Lilli Palmer als Frieda, die Hotelière; George Peppard als Lt. John Curtis; Sophia Loren als Nora
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Dominik Graf (Die Zeit 19/2018):
Die Träne von Sophia Loren
Der Regisseur Dominik Graf über Michael Anderson,
den letzten großen Erzähler von Kriegsdramen
Michael Anderson verfügte über jenes geradlinige,
aber den Zuschauer süchtig machende Regiehandwerk, mit dem er die
brutalsten Unausweichlichkeiten für seine Hauptfiguren derart knapp
und still auf den Punkt bringen konnte, dass einem danach die Welt wie in
Eis erstarrt schien. Andersons größter Erfolg war zwar 1956 die
fröhliche Jules-Verne-Adaption In 80 Tagen um die Welt, aber in seinen
Inszenierungen spürte man stets den Weltkrieg, den er als britischer
Soldat erlebt hatte. Sein erster Triumph, der Royal-Air-Force-Heldengesang
Mai 1943 (1955) über die spektakuläre Zerstörung der Ruhrtalsperren
1943, gab in Breitwand-Dimension den typischen Anderson-Erzählton
vor: die Mischung aus tiefem inneren Feuer und entwaffnender Sachlichkeit.
Im Star-gespickten Film Geheimaktion Crossbow (1965),
der die Zerstörung der nazideutschen V2-Raketen-Zentrale erzählt,
wird selbst das finale Flammeninferno in den Schatten gestellt vom
Auftritt Sophia Lorens. Sie spielt die Frau eines Raketeningenieurs,
dessen Namen ein britischer Agent angenommen hat. Loren weiß nicht,
dass ihr Mann tot ist. In dessen Hotelzimmer in Brüssel trifft sie auf
George Peppard, der sich als Freund ausgibt. Sie sieht ihr eigenes Bild
mit ihren Kindern auf dem Schreibtisch, dann kommt die Gestapo zu einer
Ausweiskontrolle, und sie erfährt, dass in Peppards Pass der Name ihres
Mannes steht: das Gesicht der Loren, als sie begreift, was sie gar nicht
wissen dürfte! Peppard hält sie in dem Zimmer fest, bietet ihr Weißwein
an. Loren fleht, er möge ihr doch vertrauen, sie werde nichts verraten,
sie wolle nur zurück zu ihren Kindern. Schließlich, nachdem sie von
Emotionen und Alkohol erschöpft ist, beendet eine sagenhafte
Großaufnahme – nur eine einzige Träne auf Lorens Wange – die Szene.
Abblende.
Am nächsten Morgen verlässt Peppard das Hotelzimmer
und sagt zur von Lili Palmer gespielten Chefin des Hauses (auch sie eine
Agentin für die Engländer), Loren sei vertrauenswürdig, sie solle sie
gehen lassen. Kaum ist er fort, kommt Palmer mit einem Wäschewagen und
Wäsche unterm Arm ins Zimmer. Darunter umklammert sie eine Pistole
mit Schalldämpfer. Loren starrt sie nur an, Palmer schießt dreimal,
entsetzt von ihrer eigenen Herzlosigkeit, die sie dem harten Leben im
Widerstand verdankt. Der Wagen ist für Lorens Leiche. Sie hätte alles
verraten, durch ihre Kinder war sie erpressbar.
Alle, die man mag in diesem Film, sterben.
Soviel man weiß, soll Michael Anderson, mit dem wir nun
den letzten großen englischen Erzähler von Kriegsdramen verloren
haben, ein äußerst liebenswerter Zeitgenosse gewesen sein.
Michael Anderson * 30. 1. 1920 † 25. 4. 2018

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