Das Photo hielt nicht das Photographierte fest, es hielt die
Zeit fest und prophezeite zugleich deren Vergehen. (S. 28)
Zurzeit floss der Euphrat wieder ungefähr so, wie
Nebukadnezar ihn hatte fließen sehen. Nebukadnezar schien überhaupt einige
Sichtweisen mit ihnen geteilt zu haben. Sie blickten auf seine Geschichte, wie
er auf die Geschichte seiner sumerischen Vorfahren geblickt hatte, sie
dokumentiert und reproduziert und, worauf einige Räume in seinem Palast
schließen ließen, auch wie in einem Museum repräsentiert hatte, was vor
zweitausend Jahren Zeugnis abgelegt hatte über eine Zeit, die er geglaubt hatte
nur genug studieren zu müssen, um darin einen Verweis auf seine eigene Zeit
finden zu können. ( S. 101)
Dann komme man nicht umhin, so Delitzsch, die Keilschrift
von Neuem zu entziffern. (S. 128)
Es scheine also Koldewey, als fordere die Wissenschaft von
ihren Anhängern nicht nur einen weitaus intensiveren Glauben ein, sondern sogar
die masochistische Bereitschaft, darauf gefasst zu sein, dass dieser Glauben
morgen nicht mehr gültig sei. (S. 142)
Und darüber, dass man dann obwohl auf diesem Territorium
überwiegend Schiiten zu Hause waren, eine Regierung wohl dennoch aus Sunniten
bilden müsste, weil nur diese Glaubensgruppe durch ihre langjährige Arbeit in
der Osmanischen Verwaltung über ausreichend administrative Erfahrung verfügte?
Und dass genau hier der Problemorient begänne, mit dem Bismarck nichts zu tun
haben wollte? (S. 158)
(…) was vor einigen Jahrzehnten noch üblich war:
unterschiedlichen Beschäftigungen nachzugehen, ohne über deren Verschiedenheit
nachzudenken, noch nicht das Gefühl zu haben, sie seien nicht nur verschieden,
sondern vor allem einzigartig, so einzigartig, dass sich ein Mensch den ganze
Tag mit ihnen beschäftigen müsse; (S. 169)
Es hieß ja, dass die Sumerer und Babylonier der Zukunft mit
dem Rücken zugewandt entgegengeschritten waren. Zumindest ließen die Schriftzeichen
für Vergangenheit und Zukunft darauf schließen. Das Zeichen für Zukunft konnte
außerdem „hinten“ und „Rückseite“ bedeuten, Vergangenheit auch „Gesicht“ und „vorn“.
Ähnlich im Hebräischen: vorn die Vergangenheit, hinten die Zukunft.
Dementsprechend hatten die Mesopotamier nicht gesagt, dass die Zukunft vor
ihnen liege und die Vergangenheit hinter ihnen, wie die Europäer es gewöhnlich
taten. Sie waren in die Zukunft gegangen, die Vergangenheit vor Augen, als habe
ihr Weg in die Zukunft immer über Vergangenes geführt und nie ohne zeitgleichen
Rückbezug stattgefunden, Erinnerung an etwas, das ihnen für die Zukunft
hilfreich wäre. (S. 176)
(…) das menschliche Dilemma des Zwiegespaltenseins,
irgendwie einen Körper zu haben und gleichzeitig ein Körper zu sein (…). (S.
219)
Der Kaiser [Wilhelm II.] wollte einen Nationalstil
etablieren, indem er eine heimische Tradition erneuerte. Den Stil, aber nicht
die Gebäude, wie die originalbarocken Bürgerhäuser am Rande des
Schleusenkanals, die er nicht hatte neu gestalten, sondern abreißen lassen,
damit sie nicht die Sicht auf sein barockes Schloss verstellten. (S. 230)
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