Verena Luecken, FAZ, 22.8.2018
Satire, bitterernst: Spike Lees „BlacKkKlansman“ über den
Afroamerikaner Ron Stallworth, der Mitglied des Ku-Klux-Klans wurde, erzählt
von Ereignissen, die vor vierzig Jahren stattfanden. Und kommt dennoch keinen
Tag zu spät.
Die Geschichte ist unglaublich und dennoch ungefähr so
geschehen: Ron Stallworth bewirbt sich Mitte der siebziger Jahre als erster
Afroamerikaner bei der Polizei in Colorado Springs. Und nach einer Weile
bewirbt er sich als neues Mitglied beim Ku-Klux-Klan. Beide Male wird er genommen.
In seinem Buch „Black Klansman“ hat Ron Stallworth diese
seine Geschichte erzählt. Bis 2014 hat er damit gewartet. Spike Lee hat weniger
lange gezögert. Sein Film gewann im Mai beim Filmfestival in Cannes den Großen
Preis der Jury und in Locarno kürzlich den Publikumspreis und kommt am
Donnerstag in die deutschen Kinos. Vierzig Jahre nach den damaligen Ereignissen
hat man nicht den Eindruck, das sei einen Tag zu spät.
Terror, gewachsen, gedüngt auf amerikanischem Boden. Darum
geht es in diesem Film, der „BlacKkKlansman“ heißt, ein typischer
Spike-Lee-Witz mit Jive im Schriftbild. Es geht auch um Chuzpe. Um Amerikas
Rassismus in der Geschichte des Landes, in der Filmgeschichte auch, und heute.
Um den Klan und Black Power. Wie immer bei Spike Lee kommen eine Menge Dinge
zur Sprache und zur Anschauung, die miteinander zusammenhängen und die, zu
einer Bestandsaufnahme verwoben, wie es dieser Film tut, nichts Historisches an
sich haben. Historisch im Sinne von: vorbei. Oh nein. Spike Lee zeigt uns mit der
Geschichte des „BlacKkKlansman“ sehr deutlich, dass immer noch gilt, was
William Faulkner einst meinte, als er sagte, die Vergangenheit sei nicht tot,
sie sei noch nicht einmal vergangen.
Fürs Kino gilt das erst recht, für seine unvergessenen
kanonbildenden Werke, von denen Spike Lee einige zitiert, „Vom Winde verweht“
gleich in der ersten Szene. Eine Aufsicht auf den Bahnhofsvorplatz von Atlanta,
bedeckt mit den Körpern verletzter und toter Soldaten der Konföderierten Armee,
zwischen ihnen Scarlett O’Hara, die Southern Belle, suchend, klagend, anpackend
auch umherirrend. Dann zieht sich die Kamera von ihr zurück in die Totale, und
es flattert die arg mitgenommene Flagge der Konföderierten ins Bild. Bis heute
wird um diese Fahne gefochten, und bis heute weht sie an vielen Orten im Süden,
um zu zeigen: „Wir geben uns nicht geschlagen“, wir, die Weißen, die Herren im
Land. Sie wehte auch in Charlottesville bei dem Neonazi-Aufmarsch im
vergangenen Jahr. „Vom Winde verweht“ entstand 1939. Der Bürgerkrieg endete
1865. In Spike Lees Film scheint es, als sei das gar nicht so lange her.
In Colorado im Nordwesten des Landes herrscht in den
Siebzigern teilweise derselbe Geist. „Werden Sie die andere Wange hinhalten,
wenn Sie rassistisch beschimpft werden?“, wird Ron in seinem
Vorstellungsgespräch auf dem Polizeirevier gefragt. „Werde ich rassistisch
beschimpft werden?“, fragt er zurück, und alle im Raum wissen:
höchstwahrscheinlich. Seine Reaktion ist gefasst, als es so weit ist. Erst mal
im Archiv zum Anlernen untergebracht, werden Rons Bewegungen aufreizend
langsam, wenn ein Kollege von ihm verlangt, eine „Bimbo-Akte“ herauszusuchen.
John David Washington spielt Ron unter einem ballrunden Afro mit unglaublicher
Lässigkeit, die ihm Respekt verschafft, und mit federnden Muskeln, als könne er
jederzeit aus seiner Trägheit herausspringen und hochgefährlich werden. Seine
Waffen gegen dumpfe Provokation sind lange seine Intelligenz, seine Coolness
und Ironie.
Aus dem Archiv heraus und als Undercoveragent auf die Straße
kommt Ron, als die schwarze Studentenunion den Bürgerrechtsaktivisten Kwame
Ture (Corey Hawkins) zu einer Veranstaltung einlädt. Ron soll beobachten, ob
die mitreißende Rede Tures ein Vorschein der Revolution sein könnte. Bei dieser
Gelegenheit lernt Ron Patrice Dumas (Laura Harrier, die Angela Davis täuschend
ähnlich sieht) kennen, die Präsidentin der Black Student Union am Colorado
College, und ein Flirt beginnt. Das ist der zweite Erzählstrang neben der
Infiltration des Ku-Klux-Klans: wie Ron seine Rolle als Polizist und als
zunehmend für die Sache von Black Power engagierter Mann zur Deckung bringen
kann. Oder ob er beiden Rollen gerecht werden kann, auch ohne sie zur Deckung
zu bringen. Er will Polizist sein, und ihm gefällt nicht, wenn Patrice von
Polizisten als „pigs“ spricht, obwohl sie allen Grund dafür hat.
An jenem ersten Abend als Undercoveragent wird Ron selbst
Teil der Menge, die er beobachten soll. „Black Power“ und „Black is beautiful“
– das bleibt hier keine Behauptung. Während Ture von der Schönheit ihrer Augen,
Nasen, Münder spricht, schwenkt Lees Kamera über die Zuhörer und lässt einzelne
Gesichter aus dem Dunkel des Auditoriums aufscheinen und wieder ins Dunkel
zurückfallen, im Rhythmus der Rede, der Rufe, der Beschwörungen – ein Mittel
voller Pathos und Schönheit, das Evidenz schafft. Black is beautiful, in der
Tat.
Es liegt auf der Hand, dass Ron, um den Klan nicht nur am
Telefon, sondern leibhaftig zu infiltrieren, einen Doppelgänger braucht. Das
wird Flip Zimmerman, von Adam Driver wie immer als ein Mann gespielt, dem man
beim Denken zuschauen kann. Er nimmt die Kette mit dem Davidstern ab, bevor er
sich verkabeln lässt und loszieht, um mit den örtlichen Klan-Leuten den großen
Tag vorzubereiten, an dem David Duke, der „grand wizard“ des Klans, zu ihnen
kommt. Allerdings nennt er sich inzwischen „national director“, denn er ist
angetreten, den Hass auf Schwarze wie auf Juden in den Mainstream einzuleiten.
Niemals hätte ein Mann wie dieser Duke Chancen, Präsident zu werden, davon ist
Ron überzeugt. Flip ist realistischer. Er, der sich bisher als „just another
white kid“ verstanden hat und nun anfängt, über sein Jüdischsein nachzudenken,
kann die Sache nicht mehr von der witzigen Seite nehmen, seit er im Klan
verkehrt. Er sieht die Lächerlichkeit dieser Leute, aber auch ihre
Gefährlichkeit. Und er ahnt, dass sie sich sehr lange noch nicht geschlagen
geben werden.
In der Figur von Flip, der in gewisser Weise erst durch den
Antisemitismus des Klans zum Juden wird, steckt auch ein Statement gegen den
Vorwurf, Minderheiten spalteten die Gesellschaft durch forciertes
Identitätsdenken. Die Einzigen mit gesicherten Identitäten in diesem Film sind
die, die an ihre rassische Überlegenheit glauben, die Klansleute, Männer wie
Frauen.
David Duke wird im Film gespenstisch glatt gespielt von Topher
Grace – bis der echte Duke, der Klanführer und Trump-Fan, am Ende doch noch
leibhaftig in einer Aufzeichnung jenes rechtsradikalen Aufmarsches in
Charlottesville auftaucht, bei dem im vergangenen August eine Frau aus den
Reihen der Gegendemonstranten getötet wurde und der Präsident im Folgenden
„very fine people“ auf beiden Seiten ausmachte.
In der Filmgeschichte wurde die Spur des Rassismus mit
„Birth of a Nation“ gelegt – dem Film von 1915, der den Ku-Klux-Klan, der
eigentlich schon tot war, wiederauferstehen ließ; der Film, durch den der
Rassismus als Grundstein der amerikanischen Nation so offensichtlich wurde, und
der Film, mit der die Filmgeschichte als Geschichte einer Kunstform ihren
Ausgang nahm.
In einer großen Szene in „BlacKkKlansman“ zitiert Spike Lee
diesen Film nicht einfach, sondern inszeniert eine Party des Klans, bei der
„Birth of a Nation“ vor johlenden Klansmännern und -frauen gezeigt wird. Und
gleichzeitig führt er uns an einen anderen Ort, an dem die schwarze
Studentenvereinigung der von unscharfen Fotografien begleiteten Erzählung von
Harry Belafonte über einen fürchterlichen Lynchmord aus dem Jahr 1916 zuhört.
Die beiden Veranstaltungen sind durch Parallelmontage verbunden. Dass er dieses
Mittel filmischen Erzählens für den Spielfilm entwickelte und dramaturgisch
perfektionierte, brachte G.W. Griffith, dem Regisseur von „Birth of a Nation“,
den Ruf eines großen Erneuerers des frühen Kinos ein. Aber diese damals
avancierte Erzähltechnik stand ganz im Dienst rassistischer Propaganda. Die
Wahrheit, das zeigt uns Lee in einer ihrerseits brillanten Parallelmontage
zwischen Klansparty und Lynchmorderzählung, musste sich auf verschwommene Fotos
des grausamen Geschehens und mündliche Überlieferung verlassen.
In „BlacKkKlansman“ ist alles gleichzeitig präsent, die
Black-Power-Bewegung der Siebziger, ungestrafte Lynchmorde, Hasspropaganda in
„Birth of a Nation“ von 1915 und der Bürgerkrieg mit der Niederlage des Südens
1865, die Blaxploitationfilme der Siebziger (repräsentiert von Plakaten von
„Coffy“ oder „Cleopatra Jones“, die Lee plötzlich in die Handlung montiert) und
David Duke damals und David Duke heute. Und Donald Trump sowie sein satirischer
Doppelgänger Alec Baldwin, der zu Beginn als namenloser Fernsehdemagoge eine Rede
übt, die von obszönem Hass strotzt.
Gleichzeitigkeit ist nicht nahtlos zu haben. Über Brüchen
liegt Musik, und dass nach einem unangenehmen Zusammentreffen Patrices mit Rons
Kollegen getanzt wird, versteht sich bei Lee auch von selbst. Doch obwohl sich
die Geschichte des Rassismus im Kreis zu bewegen scheint, ist die Story von Ron
Stallworth ein irrwitziger Erfolgsritt: die Geschichte eines Anschlags und ob
er vereitelt werden kann. Didaktisch? Keineswegs. Lee nutzt vielmehr die
Möglichkeiten des Kinos, um unter einen Hut zu bringen, was zusammengehört, und
dabei nicht zu verzweifeln. Unvereinbares bleibt nebeneinander stehen.
Ungeheuerlichkeiten werden ernst genommen, ohne ihre Lächerlichkeit zu leugnen.
Und am Ende stehen die Bilder aus Charlottesville vom letzten Jahr, die wir
hundertmal gesehen haben. „BlacKkKlansman“ läuft notwendig auf sie zu.
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