Walter Benjamin

Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten.
Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht.

Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, Band I, Seite 1241.

23.03.19

Kenah Cusanit: Babel


Das Photo hielt nicht das Photographierte fest, es hielt die Zeit fest und prophezeite zugleich deren Vergehen. (S. 28)
Zurzeit floss der Euphrat wieder ungefähr so, wie Nebukadnezar ihn hatte fließen sehen. Nebukadnezar schien überhaupt einige Sichtweisen mit ihnen geteilt zu haben. Sie blickten auf seine Geschichte, wie er auf die Geschichte seiner sumerischen Vorfahren geblickt hatte, sie dokumentiert und reproduziert und, worauf einige Räume in seinem Palast schließen ließen, auch wie in einem Museum repräsentiert hatte, was vor zweitausend Jahren Zeugnis abgelegt hatte über eine Zeit, die er geglaubt hatte nur genug studieren zu müssen, um darin einen Verweis auf seine eigene Zeit finden zu können. ( S. 101)
Dann komme man nicht umhin, so Delitzsch, die Keilschrift von Neuem zu entziffern. (S. 128)
Es scheine also Koldewey, als fordere die Wissenschaft von ihren Anhängern nicht nur einen weitaus intensiveren Glauben ein, sondern sogar die masochistische Bereitschaft, darauf gefasst zu sein, dass dieser Glauben morgen nicht mehr gültig sei. (S. 142)
Und darüber, dass man dann obwohl auf diesem Territorium überwiegend Schiiten zu Hause waren, eine Regierung wohl dennoch aus Sunniten bilden müsste, weil nur diese Glaubensgruppe durch ihre langjährige Arbeit in der Osmanischen Verwaltung über ausreichend administrative Erfahrung verfügte? Und dass genau hier der Problemorient begänne, mit dem Bismarck nichts zu tun haben wollte? (S. 158)
(…) was vor einigen Jahrzehnten noch üblich war: unterschiedlichen Beschäftigungen nachzugehen, ohne über deren Verschiedenheit nachzudenken, noch nicht das Gefühl zu haben, sie seien nicht nur verschieden, sondern vor allem einzigartig, so einzigartig, dass sich ein Mensch den ganze Tag mit ihnen beschäftigen müsse; (S. 169)
Es hieß ja, dass die Sumerer und Babylonier der Zukunft mit dem Rücken zugewandt entgegengeschritten waren. Zumindest ließen die Schriftzeichen für Vergangenheit und Zukunft darauf schließen. Das Zeichen für Zukunft konnte außerdem „hinten“ und „Rückseite“ bedeuten, Vergangenheit auch „Gesicht“ und „vorn“. Ähnlich im Hebräischen: vorn die Vergangenheit, hinten die Zukunft. Dementsprechend hatten die Mesopotamier nicht gesagt, dass die Zukunft vor ihnen liege und die Vergangenheit hinter ihnen, wie die Europäer es gewöhnlich taten. Sie waren in die Zukunft gegangen, die Vergangenheit vor Augen, als habe ihr Weg in die Zukunft immer über Vergangenes geführt und nie ohne zeitgleichen Rückbezug stattgefunden, Erinnerung an etwas, das ihnen für die Zukunft hilfreich wäre. (S. 176)
(…) das menschliche Dilemma des Zwiegespaltenseins, irgendwie einen Körper zu haben und gleichzeitig ein Körper zu sein (…). (S. 219)
Der Kaiser [Wilhelm II.] wollte einen Nationalstil etablieren, indem er eine heimische Tradition erneuerte. Den Stil, aber nicht die Gebäude, wie die originalbarocken Bürgerhäuser am Rande des Schleusenkanals, die er nicht hatte neu gestalten, sondern abreißen lassen, damit sie nicht die Sicht auf sein barockes Schloss verstellten. (S. 230)

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