Walter Benjamin

Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten.
Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht.

Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, Band I, Seite 1241.

12.11.16

Tabus über dem Lehrberuf



1963 hielt Adorno den Vortrag Tabus über dem Lehrberuf, in dem er einige Motive der Abneigung gegen den Lehrberuf skizzierte:

  • Der Lehrer ist der Nachkomme von griechischem Sklaven, Mönch, Schreiber und Hofmeister.
  • Er hat sich anders als die freien Beruf nicht in der Konkurrenz zu bewähren.
  • Man nimmt seine Macht, da er sie nur über Kinder ausübt, nicht ernst.
  • Alle Pädagogik hat das Problem, dass „die Sache, die man betreibt, auf die Rezipierenden zugeschnitten wird, keine rein sachliche Arbeit um der Sache willen ist.“
  • Lange Zeit übten Lehrer körperliche Gewalt aus.
  • Man betrachtet ihn, „weil er in eine Kinderwelt eingespannt ist“, auch in erotischer Hinsicht nicht als Erwachsenen.
  • Man wirft ihm Weltfremdheit vor.
  • „Die Zivilisation, die er ihnen antut, die Versagungen, die er ihnen zumutet, mobilisieren in den Kindern automatisch die imagines des Lehrers, die im Laufe der Geschichte sich angehäuft haben.“
  • „Es ist darum so verzweifelt schwer für die Lehrer, es recht zu machen, weil ihr Beruf ihnen die in den meisten anderen Berufen mögliche Trennung ihrer objektiven Arbeit (…)vom persönlichen Affekt verwehrt.“

26.09.16

Geschichtsfeindlichkeit der bürgerlichen Gesellschaft



Diese deutsche Entwicklung, flagrant erst nach dem Zweiten Weltkrieg, deckt sich aber mit der seit Henry Fords “History is bunk” bekannten Geschichtsfremdheit des amerikanischen Bewußtseins, dem Schreckbild einer Menschheit ohne Erinnerung. Es ist kein bloßes Verfallsprodukt, keine Reaktionsform einer Menschheit, die, wie man so sagt, mit Reizen überflutet ist und mit ihnen nicht mehr fertig wird, sondern es ist mit der Fortschrittlichkeit des bürgerlichen Prinzips notwendig verknüpft. Die bürgerliche Gesellschaft steht universal unter dem Gesetz des Tauschs, des „Gleich um Gleich“ von Rechnungen, die aufgehen, und bei denen eigentlich nichts zurückbleibt. Tausch ist dem eigenen Wesen nach etwas Zeitloses, so wie ratio selber, wie die Operationen der Mathematik ihrer reinen Form nach das Moment von Zeit aus sich ausscheiden. So verschwindet denn auch die konkrete Zeit aus der industriellen Produktion. Diese verläuft immer mehr in identischen und stoßweisen, potentiell gleichzeitigen Zyklen und bedarf kaum mehr der aufgespeicherten Erfahrung. Ökonomen und Soziologen wie Werner Sombart und Max Weber haben das Prinzip des Traditionalismus den feudalen Gesellschaften zugeordnet und das der Rationalität den bürgerlichen. Das sagt aber nicht weniger, als daß Erinnerung, Zeit, Gedächtnis von der fortschreitenden bürgerlichen Gesellschaft selber als eine Art irrationaler Rest liquidiert werden, ähnlich wie die fortschreitende Rationalisierung  der industriellen Produktionsverfahren mit anderen Resten des Handwerklichen auch Kategorien wie die der Lehrzeit, also des sich Erwerbens von Erfahrung, reduziert. Wenn die Menschheit der Erinnerung sich entäußert und sich kurzatmig erschöpft in der Anpassung ans je Gegenwärtige, so spiegelt sich darin ein objektives Entwicklungsgesetz.

Aus: Theodor W. Adorno, Was bedeutet Aufarbeitung der Vergangenheit. Zitiert nach: Theodor W. Adorno, Erziehung zur Mündigkeit, Vorträge und Gespräche mit Hellmut Becker 1959-1969, herausgegeben von Gerd Kadelbach, Frankfurt am Main 1982, S. 13.
(Dieser Absatz entstammt dem ursprünglichen Vortrag von 1959. Er fehlt in der gedruckten Fassung von 1963.)

23.06.16

Das letzte Gefecht



Unter dem Titel "Das letzte Gefecht" hat Jan Gerber eine Reihe von Aufsätzen und Referaten zu einem schmalen Buch zusammengestellt, in dem er der Frage nachgeht, wie sich die weltpolitische Konstellation des Kalten Krieges auf  die außerparlamentarische Linke in Deutschland auswirkte. Das Buch ist stimmig gegliedert und scheut sich nicht, auch Schulbuchwissen zu rekapitulieren, wo es zum Verständnis der linken Ideengeschichte hilfreich ist. Vier Hauptthesen lauten: Die Oktoberrevolution von 1917 blieb bis 1989 Bezugspunkt, weil sie siegreich war und so Symbol für die Veränderbarkeit der Welt wurde; Ab 1941 galt die Sowjetunion, nach dem Versagen des Westens z.B. im Spanischen Bürgerkrieg als antifaschistische Macht; Wegen der Politik der USA in den 50er und 60er galt die Sowjetunion auch als „antiimperialistischen“ Kraft, obwohl sie ja im eigenen Herrschaftsbereich das „Selbstbestimmungsrecht der Völker“ nicht achtete; An diesen Ideen (Revolution, Antifaschismus und Antiimperialismus) habe sich die westdeutsche Linke orientiert.

21.05.16

Nachtrag zum Film L' Aveu

In einem Vortrag erläutert Jan Gerber die Hintergünde des Slansky-Prozesses und erklärt, dass dieser nicht allein von Moskau gewünscht war, sondern Gründe hatte, die in der tschechischen Geschichte lagen.

02.05.16

Costa-Gavras




















Das Geständnis, Regie: Costa-Gavras, 1970
Der Film basiert auf dem Bericht des tschechoslowakischen Kommunisten Artur London, einem Angeklagten im Slánský-Prozess. Er heißt im Film Artur Ludvik und wird von Yves Montand gespielt. Das Drehbuch wurde von Jorge Semprun verfasst. Der Film lässt erahnen, was die stalinschen Säuberungen bedeuteten.




















Z, Regie Costa-Gavras, 1969
Vor dem Hintergrund der griechischen Militärdiktatur entstandener Streifen; bekam 1969 den "Prix du Jury" (nicht zu verwechseln mit der Goldenen Palme) und gilt als Klassiker des Politthrillers.


26.04.16

Arbeit Bewegung Geschichte

Peter Nowak stellt die neue historische Zeitschrift  "Arbeit Bewegung Geschichte" vor.

16.04.16

Sebastian Haffner: "Die Pariser Kommune"

"Am 28. März wurde die neugewählte Kommune von Paris feierlich proklamiert, ihre 92 Mitglieder versammelten sich auf dem Balkon des Stadthauses, über dem eine rote Fahne wehte, und über den Platz davor paradierte drei Stunden lang die gesamte Nationalgarde.
Viele Pariser sagten, es sei die schönste Parade, die sie je gesehen hätten - und sie hatten manche schöne Parade gesehen. Es war ein Siegesfest. Die Nationgardisten salutierten vor den gewählten Volksvertretern, indem sie, Bataillon für Bataillon, ihre Käppis im Gleichtakt auf die Spitzen ihrer Bajonette hißten. Der Frühlingstag war hell und blau, die Fahnen wehten, die Clairons schmetterten, und die Kanonen - die zurückeroberten Kanonen - schossen Salut. Am Abend wurde auf den Straßen getanzt.
Paris feierte seinen Sieg und seine Freiheit. Zwei Monate später starben die letzten der Sieger und Freiheitskämpfer auf diesem Platz schockweise unter den Salven der Erschießungspelotons."

Im Gegensatz zu vielen Historikern konnte Haffner schreiben. Ich denke, Elemente seines Stils sind u.a.: Eine Syntax, die sich vor Hauptsätzen nicht scheut, Detailaufnahmen, die das Geschehen lebendig werden lassen, Vorausdeutungen, die für Spannung sorgen und der Mut, lange Entwicklungslinien zu zeichnen. Z.B. beschreibt Haffner im Schlusskapitel seines Aufsatzes die Lehren, die Lenin aus der Geschichte der Kommune zog.

Dieser Aufsatz von Sebastian Haffner erschien anlässlich des hundertsten Jahrestags der Pariser Kommune 1971 in der Illustrierten "Stern" und wurde mindestens zweimal nachgedruckt: 1985 in einem Sammelband, der heute unter dem Titel "Historische Variationen" noch erhältlich ist, und 1996 im Band "Zwecklegenden - Die SPD und das Scheitern der Arbeiterbewegung", den 1996 Uwe Soukup herausgab.

Februar 1934: Aufstand in Österreich



















Ein kleiner, aber feiner Linolschnitt-Comic über ein in Deutschland weniger bekanntes Geschichtskapitel. 

11.04.16

Max Pechstein (1881-1955)

















An Pechsteins Gemälden gefallen mir die Farben. Seine Holzschnitte, Tuschezeichnungen und Aquarelle zeigen, dass er ein echter Allrounder war. Aber wahrscheinlich waren das alle großen Künstler.

Emmanuel Carrère: Das Reich Gottes

Nach den ersten hundert Seiten, auf denen der Autor, bzw. sein Ich-Erzähler, erklärt, warum er das Buch schreibt, wird es interessant und man lernt einiges: über Paulus und seinen Streit mit Petrus und Josephus, über Lukas und das Interesse der Römer und Griechen am Judentum, über die wunderlichen Worte und Taten von Jesus, über römische Schrifsteller (Seneca, Martial, Flavius Josephus) und Kaiser (Nero, Titus), über den jüdischen Aufstand und seine Folgen. Carrère gelingt es mit gewagten Vergleichen die Welt des 1. Jahrhunderts lebendig werden zu lassen. Ein aktueller französischen Autor, der seine Bücher, sofern die anderen diesem hier ähneln, recht interessant aufbaut. 

10.04.16

Heinz Strunk: Der Goldene Handschuh

Ein wirklich wortgewaltiger und deprimierender Roman. Man könnte über die Frage diskutieren, ob das Buch den Ausgestoßenen, Verwahrlosten und Verlierern ein Denkmal setzt und sich mit ihnen solidarisiert oder ob es sie als Material zur Demonstration von schriftstellerischem Können missbraucht.

Filme

The Hateful Eight (2015) Regie: Quentin Tarantino. Den Film hätte man insgesamt und besonders um einige Gewaltszenen kürzen können. Deutlich subtiler und mehr zur Diskussion anregend erzählt da ein anderer Hinstorienfilm von der Gewalt: a most violent year (2014) von Regisseur J. C. Chandor.

Der Staat gegen Fritz Bauer (2015) Regie: Lars Kraume, mit Burghart Klaußner als Fritz Bauer. Der Film porträtiert Fritz Bauer und zeigt sowohl das politische Klima der Gesellschaft in der BRD, als auch Möbel und Innenausstattung der 1950er- und 1960er-Jahre. Dass der Film auf platte Weise Bauers Homosexualität in den Mittelpunkt stellt, wie es in einer Kritik hieß, kann ich nicht bestätigen. Interessant ist, dass es inzwischen immerhin sieben Filme über Bauer gibt.


Carol (2015) Regie: Todd Haynes. Mit Cate Blanchett und Rooney Mara.
Weil er an Weihnachten lief und es im Film immer schneit, habe ich ihn leider als Weihnachtsfilm an der Grenze zum Kitsch in Erinnerung.

Dämonen und Wunder (Originaltitel: Dheepan) Regie: Jacques Audiard.
Mich wundert, dass ein Film mit einem so schlechten (nämlich guten) Ende die Goldene Palme (2015) gewinnen konnte.

Caravaggio (1986) Regie: Derek Jarman. Mit Tilda Swinton
Leider kann ich nicht sagen, warum mir dieser Film nicht gefallen hat.

Zwei Tage, eine Nacht (2014) Regie: Jean-Pierre und Luc Dardenne
 „Nach dem neuen Film der Dardenne-Brüder sieht man klarer, wie der Kapitalismus das Verhalten formt.“– Peter Körte: FAZ vom 25. Oktober 2014
Auf der Internetseite Trajectoires gibt es sogar einen Artikel von einem postmodern angehauchten Studenten, in dem er Christian Petzold mit den Dardenne-Brüdern vergleicht.

Krimis














Kriminalhauptkommissar Hanns von Meuffels (Matthias Brandt) und seine Kollegin Constanze Hermann (Barbara Auer) in der "Polizeiruf"-Folge "Kreise" (2015). Der erste Polizeiruf von Christian Petzold. Auf die beiden nächsten und seine Verfilmung von Anna Seghers "Transit" bin ich schon gespannt.



















Der sympathischste Polizist der jüngeren Fernsehgeschichte: Hannes Muck (Gerhard Liebmann) in: "Wenn du wüsstest, wie schön es hier ist" (2015) von Regisseur Andreas Prochaska.

02.02.16

Ein besonderer Tag















Regie: Ettore Sola, 1977
Mit Sophia Loren und Marcello Mastroianni in den Hauptrollen.
Während des ganzen Films, der fast nur in den Wohnungen der beiden Protagonisten spielt, hört man aus dem Off die Übertragung von Hitlers Staatsbesuch 1938 in Rom (weil die Hausmeisterin ihr Radio im Innenhof laut aufgedreht hat). Das nervt gewaltig. So entlarvt der Film die pompöse und martialische faschistische Propaganda.

11.01.16

Tag der Rache II

2016 sieht ein Film über Rache etwas anders aus als 1943: The Revenant von Alejandro G. Iñárritu mit Leonardo DiCaprio setzt neue Maßstäbe für Actionszenen im Westernfilm. Man fragt sich, wie es in Zukunft gelingen wird, für nochmehr Authentizität zu sorgen, noch dynamischer und noch näher am Handgemenge kann die Kamera ja nicht geführt werden. Seit Oldboy und A history of violence haben mich keine Kampfszenen so gefesselt. Die Landschaft und die Primitivität der Pioniere zeigten schon andere Western recht gut.

09.01.16

Tag der Rache





















Tag der Rache, Regie: Carl Theodor Dreyer, 1943
Zunächst erwartet man bei einem Film, der 1943 gedreht wurde und der von der Hexenverfolgung im 17. Jahrhundert erzählt, dass er die Verfolgung der Juden mit der der Hexen vergleicht. Es ist im Film aber nicht einfach so, dass unschuldige Frauen als Hexen verfolgt werden. Vielmehr wird Anne, die Frau des Pfarrers Absalon, nachdem sie Zeugin einer von ihrem Mann verantworteten Hexenverbrennung wurde, tatsächlich zu einer Hexe. Anne verliebt sich nämlich in Martin, den erwachsenen Sohn des Pfarrers. Martin erwidert ihre Liebe und sie finden sich. Anne wird bewußt, dass sie mit Pfarrer Absalon nicht glücklich war und wünscht, er wäre tot. Und der Tod ereilt ihn, als Anne ihm die Liebe zwischen ihr und Martin gesteht; damit ist die unschuldig hingerichtete alte Frau gerächt. Vor Gericht gibt Anne zu, Absalon mit Hilfe des Teufels umgebracht zu haben. Die Erzählhaltung des Films überschreitet den Denkhorizont der Zeitgenossen nicht. Dass aber der Teufel gar nicht im Spiel ist, dafür steht die Mutter des Pfarrers, die sich von Anne nicht bezaubern lässt. Sie ist immun gegen die Magie der Liebe.
Die Bilder sind inspiriert von Rembrandts Gemälden, wie Dreyer in einem Dokumentarfilm von Jorgen Roos verrät. Darin berichtet Dreyer, wie er seinen Stil, dessen Merkmal die Vereinfachung ist, entwickelte.

08.01.16

Das Lächeln der Alligatoren

Michael Wildenhain erzählt in seinem Roman Das Lächeln der Alligatoren von Politik (der 70er) und Geschichte (des NS). Beide Themen werden durch die Familiengeschichte des Ich-Erzählers und eine Liebesgeschichte zusammengehalten. So ist das Ganze eine unterhaltsame Lektüre.

Lee Morgan - Moanin` (1961)


Auf den Jazz-Trompeter Lee Morgan, der 1972 bei einem Auftritt in New York von seiner Ehefrau erschossen wurde, stieß ich durch den Krimi "Ein Bulle im Zug" von Franz Dobler. Nachdem ich von Dobler vor einigen Jahren "aufräumen" gelesen hatte, wusste ich, dass das Buch gut sein würde.

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