Walter Benjamin

Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten.
Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht.

Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, Band I, Seite 1241.

17.05.18

Operation Crossbow (1965)













Lilli Palmer als Frieda, die Hotelière; George Peppard als Lt. John Curtis; Sophia Loren als Nora
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Dominik Graf (Die Zeit 19/2018):

Die Trä­ne von So­phia Lo­ren
Der Re­gis­seur Do­mi­nik Graf über Mi­cha­el An­der­son, den letz­ten gro­ßen Er­zäh­ler von Kriegs­dra­men
Mi­cha­el An­der­son ver­füg­te über je­nes ge­rad­li­ni­ge, aber den Zu­schau­er süch­tig ma­chen­de Re­gie­hand­werk, mit dem er die bru­tals­ten Un­aus­weich­lich­kei­ten für sei­ne Haupt­fi­gu­ren der­art knapp und still auf den Punkt brin­gen konn­te, dass ei­nem da­nach die Welt wie in Eis er­starrt schien. An­der­sons größ­ter Er­folg war zwar 1956 die fröh­li­che Ju­les-Ver­ne-Ad­ap­ti­on In 80 Ta­gen um die Welt, aber in sei­nen In­sze­nie­run­gen spür­te man stets den Welt­krieg, den er als bri­ti­scher Sol­dat er­lebt hat­te. Sein ers­ter Tri­umph, der Roy­al-Air-Force-Hel­den­ge­sang Mai 1943 (1955) über die spek­ta­ku­lä­re Zer­stö­rung der Ruhr­talsper­ren 1943, gab in Breit­wand-Di­men­si­on den ty­pi­schen An­der­son-Er­zähl­ton vor: die Mi­schung aus tie­fem in­ne­ren Feu­er und ent­waff­nen­der Sach­lich­keit.

Im Star-ge­spick­ten Film Ge­heim­ak­ti­on Cross­bow (1965), der die Zer­stö­rung der na­zi­deut­schen V2-Ra­ke­ten-Zen­tra­le er­zählt, wird selbst das fi­na­le Flam­men­in­fer­no in den Schat­ten ge­stellt vom Auf­tritt So­phia Lo­rens. Sie spielt die Frau ei­nes Ra­ke­ten­in­ge­nieurs, des­sen Na­men ein bri­ti­scher Agent an­ge­nom­men hat. Lo­ren weiß nicht, dass ihr Mann tot ist. In des­sen Ho­tel­zim­mer in Brüs­sel trifft sie auf Ge­or­ge Peppard, der sich als Freund aus­gibt. Sie sieht ihr ei­ge­nes Bild mit ih­ren Kin­dern auf dem Schreib­tisch, dann kommt die Ge­sta­po zu ei­ner Aus­weis­kon­trol­le, und sie er­fährt, dass in Peppards Pass der Na­me ih­res Man­nes steht: das Ge­sicht der Lo­ren, als sie be­greift, was sie gar nicht wis­sen dürf­te! Peppard hält sie in dem Zim­mer fest, bie­tet ihr Weiß­wein an. Lo­ren fleht, er mö­ge ihr doch ver­trau­en, sie wer­de nichts ver­ra­ten, sie wol­le nur zu­rück zu ih­ren Kin­dern. Schließ­lich, nach­dem sie von Emo­tio­nen und Al­ko­hol er­schöpft ist, be­en­det ei­ne sa­gen­haf­te Groß­auf­nah­me – nur ei­ne ein­zi­ge Trä­ne auf Lo­rens Wan­ge – die Sze­ne. Ab­blen­de.

Am nächs­ten Mor­gen ver­lässt Peppard das Ho­tel­zim­mer und sagt zur von Li­li Pal­mer ge­spiel­ten Che­fin des Hau­ses (auch sie ei­ne Agen­tin für die Eng­län­der), Lo­ren sei ver­trau­ens­wür­dig, sie sol­le sie ge­hen las­sen. Kaum ist er fort, kommt Pal­mer mit ei­nem Wä­sche­wa­gen und Wä­sche un­term Arm ins Zim­mer. Dar­un­ter um­klam­mert sie ei­ne Pis­to­le mit Schall­dämp­fer. Lo­ren starrt sie nur an, Pal­mer schießt drei­mal, ent­setzt von ih­rer ei­ge­nen Herz­lo­sig­keit, die sie dem har­ten Le­ben im Wi­der­stand ver­dankt. Der Wa­gen ist für Lo­rens Lei­che. Sie hät­te al­les ver­ra­ten, durch ih­re Kin­der war sie er­press­bar.

Al­le, die man mag in die­sem Film, ster­ben.

So­viel man weiß, soll Mi­cha­el An­der­son, mit dem wir nun den letz­ten gro­ßen eng­li­schen Er­zäh­ler von Kriegs­dra­men ver­lo­ren ha­ben, ein äu­ßerst lie­bens­wer­ter Zeit­ge­nos­se ge­we­sen sein.

Mi­cha­el An­der­son * 30. 1. 1920 † 25. 4. 2018


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