Der Film ist eine Collage aus Texten von James Baldwin, die ein Sprecher liest, und zeitgenössichen Filmaufnahmen.
Walter Benjamin
Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten.
Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht.
Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, Band I, Seite 1241.
Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht.
Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, Band I, Seite 1241.
23.03.19
Raoul Peck: I Am Not Your Negro (2017)
Der Film ist eine Collage aus Texten von James Baldwin, die ein Sprecher liest, und zeitgenössichen Filmaufnahmen.
Kenah Cusanit: Babel
Das Photo hielt nicht das Photographierte fest, es hielt die
Zeit fest und prophezeite zugleich deren Vergehen. (S. 28)
Zurzeit floss der Euphrat wieder ungefähr so, wie
Nebukadnezar ihn hatte fließen sehen. Nebukadnezar schien überhaupt einige
Sichtweisen mit ihnen geteilt zu haben. Sie blickten auf seine Geschichte, wie
er auf die Geschichte seiner sumerischen Vorfahren geblickt hatte, sie
dokumentiert und reproduziert und, worauf einige Räume in seinem Palast
schließen ließen, auch wie in einem Museum repräsentiert hatte, was vor
zweitausend Jahren Zeugnis abgelegt hatte über eine Zeit, die er geglaubt hatte
nur genug studieren zu müssen, um darin einen Verweis auf seine eigene Zeit
finden zu können. ( S. 101)
Dann komme man nicht umhin, so Delitzsch, die Keilschrift
von Neuem zu entziffern. (S. 128)
Es scheine also Koldewey, als fordere die Wissenschaft von
ihren Anhängern nicht nur einen weitaus intensiveren Glauben ein, sondern sogar
die masochistische Bereitschaft, darauf gefasst zu sein, dass dieser Glauben
morgen nicht mehr gültig sei. (S. 142)
Und darüber, dass man dann obwohl auf diesem Territorium
überwiegend Schiiten zu Hause waren, eine Regierung wohl dennoch aus Sunniten
bilden müsste, weil nur diese Glaubensgruppe durch ihre langjährige Arbeit in
der Osmanischen Verwaltung über ausreichend administrative Erfahrung verfügte?
Und dass genau hier der Problemorient begänne, mit dem Bismarck nichts zu tun
haben wollte? (S. 158)
(…) was vor einigen Jahrzehnten noch üblich war:
unterschiedlichen Beschäftigungen nachzugehen, ohne über deren Verschiedenheit
nachzudenken, noch nicht das Gefühl zu haben, sie seien nicht nur verschieden,
sondern vor allem einzigartig, so einzigartig, dass sich ein Mensch den ganze
Tag mit ihnen beschäftigen müsse; (S. 169)
Es hieß ja, dass die Sumerer und Babylonier der Zukunft mit
dem Rücken zugewandt entgegengeschritten waren. Zumindest ließen die Schriftzeichen
für Vergangenheit und Zukunft darauf schließen. Das Zeichen für Zukunft konnte
außerdem „hinten“ und „Rückseite“ bedeuten, Vergangenheit auch „Gesicht“ und „vorn“.
Ähnlich im Hebräischen: vorn die Vergangenheit, hinten die Zukunft.
Dementsprechend hatten die Mesopotamier nicht gesagt, dass die Zukunft vor
ihnen liege und die Vergangenheit hinter ihnen, wie die Europäer es gewöhnlich
taten. Sie waren in die Zukunft gegangen, die Vergangenheit vor Augen, als habe
ihr Weg in die Zukunft immer über Vergangenes geführt und nie ohne zeitgleichen
Rückbezug stattgefunden, Erinnerung an etwas, das ihnen für die Zukunft
hilfreich wäre. (S. 176)
(…) das menschliche Dilemma des Zwiegespaltenseins,
irgendwie einen Körper zu haben und gleichzeitig ein Körper zu sein (…). (S.
219)
Der Kaiser [Wilhelm II.] wollte einen Nationalstil
etablieren, indem er eine heimische Tradition erneuerte. Den Stil, aber nicht
die Gebäude, wie die originalbarocken Bürgerhäuser am Rande des
Schleusenkanals, die er nicht hatte neu gestalten, sondern abreißen lassen,
damit sie nicht die Sicht auf sein barockes Schloss verstellten. (S. 230)
23.09.18
Armin Eich: Geschichte des Krieges
Armin Eich hat mit seinem Buch Die
Söhne des Mars. Eine Geschichte des Krieges von der Steinzeit bis zum
Ende der Antike eine Studie von hohem aufklärerischem Wert vorgelegt.
Der Althistoriker schreibt glücklicherweise nicht eine Geschichte der
kleinen und großen Schlachten der Frühgeschichte und Antike, sondern
versucht vielmehr die historische Genese und die Entwicklungsdynamik des
Krieges darzustellen. Hier die Besprechung, durch die ich auf das Buch gestoßen war.
Blackkklansman
Verena Luecken, FAZ, 22.8.2018
Satire, bitterernst: Spike Lees „BlacKkKlansman“ über den
Afroamerikaner Ron Stallworth, der Mitglied des Ku-Klux-Klans wurde, erzählt
von Ereignissen, die vor vierzig Jahren stattfanden. Und kommt dennoch keinen
Tag zu spät.
23.07.18
Volker Weiß: Die autoritäre Revolte
Im Januar 2018 habe ich mit Gewinn das Buch "Die autoritäre Revolte" von Volker
Weiß gelesen. Während es im investigativ-journalistischen Stil beginnt, wird es bis zum
Schluss immer besser und polemischer. Richtig gut ist dann, wie der Autor mit
Foucault den heutigen Antirassismus und mit Palästina-Freund Klaus Holz
den Islamismus kritisiert. Tübingen kommt an zwei Stellen vor:
Die hier 1959 gegründete Katholische (später: Konservative) Front führte die kreativen Protestformen in Deutschland ein. https://de.wikipedia.org/wiki/Marcel_Hepp
Der rechte Carl Schmitt-Kenner Günter Maschke heiratete 1965 in Tübingen die Schwester von Gudrun Ensslin. In Tübingen studierte Maschke Philosophie bei Ernst Bloch und war von 1963 bis 1964 Redakteur der Studentenzeitung Notizen. 1964 fand er Anschluss an die radikal-linke situationistische „Subversive Aktion“ Tübingen. Nach deren Auflösung 1966 engagierte sich Maschke im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS). https://de.wikipedia.org/wiki/G%C3%BCnter_Maschke
Es ist erfreulich, dass das Buch von Volker Weiß in den Feuilletons auf großes Interesse gestoßen ist, weil es z.B. den Unterschied zwischen Konservativen und Rechten erhellt und die Islamfreundschaft der Identitären und Völkischen beschreibt.
Die hier 1959 gegründete Katholische (später: Konservative) Front führte die kreativen Protestformen in Deutschland ein. https://de.wikipedia.org/wiki/Marcel_Hepp
Der rechte Carl Schmitt-Kenner Günter Maschke heiratete 1965 in Tübingen die Schwester von Gudrun Ensslin. In Tübingen studierte Maschke Philosophie bei Ernst Bloch und war von 1963 bis 1964 Redakteur der Studentenzeitung Notizen. 1964 fand er Anschluss an die radikal-linke situationistische „Subversive Aktion“ Tübingen. Nach deren Auflösung 1966 engagierte sich Maschke im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS). https://de.wikipedia.org/wiki/G%C3%BCnter_Maschke
Es ist erfreulich, dass das Buch von Volker Weiß in den Feuilletons auf großes Interesse gestoßen ist, weil es z.B. den Unterschied zwischen Konservativen und Rechten erhellt und die Islamfreundschaft der Identitären und Völkischen beschreibt.
15.07.18
Raumpatrouille
Wie man Kindheitserinnerungen zu Papier bringen kann, zeigt Matthias Brandt in seinem Buch Raumpatrouille. Er entwickelt aus den Erinnerungen kleine Szenen, die als Kapitel nur lose miteinander verbunden sind (die Übergänge sind offensichtlich, die Szenen weniger offensichtlich konstruiert). In diesen Episoden tauchen dann Personen, Gesten und vor allem auch Dinge auf, die, vermutlich als Bilder, im Gedächtnis geblieben sind.
14.07.18
Éric Vuillard: Die Tagesordnung
Das Buch beginnt auf Seite 7 und endet auf Seite 118. Der Autor ist ein Freund der kleinen Form. Interessant ist der Vergleich mit Christian Krachts Die Toten, auch er schreibt ja keine opulente Schwarten und beide widmen sich historischen Stoffen. Vuillard beschreibt hier Hitlers Bündnis mit der Industrie, den Anschluss Österreichs und das Münchner Abkommen, dabei ist sein Erzähler nah am Geschehen, er ist engagiert bis pathetisch. Man gewinnt bei Vuillard den Eindruck, dass er weiß, was er mit seinem Buch will. Krachts Erzähler im Roman über das deutsch-japanische Bündnis nimmt eine distanziert-kühle bis satirische Haltung ein. Der Autor scheint mit seinem Buch kein über Unterhaltung hinausgehendes Ziel zu verfolgen. Für genauere, die Gestalt betreffende, Aussagen müsste ich nun die Bücher ein zweites Mal lesen.
Karl Marx in Paris
In Vorbereitung auf die Marx-Ausstellung in Trier habe ich Jan Gerbers "Karl Marx in Paris" gelesen, das in einem unterhaltsamen, populärwissenschaftlichen Ton geschrieben ist. Das Buch ist entlang biografischer Stationen gegliedert, so auch der erste Teil der Ausstellung im Simeonstift, wobei in Gerbers Buch, anders als dort, jeweils auch beschrieben ist, womit sich Marx in Berlin, Köln, Paris und Manchester beschäftigt hat. Die Inhalte seines Werks sind in Trier im zweiten Teil der Ausstellung (im ohnehin sehr sehenswerten Rheinischen Landesmuseum) anschaulich gemacht. Gerber untersucht also, wo Marx die "drei Quellen" (Lenin) seines Werkes entdeckte. Die idealistische Philosophie lernte er in Berlin kennen, die Revolution in Paris und das Proletariat in England. Gerber stellt dar, inwiefern die Begriffe Revolution und Proletariat zeitgebunden waren. Die ökonomischen Studien, die Marx nach dem Scheitern der 48er Revolution und auf Raten von Friedrich Engels in London begonnen hat, sind nicht Teil dieses Essays, wie Gerber sein Buch irgendwo nennt.
06.07.18
Radsport
Bernhard Torsch über Gino Bartali
Roland Kaufhold über den Rennradfahrer Albert »Teddy« Richter
Robert Herr über den Arbeiter-Radfahrerbund Solidarität
17.05.18
Operation Crossbow (1965)
Lilli Palmer als Frieda, die Hotelière; George Peppard als Lt. John Curtis; Sophia Loren als Nora
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Dominik Graf (Die Zeit 19/2018):
Die Träne von Sophia Loren
Der Regisseur Dominik Graf über Michael Anderson,
den letzten großen Erzähler von Kriegsdramen
Michael Anderson verfügte über jenes geradlinige,
aber den Zuschauer süchtig machende Regiehandwerk, mit dem er die
brutalsten Unausweichlichkeiten für seine Hauptfiguren derart knapp
und still auf den Punkt bringen konnte, dass einem danach die Welt wie in
Eis erstarrt schien. Andersons größter Erfolg war zwar 1956 die
fröhliche Jules-Verne-Adaption In 80 Tagen um die Welt, aber in seinen
Inszenierungen spürte man stets den Weltkrieg, den er als britischer
Soldat erlebt hatte. Sein erster Triumph, der Royal-Air-Force-Heldengesang
Mai 1943 (1955) über die spektakuläre Zerstörung der Ruhrtalsperren
1943, gab in Breitwand-Dimension den typischen Anderson-Erzählton
vor: die Mischung aus tiefem inneren Feuer und entwaffnender Sachlichkeit.
Im Star-gespickten Film Geheimaktion Crossbow (1965),
der die Zerstörung der nazideutschen V2-Raketen-Zentrale erzählt,
wird selbst das finale Flammeninferno in den Schatten gestellt vom
Auftritt Sophia Lorens. Sie spielt die Frau eines Raketeningenieurs,
dessen Namen ein britischer Agent angenommen hat. Loren weiß nicht,
dass ihr Mann tot ist. In dessen Hotelzimmer in Brüssel trifft sie auf
George Peppard, der sich als Freund ausgibt. Sie sieht ihr eigenes Bild
mit ihren Kindern auf dem Schreibtisch, dann kommt die Gestapo zu einer
Ausweiskontrolle, und sie erfährt, dass in Peppards Pass der Name ihres
Mannes steht: das Gesicht der Loren, als sie begreift, was sie gar nicht
wissen dürfte! Peppard hält sie in dem Zimmer fest, bietet ihr Weißwein
an. Loren fleht, er möge ihr doch vertrauen, sie werde nichts verraten,
sie wolle nur zurück zu ihren Kindern. Schließlich, nachdem sie von
Emotionen und Alkohol erschöpft ist, beendet eine sagenhafte
Großaufnahme – nur eine einzige Träne auf Lorens Wange – die Szene.
Abblende.
Am nächsten Morgen verlässt Peppard das Hotelzimmer
und sagt zur von Lili Palmer gespielten Chefin des Hauses (auch sie eine
Agentin für die Engländer), Loren sei vertrauenswürdig, sie solle sie
gehen lassen. Kaum ist er fort, kommt Palmer mit einem Wäschewagen und
Wäsche unterm Arm ins Zimmer. Darunter umklammert sie eine Pistole
mit Schalldämpfer. Loren starrt sie nur an, Palmer schießt dreimal,
entsetzt von ihrer eigenen Herzlosigkeit, die sie dem harten Leben im
Widerstand verdankt. Der Wagen ist für Lorens Leiche. Sie hätte alles
verraten, durch ihre Kinder war sie erpressbar.
Alle, die man mag in diesem Film, sterben.
Soviel man weiß, soll Michael Anderson, mit dem wir nun
den letzten großen englischen Erzähler von Kriegsdramen verloren
haben, ein äußerst liebenswerter Zeitgenosse gewesen sein.
Michael Anderson * 30. 1. 1920 † 25. 4. 2018
15.05.18
zwei DEFA-Filme

Konrad Wolf
Konrad Wolf (* 20. Oktober 1925 in Hechingen; †
7. März 1982 in Ost-Berlin), der kurz vor Kriegsende als Soldat der Roten Armee zurück nach Deutschland kam, erzählt in Ich war neunzehn (1968) sehr einprägsam von seinen Erlebnissen, Freunden und Begegnungen in diesem Frühjahr 1945.
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Die Frau und der Fremde (1985)
Der DEFA-Film entstand unter der Regie von Rainer Simon. Im
selben Jahr erhielt das Werk an der Berlinale den Goldenen Bären. Es blieb der
einzige in der DDR hergestellte Film, der jemals diese Auszeichnung gewann. Der Film spielt 1918 und er setzt Gefühle ins Bild: Sehnsucht, Liebe, Enttäuschung.
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