Walter Benjamin

Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten.
Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht.

Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, Band I, Seite 1241.

26.09.16

Geschichtsfeindlichkeit der bürgerlichen Gesellschaft



Diese deutsche Entwicklung, flagrant erst nach dem Zweiten Weltkrieg, deckt sich aber mit der seit Henry Fords “History is bunk” bekannten Geschichtsfremdheit des amerikanischen Bewußtseins, dem Schreckbild einer Menschheit ohne Erinnerung. Es ist kein bloßes Verfallsprodukt, keine Reaktionsform einer Menschheit, die, wie man so sagt, mit Reizen überflutet ist und mit ihnen nicht mehr fertig wird, sondern es ist mit der Fortschrittlichkeit des bürgerlichen Prinzips notwendig verknüpft. Die bürgerliche Gesellschaft steht universal unter dem Gesetz des Tauschs, des „Gleich um Gleich“ von Rechnungen, die aufgehen, und bei denen eigentlich nichts zurückbleibt. Tausch ist dem eigenen Wesen nach etwas Zeitloses, so wie ratio selber, wie die Operationen der Mathematik ihrer reinen Form nach das Moment von Zeit aus sich ausscheiden. So verschwindet denn auch die konkrete Zeit aus der industriellen Produktion. Diese verläuft immer mehr in identischen und stoßweisen, potentiell gleichzeitigen Zyklen und bedarf kaum mehr der aufgespeicherten Erfahrung. Ökonomen und Soziologen wie Werner Sombart und Max Weber haben das Prinzip des Traditionalismus den feudalen Gesellschaften zugeordnet und das der Rationalität den bürgerlichen. Das sagt aber nicht weniger, als daß Erinnerung, Zeit, Gedächtnis von der fortschreitenden bürgerlichen Gesellschaft selber als eine Art irrationaler Rest liquidiert werden, ähnlich wie die fortschreitende Rationalisierung  der industriellen Produktionsverfahren mit anderen Resten des Handwerklichen auch Kategorien wie die der Lehrzeit, also des sich Erwerbens von Erfahrung, reduziert. Wenn die Menschheit der Erinnerung sich entäußert und sich kurzatmig erschöpft in der Anpassung ans je Gegenwärtige, so spiegelt sich darin ein objektives Entwicklungsgesetz.

Aus: Theodor W. Adorno, Was bedeutet Aufarbeitung der Vergangenheit. Zitiert nach: Theodor W. Adorno, Erziehung zur Mündigkeit, Vorträge und Gespräche mit Hellmut Becker 1959-1969, herausgegeben von Gerd Kadelbach, Frankfurt am Main 1982, S. 13.
(Dieser Absatz entstammt dem ursprünglichen Vortrag von 1959. Er fehlt in der gedruckten Fassung von 1963.)

23.06.16

Das letzte Gefecht



Unter dem Titel "Das letzte Gefecht" hat Jan Gerber eine Reihe von Aufsätzen und Referaten zu einem schmalen Buch zusammengestellt, in dem er der Frage nachgeht, wie sich die weltpolitische Konstellation des Kalten Krieges auf  die außerparlamentarische Linke in Deutschland auswirkte. Das Buch ist stimmig gegliedert und scheut sich nicht, auch Schulbuchwissen zu rekapitulieren, wo es zum Verständnis der linken Ideengeschichte hilfreich ist. Vier Hauptthesen lauten: Die Oktoberrevolution von 1917 blieb bis 1989 Bezugspunkt, weil sie siegreich war und so Symbol für die Veränderbarkeit der Welt wurde; Ab 1941 galt die Sowjetunion, nach dem Versagen des Westens z.B. im Spanischen Bürgerkrieg als antifaschistische Macht; Wegen der Politik der USA in den 50er und 60er galt die Sowjetunion auch als „antiimperialistischen“ Kraft, obwohl sie ja im eigenen Herrschaftsbereich das „Selbstbestimmungsrecht der Völker“ nicht achtete; An diesen Ideen (Revolution, Antifaschismus und Antiimperialismus) habe sich die westdeutsche Linke orientiert.

21.05.16

Nachtrag zum Film L' Aveu

In einem Vortrag erläutert Jan Gerber die Hintergünde des Slansky-Prozesses und erklärt, dass dieser nicht allein von Moskau gewünscht war, sondern Gründe hatte, die in der tschechischen Geschichte lagen.

02.05.16

Costa-Gavras




















Das Geständnis, Regie: Costa-Gavras, 1970
Der Film basiert auf dem Bericht des tschechoslowakischen Kommunisten Artur London, einem Angeklagten im Slánský-Prozess. Er heißt im Film Artur Ludvik und wird von Yves Montand gespielt. Das Drehbuch wurde von Jorge Semprun verfasst. Der Film lässt erahnen, was die stalinschen Säuberungen bedeuteten.




















Z, Regie Costa-Gavras, 1969
Vor dem Hintergrund der griechischen Militärdiktatur entstandener Streifen; bekam 1969 den "Prix du Jury" (nicht zu verwechseln mit der Goldenen Palme) und gilt als Klassiker des Politthrillers.


26.04.16

Arbeit Bewegung Geschichte

Peter Nowak stellt die neue historische Zeitschrift  "Arbeit Bewegung Geschichte" vor.

16.04.16

Sebastian Haffner: "Die Pariser Kommune"

"Am 28. März wurde die neugewählte Kommune von Paris feierlich proklamiert, ihre 92 Mitglieder versammelten sich auf dem Balkon des Stadthauses, über dem eine rote Fahne wehte, und über den Platz davor paradierte drei Stunden lang die gesamte Nationalgarde.
Viele Pariser sagten, es sei die schönste Parade, die sie je gesehen hätten - und sie hatten manche schöne Parade gesehen. Es war ein Siegesfest. Die Nationgardisten salutierten vor den gewählten Volksvertretern, indem sie, Bataillon für Bataillon, ihre Käppis im Gleichtakt auf die Spitzen ihrer Bajonette hißten. Der Frühlingstag war hell und blau, die Fahnen wehten, die Clairons schmetterten, und die Kanonen - die zurückeroberten Kanonen - schossen Salut. Am Abend wurde auf den Straßen getanzt.
Paris feierte seinen Sieg und seine Freiheit. Zwei Monate später starben die letzten der Sieger und Freiheitskämpfer auf diesem Platz schockweise unter den Salven der Erschießungspelotons."

Im Gegensatz zu vielen Historikern konnte Haffner schreiben. Ich denke, Elemente seines Stils sind u.a.: Eine Syntax, die sich vor Hauptsätzen nicht scheut, Detailaufnahmen, die das Geschehen lebendig werden lassen, Vorausdeutungen, die für Spannung sorgen und der Mut, lange Entwicklungslinien zu zeichnen. Z.B. beschreibt Haffner im Schlusskapitel seines Aufsatzes die Lehren, die Lenin aus der Geschichte der Kommune zog.

Dieser Aufsatz von Sebastian Haffner erschien anlässlich des hundertsten Jahrestags der Pariser Kommune 1971 in der Illustrierten "Stern" und wurde mindestens zweimal nachgedruckt: 1985 in einem Sammelband, der heute unter dem Titel "Historische Variationen" noch erhältlich ist, und 1996 im Band "Zwecklegenden - Die SPD und das Scheitern der Arbeiterbewegung", den 1996 Uwe Soukup herausgab.

Februar 1934: Aufstand in Österreich



















Ein kleiner, aber feiner Linolschnitt-Comic über ein in Deutschland weniger bekanntes Geschichtskapitel. 

11.04.16

Max Pechstein (1881-1955)

















An Pechsteins Gemälden gefallen mir die Farben. Seine Holzschnitte, Tuschezeichnungen und Aquarelle zeigen, dass er ein echter Allrounder war. Aber wahrscheinlich waren das alle großen Künstler.

Emmanuel Carrère: Das Reich Gottes

Nach den ersten hundert Seiten, auf denen der Autor, bzw. sein Ich-Erzähler, erklärt, warum er das Buch schreibt, wird es interessant und man lernt einiges: über Paulus und seinen Streit mit Petrus und Josephus, über Lukas und das Interesse der Römer und Griechen am Judentum, über die wunderlichen Worte und Taten von Jesus, über römische Schrifsteller (Seneca, Martial, Flavius Josephus) und Kaiser (Nero, Titus), über den jüdischen Aufstand und seine Folgen. Carrère gelingt es mit gewagten Vergleichen die Welt des 1. Jahrhunderts lebendig werden zu lassen. Ein aktueller französischen Autor, der seine Bücher, sofern die anderen diesem hier ähneln, recht interessant aufbaut. 

10.04.16

Heinz Strunk: Der Goldene Handschuh

Ein wirklich wortgewaltiger und deprimierender Roman. Man könnte über die Frage diskutieren, ob das Buch den Ausgestoßenen, Verwahrlosten und Verlierern ein Denkmal setzt und sich mit ihnen solidarisiert oder ob es sie als Material zur Demonstration von schriftstellerischem Können missbraucht.

Filme

The Hateful Eight (2015) Regie: Quentin Tarantino. Den Film hätte man insgesamt und besonders um einige Gewaltszenen kürzen können. Deutlich subtiler und mehr zur Diskussion anregend erzählt da ein anderer Hinstorienfilm von der Gewalt: a most violent year (2014) von Regisseur J. C. Chandor.

Der Staat gegen Fritz Bauer (2015) Regie: Lars Kraume, mit Burghart Klaußner als Fritz Bauer. Der Film porträtiert Fritz Bauer und zeigt sowohl das politische Klima der Gesellschaft in der BRD, als auch Möbel und Innenausstattung der 1950er- und 1960er-Jahre. Dass der Film auf platte Weise Bauers Homosexualität in den Mittelpunkt stellt, wie es in einer Kritik hieß, kann ich nicht bestätigen. Interessant ist, dass es inzwischen immerhin sieben Filme über Bauer gibt.


Carol (2015) Regie: Todd Haynes. Mit Cate Blanchett und Rooney Mara.
Weil er an Weihnachten lief und es im Film immer schneit, habe ich ihn leider als Weihnachtsfilm an der Grenze zum Kitsch in Erinnerung.

Dämonen und Wunder (Originaltitel: Dheepan) Regie: Jacques Audiard.
Mich wundert, dass ein Film mit einem so schlechten (nämlich guten) Ende die Goldene Palme (2015) gewinnen konnte.

Caravaggio (1986) Regie: Derek Jarman. Mit Tilda Swinton
Leider kann ich nicht sagen, warum mir dieser Film nicht gefallen hat.

Zwei Tage, eine Nacht (2014) Regie: Jean-Pierre und Luc Dardenne
 „Nach dem neuen Film der Dardenne-Brüder sieht man klarer, wie der Kapitalismus das Verhalten formt.“– Peter Körte: FAZ vom 25. Oktober 2014
Auf der Internetseite Trajectoires gibt es sogar einen Artikel von einem postmodern angehauchten Studenten, in dem er Christian Petzold mit den Dardenne-Brüdern vergleicht.

Krimis














Kriminalhauptkommissar Hanns von Meuffels (Matthias Brandt) und seine Kollegin Constanze Hermann (Barbara Auer) in der "Polizeiruf"-Folge "Kreise" (2015). Der erste Polizeiruf von Christian Petzold. Auf die beiden nächsten und seine Verfilmung von Anna Seghers "Transit" bin ich schon gespannt.



















Der sympathischste Polizist der jüngeren Fernsehgeschichte: Hannes Muck (Gerhard Liebmann) in: "Wenn du wüsstest, wie schön es hier ist" (2015) von Regisseur Andreas Prochaska.

02.02.16

Ein besonderer Tag















Regie: Ettore Sola, 1977
Mit Sophia Loren und Marcello Mastroianni in den Hauptrollen.
Während des ganzen Films, der fast nur in den Wohnungen der beiden Protagonisten spielt, hört man aus dem Off die Übertragung von Hitlers Staatsbesuch 1938 in Rom (weil die Hausmeisterin ihr Radio im Innenhof laut aufgedreht hat). Das nervt gewaltig. So entlarvt der Film die pompöse und martialische faschistische Propaganda.

11.01.16

Tag der Rache II

2016 sieht ein Film über Rache etwas anders aus als 1943: The Revenant von Alejandro G. Iñárritu mit Leonardo DiCaprio setzt neue Maßstäbe für Actionszenen im Westernfilm. Man fragt sich, wie es in Zukunft gelingen wird, für nochmehr Authentizität zu sorgen, noch dynamischer und noch näher am Handgemenge kann die Kamera ja nicht geführt werden. Seit Oldboy und A history of violence haben mich keine Kampfszenen so gefesselt. Die Landschaft und die Primitivität der Pioniere zeigten schon andere Western recht gut.

09.01.16

Tag der Rache





















Tag der Rache, Regie: Carl Theodor Dreyer, 1943
Zunächst erwartet man bei einem Film, der 1943 gedreht wurde und der von der Hexenverfolgung im 17. Jahrhundert erzählt, dass er die Verfolgung der Juden mit der der Hexen vergleicht. Es ist im Film aber nicht einfach so, dass unschuldige Frauen als Hexen verfolgt werden. Vielmehr wird Anne, die Frau des Pfarrers Absalon, nachdem sie Zeugin einer von ihrem Mann verantworteten Hexenverbrennung wurde, tatsächlich zu einer Hexe. Anne verliebt sich nämlich in Martin, den erwachsenen Sohn des Pfarrers. Martin erwidert ihre Liebe und sie finden sich. Anne wird bewußt, dass sie mit Pfarrer Absalon nicht glücklich war und wünscht, er wäre tot. Und der Tod ereilt ihn, als Anne ihm die Liebe zwischen ihr und Martin gesteht; damit ist die unschuldig hingerichtete alte Frau gerächt. Vor Gericht gibt Anne zu, Absalon mit Hilfe des Teufels umgebracht zu haben. Die Erzählhaltung des Films überschreitet den Denkhorizont der Zeitgenossen nicht. Dass aber der Teufel gar nicht im Spiel ist, dafür steht die Mutter des Pfarrers, die sich von Anne nicht bezaubern lässt. Sie ist immun gegen die Magie der Liebe.
Die Bilder sind inspiriert von Rembrandts Gemälden, wie Dreyer in einem Dokumentarfilm von Jorgen Roos verrät. Darin berichtet Dreyer, wie er seinen Stil, dessen Merkmal die Vereinfachung ist, entwickelte.

08.01.16

Das Lächeln der Alligatoren

Michael Wildenhain erzählt in seinem Roman Das Lächeln der Alligatoren von Politik (der 70er) und Geschichte (des NS). Beide Themen werden durch die Familiengeschichte des Ich-Erzählers und eine Liebesgeschichte zusammengehalten. So ist das Ganze eine unterhaltsame Lektüre.

Lee Morgan - Moanin` (1961)


Auf den Jazz-Trompeter Lee Morgan, der 1972 bei einem Auftritt in New York von seiner Ehefrau erschossen wurde, stieß ich durch den Krimi "Ein Bulle im Zug" von Franz Dobler. Nachdem ich von Dobler vor einigen Jahren "aufräumen" gelesen hatte, wusste ich, dass das Buch gut sein würde.

09.11.15

Heinrich Heine

Heinrich Heine, Kritiker der modernen Gesellschaft in den "Französischen Zuständen" und "Lutetia"
 
Heine, dessen Eintritt in die bürgerliche Gesellschaft Deutschlands aus ökonomischen, sozialen und politischen Gründen gescheitert war (ausführlich im empfehlenswerten Handbuch Artikel: Der Außenseiter: Jude, Emigrant, Intellektueller. S. 34), steht, als er im Mai 1831 nach Paris, „dem neuen Jerusalem“, „der Spitze der Welt“, geht, vor dem Problem, wie er seinen Lebensunterhalt verdienen soll. Deswegen erneuert er seine Verbindungen zum Verleger Cotta. Dieser gibt die 1798 in Tübingen gegründete „Augsburger Allgemeine Zeitung“ heraus, die man wohl „die Allgemeine Zeitung von Europa nennen dürfte“, wie Heine in der Vorrede zu den „Französischen Zuständen“ meint. In Süddeutschland und Österreich ist sie die bedeutendste Zeitung und auch in Preußen ein Spitzenblatt.
I
Der erste Artikel, den Heine nach Augsburg liefert, ist ein Bericht über den „Salon“ (Sammons, Heinrich Heine, Stuttgart 1991, S. 72), d.h. über eine Gemäldeausstellung im Louvre. Dieser Bericht liefert später den Titel für vier Sammel-Bände seiner Schriften, die Heine in den dreißiger Jahren herausgibt.
1832 druckt Cottas „Augsburger Allgemeine Zeitung“ eine Reihe von Heines Paris-Berichten über das öffentliche Leben, das Verhältnis der Parteien, die Stimmung des Volkes und die Julimonarchie samt ihrer politischen Protagonisten. Redakteur dieser Aufsätze ist bei der Allgemeinen Zeitung Gustav Kolb, ein ernsthafter Liberaler, der Heine beständig zugetan bleibt und eine ähnlich wichtige Rolle für ihn spielt wie Campe in Hamburg. Heine begnügt sich nicht mit Einzelbeobachtungen, sondern versucht sie symbolisch, metaphorisch und allegorisch auszuwerten, im Bestreben, sich und seinen Lesern Klarheit über die Klassenverhältnisse, die noch einmal von der bürgerlichen Revolution betrogene Volksmasse, auch über die Fähigkeiten und das maskierte Wesen Louis-Philippes, zu verschaffen.
Heine begrüßt die Julirevolution als Fortsetzung des unvollendeten Umsturzes von 1789 (Handbuch, S.14). Die Julirevolution nimmt für ihn schon deshalb einen wichtigen Platz im Befreiungskampf der Zeit ein, weil Trikolore und Bürgerkönigtum das Prinzip der monarchischen Legitimität durchbrochen haben: Loius-Philippe „le roi des barricades, le roi par la grace du peuple souverain“, verdankt seinen Thron nicht seiner Geburt, sondern der Volkssouveränität. Zu den weiteren liberalen Erfolgen von 1830, die Deutsche beeindrucken mußten (siebentausend dt. Exilanten hielten sich derzeit in Paris auf), gehören die Abschaffung des Katholizismus als Staatsreligion, das Ende der Pressezensur und die Erweiterung des Wahlrechts.
Noch 1832 entschließt sich Heine die ersten neun Artikel und Essays unter dem Titel „Französische Zustände“ als sein erstes rein politisches Werk in Buchform herauszugeben. Dazu schreibt er eine scharfe Vorrede. „Von allen Werken Heines hat keines so gewaltige Ströme polizeilicher Tinte gekostet, wie die Vorrede zu seinen Französischen Zuständen“ schreibt Heinrich Hubert Houben 1926. In diesem Vorwort greift er die alle öffentlichen politischen Aktivitäten verbietenden Bundestagsbeschlüsse (28.6.32) an und bezichtigt den preußischen König Friedrich Wilhelm III. des Meineids, weil er sein Versprechen nach den sog. Befreiungskriegen eine Verfassung zu gewähren, nicht erfüllte. Diese Vorrede führt zu einem Streit mit Campe über die Zensur, mit dem Ergebnis, dass „Französische Zustände“ gegen den Willen Heines mit einer zensierten Vorrede erscheint.

Wollte Heine mit den „Französischen Zuständen“ vorallem dem deutschen Publikum über Kultur und Gesellschaft der Julimonarchie berichten, so sollte, in umgekehrter Richtung, mit den zwei Teilen seines Buchs „De l`Allemagne“ deutsche Literatur und Philosophie in Frankreich vermittelt werden. Während also die Deutschen vom politischen Fortschritt in Frankreich lernen sollten, versuchte Heine das revolutionäre und Potential der deutschen idealistischen Philosophie in Frankreich nach Frankreich zu tragen und war damit ein Vermittler in beide Richtungen.

II
1852 also 20 Jahre nach Erscheinen der „Französischen Zustände“ schreibt Heine an Campe: „In meinem Geiste formiert sich ein Buch, welches Blüte und Frucht, die ganze Ausbeute meiner Forschungen während einem Vierteljahrhundert in Paris sein wird und wo nicht als Geschichtsbuch, doch gewiß als eine Chrestomathie guter publizistischer Prosa, sich in der deutsche Literatur erhalten wird.“ So stellte sich Heine sein Parisbuch vor, das er nach dem alten lateinischen Namen „Lutetia“ nennen wird. Dieses Hauptwerk des politischen Publizisten und Vermächtnis des pacifiken Missionars, sein umfangreichstes Buch überhaupt, bietet sich in einer Fülle von Aufsätzen dar, die zwischen 1840 und 1854 teilweise wieder als Korrespondenzberichte für die Augsburger Allgemeine entstanden.
Mit wachsender zeitlicher Distanz zur Julirevolution, die ihn einst nach Paris gelockt hatte, und mit schwindendem Abstand zur 48er Revolution, entwerfen die Berichte ein nahezu vollständiges Bild der Julimonarchie im Scheitelpunkt ihrer Existenz. Der Untertitel „Berichte über Politik, Kunst und Volksleben“ gibt nur eine grobe Orientierung über die Vielfalt der behandelten Themen und Aspekte des modernen Frankreichs. Die Berichte, Portraits, Geschichten, Kunstfeuilletons, Anekdoten und Rezensionen berichten über die Rolle des Königs und der wichtigsten Politiker, über Außen- und Innenpolitik und sie schildern das glanzvolle kulturelle Leben in der „Hauptstadt des 19. Jahrhunderts“ (Benjamin) – ohne die sich ankündigenden sozialen Konflikte zu vergessen: Der Chronist der Modernität, der seinen Anteil am Paris-Mythos geliefert hat, ist Dialektiker genug, unter der glänzenden Oberfläche die subversive Kraft der wirtschaftlichen Expansion wahrzunehmen.
Der eigentliche Sieger der Julirevolution waren nämlich nicht die Handwerker und Arbeiter, die sie durchgefochten hatten, sondern war das Großbürgertum. Heine schreibt 1839: „Nicht für sich, seit undenklicher Zeit, nicht für sich hat das Volk geblutet und gelitten, sondern für andre. Im Juli 1830 erfocht es den Sieg für jene Bourgeoisie, die eben so wenig taugt wie jene Noblesse, an deren Stelle sie trat, mit demselben Egoismus. Das Volk hat nichts gewonnen durch seinen Sieg, als Reue und größere Not. Aber seid überzeugt, wenn wieder die Sturmglocke geläutet wird und das Volk zur Flinte greift, diesmal kämpft es für sich selber und verlangt den wohlverdienten Lohn.“
An der Macht war also das Großbürgertum. Laut Marx die „aristocratie financiér“ oder wie es Börne schon 1830 nannte die „neue Aristokratie“ über die Heine, ebenfalls im Herbst 1830 an Varnhagen schrieb, dass er diese „aristocratie bourgeoise“ noch mehr hasse als Adel und Kirche. Und zwischen dieser „Aristokratie des Besitzes“ auf der einen und den Besitzlosen auf der anderen Seite sieht Heine in seinem Buch Lutetia den neuen entscheidenden Gegensatz. In Deutschland ist zum gleichen Zeitpunkt immer noch der Gegensatz zwischen Fürsten und Volk bestimmend.
Die fortgeschrittenere Konstellation in Frankreich wird von Heine in Lutetia beschrieben und begrüßt, treibt doch die Bewegung der modernen kapitalistischen Gesellschaft auf eine neue Revolution zu, die von 1848.
„Lutetia“ blieb in Deutschland, das sich in den 50ern nicht mehr für den Vormärz interessierte, der Erfolg versagt. Beim französischen Publikum landete er mit der Übersetzung einen Volltreffer und wurde gefeiert.

14.10.15

Dominik Graf: Die geliebten Schwestern (2014)


















thüringische Hirten-Szene anno 1788

Wenn ich mich recht erinnere, fordert Schiller in naive und sentimentalische Dichtung, die Idylle nicht in Griechenland und in der Antike zu platzieren, weswegen dann z.B. auch der Tell mit einer idyllischen Szene beginnt. Demnach wären dem Regisseur hier einige idyllische Szenen in Schillers Sinne gelungen, die "den Menschen im Stand der Unschuld, d.h. in einem Zustand der Harmonie und des Friedens mit sich selbst und von außen dar[zu]stellen." Eine gute Sache für die 90 Minuten im Kino, denn "die Idee dieses Zustandes allein und der Glaube an die mögliche Realität derselben kann den Menschen mit allen den Übeln versöhnen, denen er auf dem Weg der Kultur unterworfen ist (...)." Schiller, Über naive und sentimentalische Dichtung, 1795

N.W.A.















N.W.A in March 1989. Back row, from left: DJ Yella, Dr. Dre and M.C. Ren (Kings cap). Front, from left: Ice Cube and Eazy-E.

Neulich habe ich den Film “Straight Outta Compton” gesehen, der einige 20 Jahre alten Vorurteile über den Gangster-Rap ausgeräumt hat. Schade, dass ich Bands wie N.W.A oder Public Enemy damals nicht näher beachtet habe, was vielleicht daran lag, dass ich einige Jahre zu jung bin (die Sachen von Ice-T, die erschienen, als N.W.A. sich schon aufgelöst hatten, habe ich viel gehört).

13.10.15

Drei Männer im Schnee

 







1955, Regie: Kurt Hoffmann, Drehbuch: Erich Kästner
Einer der in den 50er Jahren in Deutschland beliebten Heimatfilme. Bereits die Uraufführung am 7. September 1934 am Schauspielhaus Bremen (Regie: Fritz Saalfeld) war ein großer Erfolg. Kein Wunder, geht es doch um die Versöhnung der Klassen.
„Heiteres Lustspiel nach Kästners Erzählung vom reichen Mann, der sich sein menschliches Herz bewahrt hat. Ob seiner natürlichen Frische als nette Unterhaltung ab 14 gerne zu empfehlen.“ Evangelischer Film-Beobachter, Kritik Nr. 705/1955

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