöfen verdingt, später mit wechselndem Erfolg als freier Schriftsteller, befindet sich also in einem schwierigen Mittelbereich von aristokratischer Herkunft und bürgerlicher Existenz. Im Überschwang der französischen Ereignisse entschließt er sich, seinen Adel von sich zu tun, und nennt sich künftig statt 'Adolph Freiherr von Knigge' nur noch - na, was erwartet man? - 'Adolph Freiherr Knigge', ohne 'von'. Ja, Freiherr sei er in der Tat, nämlich frei von Vorurteilen! Als jakobinischen Befreiungsschlag wird man das schwerlich verbuchen wollen.
Knigges Buch hat zu seiner Voraussetzung im Grunde eine ständische Ordnung. Das hört sich rückständig an, erweist sich aber darin als produktiv, dass es die Möglichkeit bietet, einen jeden nach seinem Bedürfnis zu behandeln. Die Stände, im Unterschied zu den ewig streitenden Klassen, können sich ganz gut miteinander vertragen. Und so enthält das Werk viele Kapitel, die davon handeln, was man beim Verkehr mit Ärzten, Geistlichen, Schauspielern, Offizieren, Handwerkern, Goldmachern, Pferdehändlern zu bedenken hat. Wie großzügig das Ständische die Menschheit unter dem Gesichtspunkt ihrer stets legitimen Verschiedenartigkeit denkt, zeigt sich daran, dass Knigge hier auf völlig gleiche Weise auch zum Beispiel die Betrunkenen einreiht, welche er keineswegs verachtet, sondern als das nimmt, was sie sind, solange sie es sind.
Außer dem 'Umgang mit Menschen' umfasst die Werkausgabe noch drei weitere Bände, und, um es kurz zu machen, sie fesseln nicht ganz so stark. Es gehören dazu zwei Romane, die die klassischen Merkmale von Schelmenroman und Reisebericht als Köder auslegen, um den Leser in Utopien der idealen Gesellschaft hineinzulocken. Die 'Geschichte Peter Clausens' berichtet von einem norddeutschen Tunichtgut, der allerlei Fährnisse zu bestehen hat, vor allem aber eine Art Flaschenpost findet, die das Leben auf einer paradiesischen Südseeinsel schildert. 'Benjamin Noldmann"s Geschichte der Aufklärung in Abyssinien oder Nachricht von seinem und seines Herrn Vetters Aufenthalte an dem Hofe des großen Negus, oder Priesters Johannes' setzt, mit Rücksicht auf die Zensur, dieses wenig bekannte afrikanische Land als Platzhalter für die deutschen Zustände ein und ergeht sich in einer konstruierten Geschichte der Staatsformen von der Urgeschichte bis in eine bessere Zukunft hinein.
Obwohl Knigge immer eine unterhaltsame Feder führt, fehlt es diesen zwei Großprojekten doch genau an dem, was den Charme seines Hauptwerks ausmacht, dem ruhigen Zutrauen in die Überredbarkeit und den Besserungswillen der Menschheit, dem gelassen Informellen; es handelt sich unter der Decke der Unterhaltungsliteratur um förmliche Verfassungsentwürfe. Den zweiten, die Aufklärung in Abyssinien, hat Knigge sogar dem französischen Nationalkonvent eingereicht. Ein kürzerer Text indes verdient besondere Aufmerksamkeit: 'Rückblicke, auf den, wenn Gott will, für Teutschland nun bald geendigten Krieg'. Hier betrachtet Knigge Legitimation und Chancen des Feldzugs der Alliierten gegen das revolutionäre Frankreich. Nicht nur sagt er darin korrekt den Misserfolg der Unternehmung voraus, obwohl es zunächst keineswegs danach aussah; und nicht nur prophezeit er den Terror der Sansculotten, sobald das Land von außen angegriffen werden wird; so dass der Text allein schon als eine hellseherische Leistung erstaunt. Sondern mit einer Klarheit, die er in politischen Angelegenheiten sonst eigentlich nie aufbringt, setzt Knigge hier das idealistische Programm der Revolutionäre, für dessen illusionäre Verstiegenheit das konservative Europa Frankreich mit Hohn und Spott bedachte, ins genaue Verhältnis zu dessen pragmatischer Notwendigkeit:
'Grillen und Träume sind nun wohl die, von den Franzosen an das Licht gezogene ursprüngliche Menschenrechte nicht; allein dass sie bey der Anwendung auf die bürgerliche Gesellschaft eine große Modification leiden müssen; das ist sehr begreiflich. Indessen war es denn doch nothwendig, bey Umschmelzung einer gänzlich verderbten Staatsverfassung, damit anzufangen, daß man die ersten Elementar-Ideen wieder hervorsuchte, von welchen man vernünftiger Weise ausgehen muß, um die bürgerlichen Einrichtungen so wenig wie möglich mit den natürlichen Verhältnissen der Menschen gegen einander in Widerspruch zu setzen. So wie etwa der, welcher den übertriebenen und üppigen Aufwand in der Kleidung abschaffen wollte, sehr weislich daran handeln würde, wenn er die Menschen voraus daran erinnerte, daß ursprünglich der Zweck aller Kleidung nur der sey, seine Blöße zu decken.'
Es tut sehr wohl, Adolph Freiherrn Knigge, den so oft unterschätzten und missdeuteten Vertreter einer Humanität des Taktes, in dieser Weise auch einmal als kraftvollen Meister der dialektischen Gleichnisrede zu erleben.
BURKHARD MÜLLER
ADOLPH FREIHERR KNIGGE: Werke in vier Bänden. Herausgegeben von Günter Jung, Michael Rüppel, Christine Schrader, Paul Raabe, Pierre-André Bois und Wolfgang Fenner. Mit einem Essay von Sibylle Lewitscharoff. Wallstein Verlag, Göttingen 2010. 1834 Seiten, 49 Euro.
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